Posts Tagged ‘Favre’

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Schockstarre, Schicksal und Kleinigkeiten

7. Mai 2009

Schockstarre nennt man wohl den Zustand, in dem ich mich gerade befinde. Ich bin so schockiert von der Tatsache, dass Hertha seit dem Verkauf des „Ticket des Grauens“ in die Erfolgsspur zurückgefunden hat, dass ich mich bis heute nicht getraut habe, auch nur einen Finger zu rühren, weil ich Angst davor hatte, dass es Auswirkungen auf die restlichen vier Saisonspiele hat. Ich will einfach nicht das Zünglein an der Waage sein. Auch deshalb habe ich mich mit Prognosen zum Ausgang der Saison bisher zurückgehalten. Dass das völlig bescheuert ist, weiß ich natürlich.

Trotzdem, als ich am Mittwoch die neue Folge meiner absoluten Lieblingsserie (schreckliches Wort) „How I Met Your Mother“ sah, fühlte ich mich einmal mehr bestätigt. Es geht in der Folge „Right Place Right Time“ um Schicksal und um die Auswirkungen unserer eigenen Handlungen auf darauf folgende Ereignisse. Die klassische „Was wäre wenn“-Frage wird gestellt und an mehreren Stellen gezeigt, das ein für den Protagonisten weltbewegendes Ereignis nicht passiert wäre, wenn er an zwei oder drei Stellen anders reagiert hätte. Nun bin ich, was Fußball angeht, ein Pessimist. Und deshalb tue ich alles, um den Fußballgott nicht zu verärgern. So habe ich gelernt, dass Er es nicht so gerne sieht, wenn ich Hertha auf Auswärtsspiele begleite. Meine Bilanz ist vernichtend (ein Unentschieden, neun oder zehn Niederlagen), was auch der Grund dafür ist, dass ich nicht mal versucht habe, Karten für das dienstägliche Auswärtsspiel in Köln zu bekommen.

Es geht aber noch schlimmer. So wurde ich für den 23. Mai, dem letzten Spieltag dieser Saison, auf den Arbeitsplan meines Nebenjobs gesetzt. Ich habe das am Anfang nicht sofort realisiert, sonst hätte ich vermutlich gleich etwas gesagt. Denn sollte das Unaussprechliche tatsächlich Realität werden, kann ich unmöglich noch eine Stunde ruhig in der Redaktion sitzen und darauf aufpassen, dass sich die Community dort benimmt. Noch weniger kann ich am nächsten Tag, dem Sonntag, arbeiten (an dem ich ebenfalls eingeteilt bin), denn natürlich würde ich mich Samstagabend sofort in den Zug nach Berlin setzen, um zu feiern.

Aber ich habe immer noch nichts gesagt und werde es auch nicht tun. Denn wer weiß denn schon, wo der Fußballgott überall seine Augen und Ohren hat? Als ich das Ticket für den letzten Spieltag kaufte, sah Er hin und bestrafte mein Team mit zwei Niederlagen, bis ich es wieder verkaufte. Was, wenn ich meinen Arbeitseinsatz absage, weil ich insgeheim hoffe, dass es für Hertha an diesem Tag noch um Alles geht? Kann Er in unsere Köpfe gucken? Ich könnte es mir selbstverständlich nie verzeihen, wenn Hertha in Karlsruhe alles verspielt, nur weil ich dabei sein wollte…

Deshalb bleibe ich weiter in meiner Schockstarre und zwar genau so lange, bis rechnerisch entweder nichts mehr möglich oder alles in trockenen Tüchern ist. Ich hoffe, dass – egal was – tatsächlich erst am 23. Mai eintritt. Ich werde in der Redaktion am Schreibtisch sitzen und hoffentlich seelig lächeln, weil auch ich meinen Anteil daran hatte. Und wie sagte Lucien Favre bisher schon so oft? „Es hängt oft an Kleinigkeiten“.

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Neue Sterne am Berliner Himmel

21. April 2009

Marko Pantelic liebt den großen Auftritt. Er gehört zu der Sorte, die extra spät auf einer Party erscheinen, um die Aufmerksamkeit für sich alleine zu haben. Wenn dann jemand noch später kommt, akzeptiert er das zwar, würde ihn aber indirekt beschuldigen, seine Idee geklaut zu haben. Marko Pantelic ist eigentlich ein Mann des Theaters. Vielleicht will er auch deshalb so gerne in Berlin bleiben, weil das Olympiastadion mit seinem speziellen Flutlicht genau diese Theateratmosphäre hervorrufen soll. Der Rasen ist die Bühne des Serben. Das Problem ist nur, dass er lange Zeit nur noch die Zweitbesetzung der Hauptrolle war.

Doch nun, am Sonntagnachmittag, bekam er seine Chance. Nicht als Aushilfe, nein, so richtig als Hauptdarsteller von Beginn an. Die Erstbesetzung hatte sich bei der letzten Aufführung arg daneben benommen. Die Bühne war frei, nur für ihn. Marko Pantelic liebt solche Geschichten und auch die Fans lieben sie. Die Situation war wie gemalt für ihn. Mit ein, zwei zusätzlichen Pinselstrichen hätte er das von Andrey Voronin und dem Rest der Mannschaft begonnene Gemälde derartig verschönern können, dass am Ende sein Name am größten am rechten unteren Rand zu sehen gewesen wäre. Drei Spiele, Bremen eingeschlossen, würde Voronin der Mannschaft fehlen. Drei Aufführungen Zeit für Marko Pantelic, den Fans das bereits geplante, aber nie realisierte Denkmal wieder in Erinnerung zu rufen, die verstaubte Blaupause wieder aus der Schublade zu holen.

