Posts Tagged ‘Galatasaray’

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Scholl führt Favre vor

4. Dezember 2008

Mehmet Scholl war vor gar nicht allzu langer Zeit ein großer Fußballer. Scholl gewann zahlreiche deutsche Meisterschaften, den DFB- und Uefa-Pokal, die Champions League. Dass er die Nationalmannschaft nie zu einem Titel führte, lag eigentlich nur an seinen ständigen Verletzungen und dem Pech ausgerechnet dann einmal fit gewesen zu sein, als Erich Ribbeck Nationaltrainer war. Man kann trotzdem sagen, dass Scholl mit Fug und Recht von sich behaupten kann, zumindest mitgehalten zu haben. Am Mittwochabend – der mittlerweile 38-Jährige arbeitet als TV-Experte in der ARD – sagt Scholl viele, für einen TV-Experten ungewöhnliche Dinge. Zum Beispiel dies: „Es sieht so aus, als könnten zwei, drei Spieler von Hertha das Niveau nicht mitgehen.“

Da waren 45 Minuten gespielt im Uefa-Cup-Duell zwischen Hertha BSC und der HeimGastmannschaft von Galatasaray Istanbul und die Berliner hatten eine Lehrstunde des internationalen Fußballs bekommen. Dass es noch 0:0-Unentschieden stand, hatte Hertha nur seinem Torwart Jaroslav Drobny zu verdanken. Mehrfach musste der Tscheche den Ball vor dem Überschreiten der Torlinie retten, was ein Großteil der Fans im mit  62.612 gefüllten Olympiastadion mit dem türkischen Ausdruck für Enttäuschung quittierte. Die Berliner Fans hatten ihren türkischen Freunden das Stadion weitestgehend überlassen, sodass sich vor allem der Brasilianer Lincoln wie im heimischen Ali Sami Yen gefühlt haben muss. Der ehemalige Schalker gestaltete sich sein Spiel, als wollte er einen hämischen Gruß nach Enschede senden. Dort mangelte es seinen ehemaligen Kollegen wie schon zuletzt an kreativen Impulsen aus dem Mittelfeld – Schalke verlor mit 1:2.

Lincoln verlor nicht, was auch an den „zwei, drei“ Herthanern lag, die, laut Scholl, nicht mithalten konnten. Angesprochen fühlen dürften sich alte Bekannte wie Sofian Chahed, Mark Stein oder Patrick Ebert, wobei letzterer nach Verletzungspause sein erstes Spiel von Anfang machte und zu Beginn der Saison immer zu den besten Berlinern zählte. Doch wenn sich ein Trainer für die Viererkette entscheidet, dann braucht er auch starke, schnell den Ball verarbeitende und wieselflinke Außenverteidger vom Typ Lahm, Rafinha oder Beck. Hertha hat Sofian Chahed, der sicher oft unterbewertet wird, der aber trotzdem öfter Probleme hat einen Pass an den Mann zu bringen, als ein ukrainischer Schleuser. Und Hertha hat Mark Stein – Chaheds Gegenstück auf links. Hochtalentiert, aber noch lange nicht da, wo man als Außenverteidiger einer guten Mannschaft sein muss.

Eine große Mitschuld an der Niederlage muss sich auch Lucien Favre auf die schweizer Fahne schreiben lassen. Es war erstaunlich zu sehen, wie sich ein hochqualifizierter Fußball-Trainer bei der Analyse vor den TV-Kameras, welche – zugegebenermaßen – für ihn ungewohnt ist, um Kopf und Kragen redet. Scholl bemängelte die fehlende Aggressivität der Herthaner, Favre widersprach und schob die Niederlage auf die schwache Balleroberung. Dass beides unmittelbar zusammenhängt, versuchte Scholl dann zwar noch zu erklären, Favre blieb aber unbelehrbar. Dabei gab es einige Szenen, die genau dies bewiesen und vor allem zeigten, dass einige Spieler sich schon besser wähnten, als sie eigentlich sind. Beispiel Raffael: Der Brasilianer spielte bisher in der Schweiz, wo sehr kulturgemäß, ein eher gemächlicher Fußballstil geprägt wird. Um diesen in der Bundesliga abzulegen, hat Raffael fast ein Jahr gebraucht und dachte wohl, er wäre jetzt vollkommen. Doch was passiert, wenn der gegnerische Spieler nicht nach einem Haken wegbleibt, sondern nachsetzt, wie es die Türken mehrfach praktiziert haben, hat man gestern gesehen. Selten zuvor verlor der Brasilianer so viele Bälle im direkten Zweikampf.

