Posts Tagged ‘EM 2008’

h1

Auf zur Safari 2010

2. Juli 2008

Montagmorgen beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl. Ich saß auf der Arbeit und war – für mich erstaunlicherweise – hochkonzentriert. Einen Tag zuvor hatte die deutsche Nationalmannschaft, meine Nationalmannschaft, den EM-Titel hergeschenkt. Ich hatte von mir erwartet, dass mich das noch Tage beschäftigen würde. Um ehrlich zu sein, hatte ich aber bereits am Montagmorgen das Gefühl, die EM sei bereits seit einer Woche vorbei. Oder zumindest seit dem packenden Halbfinalerfolg gegen die Türkei. Trauer, Enttäuschung oder gar Wehmut empfand und empfinde ich auch heute noch nicht.

In den letzten Tagen habe ich versucht zu verstehen, woran das liegt. Zum einen hat mich der Arbeitsstress mehr als bei allen anderen großen Turnieren „geplagt“. Zweimal, nach der enttäuschenden Niederlage gegen Kroatien und nach dem Finale gegen die Spanier, musste ich am nächsten Tag arbeiten oder ein Referat halten – im Nachhinein wohl ein schlechtes Omen. Andererseits konnte ich so wenigstens die Siege ausgiebig feiern, wenn ich auch am nächsten Morgen um Acht bereits in der Vorlesung sitzen musste. Ich hatte also nie wirklich Zeit, die Niedelagen zu analysieren und zu verarbeiten. Nach dem Spanien-Spiel half mir wenigstens eine Partie Pro Evolution Soccer, die Niederlage einzugestehn (die ich bezeichnenderweise mit Deutschland gegen Spanien mit 1:2 nach Verlängerung verlor. Spätestens da war mir klar, dass „wir“ bei diesem Turnier einfach nicht dran waren).

Ein weiterer Punkt war – wie schon bei der WM 2002 – der, dass die deutsche Elf diesen Titel, so leid es mir für Michael Ballack tut, nicht verdient hatte. Die ganze Welt war für Spanien und freute sich am Ende darüber, dass Gary Linekers Spruch 2008 nicht zutraf – am Ende eben doch nicht wieder die Deutschen gewannen. Anders als die Türken, bei denen der EM-Titel eine große Überraschung gewesen wäre, hätte sich die Fußball-Welt bei einem deutschen Erfolg enttäuscht von dieser EM abgewendet und „uns“ mit unserer Freude alleine gelassen. Ich will so einen Titel nicht. Ich will, dass die Leistung der deutschen Elf anerkannt wird. Und das wurde sie leider nicht – obwohl sie es spätestens nach dem Portugal-Spiel verdient gehabt hätte.

Es ist eine Krux mit dem deutschen Fußball. „Selten schön, aber meistens erfolgreich“ beschreibt ihn wohl am besten. So viele EM- und WM-Finals, wie der deutsche Durchschnittsfan erlebt doch sonst niemand. Wir sind der FC Bayern des endenden letzten Jahrtausends, bei dem man sich einen Ast ablachte, wenn er mal nur Zweiter wurde. Und bei dem man den Fußballgott in Frage stellte, wenn er ihm in der 94. Minute den Titel zukommen ließ. Allerdings mit der Ausnahme, dass der deutsche Spieler-Fundus nicht mit italienischen und französischen Weltklasse-Fußballern aufgefüllt werden kann. Und es deshalb für uns Deutsche bei jedem Turnier aufs Neue eine besondere Leistung ist, in ein Finale zu kommen – was der Rest der Fußball-Welt allerdings nicht versteht, weil das für sie so etwas wie den Normalfall darstellt.

Natürlich hätte ich mich gefreut, hätte meinen ersten bewusst miterlebten Titel überschwänglich gefeiert (1996 war ich in einem Zeltlager „interniert“, wo sie das Feiern auf den Jubel nach Bierhoffs zweitem Treffer beschränkte) und alle Kritiker am Titelgewinn der Deutschen Elf gefragt, wo denn die über den Klee gelobten Holländer, Portugiesen oder Russen geblieben sind. Spätestens am Montagmorgen allerdings wäre mir beim Aufstehen wohl die deutsche Brille vom Kopf gefallen und ich wäre im wahrsten Sinne des Wortes aufwacht.

