Posts Tagged ‘Hoeneß’

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Richtiger Trainer für die falsche Mannschaft

22. Mai 2009

Ich denke es gibt kaum noch jemanden, der den Auftritt von Jürgen Klinsmann bei SternTV nicht gesehen oder zumindest Auszüge daraus auf welche Art und Weise auch immer konsumiert hat. Die Reaktionen sind unterschiedlich. Die Bild spricht von einer Abrechnung. Die BZ in Berlin geht noch drastischer und gewohnt krawalliger vor und spricht von „Bayern-Wut: Klinsmann geht auf alle los“. Wesentlich gemäßigter und vor allem treffsicherer sah es Oliver Fritsch, der eine Abwehrreaktion Klinsmann „gegen die Alphatiere“ des FCB konstatiert. Dirk Brichzi von SpiegelOnline war in Klinsmann gar „der Buddha aus dem Schwabenland“ erschienen, der „vor allem über seine eigenen Fehler plauderte“, und dabei doch so manchen Missstand bei den Münchenern aufdeckte. Alle analysierten die Probleme von Klinsmann mit den Medien und den sturen Oberen um Hoeneß, Rummenigge und Beckenbauer. Und haben damit natürlich recht. Ich bin allerdings der Meinung, dass die Spieler in der gesamten Diskussion viel zu gut wegkommen.

Es ist doch so: Als bekannt wurde, dass Jürgen Klinsmann Trainer in München würde, da fragte man sich zuerst, wir das mit dem Vorstand zusammenpassen könnte. Klinsmann und Hoeneß, das hatte schon zu Spielerzeiten nicht geklappt. Doch der Manager, ja der ganze Verein, war, nach dem klar wurde, dass es mit Ottmar Hitzfeld nicht weitergehen konnte, verzweifelt und suchte nach einem neuen Ansatz, einem neuen Weg zum Erfolg. Und natürlich musste man da zwangsläufig auf Jürgen Klinsmann kommen, dem Macher des Sommermärchens, dem Reformer, dem Heilsbringer. Auch wenn das nicht zu den Bayern zu passen schien. Von Anfang an nicht. Die Bayern waren seit Jahren den Weg der Sicherheit gegangen. Sie hatten sich so sehr am paraguayanischen Jahrhunderttalent Roque Santa Cruz verbrannt, dass fortan nur noch fertige Spieler gekauft wurden. Mit Erfolg – aber auch dem Problem, dass diese Spieler mit der Zeit immer teurer wurden und der deutsche Markt, um die Jahrtausendwende noch von den Bayern beherrscht, durch Bremer, Hamburger, Leverkusener, Schalker, Stuttgarter und bald auch Hoffenheimer differenzierter wurde. Der Spruch: „Wen wir haben wollen, den kriegen wir auch“ – er galt plötzlich nicht mehr.

Also musste Klinsmann her, der Klinsmann, der aus einer mittelmäßigen deutschen Nationalmannschaft eine begeisternd aufspielende Einheit geformt hatte. Also würde es ihm doch sicher auch gelingen, aus einer, wenn nicht der besten deutschen Vereinsmannschaft eine begeisternd aufspielende Einheit zu formen, die Titel gewinnt und trotz geringerer finanzieller Mittel als ausländische Topklubs in Europa für Furore sorgt. Und so kam Klinsmann und reformte munter vor sich hin. Der Vorstand kniff die Backen zusammen, man legte den Verein in die Hände des Schwaben – natürlich nicht, ohne hier und da, zum Beispiel bei der Gestaltung der Mannschaft, klarzumachen, wer der eigentliche Boss ist – die Medien gingen den Weg am Anfang sogar mit, die zunächst etwas skeptischen Fans hatte Klinsmann dann irgendwann auch auf seiner Seite. Was dann folgte, haben wir alle gesehen. Erst wendeten sich die Medien ab. Dann die Fans. Und am Ende auch der Vorstand. Ob zurecht oder nicht, soll hier nicht erörtert werden. Es geht um die Mannschaft und ihren Anteil an der Entwicklung.

Die Ausgangsposition war von Anfang an schwierig. Denn auf Klinsmann wartete keine Mannschaft, die – wie der Verein – sehnsüchtig darauf wartete, reformiert zu werden. Diese Mannschaft war in dieser Zusammenstellung Deutscher Meister und Pokalsieger geworden. Gut, im Uefa-Cup, für den sie sich eh zu stark wähnte, war sie von einem russischen Ensemble ordentlich abgewatscht worden. Aber mal ehrlich, Uefa-Cup? Den im Portfolio zu haben ist für Bayern-Spieler heute ja keine Auszeichnung mehr, sondern nur ein Zeichen dafür, dass man im Jahr zuvor versagt hatte. Die ganze Mannschaft freute sich schon darauf, in der kommenden Saison in der Champions League zu zeigen, dass sie genau dort hingehörte. Dass sie mit den Großen nicht nur mithalten, sondern sie auch besiegen könnte. Dass das Jahr im Uefa-Cup tatsächlich nur ein Ausrutscher war, den eine Bayern-Mannschaft halt einmal pro Jahrzehnt hat. Und dann kam Jürgen Klinsmann.

Klinsmann erzählte ihnen, dass das bisher ja alles ganz ok war, aber ganz ok für ihn eben nicht reicht. Er würde jeden von ihnen besser machen. Bei dieser Aussage schmunzelte Franck Ribery das erste Mal. „Meilleure? Moi?“ Ribery war damals schon einer der besten Fußballer der Welt. Das wusste er. Er würde keinen Klinsmann brauchen. Und viele andere dachten genau das gleiche. So fängt es immer an. Einer der Besten fängt an zu rebellieren. Nicht öffentlich, so dreist ist ja niemand. Aber hintenrum. Bei Späßchen mit Luca Toni. „Luca, hast du heute schon am Meditationskurs teilgenommen?“ Und während sich Christian Lell im Hintergrund schämte, dass er ihn besucht hatte, sank die Akzeptanz für Klinsmanns Methoden mit jedem schlechten Spiel weiter.

