Posts Tagged ‘Rensing’

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Jaroslav Drobny – vom Verfluchten zum Heiligen

22. Dezember 2008

Als Jaroslav Drobny vor eineinhalb Jahren ablösefrei vom VfL Bochum zu Hertha wechselte, fragte ich mich zunächst einmal, wie Dieter Hoeneß das hinbekommen hatte. Denn der damals 28-Jährige wurde auch von Celtic Glasgow umworben und eigentlich wunderte es mich, dass die anderen Bundesligaklubs keine Notiz von ihm genommen hatten.

Drobny war erst im Frühjahr 2007 zu den abstiegsbedrohten Bochumern gewechselt, nachdem er es zuvor nicht geschafft hatte in der englischen Premier League Fuß zu fassen. Über die Stationen Budweis (Tschechien), Athen, Fulham, Den Haag und Ipswich Town landete der damals vertragslose Torwart im Hafen des Bundesliga-Abstiegskampfes  und stieg dort sofort zum Leistungsträger, mehr noch, zu einem der besten Torhüter der Bundesliga-Rückrunde auf. Dieter Hoeneß hatte Drobny offenbar früh auf dem Zettel, was vor allem daran gelegen haben mag, dass neben dem Vor- und Nachnamen des Torhüters groß und rot das Wort „ablösefrei“ gestanden haben muss. Spieler, die diesen Stempel tragen und noch dazu überragende Leistungen bringen, lassen bei Fußballmanagern natürlich die Augen leuchten. Dem Vernehmen nach hatte Drobny im Sommer 2007 allerdings nur drei Angebote vorliegen. Aus Bochum, Berlin und Glasgow. Britischen Fußball hatte Drobny bereits satt, Bochumer Abstiegskampf anscheinend auch, weshalb er sich relativ schnell und ohne großes Gefeilsche für die Hauptstadt entschied.

Dort hatte gerade ein Umbruch begonnen, ein neuer Trainer war verpflichtet, neue Spieler deshalb auch noch nicht geholt worden. Nur bei Drobny machte Manager Hoeneß eine Ausnahme, weil der Keeper und Bochum „Klarheit wollten“. Herthas Fans freuten sich. Endlich – so frohlockten einige (und auch ich) – brauchten sie keine Angst mehr vor Eckbällen zu haben. Eine der Situationen in der Prä-Drobny-Ära, die, vor allem wegen des geringen Größenmaß‘ vom bisherigen Stammtorhüter Christian Fiedler (1,80 m), den größten Herzinfarkt-Faktor in der Ostkurve innehatte. Lucien Favre kam und rief zunächst ein wenig überraschend einen echten Konkurrenzkampf aus. Sowohl Fiedler als auch Drobny durften in der Vorbereitung spielen. Zum Bundesligastart stand dann aber der Große zwischen den Pfosten, während der Kleine Wachstumshormone verschrieben bekam.

Dass die Bundesliga der englischen Premier League dann doch gar nicht so unähnlich zu sein schien, merkte man an Drobnys Leistungen. In seinem ersten Jahr war seine Quote für gehaltene Unhaltbare in etwa so hoch, wie die der guten Flanken von Sofian Chahed oder Mark Stein in der darauffolgenden Saison. Dabei hatte beim Pokalspiel in Unterhaching – seinem ersten Pflichtspiel – alles so gut begonnen. „Hertha Habemus Hexer“ titelte der Berliner Kurier sogar. Doch so magisch wie er begonnen hatte, so menschlich hielt er weiter. Und fiel dabei einem Phänomen zum Opfer, dass schon Oliver Kahn erlebt hatte. Auch Kahn hatte durch überirdische Paraden den Titan-Status erhalten und wurde fortan nur noch danach bewertet. Es ist eben das Schicksal eines jeden Sportlers nur an seinen besten Leistungen gemessen zu werden. Und weil Drobnys Maßstab in Bochum Kahnsche Höhen erreicht hatte und diese beim ersten Saisonspiel in Unterhaching zementiert wurden, kam nach dem ersten, sehr menschlichen, Jahr Unruhe auf. Selbst ich – der nun wirklich kein Fan von Christian Fiedler ist – beteiligte mich daran. Freunde, die mich seit Jahren kannten und meine (nicht immer sachliche) Kritik an der mangelnden Strafraumbeherrschung Fiedlers mitbekommen hatten, wunderten sich plötzlich darüber, dass ich in Erwägung zog, der CDU-Mann könnte die bessere Wahl sein (ähm…nein). Doch da ich zum großen Glück dieses/meines Vereins nicht der Trainer bin, blieb Drobny die Nummer Eins.