Der deutsche Fußball hatte diesen Titel (noch) nicht verdient. Der Pokal hätte wie schon 1996 weiterhin bestehende Missstände verdeckt. Das Ziel ist noch lange nicht erreicht. Es ist nun die Aufgabe des DFB und natürlich vom Trainerteam um Jogi Löw die deutsche Nationalmannschaft und mit ihr den deutschen Fußball noch einmal zu einem Kraftakt zu motivieren. Nach dem Sommermärchen und der Bergtour wird das Ziel nun eine Safari nach Südafrika sein. Ein entscheidender Vorteil gegenüber anderen Ländern könnte dabei die Arbeit von Jürgen Klinsmann beim besten deutschen Klub sein. Wenn die Spieler dort das Training erfahren, das bei der Nationalmannschaft seit 2004 durchgeführt wird, dann wird das einen Qualitätssprung zur Folge haben, dem sich die anderen Bundesligateams nicht entziehen können, wollen sie mit dem FC Bayern mithalten.

Und wenn „wir“ ganz viel Glück haben, wird diese Trainingsarbeit in der Bundesliga bereits in zwei Jahren große und reichhaltige Früchte tragen. Nicht nur Michael Ballacks „Odyssee“ wäre dann endlich vorbei, sondern auch die, des nur wegen seines unverschämten Glücks geachteten, deutschen Fußballs. In der Hitze von Südafrika, dem „schönsten Ende der Welt“, könnte sich der deutsche Fußball noch einmal häuten und weiterentwickeln. So, dass am Ende ein Titel dabei rausspringt, den die Fußball-Welt – und ich – als verdient ansieht.

h1

Türkei wird verdienter Dritter…

30. Juni 2008

Im kleinen Finale der EM 2008 bezwingen die Türken die Russen 3:2 – selbstverständlich nach Rückstand

Mucki Scheiwe

BERN. Halbmond – von wegen. Wider den Worten der Wetterfee regnet es natürlich um, am und im Wankdorf-Stadion zu Bern. Das alte, legendäre Wankdorf-Stadion musste einem Neubau weichen, aber irgendwo da oben hat Fritz Walter eben vor 54 Jahren seine dunkle Wolke fest vertäut. Und rollt hier unten der Ball über historisches Grün, werden immer noch alle nass. An diesem Abend sind es die Türken und die Russen. Kein Halbmond – ein gutes Omen für Hammer und Sichel?

Mehr bei der Berliner Zeitung (via Indirekter Freistoß). Sehr geil!

h1

Briefwechsel Teil 3

27. Juni 2008

Und es geht weiter. Das Finale steht fest, Deutschland trifft auf Spanien. Dass Polen schon raus ist, und bis auf eine auch die anderen drei Nationen, deren Flagge mein „Brieffreund“ Patrick aus dem Fenster gehängt hat, ficht ihn nicht an. Er erhebt die Vielnationalität vielmehr zu einer Tugend. Außerdem fragt er nach dem philosophischen Nutzen des Fußballs und stellt den Musikgeschmack der deutschen Elf in Frage.

Das alles (und noch viel mehr) im Briefwechsel rechts bei den Extra-Seiten oder einfach klicken.

h1

Ballack 2.0

26. Juni 2008

Er hat sich zurückgenommen. Ist im Hintergrund geblieben. Man könnte fast sagen, er hat die anderen „Mal machen lassen“. Nein, Michael Ballack hat wirklich nicht sein bestes Spiel im Trikot der Nationalmannschaft gemacht. Doch es sei ihm verziehen, weil man davon ausgehen kann, dass der Kapitän lediglich dabei ist, einen gewaltigen Anlauf zu nehmen, für das Finale, für sein Finale, für den ersten richtig großen Titel.

Das Märtyrium des Michael Ballack begann am 20. Mai 2000. Es lief die 21. Spielminute im Sportpark des Münchener Vororts Unterhaching, als der in Görlitz geborene Mittelfeldspieler zu einer verhängnisvollen Grätsche ansetzte. Wie es in seiner Karriere noch oft passieren sollte, prallte der Ball von seinem Fuß ins Tor. Doch weil sich Ballack im eigenen Strafraum befand, führte der krasse Außenseiter gegen die von Christoph Daum trainierten Leverkusener, die über die gesamte Spielzeit so zittrig wirkten, wie ein Junkie, der kurz vor lang ersehnten nächsten Schuss steht. Lang ersehnt war auch der Titel für Bayer. Doch an diesem Tag war das Zittern zu stark, die Mannschaft – und mit ihr Michael Ballack – war nicht bereit für den letzten Schritt.

Vier Jahre später, am 27. April 2002, war das Bayer-Team mehr als bereit. Es hatte die Bundesliga dominiert, den schönsten Fußball gespielt, war drei Tage zuvor ins Champions League Finale eigezogen und das Pokallendspiel in Berlin hatte es ebenfalls erreicht. Drei Titel waren möglich, zwei Finalspiele und genausoviele Bundesligaspiele standen noch aus. Michael Ballack war der überragende Mann im Bayer-Trikot. Doch auch er konnte die 0:1-Niederlage im Nürnberger Frankenstadion an diesem Aprilnachmittag nicht verhindern. Sein Team verlor die Tabellenführung an Borussia Dortmund und wurde am Ende Zweiter.