Fußballer sind Arschlöcher. Davon bin ich überzeugt. Ich bin selber einer und ich weiß, wie Spieler über den Trainer reden, wenn sie selbst nicht spielen und er Schwäche zeigt. Klinsmann zeigte einige davon. Ich bin mir sicher, dass es Bayern-Spieler gab, die hinter verschlossener Tür die TV-Auftritte des Trainers nachäfften. Ich kann es mir bildlich vorstellen, wie Mark van Bommel mit Daniel van Buyten zusammen auf den Zimmer das Interview nach dem letzten Spiel immer wieder abspielen und sich kaputt lachen darüber, dass Klinsmann auch nach dem fünften sieglosen Spiel „absoluud überzeugt von xyz“ war. Oder wie Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger auf dem Zimmer sitzen, Playstation spielen und der Unterlegene in der Tonlage des Trainers sagt: „Wir müssen jetzt nach vorne schaun. Es ist noch alles möglich.“

Natürlich hat Klinsmann katastrophale Fehler gemacht, von denen ich ehrlich gesagt dachte, sie wären Täuschungsmanöver a la Mourinho. Wenn man die Medien selbst nach der bittersten Niederlage noch mit einem Lächeln abspeist und damit all die Kritik auf sich zieht, dann muss die Mannschaft wissen, dass man das als Trainer tut, um die Kritik nicht auf die Mannschaft zu projezieren. Mourinho tut das in Perfektion, seine Mannschaft weiß aber auch, dass das Taktik ist. Bei Klinsmann war ich mir da nie sicher und nach seinem Auftritt bei SternTV ist es klar, dass nichts davon gespielt war. Das war – neben der Annahme, dass die Mannschaft seine Philosophie einfach so akzeptieren würde – der größte Fehler von Jürgen Klinsmann: Er hat die Medien nicht ins Boot geholt. Damit meine ich nicht, dass er sich mit der BILD oder wem sonst gemein machen sollte. Aber Fußball-Trainer müssen heutzutage Diplomaten sein. Sie müssen der Presse Stücke vom Kuchen hinwerfen, damit sie nicht von alleine danach fragen. Man muss den Leuten seine Philosophie vermitteln können – und zwar ohne Phrasen oder Versprechungen. Das kann man entweder tun, indem man die Philosophie erklärt, indem man sagt: So und so trainieren wir, deshalb kann es sein, dass am Wochenende mal eine etwas schlechtere Leistung dabei rauskommt, langfristig wird sich das aber auszahlen. Oder man lässt sie die Mannschaft auf dem Spielfeld zeigen. Da letzteres nicht der Fall war, hätte Klinsmann ersteres tun müssen.

So kam eins zum anderen. Uli Hoeneß‘ Mauern, die er um Klinsmann und seine eigenen Zweifel errichtet hatte, bröckelten immer weiter und als dann Platz Zwei in Gefahr schien und mit ihm der Verbleib von Ribery, sowie die Aussicht auf weitere Stars, da half er selbst mit, die Steine um Klinsmann herum abzureißen. Hoeneß ist seit eh und je näher an der Mannschaft als jeder Trainer des Bayern es je war. Er kennt die Wehwehchen der Spieler und als nach und nach immer mehr Spieler kamen und als Wehwehchen den Trainer angaben, da stand Hoeneß wahrscheinlich eher nicht auf und sagte: „Ihr seid Spieler des FC Bayern und habt euch bei der Vertragsunterschrift verpflichtet, alles für den Verein zu geben. Da ist es doch egal, wer euch da dirigiert. Gebt alles für diesen Klub!“. Vielleicht reagierte er am Anfang sogar noch so. Doch irgendwann hatte auch Hoeneß keine Lust mehr, den Trainer zu verteidigen – obwohl genau das sein Job gewesen wäre und zwar bis zum Schluss.

Dennoch bin ich davon überzeugt, dass Klinsmann bei einem anderen Verein bzw. einer anderen Mannschaft erfolgreich sein kann bzw. gewesen wäre. Die Voraussetzung dafür sind hungrige Spieler, die sich verbessern wollen und die nicht zwangsläufig sowieso Superstars sind oder mal waren. In München war es nur der Verein, der hungrig war, die Mannschaft allerdings nicht. Er war der richtige Trainer, hatte allerdings die falsche Mannschaft. Was Klinsmann braucht, ist sein Hoffenheim. Das zu finden, wird in Zukunft seine Aufgabe sein. Da ist es fast ein bisschen schade, dass 1860 München gerade Ewald Lienen verpflichtet hat und in der Bundesliga außer vielleicht in Hannover oder Leverkusen kein ernsthafter Bedarf besteht. Aber vielleicht fragt ja aus Kaiserslautern mal jemand nach. Jürgen Klinsmann ist jedenfalls noch lange nicht satt. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er den Bayern diese Vorgehensweise früher oder später heimzahlen wird.

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Dieter Hoeneß‘ Traum

14. Februar 2009

Neulich hatte Dieter Hoeneß wieder diesen Traum. Er, der Manager von Hertha BSC, im offenen Cabriolet auf der Straße des 17. Juni, neben ihm Trainer Lucien Favre, um ihn herum tausende begeisterte Berliner und in seiner Hand: Eine Salatschüssel. Nicht irgendeine Salatschüssel, sondern DIE Salatschüssel schlechthin: Die Meisterschale, die vom hell über der Stadt stehenden Mond angestrahlt wird. Strahlen tut auch Hoeneß, über das ganze Gesicht, während eine Träne des Glücks an seiner Wange herunter kullert – es ist nicht die erste an diesem historischen Tag. Vor ein paar Stunden hatte seine Mannschaft durch einen Sieg am letzten Bundesligaspieltag beim Karlsruher SC sein Lebenswerk vollendet: Hertha war Deutscher Meister geworden. Hoeneß hatte die Schale, die, das wusste er, nur eine Nachbildung des Originals war, das in München jetzt wahrscheinlich irgendwo in einer Kiste lagerte, seit dem Verlassen des Wildparkstadions nicht mehr aus den Hängen gelegt. Er war am Ziel, endlich. Alle Strapazen hatten sich gelohnt.

