Posts Tagged ‘Simunic’

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Die Kabinenpredigt-Einzelkritik: Die Defensive

25. Mai 2009

Die Saison ist vorbei. Hertha am Ende auf einem enttäuschenden starken vierten Platz gelandet. Nun ist es Zeit abzurechnen. Die Kabinenpredigt nimmt sich in zwei Teilen – mal schmunzelnd, mal anprangernd, mal bierernst – jeden einzelnen Spieler vor. Teil Eins beginnt mit der Hertha-Defensive, von den Torhütern, über die Abwehrspieler, bis zum einzigen Mittelfeldspieler ohne Offensiv-Aufgaben.

Die Torhüter

Jaroslav Drobny: „Der hält nie Unhaltbare“ stand in der Bewertung seines ersten Jahres im Hertha-Trikot. „Jesus im Tor“ steht dieses Jahr drin. Nun ist nicht bekannt, wie gut der Sohn Gottes auf der Linie oder in Sachen Strafraumbeherrschung war, doch wer übers Wasser geht, selbiges zu Wein machen und Kranke heilen kann, der wird seine Sache auch im Tor übermenschlich machen. Oder so wie Drobny eben. Kicker-Notenschnitt 2,92 (4. Torwart hinter Enke, Benaglio und Neuer, 10. gesamt). Außerdem in der Spox-Elf der Saison.

Christopher Gäng: Es gibt halt so Momente im Leben eines Torwarts, die entscheiden darüber, ob eine Karriere beginnt oder schon im Ansatz beendet ist. Christopher Gäng hätte sich vielleicht vorher bei Manuel Neuer oder Rene Adler erkundigen sollen, wie man solch eine Situation am Besten meistert. Beide hatten es – das muss man fairerweise sagen – aber auch nicht mit der Torfabrik aus Bremen zu tun (Neuer debütierte gegen Aachen, Adler gegen Schalke, beide zu Null). Gäng jedenfalls bekam die Bude voll, als er das eine Mal aushelfen durfte. Anschließend durfte Jesus wieder ins Tor. Ist aber auch ein übermächtiger Gegner. Kicker-Notenschnitt 5,00 (Rang nicht der Rede wert).

Christian Fiedler: Es sollte nicht sein. Der Mann, der seit gefühlten 50 Jahren bei Hertha BSC spielt (in Wahrheit sind es fast 20), bekam nicht mehr die Möglichkeit nach seinem Kreuzbandriss noch einmal zwischen den Pfosten zu stehen. Obwohl, wenn man ehrlich ist, stand Fiedler meist hinter den Pfosten, um dann spektakulär dem Ball hinterherzufliegen. Aber schmutzige Wäsche soll hier nicht gewaschen werden (das macht mittlerweile der ehemalige Kollege Hendrik Herzog). Fiedler lässt in Zukunft fliegen und wird Torwarttrainer. Danke für Alles, Fiedel! Kein Kicker-Notenschnitt.

Die Abwehr

Marc Stein: Eigentlich dachte man ja, dass Arne Friedrich seit der WM 2006 als langweiligster Außenverteidiger in die Geschichte von Hertha BSCs und Deutschlands eingehen würde. Da wusste man aber noch nicht, dass Marc Stein irgendwann einmal den Sprung zurück nach Berlin schaffen würde. Zurück? Ja, denn Stein durchlief die Jugendabteilungen des BFC Dynamo und Tennis Borussia Berlin, bevor er sich über Hansa Rostock für Hertha empfahl. Stein verrichtet Dienst nach Vorschrift, nicht mehr und nicht weniger. Seine Flanken sind nur deshalb nicht schlechter als die von Sebastian Boenisch, weil man ihn noch nie eine in die Mitte hat schlagen sehen. Um dieses als Verriss getarnte Kompliment zu verstehen, muss man einen Blick auf sein Geburtsjahr werfen: 1985. 33 Saisonspiele sprechen für ihn. Kicker-Notenschnitt: 4,0.