Pantelic war sich dessen bewusst. Doch die Erwartungen der Fans und auch seine eigenen an sich schienen ihn zu hemmen. Nicht, dass er sich nicht bemüht hätte. Doch Bemühen allein reicht eben nicht – vor allem nicht im Theater. Folgerichtig wurde er zu Beginn des dritten Akts von Regisseur Favre vom Feld genommen und durch die Dritt- und Viertbesetzung ausgetauscht. Die Kritiken waren zurecht schlecht, auch wenn die Zuschauer im Theater das anders sahen. Aber sie wussten ja auch nicht, wie Favres Plan für den letzten Akt aussah.

Als Pantelic vom Platz ging, gab es die für das dramatische Theater typische Wendung. Neue Protagonisten treten auf den Plan und verändern das bisher Geschehene in eine wie auch immer geartete Richtung. In Herthas Fall in Richtung Happy End. Domovchyiski, Piszczek und Chermiti drehten das Spiel mit dem Schwung, den sie von der Bank mitbrachten. Aus einer schlechten Aufführung und einem unzufriedenen Publikum machten sie einen Kassenschlager. Piszczek, der vor seinen zahlreichen Verletzungen schon ansatzweise zeigte, wie er das Ensemble mit seiner überragenden Technik in eine andere Liga heben kann (und der gegen Bremen noch nicht einmal die Hälfte davon zeigen musste). Domovchiyiski, der mit seiner Dynamik und der für bulgarische Fußballer typischen Mischung aus Lässigkeit und Eleganz den Gegner schwindelig spielen kann. Und nur deshalb zuletzt, weil er den letzten Akt am meisten prägte: Chermiti, der Tunesier, der erst einmal ein paar Monate brauchte, um zu realisieren, dass er in Deutschland so bekannt ist, wie Mark Stein in Tunesien und allein durch seine Art Fußball zu spielen die Aufmerksamkeit auf sich lenken muss.

Er tat es in beeindruckender Art und Weise. Dass Chermiti schnell ist, wusste man. Dass er sich technisch nicht zu verstecken braucht auch. Aber irgendwie schwang bei dem erst 21-Jährigen immer eine unangenehme Art von Arroganz mit, die so gar nicht zu der Mentalität des schweizer Regisseurs bei Hertha zu passen schien. In der Wintervorbereitung fiel Chermiti vor allem dadurch auf, dass er bei einem Vorbereitungsturnier in Manier eines Francesco Totti einen Elfmeter genau in die Arme des Torwarts „chippte“. Das war typisch für seine Situation, denn so ein Ball geht in 90% der Fälle ins Tor. In 90% der Fälle fiel Amine Chermiti der Erfolg in den Fuß. In Berlin musste er dafür plötzlich hart arbeiten. Er tat es. Und wie es aussieht, wird er nun dafür belohnt. Wie er vor dem Siegtreffer von Raffael dem Brasilianer Naldo den Ball abluchste, war zwar eigentlich regelwidrig, aber vor allem verdammt clever. Chermiti erzwang das Glück, nachdem zuvor Cicero und dann er selbst per Kopf nur den Pfosten getroffen hatten und der Rückstand durch ein halbes Eigentor zustande gekommen war. Genau das war es, was den Herthanern bei den letzten drei Niederlagen in Folge gefehlt hatte. Und eben nicht Marko Pantelic.

Pantelics Chance auf sein Denkmal – so sehr ich es ihm gönnen würde – sind weiter gesunken. Am Himmel von Berlin zeichnen sich dafür langsam neue Sterne ab.

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Eine gute Niederlage

22. März 2009

Der Wetterumschwung kam unerwartet. Am Samstagvormittag lachte über Hamburg noch die Sonne, nur ein leichter Wind sorgte dafür, dass sich viele beim Alsterspaziergang zum Pulli auch noch eine Jacke überwarfen. Dann begann die Bundesliga, doch weder Himmel noch Temperaturen veränderten sich. Als die Spiele wenig später allerdings zuende waren, bließ plötzlich ein kalter Wind durch die Stadt. Über St. Pauli hinweg, bis hoch nach Eimsbüttel und auch um das Stadion des Hamburger SV. Es war kein normaler Windzug, der da durch Hamburg zog. Es war einer, der in ganz Deutschland zu spüren war, zur gleichen Zeit, mit der gleichen Windstärke, der gleichen Dauer. Es war: Das Aufatmen der Liga.

Ja, Hertha BSC ist schlagbar, die kochen auch nur mit Wasser die Berliner, die werden jetzt doch nicht Meister, HA HA!!! Deutschlandweit klopfen sich Experten auf die Schulter, beweihräuchern sich damit, doch Recht gehabt zu haben: Diese Hertha darf und wird nicht Meister werden. Dann können wir uns jetzt endlich auf den Titelkampf derer konzentrieren, die es qua Tradition verdient haben: Bayern und der HSV. Hoffenheim? Abgeschrieben. Wolfsburg? Mit Außenseiterchancen. Aber Hertha? Never, ever. Premiere-Kommentator Wolff Fuß ging sogar soweit, den Berlinern zu gratulieren, weil sie gut daran getan hätten, sich NICHT auf dem Berliner Rathaus-Balkon fotografieren zu lassen. Komisch, dass das – obwohl er es bestimmt nicht so meinte – hämisch klang, als HÄTTEN sie es getan.

Was ist passiert? Hertha hat ein Spiel verloren, gegen den VfB Stuttgart, 0:2. Ein Ergebnis das die Chancenlosigkeit der Herthaner ja quasi suggeriert. Man konnte richtig sehen, wie den Experten ein Stein vom Herzen fiel, als Stuttgart in Führung ging und nicht wieder dieser langhaarige Ukrainer irgendein Körperteil in den Ball werfen konnte, um Hertha zu einem weiteren Sieg mit einem Tor Unterschied zu verhelfen. Nein, der VfB hat stellvertretend für die ganze Liga gezeigt wie es geht. Zielstrebig nach vorne spielen, Hertha beschäftigen und dann die Chancen auch einfach mal nutzen, die sich bieten. So einfach ist das. Doch halt. Ganz so einfach war es dann nämlich doch nicht.