Vor ein paar Jahren hatte Hoeneß in einem Interview gesagt, dass er irgendwann einmal mit der Meisterschale durch das Brandenburger Tor fahren wolle. Nun war dieser Zeitpunkt gekommen. Er kann es in seinem Traum dann immer kaum noch erwarten. Immer wieder winkt er dem hinter ihm in einem weiteren Cabrio mitfahrenden Marko Pantelic zu, dreht sich dann wieder zurück und genießt die Jubelschreie der Berliner. „Da ist es“, sagt er in dem Moment zu Lucien Favre, in dem der letzte Kreisverkehr auf dem Weg zur ehemaligen Grenze in den Ostteil der Stadt das erste Mal in voller Pracht zu sehen ist.

An dieser Stelle stockt der Autokorso immer, weil der Fanauflauf auf dem letzten Kilometer stetig zunimmt. Hoeneß ist das egal, er hat lange genug auf den Moment gewartet, auf diese paar Minuten kommt es jetzt auch nicht mehr an. In seinem Kopf zieht in dem Moment, in dem der Korso seinen Weg fortsetzt, seine Zeit bei Hertha noch einmal an ihm vorbei. Wie er damals ankam und den Taxifahrer nach der Geschäftsstelle fragte und dieser nicht wusste, was Hoeneß meinte. Wie er dann dort ankam und nur eine Schreibmaschine vorfand. Er lacht dann immer laut, weil er diese Geschichte in den letzten Jahren immer wieder erzählt hatte, damit sie auch ja niemand vergesse. Sie passte so gut. Dann der Aufstieg mit Jürgen Röber, die erste Saison (mit der entscheidenden Wende ausgerechnet (!!!) gegen Karlsruhe), der anschließende sensationelle Einzug in die Champions League, die dadurch entstandenen Probleme. Im Nachhinein, da ist sich Hoeneß sicher, hat er dem Verein fünf Jahre gekostet. Die Erwartungen an den Klub waren in den Folgejahren einfach zu hoch.

Doch er, Hoeneß, hatte die richtigen Entscheidungen getroffen. Mit Lucien Favre, für dessen Verpflichtung er anfangs belächelt wurde, holte er die entscheidende Komponente für den Erfolg. Und auch wenn er durch den schmalen Schweizer einige Kompetenzen einbüßen musste, er war ihm ans Herz gewachsen. Favre hatte Unmögliches möglich gemacht und für das Gefühl, dass er gleich erleben würde, würde er ihm ewig dankbar sein. Das Brandenburger Tor glänzt im Licht der Scheinwerfer, der sternenklare Himmel gibt dem Ganzen noch einen zusätzlichen Touch. Es ist der perfekte Rahmen für seinen Triumph. Kurz stockt der Korso noch einmal, weil ein paar „Fans“ die Absperrung durchbrochen haben, doch, da ist sich Hoeneß sicher, gleich kommt sein Moment. Noch ein kurzer Wink zu Marko Pantelic, ein genussvoller Blick in die Menschenmenge und dann…

…wacht Dieter Hoeneß auf. Erregt und voller Sehnsucht. Dann deprimiert und enttäuscht. Und dann kämpferisch: „Gisela, heute packen wir den Uli und dann werden wir Meister!“ Ihre Antwort ist jedes Mal die gleiche: „Leg dich wieder hin Dieter, es ist noch nicht so weit…“ Doch Hoeneß steht an diesem Samstag, dem 14. Februar 2009 entgegen der Empfehlung seiner Frau auf. Und Hertha packt später die Bayern.

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Jaroslav Drobny – vom Verfluchten zum Heiligen

22. Dezember 2008

Als Jaroslav Drobny vor eineinhalb Jahren ablösefrei vom VfL Bochum zu Hertha wechselte, fragte ich mich zunächst einmal, wie Dieter Hoeneß das hinbekommen hatte. Denn der damals 28-Jährige wurde auch von Celtic Glasgow umworben und eigentlich wunderte es mich, dass die anderen Bundesligaklubs keine Notiz von ihm genommen hatten.

Drobny war erst im Frühjahr 2007 zu den abstiegsbedrohten Bochumern gewechselt, nachdem er es zuvor nicht geschafft hatte in der englischen Premier League Fuß zu fassen. Über die Stationen Budweis (Tschechien), Athen, Fulham, Den Haag und Ipswich Town landete der damals vertragslose Torwart im Hafen des Bundesliga-Abstiegskampfes  und stieg dort sofort zum Leistungsträger, mehr noch, zu einem der besten Torhüter der Bundesliga-Rückrunde auf. Dieter Hoeneß hatte Drobny offenbar früh auf dem Zettel, was vor allem daran gelegen haben mag, dass neben dem Vor- und Nachnamen des Torhüters groß und rot das Wort „ablösefrei“ gestanden haben muss. Spieler, die diesen Stempel tragen und noch dazu überragende Leistungen bringen, lassen bei Fußballmanagern natürlich die Augen leuchten. Dem Vernehmen nach hatte Drobny im Sommer 2007 allerdings nur drei Angebote vorliegen. Aus Bochum, Berlin und Glasgow. Britischen Fußball hatte Drobny bereits satt, Bochumer Abstiegskampf anscheinend auch, weshalb er sich relativ schnell und ohne großes Gefeilsche für die Hauptstadt entschied.