Sofian Chahed: Als sich der Rechtsverteidiger kurz vor der Winterpause eine Adduktorenverletzung zuzog, atemten einige Fans in der Kurve kollektiv auf. Das war nicht bösartig gemeint, aber der negative Gefahrenfaktor den Chahed regelmäßig ausstrahlte, kostete so viele Nerven, dass in der Ostkurve bereits eine Notambulanz eingerichtet werden sollte. Die war danach dann hinfällig. Wurde im Anschluss lange Zeit vom etatmäßigen Rechtsverteidiger Marc Stein vertreten, bis Lucien Favre auffiel, dass der lieber von links keine Flanken schlägt. Steve von Bergen machte seine Sache aber auch nicht besser, sodass es der Trainer am Ende sogar mit einem Stürmer (Piszczek) versuchte. Zur neuen Saison ist Chahed wieder fit, die Frage ist nur, ob er dann noch bei Hertha spielen darf. Sein Vertrag läuft aus, ob er verlängert wird, hängt davon ab, ob Chahed auch weiterhin für das TeamU18 zur Verfügung steht. Kicker-Notenschnitt 3,82 (bei 15 absoliverten Spielen).

Steve von Bergen: Es war der letzte Spieltag der Saison 2007/2008 als der Schweizer Verteidiger sein „Bremen“ (siehe: Christopher Gäng) erlebte. Hertha spielte in München, wo zufälligerweise der neue Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld seinen Ausstand gab. von Bergen spielte so, als hätte er am Abend zuvor mit Hitzfeld im P1 vorgefeiert und wurde folgerichtig nicht für die anschließende EM nominiert. Seitdem spielt er, wie ein Schweizer Fußballer spielt, der zu schlecht für die Schweizer Nationalmannschaft ist. Durfte trotzdem in den beiden wichtigsten Spielen der Saison gegen Schalke und Karlsruhe für Arne Friedrich spielen. Fand der Kapitän gar nicht lustig. Kicker-Notenschnitt 3,67.

Arne Friedrich: Spielte vielleicht seine beste Saison im Hertha-Trikot. Blöd. dass Vorschusslorbeeren – selbst wenn sie gerade einmal zwei Wochen her sind – Trainer Favre noch nie interessiert haben (siehe Marko Pantelic, Andrey Voronin). Wurde dementsprechend in den letzten beiden Spielen trotz Fitness-Bekenntnis ignoriert und weigert sich nun, in der nächsten Saison in der Europa League zu spielen. Schließlich war die Mannschaft mit ihm noch auf einem Champions-League-Platz positioniert. Eine entsprechende Vertragsklausel war bereits in Arbeit, dann bot Manager-Fuchs Hoeneß Friedrich an, seinen Namen bei einem eventuell blamablen Abschneiden in der nächsten Saison aus den Archiven zu löschen. Da war der Kapitän besänftigt. Kicker-Notenschnitt 3,09 (25. gesamt)

Kaka: Einskommafünfmillioneneuro (je nach Quelle mal mehr, mal weniger) hat der brasilianische Verteidiger mit dem dank seines in Mailand spielenden Landmannes stark positive Assoziationen hervorrufenden Namen gekostet. Damit hat Hertha pro Spiel 125.000 Euro bezahlt, denn über 12 Saisonspiele und demzufolge die Reservistenrolle kam Kaka nie hinaus. Die exakt 12 grauen Haare, die Joe Simunic in dieser Saison gewachsen sind, haben damit allerdings angeblich nichts zu tun. Kicker-Notenschnitt 3,90.

Josip Simunic: Der Kroate glaubte wohl am Stärksten an den ersten Meistertitel seit 1931. Anders ist sein Ausruf, von den letzten zwölf Spielen acht zu gewinnen, nicht zu erklären. Umso enttäuschter war er wohl nach dem 0:0 gegen Schalke, dem ein lustloses Zweikampfverhalten bei der Ecke zum 2:0 der Karlsruher folgte. Platz Drei interessierte ihn nicht. Die Schale war sein Ziel. Er wollte die Hertha-Geschichte mit seinem Namen prägen. Weil Simunic vielleicht der einzige Herthaner ist, der in jeder Mannschaft der Welt Stammspieler wäre, kann er dem Verein jetzt eigentlich nur noch helfen, in dem er sich einen Verein sucht, der bereit ist, die festgeschrieben Ablöse von sieben Millionen Euro zu bezahlen. Nach dieser Saison sollte sich da eigentlich jemand finden. Kicker-Notenschnitt 2,88 (gesamt 6., zusammen mit Lahm bester Verteidiger, bester Innenverteidiger). Außerdem in der Spox-Elf der Saison. Und der Sportal-Elf der Saison.

