Posts Tagged ‘van Nistelrooy’

h1

Sympathisch erfolgreich

14. Juni 2008

Das Spiel war bereits vorbei, als die Niederlande zur nächsten Sympathieattacke ansetzte. Plötzlich hatte jeder Spieler im orangen Trikot und auch der schwarz tragende Torhüter Edwin van der Sar ein Kind auf dem Arm. Doch damit nicht genug. Dirk Kuyt, Torschütze des Führungstreffers gegen Frankreich, gab seinem Nachwuchs zunächst „eijn Küssje“ – was an sich schon ein rührendes Bild war, ist er doch ein eher ruppiger Angreifer in Diensten des Kampfklubs FC Liverpool. Doch im Anschluss daran kamen auch die anderen Spieler vorbei, um der Kleinen ihren Dank fürs Daumen drücken zu übermitteln. Das Ganze erinnerte nach dem Spiel eher an ein Eltern-Kind-Frühstück im Kindergarten, als an das Ende eines aufreibenden Europameisterschaft-Spiels.

Aber „Oranje“ hatte sich dieses idyllische Treffen vor der Haupttribüne verdient. Mit 4:1 hatte die Mannschaft vom ehemaligen Weltklasse-Stürmer Marco van Basten die französische „Equipe Tricolore“ vom Platz gezaubert und sich damit selbst den Stempel „Topfavorit“ aufgedrückt. Günter Netzer wollte das zwar noch nicht unterschreiben – was wegen der schwierigen Vergangenheit der Niederländer, die stets Highlightsspiele ablieferten und dann regelmäßig und spätestens im Halbfinale ausschieden, auch verständlich ist. Allerdings gibt es gravierende Unterschiede zwischen der alten holländischen Nationalmannschaft und der aktuellen.

Das fängt schon im Tor an. Edwin van der Sar scheint, obwohl schon langsam auf die 40 zugehend, noch einmal in eine Form gekommen zu sein, die ihm niemand mehr zugetraut hätte. Er strahlt eine Sicherheit aus, die sich nahtlos auf seine Kollegen in der Defensive überträgt. Dort spielt einer, der vor der EM eigentlich schon außen vor war: Oft wegen seiner rustikalen Spielweise als „Kannibale“ betitelt, zeigt Khalid Boulahrouz rechts in der Viererkette, dass ein Profi, der ein paar Jahre in der Premier League in England spielt, technisch einen Riesensprung hinlegt. Auch Michael Ballack profitiert davon. Boulahrouz aber ist deshalb eine Besonderheit, weil er ursprünglich im holländischen Team gar nicht vorgesehen war. Erst durch die Verletzung eines Stürmers, der von Ryan Babel, rutschte der Verteidiger noch in den EM-Kader und verdrängte in der kurzen Zeit vor der EM den Ajax-Profi Johnny Heitinga aus der Startelf.

Im offensiven Mittelfeld spielt die Niederlande ihren „totalen Fußball„. Ohne wirklich feste Positionen rotieren Rafael van der Vaart, Wesley Sneijder, Dirk Kuyt und Ruud van Nistelrooy über den Platz. Immer absichert, aber auch meist unterstützt von den Defensivspezialisten Engelaar und de Jong. Dadurch, dass diese Spieler immer in Bewegung sind (also das tut, was die deutsche Elf gegen Kroatien eigentlich vorhatte), sind die Holländer nicht nur wahnsinnig schwer zu verteidigen, sondern sie befinden sich im Mittelfeld auch meist in der Überzahl. Dazu kommt, dass van Nistelrooy bei Real Madrid täglich mit technisch hervorragenden Spielern zusammentrainiert, was man ihm genauso ansieht, wie eben Boulahrouz. Über die Fähigkeiten von van Nistelrooys Kollegen Sneijder und dem immer noch HSV-Spielmacher van der Vaart braucht man keine Worte mehr zu verlieren.