Dort hatte gerade ein Umbruch begonnen, ein neuer Trainer war verpflichtet, neue Spieler deshalb auch noch nicht geholt worden. Nur bei Drobny machte Manager Hoeneß eine Ausnahme, weil der Keeper und Bochum „Klarheit wollten“. Herthas Fans freuten sich. Endlich – so frohlockten einige (und auch ich) – brauchten sie keine Angst mehr vor Eckbällen zu haben. Eine der Situationen in der Prä-Drobny-Ära, die, vor allem wegen des geringen Größenmaß‘ vom bisherigen Stammtorhüter Christian Fiedler (1,80 m), den größten Herzinfarkt-Faktor in der Ostkurve innehatte. Lucien Favre kam und rief zunächst ein wenig überraschend einen echten Konkurrenzkampf aus. Sowohl Fiedler als auch Drobny durften in der Vorbereitung spielen. Zum Bundesligastart stand dann aber der Große zwischen den Pfosten, während der Kleine Wachstumshormone verschrieben bekam.

Dass die Bundesliga der englischen Premier League dann doch gar nicht so unähnlich zu sein schien, merkte man an Drobnys Leistungen. In seinem ersten Jahr war seine Quote für gehaltene Unhaltbare in etwa so hoch, wie die der guten Flanken von Sofian Chahed oder Mark Stein in der darauffolgenden Saison. Dabei hatte beim Pokalspiel in Unterhaching – seinem ersten Pflichtspiel – alles so gut begonnen. „Hertha Habemus Hexer“ titelte der Berliner Kurier sogar. Doch so magisch wie er begonnen hatte, so menschlich hielt er weiter. Und fiel dabei einem Phänomen zum Opfer, dass schon Oliver Kahn erlebt hatte. Auch Kahn hatte durch überirdische Paraden den Titan-Status erhalten und wurde fortan nur noch danach bewertet. Es ist eben das Schicksal eines jeden Sportlers nur an seinen besten Leistungen gemessen zu werden. Und weil Drobnys Maßstab in Bochum Kahnsche Höhen erreicht hatte und diese beim ersten Saisonspiel in Unterhaching zementiert wurden, kam nach dem ersten, sehr menschlichen, Jahr Unruhe auf. Selbst ich – der nun wirklich kein Fan von Christian Fiedler ist – beteiligte mich daran. Freunde, die mich seit Jahren kannten und meine (nicht immer sachliche) Kritik an der mangelnden Strafraumbeherrschung Fiedlers mitbekommen hatten, wunderten sich plötzlich darüber, dass ich in Erwägung zog, der CDU-Mann könnte die bessere Wahl sein (ähm…nein). Doch da ich zum großen Glück dieses/meines Vereins nicht der Trainer bin, blieb Drobny die Nummer Eins.

In der laufenden Saison ist er nun wieder dort, wo er damals schon war. Die Messlatte liegt wieder oben und Drobny, mit 29 gerade am Anfang des besten Torhüter-Alters, scheint die Stärke zu haben, sich nicht nur an ihr zu messen, sondern sie sogar Stück für Stück noch ein bisschen höher zu legen. Einen großen Anteil daran hat mit Sicherheit auch das Torwarttraining mit Enver Maric. Drobny hielt es zunächst für zu technisch, fand es wohl langweilig, immer gleiche Bälle immer und immer wieder zu fangen. Marics Philosophie ist es aber, dass ein Torwart die gleichen Bewegungsabläufe immer und immer wieder durchspielen muss, um sie zu perfektionieren. Als Drobny das verinnerlicht hatte, wurde er zu dem Torwart, der er schon damals war – allerdings ohne an diesem Punkt stehen zu bleiben.

Drobny hat nun eine halbe Saison überragende Leistungen gezeigt. Er wird – da bin ich mir sicher – sie in der Rückrunde bestätigen. Weil er gelernt hat, wie die Bundesliga, wie seine Mannschaft, wie ER funktioniert. Nur noch ganz selten fallen seine motorisch ungelenken Bewegungen auf, die eines Profisportlers eigentlich unwürdig sind. Aber entscheidend war es ja noch nie, wie man dabei aussieht, wenn man die Bälle hält. Hauptsache ist, man hält die Bälle. Mit dieser Philosophie wird man schließlich auch umjubelter Nationaltorhüter (obwohl Rene Adler auch in der B-Note abräumen würde…).

Die Entwicklung von Herthas Nummer Eins von einem Torwart, der große Sprünge versprach, damit aber anfangs nicht einmal bei den Bundesjugendspielen etwas gerissen hätte, zu einem Torwart, dem sein Trainer zutraut, übers Wasser gehen zu können, hat mir nicht nur imponiert, sondern auch gezeigt, dass man vor allem im Sport mit Vertrauen sehr viel erreichen kann. Drobnys Geschichte sollte man vielleicht auch mal allen Kritikern von Michael Rensing erzählen. Die Bayern würden einen großen Fehler machen, ihn schon nach der ersten – „nur“ durchwachsenen“ – Saison abzugeben.

Update: Drobny wurde vom Kicker hinter René Adler zum zweitbesten Bundesligakeeper der Hinrunde gewählt. Im Text wird er allerdings mit keinem Wort erwähnt.

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Von Schulden und Begehrlichkeiten

16. Dezember 2008

Nehmen wir mal an, ich will einen DVD-Abend veranstalten und dafür in meinen vier Wänden für Kinoatmosphäre sorgen. Ich benötige dafür einen Beamer und eine Dolby-Surround-Anlage. Die Wand ist schon vorhanden, da ich seit meinem Einzug nichts gegen die weiße Krankenhaus-Stilistik getan habe, außer ein paar Bilder aufzuhängen. Sie ist weiß. Ich schaue mich also um, wo bekomme ich möglichst günstig einen Beamer her und wo eine Anlage, die in den entscheidenden Momenten Gänsehaut verursacht? Für den Beamer mache ich sehr schnell eine Agentur ausfindig, die zwar nicht billig ist, aber bezahlbar. Ich leihe mir von dort ein Traumgerät, dass ich mir – würde ich es kaufen wollen – nicht leisten könnte. Als nächstes sorge ich für den Ton, ein Geschäft bietet an, eine zum Kauf stehende Anlage zunächst einmal zwei Tage auszuprobieren. Lediglich eine Anzahlung ist vonnöten, die ich im Anschluss wiederbekäme, sollte ich mich gegen sie entscheiden. Ich bin perfekt ausgestattet, meine Gäste sind begeistert und nehmen mit einigem Erstaunen mein kleines Heimkino zur Kenntnis. Man fragt nicht, wo die Geräte herkommen, man nimmt sie einfach so hin und regt an, doch nun in regelmäßigen Abständen Kino-Abende in meinem Wohnzimmer zu veranstalten. Ich weiche mit einem „Mal sehen“ aus und überschlage im Kopf, was es mich kosten würde, den Standard zu halten und womöglich hier und da noch zu verbessern (Stichwort: Beqeumes Sofa mit Platz für alle). Ich merke allerdings schnell, dass das meinen finanziellen Horizont übersteigt. Trotzdem sage ich kommenden Abenden nicht ab, sondern ermutige sogar zu Terminvorschlägen. Ich lebe über meine Verhältnisse.