Nachdem mit der Verletzung Arne Friedrichs Herthas Herzstück – die Innenverteidigung – auseinandergerissen war, stand der Sieger für viele eigentlich schon fest. Doch Ersatzmann Kaka machte seine Sache defensiv sehr ordentlich und zum Teil sogar abgeklärter als der deutsche Nationalspieler zuvor. Kakas großes Problem ist das Spiel nach vorne, der Pass in die Spitze bzw. ins Mittelfeld. Allein in der ersten Halbzeit wechselte dadurch zweimal der Ballbesitz, als sich fast die gesamte Berliner Mannschaft in der Stuttgarter Hälfte befand. So kann man sich keine Chancen erspielen.

Doch das viel größere Problem an diesem Samstag war Joe Simunic. Ob der Kroate in der Kabine erfahren hatte, dass sein Abwehr-Kumpane Friedrich zwei Wochen ausfallen würde und war er deshalb deprimiert? Oder hatte er einfach vergessen, ein isotonisches Getränk zu sich zu nehmen? Jedenfalls verschlief Simunic die ersten sechs Minuten der zweiten Halbzeit komplett, was die Stuttgarter in Hertha-Manier – eiskalt – zu zwei Toren nutzten. Die Experten waren sich einig: Das war es, das Spiel ist entschieden. Nach vorne kann Hertha ja nicht. Lucien Favre reagierte, hatte allerdings nicht mehr allzuviele Möglichkeiten, da er durch die Auswechslung von Friedrich und die Herausnahme des mittlerweile nicht mehr tragbaren, weil erneuten Totalausfalls Marko Babic nur noch einmal wechseln konnte. Der Schweizer brachte Marko Pantelic, den er in den letzten Wochen allerdings derartig demontiert hatte, dass sich einige Stuttgarter Fans bei der Einwechslung des Serben fragten, wer das denn überhaupt sei, der da jetzt aufs Feld komme.

Schiedsrichter Kinhöfer hatte den Namen von Herthas ehemaliger Torgarantie allerdings nicht vergessen – und auch nicht seinen Sinn für Theatralik. Denn sonst hätte er zwei Minuten später wohl auf Elfmeter entschieden und keine Schwalbe des 30-Jährigen vermutet. Doch weil sein Ruf Pantelic vorausgeeilt war, gab es nur Abstoß. Eine – wie die Fernsehbilder zeigten – krasse Fehlentscheidung. Als es Pantelic sechs Minuten vor dem Ende auch noch fertig brachte, den Ball aus fünf Metern gegen das Bein von Stuttgarts Torwart Jens Lehmann zu schießen, fragte sich wohl auch Lucien Favre, wer das denn eigentlich sei, den er da aufs Feld geschickt hatte. Pantelic hatte sich im Abseits gewähnt – auch Kommentator Wolff Fuß sah das noch nach zwei Zeitlupen so. Schiri Kinhöfer jedoch weigerte sich einfach zu pfeifen. Die letzte Chance war vertan.

So unterlag Hertha am Ende verdient, und doch irgendwie unglücklich. So pflegen sie ja sonst eigentlich ihre Spiele zu gewinnen. Und genau aus diesem Grund ist diese Niederlage auch nicht dramatisch, ja vielleicht sogar zum richtigsten aller Zeitpunkte erfolgt. Denn:

  • Friedrichs Verletzung wird sich – so Gott in Person von Doktor Schleicher will – nicht auf den Ligabetrieb auswirken, da jetzt erstmal Länderspielpause ist.
  • Die Mannschaft hätte sich nach einem erneuten Sieg volle zwei Wochen anhören dürfen, wie toll sie ist, warum Hertha jetzt auf jeden Fall Meister wird und doch jetzt aber wirklich mal Fotos auf dem Rathaus-Balkon machen muss. Durch die Niederlage ist sie erst einmal raus aus dem Fokus der Öffentlichkeit, alles erwartet nun, dass sie durchgereicht wird. Hertha ist zwar immer noch Erster, gefühlt aber nicht mehr der Gejagte, sondern nur noch jemand, der bald ohnehin eingeholt wird.
  • Durch die Niederlage wurde der Mannschaft noch einmal gezeigt, dass das, was in den letzten Wochen über sie gekommen ist (Euphorie in der Stadt, Medienbeachtung) nur eine Momentaufnahme war. Um es längerfristig zu erhalten, muss sie nicht nur sagen, dass sie hart arbeitet, sondern es auch tun. Und genau das werden sie in den vollen zwei Wochen Länderspielpause tun.
  • Die Medien kommen jetzt – hoffentlich – ein bisschen zu Ruhe und berichten stattdessen über die Drittliga-Tabellenführung von Union, die Tatsache, dass der HSV jetzt aber doch bitte Meister werden muss oder über die Frage, wer denn eigentlich dieser Spieler ist, denn Favre da in Stuttgart eine halbe Stunde vor Spielende auf den Platz geschickt hat.

Denn, sind wir mal ehrlich, es war ja nicht nur die Chance die Pantelic vergeben hat. Man merkte ihm in jeder Situation an, dass ihm genau das fehlt, was ihn früher immer stark gemacht hat: Sehr viel Selbstvertrauen. Wenn er früher einen Haken gemacht und dann aufs Tor geschossen hat, versucht er nun, den freien Mann zu sehen. Das Problem: Es dauert zu lange. Wenn Pantelic ihn sieht, mit sich selbst ausgemacht hat, dass er jetzt tatsächlich abspielt und das dann motorisch umzusetzen versucht, ist der freie Mann gedeckt. Das war nicht nur in Stuttgart, sondern auch schon in Cottbus so. So hilft er der Mannschaft – so leid es mir tut – nicht weiter.