Ob es die Berichterstattung in der Presse war, die – im Einklang mit den Fans in Nicht-Leverkusen – von „Vizekusen“ sprach und schrieb, ist im Nachhinein nicht mehr zu rekonstruieren. Fakt ist, dass das Glück die Leverkusener und mit ihnen auch Michael Ballack verlassen hatte. Sowohl das Pokalfinale gegen Schalke ging verloren, als auch das Champions League Finale gegen Real Madrid. „Der ewige Zweite“ war geboren, aber Ballack, den dieser Titel von nun an, auch in München bei den Bayern, begleiten sollte, kämpfte dagegen an.

Es liegt nicht an ihm, dass die drei deutschen Meisterschaften und vier Pokalsiege, die er in seiner Münchener Zeit gewann, nicht an ihm festgemacht wurden. In München war er stets nur der, „der eigentlich mehr kann.“ Die 44 Tore, die er als (defensiver!) Mittelfeldspieler machte, seine Präsenz, die ihn später – beim FC Chelsea und in der Nationalmannschaft – ausmachte, seine Kopfball- und Führungskraft, alles Dinge, die an der Säbener Straße nie in angemessener Weise gewürdigt wurden. Dafür aber vermisst, als er den nächsten Schritt ging. Nach England.

Ballack hatte zu kämpfen, sowohl mit der schnelleren Spielweise der Premier League, als auch und vor allem mit seinem Körper. Eine Verletzung, die vom Verein nicht als solche anerkannt wurde, schadete seinem Image und sorgte dafür, dass er wieder dort anfangen musste, wo er 1998 in Kaiserslautern angefangen hatte: Als einer von vielen, dem man zwar nachsagte, er sei ein Großer, dem man es aber nicht wirklich zutraute, das auf dem Platz auch zu zeigen. Doch Ballack reagierte auf seine Weise und kam zurück. Plötzlich stand da ein Spieler auf dem Platz, der nicht nur die Fähigkeiten hatte, die ihm ohnehin schon immer nachgesagt wurden, sondern der plötzlich auch mit ausgefeilter Technik und einer ihres gleichen suchenden Spielübersicht brillierte. Ballack 1.1. führte das trainerlose Chelsea ins Champions League Finale, wo sich fast auf den Tag genau sechs Jahre nach der Niederlage gegen Real Madrid ein Kreis schließen sollte. Ballack war jetzt nicht nur bereit, sondern vor allem reif für den Titel. Wäre der Gewinn des Pokals 2002 noch eine Sensation gewesen und für seine Karriere vielleicht sogar schädlich, war er 2008 der nächste Schritt in seiner Karriere. An diesem Abend in Moskau wollte Michael Ballack es all jenen zeigen, die ihn bereits als ewiges Talent abgestempelt hatten. Doch Ballack hatte die Rechnung ohne Engländer und Franzosen gemacht. John Terry traf nur den Pfosten, Nicolas Anelka scheiterte an Edwin van der Sar – und wieder jubelten nur die anderen.

In der Nationalmannschaft befürchtete man im Anschluss daran, sich nun mit einem gebrochenen Kapitän in die Europameisterschaft stürzen zu müssen. Doch Ballack, dessen ewige Vizeness in den Medien erstaunlich wenig behandelt wurde, hatte die Niederlage mindestens genauso erstaunlich gut verarbeitet. Man könnte auch sagen, er ist ja geübt darin. Doch mit welcher Leichtigkeit und Selbstsicherheit der „Capitano“ bisher bei dieser EM aufgetreten ist, hat wirklich schon Ronaldinho-eske Züge. Ballack lächelt Fehler einfach weg und vertraut auf die Stärke seiner Mannschaft – und auf sich selbst.

Gegen die Türkei konnte er sich mal wieder darauf verlassen. Ballack selbst hielt sich wie erwähnt weitestgehend zurück, vielleicht wollte er auch nur mal sehen, wie die Mannschaft reagiert, wenn er es tut. Michael Ballack weiß nun, dass die deutsche Elf, seine Mannschaft, wenn es darauf ankommt, präsent ist. Dass sie immer und zu jeder Zeit ein Tor erzielen kann und vor allem über den Kampf zum Spielen kommt und übers Spielen ins Spiel findet. All das also, was auch schon sein Vereinsteam ausmacht. Doch was für Ballack am wichtigsten sein wird, ist die Tatsache, dass er keine Angst vor dem Elfmeterschießen zu haben braucht. Kein Engländer, kein Franzose und auch kein holländischer Torhüter könnte ihm im Ernstfall den Titel entreißen.