Genauso scheint es Hertha BSC zurzeit zu ergehen. Mit Leih-Spielern wie Andrey Woronin, der vom FC Liverpool – dem aktuellen Tabellenführer der reichsten Liga der Welt – gekommen ist und Cicero, der immernoch seinem Ex-Klub Fluminense Rio de Janeiro gehört, hat sich der Berliner Bundesligist an die Tabellenspitze gespielt. Woronin würde das Gehaltsgefüge in neue Dimensionen heben, wenn Liverpool nicht einen Anteil davon bezahlen würde und Cicero soll etwas mehr als drei Millionen Euro kosten. Alles Geld, das Hertha in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht mal eben so ausgeben kann. Das wird vor allem dann deutlich, wenn man sich die Transferbilanz der letzten Jahre anschaut.

Als der Verein endlich einmal auch finanziell von seiner Jugendarbeit profitierte, also in loser Reihenfolge die Spieler Kevin-Prince Boateng, Malik Fathi, Jerome Boateng und Christopher Schorch für knapp 14 Millionen Euro verkaufte und zusätzlich Gilberto und Christian Gimenez für insgesamt etwa 5 Millionen loswurde, war dringend benötigtes Kapital endlich vorhanden, um dem neuen Trainer eine Mannschaft nach seinen Vorstellungen zusammenzustellen. Mit den Brasilianern Raffael und Lucio, den Schweizern von Bergen und Lustenberger, dem Serben Kacar, dem Amerikaner Arguez und dem ausgeliehenen Tschechen Skacel wurden bereits in der letzten Saison mehr als 12 Millionen reinvestiert.

In diesem Jahr gelang es dem Manager dann immerhin noch einmal knapp 3 Millionen Euro für die Spieler Okronkwo, Lima, Lakic und Cubukcu einzunehmen. Dem gegenüber stehen allerdings Ausgaben für die Stürmer Chermiti und Domovchyiski, die Verteidiger Kaka und Rodnei, sowie Mittelfeldspieler Nicu und die Leihgebür für Cicero – alles zusammen etwas mehr als 6 Millionen Euro. Hinzu kommt das Gehalt von Andrey Woronin, das allerdings, wie schon erwähnt, von Liverpool mitgetragen wird. Unter dem Strich bleibt von den Transfereinnahmen nichts mehr übrig, im Gegenteil. Und da Hertha nach wie vor mit mal mehr, mal weniger als 30 Millionen Euro in der Kreide steht und wegen Vorab-Deals in Zukunft keine großen Einnahmen zu verzeichnen hat, sind große Sprünge nicht unbedingt geboten.

In diese Situation hinein spielt Hertha die beste Hinrunde der Vereinsgeschichte. Das weckt Begehrlichkeiten. Man darf allerdings hoffen, dass die Hertha-Oberen aus den Fehlern von damals, den Zeiten der Qualifikation zur Champions League, gelernt haben. Das ein Lernprozess eingesetzt hat, zeigt zumindest schon der Leih-Vertrag von Cicero. Der Brasilianer ist an Hertha bis zum Jahr 2010 ausgeliehen. Danach kann Manager Hoeneß – sofern er dann noch im Amt ist – die Kaufoption ziehen. Der Verein hat also noch bis zur WM in Südafrika Zeit, die etwas mehr als drei Millionen Euro für den neben Kacar im Mittelfeld überragenden Mann der Hinrunde aufzutreiben. Das sollte auch angesichts der positiven Entwicklung der Mannschaft nicht das Problem sein. Viel schlimmer ist in Berlin der neue TV-Vertrag aufgenommen worden, nach dem Hertha 7,5 Millionen anscheinend eingeplante Euros fehlen. Da kann man sich wieder fragen: Warum plant der Verein mit Einnahmen aus Verträgen, die zum Zeitpunkt der Planung noch nicht geschlossen waren? Was die Peanuts aus dem UEFA-Cup angeht, ist man doch auch immer so vorsichtig herangegangen und hat nur die erste Runde in die Bilanzvorschau eingerechnet…

Jetzt muss also wieder gespart werden und die Experten um Finanzboss Schiller haben sich Erstes an den Personaletat gesetzt. Dieser ist mit kalkulierten 31 Millionen Euro für einen ambitionierten deutschen Erstligisten schon erstaunlich klein. Wie verträgt sich also das ohnehin schon hohe Anspruchsdenken der sportlichen Führung mit den finanziellen Möglichkeiten des Vereins? Es scheint fast so, als gingen die Ansichten da weit auseinander. Es stellt sich die Frage: Wie soll man gleichzeitig einen der Mannschaft unheimich guttuenden und keinesfalls abwanderungswilligen Andrey Woronin halten, den Vertrag mit Kapitän Arne Friedrich verlängern, die Kaufoption für Cicero ziehen, möglicherweise doch Marko Pantelic behalten und die Mannschaft zusätzlich noch punktuell verstärken? „Alles geht nicht“ hat Präsident Werner Gegenbauer vor ein paar Tagen gesagt. Also heißt es jetzt Prioritäten zu setzen.

