Posts Tagged ‘Torhüter’

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Tim Wiese – ein Proll wird erwachsen

26. März 2009

Es war ein Donnerstag, der den Lebenslauf von Tim Wiese um eine nicht ganz unbedeutende Kategorie erweiterte. Dort stand bisher lediglich „Bundesligatorhüter“. Am 14. August 2008 kam „Nationalspieler“ hinzu. Rene Adler, damals die Nummer Zwei hinter Robert Enke, zog sich im Training eine Verletzung zu, Bundestrainer Löw hatte plötzlich einen Torwart zu wenig. Wiese war fit. Und stand bereit.

Nach dem mehr oder weniger freiwilligen Rücktritt von Jens Lehmann nach der EM 2008 waren Enke und Adler zur Nummer Eins bzw. Nummer Zwei aufgerutscht. Ein eindeutiges Bekenntnis zu dieser Rangfolge fehlte – und fehlt bis heute. Das Volk gab damals in mehreren Medien seine eindeutige Meinung ab. Adler, und nicht Enke, sollte die Nachfolge von Jens Lehmann antreten, was verständlich war nach den Leistungen des Leipzigers in Diensten von Bayer Leverkusen in jener Zeit. Doch wie für jeden Torhüter irgendwann, kam auch für Adler eine Zeit, in der er sich am liebsten aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hätte. Der 24-Jährige machte Fehler, auf dem Platz wohlgemerkt, nicht daneben. Das war immer eher das Metier von Tim Wiese. Mehrfach hatte er nach Nominierungen, bei denen er mal wieder übergangen worden war, trotzig seinen Unmut in jede Kamera und jeden Journalistenblock geäußert, die ihm unter die Nase gehalten wurden. Das hat seinem Ansehen bei Joachim Löw natürlich nicht geholfen, der hatte mit Gegentrotz reagiert und Wiese weiter ignoriert. Bis zum 14. August 2008.

Wiese nach seiner der Nominierung: „Jetzt habe ich den Fuß in die Tür bekommen.“

Und er ließ ihn drin. Mit souveränen Auftritten in der Bundesliga und vor allem souveränem Auftreten bei der Nationalmannschaft. Wenn man Wiese dort sieht, ist er manchmal nicht wiederzuerkennen. Ruhig, besonnen, fast unauffällig verrichtet er seine Arbeit – und zwar herausragend. Das hat nicht nur mit den elf Kilogramm zu tun, die er nach und nach nicht nur an Muskelmasse abbaute, sondern auch mit einer neuen Mentalität. Flapsig könnte man sagen, dass Wiese nun weiß, wie der Hase läuft. Formal, dass Wiese erwachsen geworden ist. Das hat gedauert, der Mann ist bereits 27, aber bei Torhütern dauert es eben manchmal ein bisschen länger. Vor allem bei solchen, die den Großteil ihrer Jugend auf dem Trainingsplatz oder im Kraftraum verbracht haben. Doch vielleicht hat es genau rechtzeitig „klick“ gemacht.

Denn in einer Zeit, in der Deutschlands Torhüter „nicht weltklasse“ sind, ist Wiese einer der besseren und könnte die unerwartete, aber richtige Antwort auf die in Deutschland derzeit diskutierte T-Frage sein. Adler, Neuer und vielleicht auch Rensing mögen große Talente sein, Enke ein solider Bundesligatorwart, doch allein Wiese kann von sich behaupten, regelmäßig auf hohem Niveau Spielpraxis gesammelt zu haben und dadurch gewachsen zu sein. Er hat in der Champions League und Uefa-Cup gehalten, dort in den von Fußballern begehrtesten Arenen der Welt denkwürdige Spiele gemacht: in Barcelona, Madrid, Rom, Mailand, Glasgow und, ja, auch in Turin. Es ist der Part im Fußballer-Leben von Tim Wiese, dessen Bilder er wohl am ehesten ausradieren würde aus seiner Karriere, wenn er denn könnte…