Michael Ballack weiß, dass er sich auf seine Mannschaft verlassen kann. Trotzdem wird er das EM-Finale, wie auch immer der Gegner heißen wird, zu seinem machen. Damit sich der Kreis endlich schließt. Und Ballack endlich den nächsten Schritt machen kann. Ballack 2.0 ist nicht nur bereit. Nicht nur reif. Michael Ballack ist fällig! Der Titel ist seiner…

h1

Der Zuschauer, das abartige Wesen

22. Juni 2008

„Gibt es einen Zwiespalt zwischen Reporter und Fan?

Ja. Aber ich bleibe dabei: Der Reporter, auch wenn er die deutsche Nationalmannschaft beobachtet, darf kein Fan sein, er ist nach wie vor Reporter und Journalist. Ich will da keinen Fan hören. Die Zuschauer finden das vielleicht schön – ich nicht.“ (Hervorhebung von mir, gefunden beim Indirekten Freistoß)

Soso, der ehemalige ZDF-Moderator Michael Palme hebt sich in der Taz vom „Zuschauer“ ab, hält sich wohl für was Besseres. Das alte Problem des Journalismus wird hier mal wieder deutlich, dass Journalisten nicht für ihre Zuschauer arbeiten, sondern für ihre eigenen (fragwürdigen?) Ideale. 

Wenn man mich fragt, sind Emotionen bei Spielen der Nationalmannschaft und Europapokalspielen mit deutscher Beteiligung vollkommen in Ordnung, weil sie zeigen, dass der Mann (oder vielleicht auch irgendwann einmal die Frau), der da hinter dem Mikrofon sitzt, irgendwo auch nur ein Zuschauer und damit „einer von uns“ ist. Solange Kommentatoren nicht anfangen, Tatsachen zu verdrehen, wie der WDR-Chef und EM-Kommentator Steffen Simon gegen Portugal – der beim Tor von Michael Ballack partout nur einen „leichten Schubser“ des deutschen Kapitäns gesehen haben wollte.

Vielleicht ist das auch nur meine subjektive Sicht der Dinge, denn ich habe mir schon früher immer ganze Spiele noch einmal angeschaut, um zu sehen bzw. zu hören, wie die verschiedenen Kommentatoren die Szene kommentiert haben. Legendär ist für mich bis heute ein UEFA-Cup-Spiel von Schalke 04 gegen Inter Mailand. Nein, nicht das Finale 1997, sondern das Achtelfinale 1998. Das lief damals auf RTL, moderiert hatte Tom Bartels. Schalke hatte das Hinspiel in Brügge mit 0:1 verloren und schaffte es einfach nicht, zu Hause ein Tor zu erzielen, sodass es nach Ablauf der regulären Spielzeit 0:0 stand. Doch dann kam der legendäre Michael Goossens und schaffte es tatsächlich die Knappen in die Verlängerung zu bringen (wo Taribo West dann bereits nach zwei Minuten alle Hoffnungen wieder zerstörte und Schalke am Ende ausschied). 

Das Tor an sich hatte für mich damals schon Gänsehautcharakter, die Reaktion von Tom Bartels allerdings, verstärkte sie noch einmal um das Doppelte. Der Wortlaut war in etwa der: „DAS GIBTS JA NICHT!!! DAS IST JA UNFASSBAR!!!! MICHAEEEEEL GOOOOSSEENSSS!!!!!!! SCHALKE FÜHRT 1:0!!!“ Es ging noch ein bisschen weiter, leider gibt es den Ausschnitt nicht bei Youtube o.Ä. (wer ihn hat, bitte her damit!). Das mag für heutige Zeiten eine normale Reaktion gewesen sein, damals war es so besonders, dass das morgendliche Nachrichtenmagazin von RTL „Punkt 7“ (damals noch mit der betsssaubernden Katja Burkhard, der die „Sieben“ wesentlich besser über die Lippen kam, als das heutige „Zwölf“) darüber berichtete und den Ausschnitt noch einmal im Originalton zeigte. Fand ich damals großartig.