Daher wird Publikumsliebling Pantelic den Verein – wenn irgendwie möglich – bereits im Winter verlassen. Das freiwerdende Gehalt (1,5 Millionen) wird brüderlich auf den neuen Brasilianer Junior Cesar und Arne Friedrich verteilt, der dann neuer Spitzenverdiener ist. Die hoffentlich hohe Ablöse wird dann in die Bilanz gesteckt. Desweiteren muss Hoeneß hoffen, dass sowohl der Bulgare Domovchyski, als auch der Tunesier Chermiti in der Rückrunde voll einschlagen, um einen Verbleib von Woronin nicht zwingend notwendig zu machen. Das ist nicht unmöglich, aber dafür muss wirklich alles passen – so wie in der Hinrunde. Und damit kommen wir zum Dilemma der Berliner Situation. Die Mannschaft kann fantastischen Fußball spielen, sie kann hinten sicher stehen und vorne toll kombinieren. Sie kann Tore schießen und die taktischen Vorgaben des Trainers umsetzen. Sie kann das aber auch alles einfach nicht tun, wie in den Spielen gegen Bayern (1:4), Bremen (1:5), Cottbus (0:1) und Schalke (0:1). Wie in den Spielen gegen Bielefeld (1:1), Leverkusen (1:0) und Hamburg (2:1). Wie immer wieder vereinzelt in fast allen anderen Spielen außer dem Auftaktsieg in Frankfurt (2:0). Immer wieder zeigt dieses Team Schwächen, die in anderen Zeiten, wenn das Glück gerade mal kein Hertha-Trikot anhat, zu Niederlagen führen können. Und die Frage aller Fragen ist, ob sie sich – so wie in der Hinrunde – aus diesen Situationen auch dann noch befreien kann, wenn Spieler wie Pantelic oder Woronin nicht mehr dabei sind.

Der Mann, der mir Hoffnung macht, dass es auch ohne sie gelingen kann, sitzt bei Hertha auf der Bank und heißt Lucien Favre. Was der Schweizer in Berlin leistet, ist mit Worten eigentlich nicht zu beschreiben. Denn auch wenn Hertha in dieser Hinrunde wirklich viel Glück hatte, hat das Auftreten der Mannschaft in anderen Situationen als den oben beschriebenen immer wieder gezeigt, dass dieses Glück nicht geschenkt, sondern erarbeitet ist. Es steckt System dahinter, wie Hertha agiert. Wie Hertha kombiniert. Und defensiv verschiebt. Vielleicht schafft dieser in der Öffentlichkeit manchmal ein wenig bieder wirkende Schweizer es tatsächlich, in Berlin nicht nur ein Personaletatschrumpfen, einen Publikumsliebling-Transfer, eine Führungs- und die Finanzkrise zu überstehen, sondern sogar den doch sehr optimistischen Drei-Jahresplan von Manager Hoeneß zu erreichen. Ich sage es gleich vorweg: Ich bin ihm nicht böse, wenn er das Ziel, um die Meisterschaft mitzuspielen, schon in diesem Jahr erreicht. Aber selbst wenn es nicht mal in der nächsten Saison damit klappt, hat Favre in Berlin etwas geschafft, was ich seit ich Hertha-Fan bin, hier noch nicht gesehen habe: Eine modern spielende und taktisch auf hohem Niveau agierende Mannschaft zusammenzustellen, bei der es richtig Spaß macht, zuzuschauen.

Vielleicht merken die Berliner Zuschauer das ja in der Rückrunde auch irgendwann mal und kommen nicht nur ins Stadion wenn der Gegner Hoffenheim, Bayern, Istanbul oder Liverpool heißt.

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Hoeneß schlägt Hoffenheim

5. Dezember 2008

Es kribbelt. Und zwar gewaltig. Anlass ist ausnahmsweise nicht das Hertha-Spiel auf Schalke, bei dem ich meine Mannschaft endlich einmal wieder live sehen kann. Sondern das Duell zwischen Platz Eins und Zwei, zwischen Gallien und Rom, zwischen Milliardärsdorf und Millionendorf, zwischen der TSG Hoffenheim und dem FC Bayern.

Die deutsche Fußballwelt freut sich auf ein vor der Saison nicht zu erwartendes Spitzenspiel. Auf der einen Seite der Aufsteiger, der auch mit viel Geld von Dietmar Hopp, aber vor allem mit einem intelligenten Spiel-, Scout- und Trainingssystem die Bundesliga auf den Kopf stellt. Auf der anderen Seite der Serienmeister, der mit neuem Trainer und irgendwann auch einmal alternativen Methoden am liebsten an die Erfolge der 70er Jahre anknüpfen will – sich also auch in Europa die Vormachtstellung erarbeiten möchte, in der er sich in Deutschland bereits wähnte. Doch während der FC Bayern daran arbeitete, drängte das Hoffenheimer Dorf plötzlich in den deutschen Fußballmarkt und sorgt dort aktuell für nicht mehr etwartete Konkurrenz wohl auch über diese Saison hinaus.

Den Bayern kommt dieses Spiel am Freitag (20.30, Premiere) gerade recht. Das Team von Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann sieht sich so langsam im Leistungssoll und will der TSG die viel zu spitzen Hörner stutzen. Dabei benutzt man die alten Tricks, mit denen man in jedem Jahr den härtesten Widersacher verunsichert: Man redet sich stärker als man ist – in der Hoffnung, dass es der Gegner glaubt und sich eine gewisse Verunsicherung im Unterbewusstsein festsetzt. Deshalb sagt Uli Hoeneß in jedes Mikrofon, das man ihm entgegenstreckt – und entgegen vermutlich jeder Trainingslehre – dass Bayern die besseren Spieler habe und deshalb natürlich auch gewinne. Was soll er auch sonst sagen? Wer den besseren Fußball spielt, sieht ja jeder. Und wer momentan in der Liga den Hut auf hat, auch.