Der bitterste Moment im Leben eines Torhüters ist der direkt nach einem Fehler. Weil dann zahlreiche Spieler auf einen zukommen, um einem Mut zuzusprechen, als wäre alles halb so schlimm. Doch schlimmer als in einer KO-Runde kurz vor Schluss und gegen eine italienische Mannschaft einen Fehler zu machen, ist eigentlich nur Mitte der zweiten Halbzeit in einem WM-Finale gegen Brasilien einen Fehler zu machen. Wiese hat seinen „Kahn“ schon hinter sich und sich davon nicht unterkriegen lassen. Im Gegenteil. Er hat nicht nur auf der Linie die Qualität, sondern auch in Sachen Strafraumbeherrschung und Spielaufbau zu seinen Kollegen Lehmann (Strafraumbeherrschung) und Adler (Spielaufbau) aufgeschlossen. Dass Manuel Neuer in Topform im Spiel nach vorne eine Klasse für sich ist, erstens aber nicht in Topform ist und sich zweitens gerade einen Patzer in einem Bereich erlaubt hat, in dem man ihn eigentlich für stabil hielt, ist klar. Dass es bei Robert Enke schwerfällt, eine andere Stärke als seine altersbedingte Erfahrung aufzuzählen, spricht für sich.

Die Entscheidung, wer bei der WM 2010 in Südafrika im Tor steht, fällt zwischen Rene Adler und Tim Wiese. Wieses Vorteil ist nicht nur seine internationale Erfahrung, sondern auch, dass mit ihm niemand wirklich rechnet. Es kann gut sein, dass sich einige Journalisten noch wundern werden. Tim Wiese arbeitet daran, neben „Bundesligatorhüter“ und „Nationalspieler“ auch „(aktiver) Weltmeisterschaftsteilnehmer“ in seinen Lebenslauf schreiben zu dürfen. Ich meine, seine Chancen stehen besser denn je.

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Achja, und bitte nicht vergessen euch meinen ersten komplett selbst erstellten, getexteten und gesprochenen Beitrag bei KickerTV anzuschauen. Thema: Hertha BSC: >KLICK<

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Der Robo-Kahn

7. Mai 2008

Noch drei Spiele, dann ist die große Spielerkarriere von Oliver Kahn vorbei. Michael Rensing kann ihn nicht soll ihn ersetzen und dafür sorgen, dass die Bayern-Abwehr sich auch mal den einen oder anderen Schnitzer erlauben darf. Dieses Gefühl hatte man ja zu Kahns besten Zeiten. Als hätte er sich mit seinen Vorderleuten abgesprochen, dass die die Gegner pro Spiel ruhig zwei, drei mal durchkommen lassen könnten, damit Kahn „im Training bleibt“. Resultat waren unmenschliche Paraden und die Krönung zum „Titan“. Unumstößlich und ohne Fehler. Dann kam das WM-Finale 2002 und von da an ging es mit leichten Schwankungen stetig bergab.

„Goalias“ wäre das nicht passiert. Die Maschine kennt keine Leistungsschwankungen. Keine Fehler. „Goalias“ ist der perfekte Torhüter. Ein Beispiel?

Noch eins?

Ok, als Ersatz für Michael Rensing wird er noch nicht in Frage kommen. Dafür müsste er auch mal einen Ball festhalten (sonst wäre „Goalias“ beim WM-Finale 2002 genau so zum tragischen Helden geworden, wie Kahn) oder Flanken abfangen können. Aber die meisten Maschinen kommen ja ohnehin erst in der 2.0 oder 4.1.-Version an ihr Leistungsmaximum. Gut möglich also, dass Jürgen Klinsmann, der neue Bayern-Coach, demnächst mal bei den Jungs aus Stuttgart zu Transfergesprächen vorbeikommt. Er ist ja bekannt für ungewöhnliche Maßnahmen…

Mehr zu „Goalias“ auf der eigens dafür eingerichteten Website des Instituts für Automatisierungs- und Softwaretechnik der Universität Stuttgart.

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T-Frage

6. März 2008

Bevor es morgen zum Spiel zweier eher mit begrenztem Talent ausgestatteter Torhüter geht, kurz ein Update in der für die Nationalmannschaft eminent wichtigen T-Frage: Wer fährt als dritter Torwart zur EM?

Manuel Neuer: Sensationelle (und in diesem Fall ist dieses Adjektiv mehr als angebracht) Paraden bringen Schalke in Porto eine Runde weiter. Neuer legt die Latte, an der er in Zukunft gemessen werden wird, verdammt hoch. Verdient hätte er die EM-Nominierung allemal.

René Adler: Solide Partie in der bundesligainternen Uefa-Cup-Partie gegen den HSV (hatte irgendwie was Surreales), musste nicht groß eingreifen, machte einen sicheren Eindruck. Adler momentan knapp hinter dem Schalker.

Frank Rost: Ein Patzer bei einer Flanke, den Chancentod Gekas (natürlich) nicht zum 1:0 nutzte. Wenige später traf der Grieche dann doch, was Rost eigentlich nochmehr ärgern muss, als die Tatsache, dass er bei diesem Treffer einen ziemlich lustlosen Eindruck machte. Nur noch Platz 3 hinter den jungen Wilden.