Michael Palme hat etwas dagegen:

„Ich kann mich noch gut an die 70er- und 80er-Jahre erinnern – die Einstellungen ändern sich ja auch im Laufe der Zeit -, da war es verpönt, als Reporter chauvinistisch für die deutsche Mannschaft zu schreien, das hat es nicht gegeben.“

Gut, aus welchen Gründen es verpönt war, für die deutsche Mannschaft zu schreien, kann man sich denken. Schön ist auf jeden Fall, dass Zeiten sich irgendwann ändern und der 1998 schon emotionale Tom Bartels jetzt auch bei der EM wieder für Gänsehaut gesorgt hat – obwohl da „nur“ die Türkei gegen Kroatien spielte (wer die Zeit hat, kann sich die letzte Minuten noch einmal in der ARD-Mediathek anschauen…vorspulen ist allerdings nicht möglich).

h1

Briefwechsel Teil 2

19. Juni 2008

Meine Antwort auf Patricks Brief rechts in der Leiste oder HIER!

h1

Jubel ja! Euphorie nein!

16. Juni 2008

1:0 gegen Österreich! Ham wa die verkloppt! Keine Chance hatten sie, die Ösis. Tja, schön wärs gewesen, wenn wir nach dem Spiel so würden reden können. Ich hatte nach dem Spiel keine wirkliche Lust zu feiern. Klar, ich freute mich über das Weiterkommen und die Tatsache, dass Cordoba auch die nächsten 30 Jahre von den Medien aufgegriffen wird, wenn es zum Duell zwischen uns und den Österreichern kommt – und nicht Wien 2008. Aber Euphorie mit Blick auf das Viertelfinale gegen Portugal? Wo soll die herkommen?

Die Portugiesen gehören zum Besten, was die Europameisterschaft bisher zu bieten hatte. Das kann man von der deutschen Elf – selbst mit gutem Willen – nicht behaupten. Bei Portugal befinden sich nahezu alle Spieler in Bestform, Christiano Ronaldo sorgt nicht nur für die Show, sondern auch für Tore und deren Vorlagen. Das Team von Joachim Löw sucht immer noch das Leistungsvermögen von der WM 2006, Michael Ballack hat zwar jetzt mal getroffen und wurde sogar zum Man of the Match gekürt, doch sind wir mal ehrlich: Der Freistoß war die einzige gelungene Aktion des „Capitanos“.

Einen Lichtblick hatte dieses Spiel der DFB-Elf: Philipp Lahm hatte in der zweiten Halbzeit gegen Kroatien schon angedeutet, dass er einer der wichtigsten Spieler sein könnte, wenn es darum geht, für Überraschungsmomente zu sorgen. Dies hat er gegen Österreich bestätigt. Wenn jetzt auch noch sein Spezi Bastian Schweinsteiger zurückkommt, dem Löw nach seinem eigenen Platzverweis unmöglich noch sauer sein kann, hat die deutsche Mannschaft eine starke linke Seite, die den „europäischen Brasilianern“ Kopfzerbrechen verschaffen könnte. Das Problem ist, dass es das dann auch schon war.

Die Abwehr um Metzelder und Mertesacker machte erneut keinen wahnsinnig sicheren Eindruck, Torsten Frings stand zum wiederholten Male bei dieser EM völlig neben sich. Und was ist eigentlich mit unserem „Traumsturm“? Miroslav Klose ist mittlerweile zum Mittelfeldspieler verkommen, der ab und an mal im Strafraum auftaucht, vor dem aber keine Defensive der Welt mehr Angst hat. Und Mario Gomez macht sich bereits völlig lächerlich, bevor er überhaupt dafür sorgen könnte, dass jemand vor ihm Respekt hat. Den VfB Stuttgart wird es freuen. 

Höhen und Tiefen hatte dagegen mal wieder Lukas Podolski. Der „Prinz“ war aber immer präsent, ich würde mir allerdings manchmal wünschen, dass er nicht jeden Ball, den er – sich frei wähnend – zugespielt bekommt, in Richtung Tor hämmert. Das hat ihn schon bei den Bayern seinen Stammplatz gekostet. Im DFB-Team wird ihm das freilich nicht passieren. Im Gegenteil, Poldi wird an seinen angestammten Platz neben Klose im Angriff zurückkehren, da sein Kumpel Schweini wieder fit ist. Der Leid tragende ist dabei nicht Gomez, der Stuttgarter hatte seine Chance, sondern Kevin Kuranyi, der sich den Platz im EM-Kader durch starke Leistungen in der Bundesliga und auch im DFB-Trikot verdient hatte und nun auf der Bank schmort. Kuranyi und die Nationalmannschaft, das scheint einfach nicht zu passen.