Rodnei: Der Brasilianer an sich träumt davon, irgendwann einmal in Europa zu spielen. Spanien, England, Italien, Frankreich oder Deutschland, mittlerweile auch Russland oder die Ukraine. Der 20jährige Rodnei hingegen wechselte nach Vilnius in Litauen. Und dann nach Bialystok in Polen. Welcher der Hertha-Scouts ihn auch immer dort entdeckt hat, der heute 23-Jährige hat sich hoffentlich mehr als einmal dafür bedankt. Als Rodnei als Leihgabe in Berlin vorgestellt wurde, belächelt man Hertha, Hoeneß und Favre. Das Lächeln erstarb, als Rodnei plötzlich die linke Verteidigerposition gegen den FC Bayern einnahm und sowohl die Ballan-, als auch die Mitnahme, sowie mehr als Grundkenntnisse im Zweikampf beherrschte. Wurde für neun Spiele mit einem Zweijahresvertrag für seine Effizienz (siehe Kaka) belohnt. Kicker-Notenschnitt 4,00.

Leandro Cufre: Cufre, Cufre…da war doch was? Genau, der argentinische Nationalspieler trat nach dem verlorenen WM-Viertelfinale gegen Deutschland die Weichteile von Tim Borowski zu Matsch (der dann trotz Oliver Kahns Parole nach München wechselte). Nicht dafür, sondern wegen Passfälschung wurde ihm im Januar 2009 zunächst die italienische Staatsbürgerschaft und im Anschluss die Spielgenehmigung für die französische Ligue 1 entzogen. Damit war er für seinen Verein, den AS Monaco, keinen Casino-Chip mehr wert und als eine gewisse Hertha aus Berlin – ja als Resozialisierungshochburg bekannt – Interesse anmeldete, gab man ihn schnell dorthin ab. Warum soviel Vorgeschichte? Im Hertha-Trikot blieb er so unauffällig, als wollte er den deutschen Zoll nicht auch noch auf sich aufmerksam machen. Kicker-Notenschnitt 4,75 (in fünf Spielen).

Shervin Radjabali-Fardi: Gehört zu der jungen Garde, die vor Beginn der Bundesligasaison in mehreren Freundschaftsspielen, sowie in der Uefa-Cup-Qualifikation zeigen durfte, dass mit ihnen zu rechnen ist. Hatte merkwürdigerweise gegen Mark Stein auf links keine Chance. Sollte sich deshalb mal hinterfragen. Kein Kicker-Notenschnitt.

Das Mittelfeld – ohne Offensivaufgaben

Pal Dardai: Der einzige Mittelfeldspieler, der aus technischen Gründen von jeglichen Offensiv-Aufgaben entbunden ist. Machte den eingesprungenen Grätsch-Pass zur Legende, weil er sich weigerte, einen Pass zu spielen, ohne danach am Boden zu liegen. Sein Argument er stehe danach so schnell wieder auf, wie niemand anderes, bestätigt er jedes Jahr aufs Neue, wenn er vor der Saison aufgrund starker Konkurrenz abgeschrieben wird und dann doch wieder Stammspieler ist. Das wird er wohl auch 2009/2010 wieder beweisen. Kicker-Notenschnitt 3,40.

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Eine gute Niederlage

22. März 2009

Der Wetterumschwung kam unerwartet. Am Samstagvormittag lachte über Hamburg noch die Sonne, nur ein leichter Wind sorgte dafür, dass sich viele beim Alsterspaziergang zum Pulli auch noch eine Jacke überwarfen. Dann begann die Bundesliga, doch weder Himmel noch Temperaturen veränderten sich. Als die Spiele wenig später allerdings zuende waren, bließ plötzlich ein kalter Wind durch die Stadt. Über St. Pauli hinweg, bis hoch nach Eimsbüttel und auch um das Stadion des Hamburger SV. Es war kein normaler Windzug, der da durch Hamburg zog. Es war einer, der in ganz Deutschland zu spüren war, zur gleichen Zeit, mit der gleichen Windstärke, der gleichen Dauer. Es war: Das Aufatmen der Liga.