Robert Enke: Hat nicht gespielt, aber nur nett sein reicht eben nicht. Außer Berti Vogts wäre Nationaltrainer. Ist er aber nicht. Pech für Enke.

Tim Wiese: Steht eigentlich ja gar nicht auf Jogis Liste, wäre nach dem heutigen Spiel in Glasgow, wenn man den Worten von dogfood glaubt (übertragen wurde es ja nicht), aber ohnehin mit einem dicken fetten roten Strich versehen worden. Und zwar nicht unter, sondern auf seinem Namen. Schade, vor allem für Werder.

Jens Lehmann: Kraulte sich auf der Arsenal-Bank die Eier den regelmäßig gestutzten Bart. Vielleicht sollte er sich so einen wie Almunia zulegen. Oder sich seine Schusstechnik abgucken… (Merke: Knapp vorbei, is eben auch daneben!).

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Er kann auch mal einen halten…

26. September 2007

Was macht eigentlich einen guten Torwart aus? Klar, er sollte ein souveränes Auftreten haben, seiner Mannschaft Sicherheit geben und – natürlich – auch mal einen Ball halten. Oliver Kahn hat letzteres zur Perfektion gebracht und auch die anderen Dinge, in besten Zeiten, beherrscht. Jens Lehmann tritt meist souverän auf, hält auch sehr gut, aber ob sich die Arsenal-Abwehr bei ihm immer sicher fühlt?

Es gibt Torhüter, da hält man als Fan automatisch die Luft an, wenn ein Rückpass in Richtung eigenes Tor gespielt wird. Das war spaßig, als bei Hertha zum Beispiel noch Gabor Kiraly im Tor stand, weil man immer etwas Besonderes erwartet hat. Bei Christian Fiedler spielte – Schande über mich – manchmal der Wunsch mit, er möchte doch einen Fehler machen, damit sich sein Kollege mal versuchen kann (egal, ob der nun Tremmel oder Ellegaard hieß). Fiedler machte selten Fehler und wäre er statt 1,80m sagen wir 1,87m und wäre bei Ecken und Freistößen auch mal aus seinem Tor gekommen, wir hätten gute Freunde werden können.

Er tat das aber nicht und deshalb war ich froh, als Hertha Anfang dieser Saison mit Jaroslav Drobny einen 1,92-Hühnen verpflichtet hat. Der würde die Flanken schon wegfischen und auf der Linie, das hat Drobny in dem halben Jahr in Bochum bewiesen, ist er auch kein schlechter. Ersteres bewies er schon in den Vorbereitungsspielen, als Hertha noch keinen Lima, keinen Grahn und keinen von Bergen eingekauft hatte. Da wirkte Herthas Abwehr oft hilflos und vor allem: körperlich unterlegen. Drobny ragte heraus und holte sich die hohen Bälle, die in seinen Strafraum flogen. Es folgte der Saisonstart in Unterhaching. Die erste DFB-Pokalrunde überstand Hertha dank eines überragenden Drobny, der damit bewies, dass er auch die zweite Eigenschaft, die ich von ihm erwartete, beherrscht. Er hielt nicht nur einen Elfmeter, sondern auch sonst alles, was in Richtung seines Tores flog.

Mittlerweile sind sieben Spieltage vorbei und ich beginne mich zu fragen, ob der Tscheche im Hertha-Tor entweder sein ganzes Können in Unterhaching vergessen hat oder schlichtweg eine Sternstunde hatte, die sich jetzt partout nicht wiederholen will. Denn wenn man sich die ersten sieben Spiele anschaut, in denen Hertha nicht einmal zu Null spielen konnte, dann kommt man schon ins Grübeln. Jeder, und wer sich die Spiele noch einmal ansehen will, kann dies für kleines Geld (Werbung muss sein) bei Hertha-TV tun, jeder, der sich die Gegentore noch einmal anschaut wird eine Deckungsgleichheit bemerken. Einen Jaroslav Drobny der einen Schritt zum Ball macht, dann hinter ihm herschaut und ihn anschließend aus dem Netz holt.

Natürlich war er nicht an allen Toren schuld, keinesfalls. Aber und dieser Satz gehört zu den Phrasen, die jeder Fan beherrscht: Ein Torwart kann auch mal einen Ball halten. Drobny hat das für Hertha in der Bundesliga bisher noch nicht getan.