Nach dieser Niederlage ist es das Wichtigste, jetzt nicht ins Grübeln zu kommen oder an der Mannschaft zu zweifeln. Nicht alles über den Haufen zu werfen. Man könnte das Team sogar damit motivieren, indem man sagt: „Das wollen die doch alle nur!“ Aber darum geht es gar nicht. Niemand konnte ernsthaft erwarten, dass Hertha jetzt alle Spiele bis zum Saisonende gewinnt. Die von Joe Simunic ausgerufenen acht Siege aus zwölf Spielen sind immer noch realitisch erreichbar und ein lohnenswertes Ziel. Es gibt keinen Grund die Einstellung zu Hertha zu verändern. Denn es war das erste Mal in 2009, das erste Mal im achten Spiel, dass sie eine Niederlage wirklich verdient hatte. Weil Stuttgart an diesem Tag einfach die zwei Tore besser war. Weil viele Herthaner einen schlechten Tag hatten. Weil der Schiedsrichter den Elfmeter…nein, den Schuh brauchen wir uns nicht anzuziehen.

Wer jetzt zweifelt, hat das System Favre nicht verstanden. Fehler sind menschlich, weshalb auch die beiden Gegentore wieder etwas pädagogisch Wertvolles an sich hatten. Man hatte ja schon gedacht, ein Simunic wäre unfehlbar. Er wird allerdings nicht – wir früher vielleicht – an sich zweifeln, sondern einfach noch ein Stück härter an sich arbeiten. Das ist der Unterschied zur alten Hertha. Die Bundesliga wird sich noch wundern.

Und der Wind wird sich auch wieder verziehen…

Lesempfehlung: Michael Rosentritt bringt es im Tagesspiel auf den Punkt: „Hertha ist einen Tick zu cool“

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Drei Minuten im Mai

18. Februar 2009

Dass Lucien Favre in der Schweiz zweimal mit dem FC Zürich Meister wurde, war mir bekannt. Nicht jedoch, auf welche Art und Weise. Ausgangsposition vor dem letzten Spieltag: Tabellenführer FC Basel (75 Punkte)  reicht am letzten Spieltag ein Unentschieden gegen den Tabellenzweiten aus Zürich (72), um Meister zu werden. Bei einer Niederlage gegen den von Lucien Favre trainierten FC, würde dieser wegen des besseren Torverhältnisses doch noch vorbeiziehen. Bis zur 92. Minute steht es 1:1…

Update: Hab grad gesehen, dass Bild das auch macht. Ist aber wirklich Zufall.

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Jaroslav Drobny – vom Verfluchten zum Heiligen

22. Dezember 2008

Als Jaroslav Drobny vor eineinhalb Jahren ablösefrei vom VfL Bochum zu Hertha wechselte, fragte ich mich zunächst einmal, wie Dieter Hoeneß das hinbekommen hatte. Denn der damals 28-Jährige wurde auch von Celtic Glasgow umworben und eigentlich wunderte es mich, dass die anderen Bundesligaklubs keine Notiz von ihm genommen hatten.

Drobny war erst im Frühjahr 2007 zu den abstiegsbedrohten Bochumern gewechselt, nachdem er es zuvor nicht geschafft hatte in der englischen Premier League Fuß zu fassen. Über die Stationen Budweis (Tschechien), Athen, Fulham, Den Haag und Ipswich Town landete der damals vertragslose Torwart im Hafen des Bundesliga-Abstiegskampfes  und stieg dort sofort zum Leistungsträger, mehr noch, zu einem der besten Torhüter der Bundesliga-Rückrunde auf. Dieter Hoeneß hatte Drobny offenbar früh auf dem Zettel, was vor allem daran gelegen haben mag, dass neben dem Vor- und Nachnamen des Torhüters groß und rot das Wort „ablösefrei“ gestanden haben muss. Spieler, die diesen Stempel tragen und noch dazu überragende Leistungen bringen, lassen bei Fußballmanagern natürlich die Augen leuchten. Dem Vernehmen nach hatte Drobny im Sommer 2007 allerdings nur drei Angebote vorliegen. Aus Bochum, Berlin und Glasgow. Britischen Fußball hatte Drobny bereits satt, Bochumer Abstiegskampf anscheinend auch, weshalb er sich relativ schnell und ohne großes Gefeilsche für die Hauptstadt entschied.

Dort hatte gerade ein Umbruch begonnen, ein neuer Trainer war verpflichtet, neue Spieler deshalb auch noch nicht geholt worden. Nur bei Drobny machte Manager Hoeneß eine Ausnahme, weil der Keeper und Bochum „Klarheit wollten“. Herthas Fans freuten sich. Endlich – so frohlockten einige (und auch ich) – brauchten sie keine Angst mehr vor Eckbällen zu haben. Eine der Situationen in der Prä-Drobny-Ära, die, vor allem wegen des geringen Größenmaß‘ vom bisherigen Stammtorhüter Christian Fiedler (1,80 m), den größten Herzinfarkt-Faktor in der Ostkurve innehatte. Lucien Favre kam und rief zunächst ein wenig überraschend einen echten Konkurrenzkampf aus. Sowohl Fiedler als auch Drobny durften in der Vorbereitung spielen. Zum Bundesligastart stand dann aber der Große zwischen den Pfosten, während der Kleine Wachstumshormone verschrieben bekam.