Doch fähige Einzelspieler hatte diese Nationalmannschaft ja schon immer. Kluivert, Makaay, Seedorf 2004, Davids und die DeBoer-Brüder 2000 oder Bergkamp 1998. Doch bei keinem dieser Turniere kam das Team ins Finale und jedesmal scheiterten die Holländer irgendwie an sich selbst. Das nannte sich dann „interne Querelen“ und sorgte dafür, dass niemand mehr Oranje ernst nahm – auch nicht vor diesem Turnier. Mittlerweile muss man diese Mannschaft beachten, dafür hat sie selbst gesorgt. Doch nicht nur der Zauberfußball gegen Italien oder Frankreich lässt aufhorchen, sondern vor allem der Zusammenhalt in der Mannschaft.

Trainer Marco van Basten scheint es geschafft zu haben, diese phantastischen Einzelspieler zu einer Einheit zu formen, den an sich egoistischen holländischen Fußballer zu einem Mannschaftssportler zu machen. Wie oft wurde nach großen Turnieren von deutschen Teams dieser Mannschaftsgeist beschworen und als Basis des Erfolges bezeichnet. Das sorgte immer für Sympathie, weil man das Gefühl bekam, dass da elf Freunde auf dem Platz standen, die von weiteren Kumpels auf der Bank nach vorne gebrüllt wurden. Und genau aus diesem Grund kann ich meine Abneigung den Holländern gegenüber, die durch die Spuck-Attacke von Frank Rijkaard gegen Rudi Völler 1990 ausgelöst wurde, bei dieser EM nicht aufrecht erhalten. Oranje ist mir sympathisch. Und darf deshalb auch Europameister werden. Natürlich nur, wenn sie nicht im Finale gegen Deutschland gewinnen.

Werbeanzeigen
h1

Respekt, Herr Simon

9. Juni 2008

Ok, ich kanns nicht lassen…

Aber das 1:0 der Niederländer durch Ruud van Nistelrooy brachte mich und meine Regelkenntnis zu sehr  durcheinander, als dass ich meine Hände ruhig neben der Tastatur liegen lassen könnte. Ich war nämlich der Meinung, dass der italienische Spieler, der beim Tor außerhalb des Feldes lag, nicht als für die Regel zählender Spieler gälte. Denn mir war aus der Jugend nur die Regel bekannt, dass sich ein angreifender Spieler – um einer Abseitsstellung zu entgehen – sehr wohl hinter die Torauslinie stellen könnte, wenn er sich im Anschluss vor dem Betreten des Feldes beim Schiedsrichter anmeldet. 

Dieser Fall von eben war mir allerdings neu. Gab es das überhaupt schon mal? Denn laut FIFA-Regel, die ich in der Formulierung allerdings nur bei Wikipedia und nicht im Original gefunden habe, lautet:

Wenn Spieler der verteidigenden Mannschaft sich außerhalb des Spielfelds stellen, um damit gegnerische Spieler in eine Abseitsposition zu bringen, so darf der Schiedsrichter nicht auf Abseits entscheiden, da die Spieler dann so gewertet werden, als würden sie auf der Torlinie stehen.

Merke: ARD-Kommentator Steffen Simon hatte Recht, als er verbal auf reguläres Tor entschied. Dafür hat er meinen Respekt, denn ich hätte das, wie gesagt, nicht sofort gewusst. (Als kleine Ehrenrettung: Die andere Regel, an die ich mich erinnerte, gibt es auch noch…)

Edit:

„Ich muss gestehen, dass mir diese Regel völlig neu ist. Da hätte ich alles drauf gewettet, dass das ein irreguläres Tor ist.“

Danke Herr Netzer…

Edit 2: So, JETZT hat der Herr Simon es aber falsch gemacht. In der 75. Minute plädiert er ganz klar für kein Abseits, obwohl van Persie (der im Abseits stand) mit seiner Aktion (den Ball durch die Beine laufen zu lassen und damit van der Vaart freizuspielen) die italienische Abwehr ganz klar irritiert. Jetzt ist aber gut mit Regelkunde. 

Ich mag die Niederländer zwar nicht, aber wie die Italiener gerade verhauen werden, das guckt man sich doch gerne an.

Letzter Edit: Hab mir die Szene noch mal angeguckt. Kann man auch laufen lassen 😉