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Vorsicht, Herr Favre

27. Oktober 2008

Der Spieler hatte den Platz längst verlassen, da feierte ihn die kleine blau-weiße Delegation im Auswärtsblock mit Sprechchören: „Marko Pantelic, oho, Marko Pantelic, oho.“ Der Serbe war kurz zuvor von seinem Trainer Lucien Favre ausgewechselt worden. Beim Stande von 1:1 im Dortmunder Stadion. Es war also nicht so, dass der Schweizer Coach seinen exzentrischen Stürmer vom Platz genommen hätte, damit der sich seinen Applaus würde abholen können. Favre hatte Pantelic ausgewechselt…ja warum eigentlich?

In den vorangegangenen 77 Minuten hatte sich die einzige Spitze der Berliner zwar nicht durch ein Tor oder Vorlagen zu einem solchen hervorgetan, wirklich ungefährlich war er aber auch nicht. Im Gegenteil. Spieler wie Pantelic können immer noch mal „einen auspacken“ und damit ein Spiel alleine entscheiden. Pantelics Aktionen sind immer eine Gradtwanderung zwischen Genie und Wahnsinn. Das Problem ist, dass Hertha mit Favre einen Trainer hat, der nicht bereit ist, 89 Minuten auf die eine geniale Szene Pantelics zu warten, sondern ih nach spätestens 80 Minuten Wahnsinn vom Platz holt. Auf Kosten der Unberechenbarkeit im Angriff allerdings. Hertha hat von diesen Spielern sonst nämlich nicht viele. Andrej Woronin kann vielleicht in dieser Saison noch einer werden – war in Dortmund allerdings verletzt. Gojko Kacar und Cicero haben diese Qualität in Ansätzen auch schon gezeigt. Aber sonst? Der für Pantelic gekommene Valerij Domovchyski ist in dieser Hinsicht so etwas wie der Anti-Pantelic. Die Torgefahr des jungen Bulgaren ist in der Bundesliga bisher ungefähr so groß, wie die Chance, dass Arne Friedrich einmal das Image eines Rebellen nachgesagt wird.

Von denen haben sie in Berlin aber ohnehin genug. Dabei dachten sie ja mit dem Verkauf der Boatengs und Ashkan Dejagahs das Nest dieser Eigenschaft ausgelöscht zu haben. Doch einer dieser damals aus der eigenen Jugend hochgezogenen Bengel ist noch da. Sofian Chahed nämlich. Unter den Fans hat der Rechtfuß ungefähr soviel Kredit wie die Banken zurzeit: So gut wie keinen. Chahed spielt solide, manchmal. Häufiger bringt er – wie in Dortmund – seine Mannschaftskameraden mit ungenauen Anspielen in Bedrängnis oder lässt seinen Gegenspieler auf der rechten Abwehrseiten passieren. Macht Chahed keinen Fehler, wird er geduldet, ab und zu sogar geachtet. Aber wirkliche Wertschätzung erhält der gebürtige Berliner in seiner Heimat bisher nicht. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass der 25-Jährige um jedes Fünkchen Aufmerksamkeit kämpft und bockig wird, wenn man ihm die Chance dazu nimmt. Weil er nämlich im Training zu Beginn der vergangenen Saison der sicherste Elfmeterschütze war, galt er bei Hertha lange Zeit als Nummer Eins in dieser Rangliste und erhob den Anspruch diese auch im Spiel geltend zu machen. Vier Bundesligatore ermöglichte ihm sein ruhiger Fuß vom Elfmeterpunkt. Seine bisher einzigen.

Am Sonntag nahm sich dann allerdings der Brasilianer Cicero den Ball, was Trainer Favre keineswegs verwunderte: „Cicero war vorgesehen, ganz klar.“ Und als müsste er es noch irgendwie verdeutlichen, wiederholte er das „Cicero, ganz klar“ noch zwei weitere Male, um anschließend den bösen Journalisten (von der BILD) zu fragen, ob es denn nichts Wichtigeres für ihn gäbe, als so eine Frage. Auf die Antwort hin, das gehöre doch aber zum Spiel, versuchte Favre in gebrochenem Deutsch zu erklären, dass ihn solche Randerscheinungen nicht interessieren und es ihm viel wichtiger ist, dass seine Mannschaft seine taktischen Vorgaben umsetzt.

Was der Schweizer dabei vergisst, ist, dass Fußballer auch oder gerade in diesen modernen Zeiten Sensibelchen sind. Die Unstimmigkeiten bei der Nationalmannschaft zwischen Joachim Löw und Michael Ballack sind ja auch nur dadurch entstanden, weil der Nationaltrainer seinen Kapitän nach dessen Operation nicht um sein Wohlbefinden befragt hat. Und genau das gleiche geschieht auch bei Hertha zurzeit. Als Marko Pantelic mit einer kleineren Verletzung von einem Länderspiel kam, sich kurz beim Physiotherapeuten untersuchen ließ und dann nach Hause ins Bett ging, war das kein böswilliger Versuch von Pantelic, die Autorität des Trainers zu untergraben. Er hatte das wahrscheinlich immer schon so gemacht. Unter Falko Götz wurde es bloß nie geahndet.

Wenn der Trainer sich jetzt nicht dafür interessiert, warum Sofian Chahed auch am Tag danach noch sauer auf Fußballgott und die Welt ist – wenn er sich beinahe freut, dass Neuzugang Cicero seine ansprechende Leistung durch ein Tor gekrönt hat – wenn er in den letzten 13 Minuten im Signal-Iduna-Park auf der Bank sitzt und hofft, dass Domovchyski das Tor macht, damit endlich alle sehen, dass Marko Pantelic nur ein ersetzbarer Spieler ist – dann macht der Trainer einen Fehler. Weil es einmal mehr zeigt, dass Favre bestimmte Spieler bevorzugt behandelt. Und das kann – wenn es mal nicht so läuft wie zurzeit – ganz schnell nach hinten los gehen. Ich will gar nicht wissen, was die Pantelic-Fans und Hobby-Rebellen Simunic, Ebert oder Kacar veranstalten, wenn der Serbe wirklich zur Winterpause den Verein verlässt…