Ja, Hertha BSC ist schlagbar, die kochen auch nur mit Wasser die Berliner, die werden jetzt doch nicht Meister, HA HA!!! Deutschlandweit klopfen sich Experten auf die Schulter, beweihräuchern sich damit, doch Recht gehabt zu haben: Diese Hertha darf und wird nicht Meister werden. Dann können wir uns jetzt endlich auf den Titelkampf derer konzentrieren, die es qua Tradition verdient haben: Bayern und der HSV. Hoffenheim? Abgeschrieben. Wolfsburg? Mit Außenseiterchancen. Aber Hertha? Never, ever. Premiere-Kommentator Wolff Fuß ging sogar soweit, den Berlinern zu gratulieren, weil sie gut daran getan hätten, sich NICHT auf dem Berliner Rathaus-Balkon fotografieren zu lassen. Komisch, dass das – obwohl er es bestimmt nicht so meinte – hämisch klang, als HÄTTEN sie es getan.

Was ist passiert? Hertha hat ein Spiel verloren, gegen den VfB Stuttgart, 0:2. Ein Ergebnis das die Chancenlosigkeit der Herthaner ja quasi suggeriert. Man konnte richtig sehen, wie den Experten ein Stein vom Herzen fiel, als Stuttgart in Führung ging und nicht wieder dieser langhaarige Ukrainer irgendein Körperteil in den Ball werfen konnte, um Hertha zu einem weiteren Sieg mit einem Tor Unterschied zu verhelfen. Nein, der VfB hat stellvertretend für die ganze Liga gezeigt wie es geht. Zielstrebig nach vorne spielen, Hertha beschäftigen und dann die Chancen auch einfach mal nutzen, die sich bieten. So einfach ist das. Doch halt. Ganz so einfach war es dann nämlich doch nicht.

Nachdem mit der Verletzung Arne Friedrichs Herthas Herzstück – die Innenverteidigung – auseinandergerissen war, stand der Sieger für viele eigentlich schon fest. Doch Ersatzmann Kaka machte seine Sache defensiv sehr ordentlich und zum Teil sogar abgeklärter als der deutsche Nationalspieler zuvor. Kakas großes Problem ist das Spiel nach vorne, der Pass in die Spitze bzw. ins Mittelfeld. Allein in der ersten Halbzeit wechselte dadurch zweimal der Ballbesitz, als sich fast die gesamte Berliner Mannschaft in der Stuttgarter Hälfte befand. So kann man sich keine Chancen erspielen.

Doch das viel größere Problem an diesem Samstag war Joe Simunic. Ob der Kroate in der Kabine erfahren hatte, dass sein Abwehr-Kumpane Friedrich zwei Wochen ausfallen würde und war er deshalb deprimiert? Oder hatte er einfach vergessen, ein isotonisches Getränk zu sich zu nehmen? Jedenfalls verschlief Simunic die ersten sechs Minuten der zweiten Halbzeit komplett, was die Stuttgarter in Hertha-Manier – eiskalt – zu zwei Toren nutzten. Die Experten waren sich einig: Das war es, das Spiel ist entschieden. Nach vorne kann Hertha ja nicht. Lucien Favre reagierte, hatte allerdings nicht mehr allzuviele Möglichkeiten, da er durch die Auswechslung von Friedrich und die Herausnahme des mittlerweile nicht mehr tragbaren, weil erneuten Totalausfalls Marko Babic nur noch einmal wechseln konnte. Der Schweizer brachte Marko Pantelic, den er in den letzten Wochen allerdings derartig demontiert hatte, dass sich einige Stuttgarter Fans bei der Einwechslung des Serben fragten, wer das denn überhaupt sei, der da jetzt aufs Feld komme.

Schiedsrichter Kinhöfer hatte den Namen von Herthas ehemaliger Torgarantie allerdings nicht vergessen – und auch nicht seinen Sinn für Theatralik. Denn sonst hätte er zwei Minuten später wohl auf Elfmeter entschieden und keine Schwalbe des 30-Jährigen vermutet. Doch weil sein Ruf Pantelic vorausgeeilt war, gab es nur Abstoß. Eine – wie die Fernsehbilder zeigten – krasse Fehlentscheidung. Als es Pantelic sechs Minuten vor dem Ende auch noch fertig brachte, den Ball aus fünf Metern gegen das Bein von Stuttgarts Torwart Jens Lehmann zu schießen, fragte sich wohl auch Lucien Favre, wer das denn eigentlich sei, den er da aufs Feld geschickt hatte. Pantelic hatte sich im Abseits gewähnt – auch Kommentator Wolff Fuß sah das noch nach zwei Zeitlupen so. Schiri Kinhöfer jedoch weigerte sich einfach zu pfeifen. Die letzte Chance war vertan.