Insofern ist es eigentlich verwunderlich, dass Hoffenheim-Coach Rangnick überhaupt auf diese Anspielungen reagiert. Als Werder Bremen vor drei Jahren Deutscher Meister wurde, haben sowohl Spieler als auch Offizielle die bayrischen Verbalangriffe schlichtweg ignoriert und wurden so am Ende Meister. Durch einen Sieg in München übrigens, der Uli Hoeneß derart in Rage brachte, dass er all seine in den Jahrzehnten seiner Managerkarriere vorgetragenen Ansichten hinsichtlich Festgeld und Banksicherheit über Bord warf. Das Resultat ist eine Mannschaft, die in der Tat – rein von den Namen her – die besseren Einzelspieler als Hoffenheim besitzt, die aber bisher eben nur Zweiter ist. Erster ist Ralf Rangnick, der sich da oben wohl zu fühlen scheint. Wie damals im Sportstudio, als er die Viererkette erklärte und belächelt wurde, sitzt er heute auf dem Trainerstuhl in Hoffenheim und hat neben sich dieses unsichtbare Plakat, das er mit sich rumträgt und auf dem steht: Ich habs euch ja gesagt! Und wenn dann die Bayern in Person von Uli Hoeneß kommen und so tun, als wäre Hoffenheim nach wie vor nur ein neureiches Strohfeuer, das die Bayern mal eben austreten werden, dann kann sich selbst der sonst so sachliche Herr Rangnick nicht zurückhalten. Also feuert er ein paar Verbal-Salven zurück und begibt sich damit auf zu dieser Jahreszeit nicht unübliches dünnes Eis.

Denn eigentlich hat es Rangnick nicht nötig, darauf einzugehen. Hätte er einfach seinen Mund gehalten und die Angriffe aus München ignoriert, dann hätte er am Freitagabend genussvoll den Sieg seiner Mannschaft feiern können. Seinen Sieg. Und bei einer Niederlage hätte er einfach genussvoll auf die Tabelle verwiesen, um den Münchnern zu zeigen, wer trotzdem noch oben steht. So aber hat er sich auf das Niveau von Uli Hoeneß begeben und wird nach dem Spiel geknickt das triumphale Lächeln des Bayern-Managers aushalten müssen, weil es das deutsche Fußballgesetz so will, dass der FC Bayern die beste Mannschaft Deutschlands bleibt. Im Überschwang des Sieges wird Uli Hoeneß dann zu Ralf Rangnick gehen, ihm erst die Hand reichen um ihm im Anschluss daran dieses imaginäre Schild über den Kopf zu ziehen. Dann tritt Hoeneß vor die Kamera, zeigt auf den bedröppelten Rangnick und singt ins Mikrofon: „Ich habs euch doch gesagt!

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Des einen Leid ist des anderen Freud

18. November 2008

Wahrscheinlich ist sich Marko Pantelic seiner Außenwirkung gar nicht bewusst. Der Serbe war ja einmal die Identifikationsfigur von Hertha BSC und es ist schon bemerkenswert wenn das Team, das ohne ihn angeblich offensiv Nichts zustande bringt, ohne ihn offensiv plötzlich Einiges zustande bringt. Immer öfter sogar Einiges mehr als mit ihm. Marko Pantelic stand am Samstag in der frühwinterlichen Kälte des Olympiastadions – die wärmende Mütze über sein mit den charakteristischen langen Haaren geschmücktes Haupt gestülpt – und sah nun schon zum wiederholten Male, wie sich sein Team dort unten von ihm befreite, sich von ihm los sagte, ja, ihn betrug.

Zum ersten Mal hatte sich diese Entwicklung beim Bundesliga-Duell mit dem VfB Stuttgart angedeutet als Hertha – mit Pantelic auf der Bank – den VfB 1:2 nach Hause schickte. Kurze Zeit später meldete sich der 29-Jährige – er selbst würde es wohl „triumphal“ nennen – mit einem Traumtor im Uefa-Cup gegen Benfica Lissabon zurück. Doch als er kurze Zeit später gegen die TSG Hoffenheim verletzt ausgewechselt wurde,  erst da (!) erzielte Andrey Woronin den Siegtreffer.

An diesem Samstag nun sah Marko Pantelic also den 2:1-Erfolg seiner (?) Mannschaft gegen den Hamburger SV. Hätten ihn die Fernsehkameras rund um die Uhr verfolgt, sie hätten wahrscheinlich einen Fußballer gezeigt, der auf dem Boden nach den ihn aus dem Gesicht gefallenen Gesichtszügen sucht. Pantelic merkt so langsam, dass seine Gehaltsvorstellungen pünktlich zu den entscheidenden Verhandlungen nicht mal mehr diskutabel sind. Sie sind utopisch, weil der Rechtsfuß nicht mehr die herausragende Stellung in der Mannschaft hat, wie noch vor ein paar Monaten.

Den größten Anteil an dieser Entwicklung hat Lucien Favre. Der Schweizer Trainer machte von Anfang an keinen Hehl daraus, dass er von einem Spieler, der keinen linken Fuß hat, nicht allzu viel hält. Weil Favre aber zunächst weder den nötigen Erfolg, noch das volle Vertrauen von Manager Hoeneß hatte, traute er sich nicht, den bei den Fans beliebten Torjäger aus dem Kader zu streichen – zumal Pantelic in der vergangenen Saison Herthas einziger verlässlicher Torjäger war. So begann eine Phase der Duldung – in eine höhere Wertschätzungskategorie schaffte es Pantelic bei Favre nie. Der Coach nahm jede Undiszipliniertheit Pantelics mit Genugtuung zur Kenntnis und sah dabei zu, wie sich sein Team mehr und mehr vom einstigen Führungsspieler emanzipierte. Vor diesem Hintergrund ist es fast verwunderlich und Pantelic hoch anzurechnen, dass er überhaupt noch für Hertha Leistung zeigte. Er selbst betonte stets, dass er für den Verein immer alles geben werde und lobte Manager Hoeneß bei jeder Gelegenheit. Natürlich wusste Pantelic, dass Hoeneß in schwachen Zeiten sein einziger Befürworter sein würde und – was vielleicht wichtiger war – der Mann, der Favres Engagement würde beenden können. Deshalb machte Pantelic gute Miene zum bösen Spiel, rieb sich für das Team auf und stieg bei den Fans zum unumstrittenen Liebling auf. Favres Meinung blieb allerdings auch nach überragenden Spielen bestehen. Er verpflichtete zur neuen Saison Angreifer Amine Chermiti und hätte sich der tunesische Superstar nicht im Zuge der vorsaisonalen Uefa-Cup-Tour verletzt, er wäre wohl neben Raffael im Sturmzentrum gesetzt gewesen. Diesen Part hat nun – nach dem ersten Saisondrittel – Andrey Woronin übernommen. Pantelic steht außen vor. Und weiß das ganz genau.