Ich würde gerne optimistisch in die Zukunft, genauer auf den Donnerstag, schauen. Allerdings fehlt mir dafür ein wenig der Glaube an diese Mannschaft. Vor zwei Jahren hätte ich hier noch alles dafür gegeben, damit die Euphorie um diese Mannschaft gesteigert wird, um den Halbfinaleinzug auch wirklich sicherzustellen. In diesem Fall muss ich aber ganz ehrlich sagen, würde es an ein Wunder grenzen, wenn Deutschland die Portugiesen schlägt. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist, wenn man nur die derzeitigen Leistungen vergleicht, so groß wie die vor dem Spiel zwischen Deutschland und Österreich für einen Sieg der Gastgeber. Allerdings hoffe ich natürlich und werde beim Spiel am Donnerstag vor dem Fernseher auch alles dafür geben, dass das Wunder eintritt und Deutschland ins Halbfinale kommt. Denn dort warten entweder die Kroaten oder die Türken. Beides nicht nur schlagbar, sondern auch hochbrisant.

h1

Briefwechsel

15. Juni 2008

Soeben erreicht mich ein Brief eines in Berlin lebenden Freundes. Patricks Blog findet ihr in der Blogroll oder HIER. In Zukunft ist der Briefwechsel rechts in der Navigation (unter Seiten->Briefwechsel) zu finden. Zunächst einmal die Einleitung zu dem, was wir die nächsten Wochen vor haben und im Anschluss Patricks literarisch-sportlicher „Erguss“:

Schluss mit lustig!

Die EM begeistert ganz Europa. Zeit die Tabuthemen anzusprechen. Es ist Zeit für Klartext. In einem regelmäßigen Mailwechsel, werden die beiden Blogger Daniel und Patrick sich einen literarischen Schlagabtausch liefern. Dabei veröffentlicht Daniel Patricks Texte in seinem Kabinenpredigt-Blog und Patrick Daniels Antworten wiederum in seinem Lapidarium-Blog. Völlig objektiv und gänzlich unpersönlich. Das versteht sich von selbst!

Hochverehrter Kollege, lieber Freund!

Die Fußball Europameisterschaft ist bereits im vollem Gange. Die Gruppenphase neigt sich ihrem Ende zu und ich bekomme endlich die Gelegenheit mich an Ihnen zu rächen. Unverschämterweise haben Sie mir vor zwei Jahren ein Geschenk aus reiner Boshaftigkeit und Hinterlist gemacht. Erinnern Sie sich noch? Das Büchlein mit dem beschämenden Titel „Fußball – Deutsch / Deutsch Fußball“ eines sehr bekannten und großen Wörterbuchherstellers sollte wohl mit voller Wucht auf eine von Ihnen bei mir diagnostizierte Fußballunfähigkeit hinweisen. Wie konnten Sie nur! Nicht genug, dass sich das Buch über jeden Leser auf fast schon perfide Weise lustig macht und Begriffe wie „Chancentod“, „Kopfball“ oder auch „rund“ erklärt, nein, weiter versucht der ziemlich bekannte Verfasser des Buches Fußball und Comedy zusammen zu bringen. Da hört der Spaß bei mir auf. Fußball ist kein Spiel, Fußball ist ernst, so hat es neulich sogar ein bekannter Theaterwissenschaftler formuliert. Wie könnte man auch etwas anderes behaupten, wenn man in Joachim „Jogi“ Löws Gesicht blickt? Der Kroatienkrimi letzten Donnerstag hat diesem grundsympathischen Typen den letzten Funken an Humor und Freude, so scheint es zumindest, geraubt. So wie mir Ihr Geschenk das letzte Selbstvertrauen zum Thema Fußball geraubt hat. Sie haben richtig gelesen, ich vergleiche mich gerade mit dem Trainer der deutschen Nationalmannschaft, wenn auch mehr emotional als irgendwie anders. Aber wie gesagt, es ist Zeit sich an Ihnen mein Freund zu rächen.

Wissen Sie, werter Freund, wieso die Amerikaner dem Fußball, oder Soccer wie sie es bezeichnen, so ablehnend und unwissend gegenüber stehen? So, dass nicht einmal die renommierte New York Times wirklich ernsthaft von der Euro 2008 in Österreich und der Schweiz berichtet (außer einem kleinen lächerlichen Soccer-Blog)?  Die Antwort gab jüngst in einem Interview der ehemalige Teamchef der Nationalmannschaft Jürgen Klinsmann. Fußball sei nämlich ein „players game“, ein Spiel also, welches fast ausschließlich von den Spielern entschieden wird. Doch die meisten Amerikaner sind Fans der sogenannten „coaches games“, wie zum Beispiel „Football“, „Baseball“ oder auch „Basketball“. Spiele, die von Trainern und Taktiken bestimmt und dominiert werden. Spiele, die sich durch schnellen Wechsel von Offensive und Defensive auszeichnen und kein Auswechsellimit aufweisen. Europa scheint da etwas anders gestrickt und sozialisiert worden zu sein.