Dass die Bundesliga der englischen Premier League dann doch gar nicht so unähnlich zu sein schien, merkte man an Drobnys Leistungen. In seinem ersten Jahr war seine Quote für gehaltene Unhaltbare in etwa so hoch, wie die der guten Flanken von Sofian Chahed oder Mark Stein in der darauffolgenden Saison. Dabei hatte beim Pokalspiel in Unterhaching – seinem ersten Pflichtspiel – alles so gut begonnen. „Hertha Habemus Hexer“ titelte der Berliner Kurier sogar. Doch so magisch wie er begonnen hatte, so menschlich hielt er weiter. Und fiel dabei einem Phänomen zum Opfer, dass schon Oliver Kahn erlebt hatte. Auch Kahn hatte durch überirdische Paraden den Titan-Status erhalten und wurde fortan nur noch danach bewertet. Es ist eben das Schicksal eines jeden Sportlers nur an seinen besten Leistungen gemessen zu werden. Und weil Drobnys Maßstab in Bochum Kahnsche Höhen erreicht hatte und diese beim ersten Saisonspiel in Unterhaching zementiert wurden, kam nach dem ersten, sehr menschlichen, Jahr Unruhe auf. Selbst ich – der nun wirklich kein Fan von Christian Fiedler ist – beteiligte mich daran. Freunde, die mich seit Jahren kannten und meine (nicht immer sachliche) Kritik an der mangelnden Strafraumbeherrschung Fiedlers mitbekommen hatten, wunderten sich plötzlich darüber, dass ich in Erwägung zog, der CDU-Mann könnte die bessere Wahl sein (ähm…nein). Doch da ich zum großen Glück dieses/meines Vereins nicht der Trainer bin, blieb Drobny die Nummer Eins.

In der laufenden Saison ist er nun wieder dort, wo er damals schon war. Die Messlatte liegt wieder oben und Drobny, mit 29 gerade am Anfang des besten Torhüter-Alters, scheint die Stärke zu haben, sich nicht nur an ihr zu messen, sondern sie sogar Stück für Stück noch ein bisschen höher zu legen. Einen großen Anteil daran hat mit Sicherheit auch das Torwarttraining mit Enver Maric. Drobny hielt es zunächst für zu technisch, fand es wohl langweilig, immer gleiche Bälle immer und immer wieder zu fangen. Marics Philosophie ist es aber, dass ein Torwart die gleichen Bewegungsabläufe immer und immer wieder durchspielen muss, um sie zu perfektionieren. Als Drobny das verinnerlicht hatte, wurde er zu dem Torwart, der er schon damals war – allerdings ohne an diesem Punkt stehen zu bleiben.

Drobny hat nun eine halbe Saison überragende Leistungen gezeigt. Er wird – da bin ich mir sicher – sie in der Rückrunde bestätigen. Weil er gelernt hat, wie die Bundesliga, wie seine Mannschaft, wie ER funktioniert. Nur noch ganz selten fallen seine motorisch ungelenken Bewegungen auf, die eines Profisportlers eigentlich unwürdig sind. Aber entscheidend war es ja noch nie, wie man dabei aussieht, wenn man die Bälle hält. Hauptsache ist, man hält die Bälle. Mit dieser Philosophie wird man schließlich auch umjubelter Nationaltorhüter (obwohl Rene Adler auch in der B-Note abräumen würde…).

Die Entwicklung von Herthas Nummer Eins von einem Torwart, der große Sprünge versprach, damit aber anfangs nicht einmal bei den Bundesjugendspielen etwas gerissen hätte, zu einem Torwart, dem sein Trainer zutraut, übers Wasser gehen zu können, hat mir nicht nur imponiert, sondern auch gezeigt, dass man vor allem im Sport mit Vertrauen sehr viel erreichen kann. Drobnys Geschichte sollte man vielleicht auch mal allen Kritikern von Michael Rensing erzählen. Die Bayern würden einen großen Fehler machen, ihn schon nach der ersten – „nur“ durchwachsenen“ – Saison abzugeben.

Update: Drobny wurde vom Kicker hinter René Adler zum zweitbesten Bundesligakeeper der Hinrunde gewählt. Im Text wird er allerdings mit keinem Wort erwähnt.

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Von Schulden und Begehrlichkeiten

16. Dezember 2008

Nehmen wir mal an, ich will einen DVD-Abend veranstalten und dafür in meinen vier Wänden für Kinoatmosphäre sorgen. Ich benötige dafür einen Beamer und eine Dolby-Surround-Anlage. Die Wand ist schon vorhanden, da ich seit meinem Einzug nichts gegen die weiße Krankenhaus-Stilistik getan habe, außer ein paar Bilder aufzuhängen. Sie ist weiß. Ich schaue mich also um, wo bekomme ich möglichst günstig einen Beamer her und wo eine Anlage, die in den entscheidenden Momenten Gänsehaut verursacht? Für den Beamer mache ich sehr schnell eine Agentur ausfindig, die zwar nicht billig ist, aber bezahlbar. Ich leihe mir von dort ein Traumgerät, dass ich mir – würde ich es kaufen wollen – nicht leisten könnte. Als nächstes sorge ich für den Ton, ein Geschäft bietet an, eine zum Kauf stehende Anlage zunächst einmal zwei Tage auszuprobieren. Lediglich eine Anzahlung ist vonnöten, die ich im Anschluss wiederbekäme, sollte ich mich gegen sie entscheiden. Ich bin perfekt ausgestattet, meine Gäste sind begeistert und nehmen mit einigem Erstaunen mein kleines Heimkino zur Kenntnis. Man fragt nicht, wo die Geräte herkommen, man nimmt sie einfach so hin und regt an, doch nun in regelmäßigen Abständen Kino-Abende in meinem Wohnzimmer zu veranstalten. Ich weiche mit einem „Mal sehen“ aus und überschlage im Kopf, was es mich kosten würde, den Standard zu halten und womöglich hier und da noch zu verbessern (Stichwort: Beqeumes Sofa mit Platz für alle). Ich merke allerdings schnell, dass das meinen finanziellen Horizont übersteigt. Trotzdem sage ich kommenden Abenden nicht ab, sondern ermutige sogar zu Terminvorschlägen. Ich lebe über meine Verhältnisse.