Favre sollte dann erklären, wie es zu der Niederlage kam, erwähnte eine „Unterzahl im Mittelfeld“, woraufhin Scholl blitzschnell die Chance nutzte, um seine These einzuwerfen: „War es, weil ihr mit zwei Stürmern gespielt habt?“ Favre schüttelte zunächst den Kopf, abwehrend, fast pikiert. Nur um dann genau das zu bestätigen. Es stellt sich die Frage, warum er dann nicht früher reagiert hat? Favre wartete bis zur Halbzeit und brachte dann – statt einen Mann mehr ins Mittelfeld zu stellen – Steve von Bergen für den angeschlagenen Sofian Chahed. Hätte hier nicht die Chance auf eine Dreierkette bestanden, die einen Mann mehr im Mittelfeld bedeutet hätte?

Der mit Spannung erwarteten Frage, warum Favre Pantelic ausgewechselt habe, wich der Schweizer sehr uncharmant aus: „Ich musste etwas ändern, es gab keinen Grund.“ Natürlich gab es einen. Pantelic agierte unglücklich, hätte sich oft viel schneller vom Ball trennen müssen und entschied sich zu häufig für den Fernschuss, statt nochmal den Ball quer zu legen. Das hätte er – ohne den Streit neu anzufachen – erklären können. Und hätte vermutlich sogar etwas Schärfe aus der Diskussion genommen. So klang es wieder so, als musste der Serbe zuerst raus, weil er – Favre – ihn am wenigsten mag.

Interessant wäre es noch gewesen, eine Anmerkung Scholls aus der Halbzeitpause aufzugreifen. Dort hatte Scholl beobachtet, dass Hertha erst um 20.13 aus der Kabine gekommen war. International kundige Profis wissen, dass das Fenster zum Warmmachen bei Uefa-Spielen genau von 20.05. bis 20.35 Uhr geöffnet ist. Hertha hat also acht Minuten verschenkt, was Scholl nicht bewertete, sondern nur anmerkte, dass er es immer lieber mochte, wenn er ein paar Minuten Zeit hatte.

So blieben am Ende mehrere Erkenntnisse:

1. Vor dem 18. Dezember – dem Finalspiel um den Einzug in die KO-Runde in Piräus – sollte „internationale Härte“ auf dem Trainingsplan stehen. Denn wie Galatasaray den Berlinern immer wieder den Schneid abkaufte, war teilweise eine Vorführung.

2. Hertha braucht dringend neue Außenverteidiger bzw. Alternativen auf diesen Positionen. Mark Stein und Sofian Chahed können nicht den Ansprüchen von Favre genügen. Und Steve von Bergen sollte auf Stürmer umschulen. Rund um den eigenen Strafraum ist er eine zu große Gefahr.

3. Marko Pantelic und Andrey Woronin scheinen nicht zusammen zu passen. Das erinnerte an die Zeiten von Daei und Preetz. Pantelic muss sich außerdem öfter vom Ball trennen. Gegen Galatasaray war er ein Fremdkörper im Hertha-Spiel, machte nur sein eigenes Ding.

4. Hertha hat mal wieder eine Chance vergeben, sich deutschlandweit zu präsentieren. Als die Mannschaft plötzlich aufwachte und Riesenchancen, sowie zwei Elfmeterwürdige Szenen produzierte, waren vermutlich die Hälfte der Zuschauer schon zu Peter Zwegat übergelaufen. Die eher peinliche und sehr zugeknöpfte Vorstellung von Favre im Anschluss habe dann hoffentlich nur noch ich gesehen…

5. Mehmet Scholl ist eine Wohltat für die ARD!

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Ein Hauch von Champions League