In der laufenden Saison ist er nun wieder dort, wo er damals schon war. Die Messlatte liegt wieder oben und Drobny, mit 29 gerade am Anfang des besten Torhüter-Alters, scheint die Stärke zu haben, sich nicht nur an ihr zu messen, sondern sie sogar Stück für Stück noch ein bisschen höher zu legen. Einen großen Anteil daran hat mit Sicherheit auch das Torwarttraining mit Enver Maric. Drobny hielt es zunächst für zu technisch, fand es wohl langweilig, immer gleiche Bälle immer und immer wieder zu fangen. Marics Philosophie ist es aber, dass ein Torwart die gleichen Bewegungsabläufe immer und immer wieder durchspielen muss, um sie zu perfektionieren. Als Drobny das verinnerlicht hatte, wurde er zu dem Torwart, der er schon damals war – allerdings ohne an diesem Punkt stehen zu bleiben.

Drobny hat nun eine halbe Saison überragende Leistungen gezeigt. Er wird – da bin ich mir sicher – sie in der Rückrunde bestätigen. Weil er gelernt hat, wie die Bundesliga, wie seine Mannschaft, wie ER funktioniert. Nur noch ganz selten fallen seine motorisch ungelenken Bewegungen auf, die eines Profisportlers eigentlich unwürdig sind. Aber entscheidend war es ja noch nie, wie man dabei aussieht, wenn man die Bälle hält. Hauptsache ist, man hält die Bälle. Mit dieser Philosophie wird man schließlich auch umjubelter Nationaltorhüter (obwohl Rene Adler auch in der B-Note abräumen würde…).

Die Entwicklung von Herthas Nummer Eins von einem Torwart, der große Sprünge versprach, damit aber anfangs nicht einmal bei den Bundesjugendspielen etwas gerissen hätte, zu einem Torwart, dem sein Trainer zutraut, übers Wasser gehen zu können, hat mir nicht nur imponiert, sondern auch gezeigt, dass man vor allem im Sport mit Vertrauen sehr viel erreichen kann. Drobnys Geschichte sollte man vielleicht auch mal allen Kritikern von Michael Rensing erzählen. Die Bayern würden einen großen Fehler machen, ihn schon nach der ersten – „nur“ durchwachsenen“ – Saison abzugeben.

Update: Drobny wurde vom Kicker hinter René Adler zum zweitbesten Bundesligakeeper der Hinrunde gewählt. Im Text wird er allerdings mit keinem Wort erwähnt.

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Der Robo-Kahn

7. Mai 2008

Noch drei Spiele, dann ist die große Spielerkarriere von Oliver Kahn vorbei. Michael Rensing kann ihn nicht soll ihn ersetzen und dafür sorgen, dass die Bayern-Abwehr sich auch mal den einen oder anderen Schnitzer erlauben darf. Dieses Gefühl hatte man ja zu Kahns besten Zeiten. Als hätte er sich mit seinen Vorderleuten abgesprochen, dass die die Gegner pro Spiel ruhig zwei, drei mal durchkommen lassen könnten, damit Kahn „im Training bleibt“. Resultat waren unmenschliche Paraden und die Krönung zum „Titan“. Unumstößlich und ohne Fehler. Dann kam das WM-Finale 2002 und von da an ging es mit leichten Schwankungen stetig bergab.

„Goalias“ wäre das nicht passiert. Die Maschine kennt keine Leistungsschwankungen. Keine Fehler. „Goalias“ ist der perfekte Torhüter. Ein Beispiel?

Noch eins?

Ok, als Ersatz für Michael Rensing wird er noch nicht in Frage kommen. Dafür müsste er auch mal einen Ball festhalten (sonst wäre „Goalias“ beim WM-Finale 2002 genau so zum tragischen Helden geworden, wie Kahn) oder Flanken abfangen können. Aber die meisten Maschinen kommen ja ohnehin erst in der 2.0 oder 4.1.-Version an ihr Leistungsmaximum. Gut möglich also, dass Jürgen Klinsmann, der neue Bayern-Coach, demnächst mal bei den Jungs aus Stuttgart zu Transfergesprächen vorbeikommt. Er ist ja bekannt für ungewöhnliche Maßnahmen…

Mehr zu „Goalias“ auf der eigens dafür eingerichteten Website des Instituts für Automatisierungs- und Softwaretechnik der Universität Stuttgart.