Genauso scheint es Hertha BSC zurzeit zu ergehen. Mit Leih-Spielern wie Andrey Woronin, der vom FC Liverpool – dem aktuellen Tabellenführer der reichsten Liga der Welt – gekommen ist und Cicero, der immernoch seinem Ex-Klub Fluminense Rio de Janeiro gehört, hat sich der Berliner Bundesligist an die Tabellenspitze gespielt. Woronin würde das Gehaltsgefüge in neue Dimensionen heben, wenn Liverpool nicht einen Anteil davon bezahlen würde und Cicero soll etwas mehr als drei Millionen Euro kosten. Alles Geld, das Hertha in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht mal eben so ausgeben kann. Das wird vor allem dann deutlich, wenn man sich die Transferbilanz der letzten Jahre anschaut.

Als der Verein endlich einmal auch finanziell von seiner Jugendarbeit profitierte, also in loser Reihenfolge die Spieler Kevin-Prince Boateng, Malik Fathi, Jerome Boateng und Christopher Schorch für knapp 14 Millionen Euro verkaufte und zusätzlich Gilberto und Christian Gimenez für insgesamt etwa 5 Millionen loswurde, war dringend benötigtes Kapital endlich vorhanden, um dem neuen Trainer eine Mannschaft nach seinen Vorstellungen zusammenzustellen. Mit den Brasilianern Raffael und Lucio, den Schweizern von Bergen und Lustenberger, dem Serben Kacar, dem Amerikaner Arguez und dem ausgeliehenen Tschechen Skacel wurden bereits in der letzten Saison mehr als 12 Millionen reinvestiert.

In diesem Jahr gelang es dem Manager dann immerhin noch einmal knapp 3 Millionen Euro für die Spieler Okronkwo, Lima, Lakic und Cubukcu einzunehmen. Dem gegenüber stehen allerdings Ausgaben für die Stürmer Chermiti und Domovchyiski, die Verteidiger Kaka und Rodnei, sowie Mittelfeldspieler Nicu und die Leihgebür für Cicero – alles zusammen etwas mehr als 6 Millionen Euro. Hinzu kommt das Gehalt von Andrey Woronin, das allerdings, wie schon erwähnt, von Liverpool mitgetragen wird. Unter dem Strich bleibt von den Transfereinnahmen nichts mehr übrig, im Gegenteil. Und da Hertha nach wie vor mit mal mehr, mal weniger als 30 Millionen Euro in der Kreide steht und wegen Vorab-Deals in Zukunft keine großen Einnahmen zu verzeichnen hat, sind große Sprünge nicht unbedingt geboten.

In diese Situation hinein spielt Hertha die beste Hinrunde der Vereinsgeschichte. Das weckt Begehrlichkeiten. Man darf allerdings hoffen, dass die Hertha-Oberen aus den Fehlern von damals, den Zeiten der Qualifikation zur Champions League, gelernt haben. Das ein Lernprozess eingesetzt hat, zeigt zumindest schon der Leih-Vertrag von Cicero. Der Brasilianer ist an Hertha bis zum Jahr 2010 ausgeliehen. Danach kann Manager Hoeneß – sofern er dann noch im Amt ist – die Kaufoption ziehen. Der Verein hat also noch bis zur WM in Südafrika Zeit, die etwas mehr als drei Millionen Euro für den neben Kacar im Mittelfeld überragenden Mann der Hinrunde aufzutreiben. Das sollte auch angesichts der positiven Entwicklung der Mannschaft nicht das Problem sein. Viel schlimmer ist in Berlin der neue TV-Vertrag aufgenommen worden, nach dem Hertha 7,5 Millionen anscheinend eingeplante Euros fehlen. Da kann man sich wieder fragen: Warum plant der Verein mit Einnahmen aus Verträgen, die zum Zeitpunkt der Planung noch nicht geschlossen waren? Was die Peanuts aus dem UEFA-Cup angeht, ist man doch auch immer so vorsichtig herangegangen und hat nur die erste Runde in die Bilanzvorschau eingerechnet…

Jetzt muss also wieder gespart werden und die Experten um Finanzboss Schiller haben sich Erstes an den Personaletat gesetzt. Dieser ist mit kalkulierten 31 Millionen Euro für einen ambitionierten deutschen Erstligisten schon erstaunlich klein. Wie verträgt sich also das ohnehin schon hohe Anspruchsdenken der sportlichen Führung mit den finanziellen Möglichkeiten des Vereins? Es scheint fast so, als gingen die Ansichten da weit auseinander. Es stellt sich die Frage: Wie soll man gleichzeitig einen der Mannschaft unheimich guttuenden und keinesfalls abwanderungswilligen Andrey Woronin halten, den Vertrag mit Kapitän Arne Friedrich verlängern, die Kaufoption für Cicero ziehen, möglicherweise doch Marko Pantelic behalten und die Mannschaft zusätzlich noch punktuell verstärken? „Alles geht nicht“ hat Präsident Werner Gegenbauer vor ein paar Tagen gesagt. Also heißt es jetzt Prioritäten zu setzen.