So unterlag Hertha am Ende verdient, und doch irgendwie unglücklich. So pflegen sie ja sonst eigentlich ihre Spiele zu gewinnen. Und genau aus diesem Grund ist diese Niederlage auch nicht dramatisch, ja vielleicht sogar zum richtigsten aller Zeitpunkte erfolgt. Denn:

  • Friedrichs Verletzung wird sich – so Gott in Person von Doktor Schleicher will – nicht auf den Ligabetrieb auswirken, da jetzt erstmal Länderspielpause ist.
  • Die Mannschaft hätte sich nach einem erneuten Sieg volle zwei Wochen anhören dürfen, wie toll sie ist, warum Hertha jetzt auf jeden Fall Meister wird und doch jetzt aber wirklich mal Fotos auf dem Rathaus-Balkon machen muss. Durch die Niederlage ist sie erst einmal raus aus dem Fokus der Öffentlichkeit, alles erwartet nun, dass sie durchgereicht wird. Hertha ist zwar immer noch Erster, gefühlt aber nicht mehr der Gejagte, sondern nur noch jemand, der bald ohnehin eingeholt wird.
  • Durch die Niederlage wurde der Mannschaft noch einmal gezeigt, dass das, was in den letzten Wochen über sie gekommen ist (Euphorie in der Stadt, Medienbeachtung) nur eine Momentaufnahme war. Um es längerfristig zu erhalten, muss sie nicht nur sagen, dass sie hart arbeitet, sondern es auch tun. Und genau das werden sie in den vollen zwei Wochen Länderspielpause tun.
  • Die Medien kommen jetzt – hoffentlich – ein bisschen zu Ruhe und berichten stattdessen über die Drittliga-Tabellenführung von Union, die Tatsache, dass der HSV jetzt aber doch bitte Meister werden muss oder über die Frage, wer denn eigentlich dieser Spieler ist, denn Favre da in Stuttgart eine halbe Stunde vor Spielende auf den Platz geschickt hat.

Denn, sind wir mal ehrlich, es war ja nicht nur die Chance die Pantelic vergeben hat. Man merkte ihm in jeder Situation an, dass ihm genau das fehlt, was ihn früher immer stark gemacht hat: Sehr viel Selbstvertrauen. Wenn er früher einen Haken gemacht und dann aufs Tor geschossen hat, versucht er nun, den freien Mann zu sehen. Das Problem: Es dauert zu lange. Wenn Pantelic ihn sieht, mit sich selbst ausgemacht hat, dass er jetzt tatsächlich abspielt und das dann motorisch umzusetzen versucht, ist der freie Mann gedeckt. Das war nicht nur in Stuttgart, sondern auch schon in Cottbus so. So hilft er der Mannschaft – so leid es mir tut – nicht weiter.

Nach dieser Niederlage ist es das Wichtigste, jetzt nicht ins Grübeln zu kommen oder an der Mannschaft zu zweifeln. Nicht alles über den Haufen zu werfen. Man könnte das Team sogar damit motivieren, indem man sagt: „Das wollen die doch alle nur!“ Aber darum geht es gar nicht. Niemand konnte ernsthaft erwarten, dass Hertha jetzt alle Spiele bis zum Saisonende gewinnt. Die von Joe Simunic ausgerufenen acht Siege aus zwölf Spielen sind immer noch realitisch erreichbar und ein lohnenswertes Ziel. Es gibt keinen Grund die Einstellung zu Hertha zu verändern. Denn es war das erste Mal in 2009, das erste Mal im achten Spiel, dass sie eine Niederlage wirklich verdient hatte. Weil Stuttgart an diesem Tag einfach die zwei Tore besser war. Weil viele Herthaner einen schlechten Tag hatten. Weil der Schiedsrichter den Elfmeter…nein, den Schuh brauchen wir uns nicht anzuziehen.

Wer jetzt zweifelt, hat das System Favre nicht verstanden. Fehler sind menschlich, weshalb auch die beiden Gegentore wieder etwas pädagogisch Wertvolles an sich hatten. Man hatte ja schon gedacht, ein Simunic wäre unfehlbar. Er wird allerdings nicht – wir früher vielleicht – an sich zweifeln, sondern einfach noch ein Stück härter an sich arbeiten. Das ist der Unterschied zur alten Hertha. Die Bundesliga wird sich noch wundern.