2. Dezember 2008

Es war ein Mittwoch. Der Herbst kehrte langsam ein in Berlin und mit ihm die Champions League. Hertha spielte in Istanbul, bei Galatasaray, und die ganze Stadt, so schien es, war voller Vorfreude auf Herthas Rückkehr auf die europäische Fußballbühne. Fast sieben Jahre vor der Weltmeisterschaft 2006 führte Berlin Public Viewing in der Hauptstadt ein. Die Waldbühne, 18.000 Sitze zur Verfügung stellend, sollte ausverkauft sein, hieß es vorher. Das stimmte dann nicht ganz, aber die Stimmung war trotzdem gut. Vor allem, weil sich die meisten Zuschauer schon nach einer Viertelstunde verwundert die Augen rieben: Hertha führte durch Tore von Wosz und Preetz mit 2:0. In Istanbul! In der Champions League!! Hertha!!! Dass das Spiel dann doch nicht in einer triumphalen Rückkehr mündete, lag einmal an der internationalen Unerfahrenheit der Mannschaft (Stichwort: Cleverness) und Kostas Konstantinides. Dem Griechen, gerade wegen seiner internationalen Erfahrung geholt, rutschte im eigenen Strafraum die Hand aus. Rote Karte und Elfmeter. Hagi trifft zum 2:2 Endstand und hinterlässt viele trotzige Berliner, die erst sauer über Schiedsrichter Urs Meier (noch Jahre später war er für mich der Inbegriff des bestochenen Schiedsrichters), dann aber später am Abend vor allem stolz auf ihre Mannschaft waren. Im weiteren Verlauf der Gruppenphase demütigte Galatasaray Hertha zunächst im eigenen Stadion (1:4!) und verhalf ihr dann mit einem 3:2-Sieg gegen den AC Mailand zum Einzug in die (damals noch ausgetragene) zweite Gruppenphase. Selten war ich danach einer türkischen Mannschaft so dankbar, wie damals.

Mehr als neun Jahre ist das jetzt her. Zwischendurch gab es das ein oder andere Vorbereitungsspiel gegen die aktuell vom ehemaligen Bundesliga- und Bundestrainer Michael Skibbe trainierten Türken, alles immer sehr freundschaftlich. Am Mittwoch nun wird es wieder ernst. Diesmal „nur“ Uefa-Cup, aber auch Gruppenphase. Die Vorzeichen sind nur unwesentlich anders. Hertha braucht eigentlich einen Sieg, um die Ausgangslage vor dem letzten Spieltag in Piräus nicht zu aussichtslos werden zu lassen. Wobei eine Niederlage nicht – wie z.B. von Andrey Woronin behauptet („Wenn wir verlieren, sind wir weg“) – das Ausscheiden bedeuten würde, da sich die Zweit- und Drittplatzierten Kharkov und Piräus im direkten Duell gegenüberstehen und sich so gegenseitig die Punkte wegnehmen. Gut möglich, dass es zwischen Piräus und Hertha kurz vor Weihnachten zu einem echten Finale um den Einzug in die KO-Runde gibt. Galatasaray kann Hertha dann allerdings nicht – wie damals gegen Milan – helfend zur Seite springen. Berlin ist ihr letzter Gegner.

60.000 Karten sind für das Spiel angeblich bereits verkauft, was eigentlich heißt, dass erst 45.000 weg sind, man aber gerne 60.000 hätte und durch die Angabe der höheren Zahl all jene sofort zum Ticket-Kauf überreden will, die noch unentschlossen sind. Woher Herthas Finanz-Chef Ingo Schiller wissen will, dass es „auf jeden Fall ein türkisches Übergewicht“ geben wird, würde ich auch gerne mal wissen. Womit natürlich nicht gesagt sein soll, dass es nicht so kommt. Für die türkischen Fans in Berlin ist es das Spiel des Jahres. Für die Berliner nur ein Uefa-Cup-Spiel, das man sich nicht unbedingt geben muss, weil das Stadion ohnehin mit gegnerischen Schlachtenbummlern gefüllt sein wird. Und Hertha-Fans gibt es nicht genug, um das Stadion am Mittwochabend alleine voll zu bekommen.