Wie sonst ist die Dominanz des Fußballs zu erklären?  Fußball soll trotz seines stark individualistischen Ansatzes auch integrativ wirksam gemacht werden. Fußball ist daher nur zum Teil ein wirklicher Teamsport. Mittlerweile will die Kultusministerkonferenz (KMK), Fußball als Migrationsgrenzen übergreifendes Schulinstrument in den deutschen Schulunterricht effektiver einbinden. Denn Fußball, so die Theorie soll sich perfekt dazu eignen, Mathekenntnisse zu vermitteln. Sie erlauben, dass ich meine berechtigten Zweifel an dieser These äußere und mich der weiteren Popularisierung dieser Sportart verwehre. Andere haben es da viel nötiger. Doch Fußball, so die Mitglieder der KMK weiter, lässt soziale Schranken verschwinden. Der arme Junge mit Migrationshintergrund bekommt als „nur“ im Fußball die Möglichkeit von seinen anderen Lernschwächen abzulenken, zu punkten, außerdem zählen auf dem Platz keine Markenklamotten und andere Accessoires. Alle sind gleich und tun sich nur durch die individuellen Fähigkeiten zum Wohle der Gemeinschaft (also des Team) hervor. Was für ein marxistischer Ansatz! Ich frage Sie, was soll das? Sieht denn hier niemand den weißen, dicken, Brille tragenden und von allen möglichen Allergien geplagten Jungen in der Abwehr stehen? Was ist mit den weniger talentierten? Was ist mit denen, die für diesen Sport völlig ungeeignete Voraussetzungen mitbringen. Fußball erscheint hier doch nicht mehr als integrativer Bestandteil einer Gesellschaft oder eines Bildungssystems, sondern als ein vollständig autarkes Klassensystem.

Fußball ist ernst schon klar, aber ein wenig Distanz und vor allem ein bisschen De-emotionalisierung würde uns allen gut tun. Vor allem den Kollegen und Kolleginnen aus der mächtigen Welt der Sportberichterstattung. Wieso dominiert alle Fußballberichte immer ein latenter militaristischer Ton. Ich muss Ihnen doch jetzt nicht wirklich Beispiele nennen, oder? Ich mache es trotzdem. Kaum ein Artikel der nicht ohne die Begriffe, wie „Schlacht“, „Kampf“, „Kameraden“, „aufmarschieren“ etc. auskommt. Nur noch der Wetterbericht bedient sich häufiger diesem Jargon („bomben Wetter“). Es reicht! Fußball ist ernst, schon klar und trotzdem solle man doch bitte wenigstens diesem Kriegswortschatz „lebe wohl“ sagen. Hans Meyer hat mal gesagt: „Fußball ist auf dem Platz.“ Wie könnte ich dem widersprechen! Auf dem Platz, dort wird gespielt. Fußball ist im besten Sinne seiner Definition ein Spiel und der kriegerische Alltag hat hier doch nun wirklich nichts zu suchen.

Auch das steht nicht in dem Geschenk, dass Sie mir in einem kleinen Anfall von Böswilligkeit vor zwei Jahren gemacht haben. Aber ich bin nicht nachtragend.

Denken sie an ihren pazifistischen Freund, Patrick.

h1

Sympathisch erfolgreich

14. Juni 2008

Das Spiel war bereits vorbei, als die Niederlande zur nächsten Sympathieattacke ansetzte. Plötzlich hatte jeder Spieler im orangen Trikot und auch der schwarz tragende Torhüter Edwin van der Sar ein Kind auf dem Arm. Doch damit nicht genug. Dirk Kuyt, Torschütze des Führungstreffers gegen Frankreich, gab seinem Nachwuchs zunächst „eijn Küssje“ – was an sich schon ein rührendes Bild war, ist er doch ein eher ruppiger Angreifer in Diensten des Kampfklubs FC Liverpool. Doch im Anschluss daran kamen auch die anderen Spieler vorbei, um der Kleinen ihren Dank fürs Daumen drücken zu übermitteln. Das Ganze erinnerte nach dem Spiel eher an ein Eltern-Kind-Frühstück im Kindergarten, als an das Ende eines aufreibenden Europameisterschaft-Spiels.

Aber „Oranje“ hatte sich dieses idyllische Treffen vor der Haupttribüne verdient. Mit 4:1 hatte die Mannschaft vom ehemaligen Weltklasse-Stürmer Marco van Basten die französische „Equipe Tricolore“ vom Platz gezaubert und sich damit selbst den Stempel „Topfavorit“ aufgedrückt. Günter Netzer wollte das zwar noch nicht unterschreiben – was wegen der schwierigen Vergangenheit der Niederländer, die stets Highlightsspiele ablieferten und dann regelmäßig und spätestens im Halbfinale ausschieden, auch verständlich ist. Allerdings gibt es gravierende Unterschiede zwischen der alten holländischen Nationalmannschaft und der aktuellen.