Daher wird Publikumsliebling Pantelic den Verein – wenn irgendwie möglich – bereits im Winter verlassen. Das freiwerdende Gehalt (1,5 Millionen) wird brüderlich auf den neuen Brasilianer Junior Cesar und Arne Friedrich verteilt, der dann neuer Spitzenverdiener ist. Die hoffentlich hohe Ablöse wird dann in die Bilanz gesteckt. Desweiteren muss Hoeneß hoffen, dass sowohl der Bulgare Domovchyski, als auch der Tunesier Chermiti in der Rückrunde voll einschlagen, um einen Verbleib von Woronin nicht zwingend notwendig zu machen. Das ist nicht unmöglich, aber dafür muss wirklich alles passen – so wie in der Hinrunde. Und damit kommen wir zum Dilemma der Berliner Situation. Die Mannschaft kann fantastischen Fußball spielen, sie kann hinten sicher stehen und vorne toll kombinieren. Sie kann Tore schießen und die taktischen Vorgaben des Trainers umsetzen. Sie kann das aber auch alles einfach nicht tun, wie in den Spielen gegen Bayern (1:4), Bremen (1:5), Cottbus (0:1) und Schalke (0:1). Wie in den Spielen gegen Bielefeld (1:1), Leverkusen (1:0) und Hamburg (2:1). Wie immer wieder vereinzelt in fast allen anderen Spielen außer dem Auftaktsieg in Frankfurt (2:0). Immer wieder zeigt dieses Team Schwächen, die in anderen Zeiten, wenn das Glück gerade mal kein Hertha-Trikot anhat, zu Niederlagen führen können. Und die Frage aller Fragen ist, ob sie sich – so wie in der Hinrunde – aus diesen Situationen auch dann noch befreien kann, wenn Spieler wie Pantelic oder Woronin nicht mehr dabei sind.

Der Mann, der mir Hoffnung macht, dass es auch ohne sie gelingen kann, sitzt bei Hertha auf der Bank und heißt Lucien Favre. Was der Schweizer in Berlin leistet, ist mit Worten eigentlich nicht zu beschreiben. Denn auch wenn Hertha in dieser Hinrunde wirklich viel Glück hatte, hat das Auftreten der Mannschaft in anderen Situationen als den oben beschriebenen immer wieder gezeigt, dass dieses Glück nicht geschenkt, sondern erarbeitet ist. Es steckt System dahinter, wie Hertha agiert. Wie Hertha kombiniert. Und defensiv verschiebt. Vielleicht schafft dieser in der Öffentlichkeit manchmal ein wenig bieder wirkende Schweizer es tatsächlich, in Berlin nicht nur ein Personaletatschrumpfen, einen Publikumsliebling-Transfer, eine Führungs- und die Finanzkrise zu überstehen, sondern sogar den doch sehr optimistischen Drei-Jahresplan von Manager Hoeneß zu erreichen. Ich sage es gleich vorweg: Ich bin ihm nicht böse, wenn er das Ziel, um die Meisterschaft mitzuspielen, schon in diesem Jahr erreicht. Aber selbst wenn es nicht mal in der nächsten Saison damit klappt, hat Favre in Berlin etwas geschafft, was ich seit ich Hertha-Fan bin, hier noch nicht gesehen habe: Eine modern spielende und taktisch auf hohem Niveau agierende Mannschaft zusammenzustellen, bei der es richtig Spaß macht, zuzuschauen.

Vielleicht merken die Berliner Zuschauer das ja in der Rückrunde auch irgendwann mal und kommen nicht nur ins Stadion wenn der Gegner Hoffenheim, Bayern, Istanbul oder Liverpool heißt.

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Scholl führt Favre vor

4. Dezember 2008

Mehmet Scholl war vor gar nicht allzu langer Zeit ein großer Fußballer. Scholl gewann zahlreiche deutsche Meisterschaften, den DFB- und Uefa-Pokal, die Champions League. Dass er die Nationalmannschaft nie zu einem Titel führte, lag eigentlich nur an seinen ständigen Verletzungen und dem Pech ausgerechnet dann einmal fit gewesen zu sein, als Erich Ribbeck Nationaltrainer war. Man kann trotzdem sagen, dass Scholl mit Fug und Recht von sich behaupten kann, zumindest mitgehalten zu haben. Am Mittwochabend – der mittlerweile 38-Jährige arbeitet als TV-Experte in der ARD – sagt Scholl viele, für einen TV-Experten ungewöhnliche Dinge. Zum Beispiel dies: „Es sieht so aus, als könnten zwei, drei Spieler von Hertha das Niveau nicht mitgehen.“

Da waren 45 Minuten gespielt im Uefa-Cup-Duell zwischen Hertha BSC und der HeimGastmannschaft von Galatasaray Istanbul und die Berliner hatten eine Lehrstunde des internationalen Fußballs bekommen. Dass es noch 0:0-Unentschieden stand, hatte Hertha nur seinem Torwart Jaroslav Drobny zu verdanken. Mehrfach musste der Tscheche den Ball vor dem Überschreiten der Torlinie retten, was ein Großteil der Fans im mit  62.612 gefüllten Olympiastadion mit dem türkischen Ausdruck für Enttäuschung quittierte. Die Berliner Fans hatten ihren türkischen Freunden das Stadion weitestgehend überlassen, sodass sich vor allem der Brasilianer Lincoln wie im heimischen Ali Sami Yen gefühlt haben muss. Der ehemalige Schalker gestaltete sich sein Spiel, als wollte er einen hämischen Gruß nach Enschede senden. Dort mangelte es seinen ehemaligen Kollegen wie schon zuletzt an kreativen Impulsen aus dem Mittelfeld – Schalke verlor mit 1:2.