Galatasaray ist in der Süper Lig zurzeit nur Vierter, was normalerweise schon reicht, um den Trainer über den Bosporus zu jagen. Weil die Mannschaft von Michael Skibbe – die mit den ehemaligen Bundesligaprofis Fernando Meira und Lincoln, sowie den internationalen Stars Harry Kewell und Milan Baros ausgestattet ist – aber in den letzten drei Spielen nicht mehr verloren hat und Skibbe außerdem über ein erstaunliches Sitzfleisch zu verfügen scheint, ist es den hitzköpfigen Offiziellen von Galatasaray bisher noch nicht gelungen, ihn zum Rücktritt zu bewegen. Dass man es versucht hat, steht außer Frage (leider finde ich den Artikel nicht mehr, der sich um die Entlassung von Skibbes Co-Trainern dreht). Aber solange Skibbe nicht in einem der wichtigen Wettbewerbe (Süper Lig, Uefa-Cup) fatal patzt – also entweder so weit von der Spitze entfernt ist, dass eine Meisterschaft nicht mehr möglich ist (zurzeit noch einholbare vier Punkte) oder im Uefa-Cup ausscheidet, was nach einer Niederlage gegen Hertha durchaus noch im Bereich des Möglichen ist – bleibt er Trainer in Istanbul.

Hertha hat indes am Mittwoch nicht nur die Chance durch die erneute Präsenz im TV (20.45 Uhr, ARD) auch außerhalb von Berlin für Aufsehen zu sorgen, sondern auch im nicht-deutschsprachigen Teil der Stadt, wo der Klub bisher quasi nicht stattfindet. Deshalb kann der Appell an Lucien Favre und Co. nur heißen: Bitte kein lahmes 0:0, sondern mindestens ein so engagierter Auftritt wie am Freitag gegen Köln. Und bloß kein 1:4…

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Entweder Trikot aus oder du fliegst!

3. September 2007

1999 – Ein Tag nach dem legendären Champions League Finale zwischen Manchester und Bayern. Es ist ein sonniger Morgen mit nur vereinzelten Wolken am Himmel, als der gebürtige Engländer Michael Bolden in München zur Arbeit geht. Es geht ihm gut, richtig gut sogar. Auch wenn der Abend zuvor lang war und er das eine oder andere Bier zuviel getrunken hat: Who cares? ManU ist Champions League Sieger! Nach dem Spiel des Jahrhunderts! Ach was, des Jahrtausends!

Bolden schlendert über den Markt. Er hat nur wenig geschlafen, aber das Adrenalin, dass ihn immernoch durchfließt, hält ihn wach. Als Taxifahrer muss er das auch sein. Auf dem Weg zu seinem Auto, dass in einer Tiefgarage der Firma abgestellt ist, stellt er sich das Gesicht seines Chefs vor. Einmal, als Sheringham den Ausgleich erzielt, ein zweites Mal nach Solskjaers Knock-Out kurze Zeit später und dann, vorausschauend, wie er gleich gucken wird. Denn der frenetische Bayern-Fan war und ist, da ist sich Bolden sicher, am Boden zerstört. Was den ManU-Fan aber noch fröhlicher macht: Sein Chef wird versuchen, seine Enttäuschung zu verbergen.

Doch Bolden will sie sehen, er will seinen Chef ein bisschen aufziehen. Deshalb hat er heute morgen auch das rote Trikot angezogen – natürlich – mit dem Namen des Siegtorschützen hinten drauf. Mit der Sicherheit in Gedanken, seinen Chef sogleich die Zornesröte ins Gesicht zu treiben, betritt Bolden die Geschäftsstelle. Zehn Minuten später ist er gefeuert.

So bzw. so ähnlich hat es sich im Mai 2006 in der Türkei zugetragen. Allerdings noch ein bisschen schärfer, da es sich bei dem Fahrer um einen Galatasaray- und beim Arbeitgeber um einen Fenerbahce-Fan handelte. Die Rivalität zwischen den beiden Istanbuler Klubs ist noch größer, als die zwischen Schalke und Dortmund, von der zwischen ManU und Bayern gar nicht zu reden (obowhl diese damals mit Sicherheit der von Schalke und Dortmund gleich kam). Und Galatasaray ist am letzten Spieltag an Fenerbahce vorbeigezogen.

Heute hat die höchste Instanz der Türkei entschieden, dass der Rauswurf nicht rechtens war und der Fahrer am Arbeitsplatz weiterhin das Trikot seiner Mannschaft tragen darf. Ein Sieg für den Fußball.