Anders sind seine Reaktionen auf das Spiel seiner Mannschaft am Samstag nicht zu erklären. Keine Freude, kein Zucken in den Mundwinkeln, nur mechanisches, apathisches Klatschen. Marko Pantelic sieht seine schon sicher geglaubten Felle in Berlin davon schwimmen. Und er ist nicht der Einzige. Denn es saß an diesem Samstag auch ein Mann auf der Tribüne, der sich mehr als je zuvor über diese Entwicklung freute. Weil er im Fall Pantelic alles richtig gemacht hat. Dieser Mann hieß nicht (nur) Lucien Favre. Sondern Dieter Hoeneß.

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Hertha macht den Matthäus

14. August 2008

Lothar Matthäus ist einer dieser Trainer, der immer verfügbar ist. Der sich immer wieder anbiedert und in jeden seiner Verträge eine Ausstiegsklausel für einen Verein aus den großen Ligen festschreiben lässt. Das hat ihm geschadet, denn obwohl Matthäus in seinen langen Jahren als Bundesligaprofi zahlreiche Erfolge gefeiert hat und Rekordnationalspieler ist, ist sein „Haben-will“-Wert unter den von ehemaligen Profis gesunken, die ihm früher klar unterlegen waren. Bruno Labbadia, Jürgen Klopp und – für ihn am schlimmsten – Jürgen Klinsmann sitzen auf Trainerstühlen, die er gerne besetzen würde. Doch stattdessen trainiert er eine israelische Erstligamannschaft, die diesen Namen in Deutschland nicht verdient hätte, um dort „etwas aufzubauen.“ Warum er nocht nicht in der Bundesliga gearbeitet habe, müsse man „die Vereine fragen“…

Matthäus ist ein Trainer, den jeder haben kann, aber keiner will (von drittklassigen außereuropäischen Vereinen mal abgesehen). Und damit ähnelt er sehr dem Verein Hertha BSC. Vom Namen her ist der Berliner Klub eine große Adresse. Das Umfeld in der Hauptstadt ist prächtig, alles wächst dort oder wuchs – so wie Hertha – mit dem Unterschied, dass Hertha sportlich irgendwann im Mittelmaß stehen blieb. Infrastrukturell ist der Berliner Sportclub eine große Nummer. Das Vereinsgelände neben dem Olympiastadion braucht sich vor niemandem zu verstecken. Die Jugendakademie bringt regelmäßig vielversprechende Talente hervor und auch finanziell hat der Verein in den letzten Jahren einiges wieder gut gemacht, was er nach dem Einzug in die Champions League 1999 und damit einhergehenden überstürzten Investitionen in die Mannschaft zerstört hatte.

Hertha müsste auf dem internationalen Markt für Investoren eine ganz heiße Nummer sein. Meint zumindest Werner Gegenbauer, der Hertha-Präsident. Und auch Manager Dieter Hoeneß sieht im Berliner Verein eine lohnende Investition, da der Marktwert nicht bei 150 Millionen stehen bleiben werde. „In zwei Jahren ist Hertha nicht mehr für diesen Preis zu haben. Zehn bis 15 Prozent Wertsteigerung sind drin“ lässt er in der Berliner Morgenpost verlauten und preist seine Hertha nicht minder offensiv an, wie es Gegenbauer vor einigen Tagen bereits getan hatte: „Ein Investor wäre gut beraten jetzt einzusteigen.“ Nun, ich hatte das schon einmal in einem anderen Artikel vor kurzem erwähnt, hat Hertha bereits des Öfteren versucht, einen zahlungskräftigen „strategischen Partner“ an Land zu ziehen. Leider war bisher entweder die Angelschnur zu kurz oder der Partner zu kräftig, sodass sie immer wieder kurz vor der Unterschrift riss. Wenn man Hoeneß im Interview hört, könnte man allerdings fast den Eindruck bekommen, als hätte er sich endlich mal beraten lassen im Investor-Angelgeschäft.

„Wir haben mit dem Sportministerium eines Landes verhandelt, das Interesse an einer Vormachtstellung in bestimmten Bereichen hat. So etwas ist eine Möglichkeit. Ein anderes Beispiel: Jemand, der in Berlin in Immobilien investiert und Hertha als Plattform für seine Geschäfte braucht.“

Dass Hertha mit dem Sportministerium eines Landes verhandelt hat, klingt so, als hätte dieses dann wieder davon Abstand genommen. Aber es hört sich ja schomal gut an. Und der Immobilien-Hai, der Hertha als Plattform für seine Geschäfte braucht, muss wohl leider erst noch geboren werden – aber immerhin hat Hertha tolle Ideen, wie der Investor denn mal aussehen könnte.

Leider erinnert das alles sehr an Lothar Matthäus, dessen idealer Verein auch erst noch erschaffen werden muss. Er sollte international anerkannt sein, in Europa spielen, einen Etat von mindestens 50 Millionen Euro haben und Matthäus haben wollen. Bis auf den letzten Punkt ist das der FC Bayern. Und es wird wohl auch bei Hertha immer einen letzten Punkt geben, der den Investor davon abhält, doch bitte bitte endlich einzusteigen.