Lincoln verlor nicht, was auch an den „zwei, drei“ Herthanern lag, die, laut Scholl, nicht mithalten konnten. Angesprochen fühlen dürften sich alte Bekannte wie Sofian Chahed, Mark Stein oder Patrick Ebert, wobei letzterer nach Verletzungspause sein erstes Spiel von Anfang machte und zu Beginn der Saison immer zu den besten Berlinern zählte. Doch wenn sich ein Trainer für die Viererkette entscheidet, dann braucht er auch starke, schnell den Ball verarbeitende und wieselflinke Außenverteidger vom Typ Lahm, Rafinha oder Beck. Hertha hat Sofian Chahed, der sicher oft unterbewertet wird, der aber trotzdem öfter Probleme hat einen Pass an den Mann zu bringen, als ein ukrainischer Schleuser. Und Hertha hat Mark Stein – Chaheds Gegenstück auf links. Hochtalentiert, aber noch lange nicht da, wo man als Außenverteidiger einer guten Mannschaft sein muss.

Eine große Mitschuld an der Niederlage muss sich auch Lucien Favre auf die schweizer Fahne schreiben lassen. Es war erstaunlich zu sehen, wie sich ein hochqualifizierter Fußball-Trainer bei der Analyse vor den TV-Kameras, welche – zugegebenermaßen – für ihn ungewohnt ist, um Kopf und Kragen redet. Scholl bemängelte die fehlende Aggressivität der Herthaner, Favre widersprach und schob die Niederlage auf die schwache Balleroberung. Dass beides unmittelbar zusammenhängt, versuchte Scholl dann zwar noch zu erklären, Favre blieb aber unbelehrbar. Dabei gab es einige Szenen, die genau dies bewiesen und vor allem zeigten, dass einige Spieler sich schon besser wähnten, als sie eigentlich sind. Beispiel Raffael: Der Brasilianer spielte bisher in der Schweiz, wo sehr kulturgemäß, ein eher gemächlicher Fußballstil geprägt wird. Um diesen in der Bundesliga abzulegen, hat Raffael fast ein Jahr gebraucht und dachte wohl, er wäre jetzt vollkommen. Doch was passiert, wenn der gegnerische Spieler nicht nach einem Haken wegbleibt, sondern nachsetzt, wie es die Türken mehrfach praktiziert haben, hat man gestern gesehen. Selten zuvor verlor der Brasilianer so viele Bälle im direkten Zweikampf.

Favre sollte dann erklären, wie es zu der Niederlage kam, erwähnte eine „Unterzahl im Mittelfeld“, woraufhin Scholl blitzschnell die Chance nutzte, um seine These einzuwerfen: „War es, weil ihr mit zwei Stürmern gespielt habt?“ Favre schüttelte zunächst den Kopf, abwehrend, fast pikiert. Nur um dann genau das zu bestätigen. Es stellt sich die Frage, warum er dann nicht früher reagiert hat? Favre wartete bis zur Halbzeit und brachte dann – statt einen Mann mehr ins Mittelfeld zu stellen – Steve von Bergen für den angeschlagenen Sofian Chahed. Hätte hier nicht die Chance auf eine Dreierkette bestanden, die einen Mann mehr im Mittelfeld bedeutet hätte?

Der mit Spannung erwarteten Frage, warum Favre Pantelic ausgewechselt habe, wich der Schweizer sehr uncharmant aus: „Ich musste etwas ändern, es gab keinen Grund.“ Natürlich gab es einen. Pantelic agierte unglücklich, hätte sich oft viel schneller vom Ball trennen müssen und entschied sich zu häufig für den Fernschuss, statt nochmal den Ball quer zu legen. Das hätte er – ohne den Streit neu anzufachen – erklären können. Und hätte vermutlich sogar etwas Schärfe aus der Diskussion genommen. So klang es wieder so, als musste der Serbe zuerst raus, weil er – Favre – ihn am wenigsten mag.

Interessant wäre es noch gewesen, eine Anmerkung Scholls aus der Halbzeitpause aufzugreifen. Dort hatte Scholl beobachtet, dass Hertha erst um 20.13 aus der Kabine gekommen war. International kundige Profis wissen, dass das Fenster zum Warmmachen bei Uefa-Spielen genau von 20.05. bis 20.35 Uhr geöffnet ist. Hertha hat also acht Minuten verschenkt, was Scholl nicht bewertete, sondern nur anmerkte, dass er es immer lieber mochte, wenn er ein paar Minuten Zeit hatte.

So blieben am Ende mehrere Erkenntnisse:

1. Vor dem 18. Dezember – dem Finalspiel um den Einzug in die KO-Runde in Piräus – sollte „internationale Härte“ auf dem Trainingsplan stehen. Denn wie Galatasaray den Berlinern immer wieder den Schneid abkaufte, war teilweise eine Vorführung.

2. Hertha braucht dringend neue Außenverteidiger bzw. Alternativen auf diesen Positionen. Mark Stein und Sofian Chahed können nicht den Ansprüchen von Favre genügen. Und Steve von Bergen sollte auf Stürmer umschulen. Rund um den eigenen Strafraum ist er eine zu große Gefahr.

3. Marko Pantelic und Andrey Woronin scheinen nicht zusammen zu passen. Das erinnerte an die Zeiten von Daei und Preetz. Pantelic muss sich außerdem öfter vom Ball trennen. Gegen Galatasaray war er ein Fremdkörper im Hertha-Spiel, machte nur sein eigenes Ding.

4. Hertha hat mal wieder eine Chance vergeben, sich deutschlandweit zu präsentieren. Als die Mannschaft plötzlich aufwachte und Riesenchancen, sowie zwei Elfmeterwürdige Szenen produzierte, waren vermutlich die Hälfte der Zuschauer schon zu Peter Zwegat übergelaufen. Die eher peinliche und sehr zugeknöpfte Vorstellung von Favre im Anschluss habe dann hoffentlich nur noch ich gesehen…

5. Mehmet Scholl ist eine Wohltat für die ARD!