Und der Wind wird sich auch wieder verziehen…

Lesempfehlung: Michael Rosentritt bringt es im Tagesspiel auf den Punkt: „Hertha ist einen Tick zu cool“

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Fair nach Europa

13. Mai 2008

Ein Spiel muss Joe noch ohne Rote Karte überstehen…

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Lasst Koller leben

4. Mai 2008

Jan Koller feierte mit den Fans. Er ließ sein getauschtes Trikot fallen, hob die Arme in die Höhe und applaudierte ihnen. Eine Welle, noch eine und noch eine. Die Dortmunder Südtribüne feierte ihren Helden.

Das Problem? Jan Koller spielt bereits seit fast drei Spielzeiten nicht mehr beim BVB. Von 2002 bis 2006 spielte der Tscheche im schwarz-gelben Trikot und erzielte in dieser Zeit ganze 59 Treffer. Im WM-Jahr wechselte Koller nach Monaco, wurde dort überhaupt nicht glücklich und kehrte zu Beginn diesen Jahres zum 1. FC Nürnberg in die Bundesliga zurück. In elf Spielen hat Koller dort bisher zweimal getroffen. Wirklich zufrieden ist das Nürnberger Publikum mit dem Zwei-Meter-Riesen nicht. 

Am vergangenen Freitag jedoch wurde aus Unzufriedenheit blanker Hass. Als Koller sich, wie beschrieben, von der Dortmunder Südtribüne feiern ließ und danach mit feuchten Augen zu seinem eigenen, dem Nürnberger Block ging, rasteten die Fans aus. Ausgestreckte Mittelfinger waren noch das mildeste Zeichen der Abneigung. Das „Kopf-ab“-Zeichen, dass man sonst nur aus Kinofilmen oder von Gerald Asamoah kennt, war ebenfalls zu sehen. Der Tscheche war zunächst nur irritiert, verbeugte sich dann als Entschuldigung und drehte schließlich enttäuscht ab. Auf dem Weg zum Kabinengang entfuhr ihm dann das, was dem ganzen dann leider die unrühmliche Krone aufsetzt: „Fucking Nürnberg-Fans“.

Im Nürnberger Fanforum geht es seitdem nachvollziehbarer Weise hoch her. Nach einer Entschuldigung Kollers glätten sich die Wogen zwar, doch wirklich rehabilitieren wird sich Koller wohl nur durch Tore in den letzten drei Spielen, die am Ende bitte schön auch zum Klassenerhalt reichen. Das ist zumindest die Essenz aus dem was der kleine Kreis im DSF-Doppelpass gerade geäußert hat. Waldemar Hartmann sprach von einem „No go“, Claus Strunz von der Bild am Sonntag kann die Nürnberger Fans sogar in der überzogenen Härte der Reaktion verstehen. 

Ich persönlich kann dem überhaupt nicht zustimmen. Klar, Fußball ist ein emotionales Geschäft und bei den Nürnbergern liegen die Nerven blank. Da kommt es nicht gut an, wenn ein Spieler der eigenen Mannschaft mit den Fans der anderen ein 0:0 feiert. Aber genau darum ging es Koller in diesem Moment ja gar nicht. Er war einfach nur glücklich über die positiven Reaktionen der Dortmund-Fans und wollte ihnen dafür etwas zurückgeben. Die LaOla-Welle hätte er sich natürlich sparen können, aber es zeigt einfach nur, dass da einer mit Herz bei der Sache ist und eben nicht ständig die Benimmregeln der Vereine durchdekliniert.

Spieler wie Jan Koller, denen die Reaktion der Fans so ans Herz geht, gibt es nicht mehr viele in der Bundesliga. Das beste Beispiel dafür ist Herthas Joe Simunic, der unlängst den Satz geäußert hat: „Es gibt so viele Leute, für die Hertha das ganze Leben bedeutet. Die tun mir leid. Die werden verarscht.“ Darüber sollte man diskutieren. Und nicht über einen Fußballer, der von seinen Gefühlen übermannt, mit den (in diesem Moment) falschen Fans feiert. Meinen Respekt hat er.