Das fängt schon im Tor an. Edwin van der Sar scheint, obwohl schon langsam auf die 40 zugehend, noch einmal in eine Form gekommen zu sein, die ihm niemand mehr zugetraut hätte. Er strahlt eine Sicherheit aus, die sich nahtlos auf seine Kollegen in der Defensive überträgt. Dort spielt einer, der vor der EM eigentlich schon außen vor war: Oft wegen seiner rustikalen Spielweise als „Kannibale“ betitelt, zeigt Khalid Boulahrouz rechts in der Viererkette, dass ein Profi, der ein paar Jahre in der Premier League in England spielt, technisch einen Riesensprung hinlegt. Auch Michael Ballack profitiert davon. Boulahrouz aber ist deshalb eine Besonderheit, weil er ursprünglich im holländischen Team gar nicht vorgesehen war. Erst durch die Verletzung eines Stürmers, der von Ryan Babel, rutschte der Verteidiger noch in den EM-Kader und verdrängte in der kurzen Zeit vor der EM den Ajax-Profi Johnny Heitinga aus der Startelf.

Im offensiven Mittelfeld spielt die Niederlande ihren „totalen Fußball„. Ohne wirklich feste Positionen rotieren Rafael van der Vaart, Wesley Sneijder, Dirk Kuyt und Ruud van Nistelrooy über den Platz. Immer absichert, aber auch meist unterstützt von den Defensivspezialisten Engelaar und de Jong. Dadurch, dass diese Spieler immer in Bewegung sind (also das tut, was die deutsche Elf gegen Kroatien eigentlich vorhatte), sind die Holländer nicht nur wahnsinnig schwer zu verteidigen, sondern sie befinden sich im Mittelfeld auch meist in der Überzahl. Dazu kommt, dass van Nistelrooy bei Real Madrid täglich mit technisch hervorragenden Spielern zusammentrainiert, was man ihm genauso ansieht, wie eben Boulahrouz. Über die Fähigkeiten von van Nistelrooys Kollegen Sneijder und dem immer noch HSV-Spielmacher van der Vaart braucht man keine Worte mehr zu verlieren.

Doch fähige Einzelspieler hatte diese Nationalmannschaft ja schon immer. Kluivert, Makaay, Seedorf 2004, Davids und die DeBoer-Brüder 2000 oder Bergkamp 1998. Doch bei keinem dieser Turniere kam das Team ins Finale und jedesmal scheiterten die Holländer irgendwie an sich selbst. Das nannte sich dann „interne Querelen“ und sorgte dafür, dass niemand mehr Oranje ernst nahm – auch nicht vor diesem Turnier. Mittlerweile muss man diese Mannschaft beachten, dafür hat sie selbst gesorgt. Doch nicht nur der Zauberfußball gegen Italien oder Frankreich lässt aufhorchen, sondern vor allem der Zusammenhalt in der Mannschaft.

Trainer Marco van Basten scheint es geschafft zu haben, diese phantastischen Einzelspieler zu einer Einheit zu formen, den an sich egoistischen holländischen Fußballer zu einem Mannschaftssportler zu machen. Wie oft wurde nach großen Turnieren von deutschen Teams dieser Mannschaftsgeist beschworen und als Basis des Erfolges bezeichnet. Das sorgte immer für Sympathie, weil man das Gefühl bekam, dass da elf Freunde auf dem Platz standen, die von weiteren Kumpels auf der Bank nach vorne gebrüllt wurden. Und genau aus diesem Grund kann ich meine Abneigung den Holländern gegenüber, die durch die Spuck-Attacke von Frank Rijkaard gegen Rudi Völler 1990 ausgelöst wurde, bei dieser EM nicht aufrecht erhalten. Oranje ist mir sympathisch. Und darf deshalb auch Europameister werden. Natürlich nur, wenn sie nicht im Finale gegen Deutschland gewinnen.

h1

Früher war alles besser…

13. Juni 2008

„Ich bin auf den Platz gekommen, hab’ die Kugel genommen und sie aus 30 Metern in den Winkel geschossen – heute muss ich mich erst warm laufen.“

Torsten Frings in der Süddeutschen über das fußballerische Altern. Ein schönes, sehr sehr lockeres Interview zusammen mit Michael Ballack. Ist zwar schon zwei Tage alt, aber nicht jeder liest die Süddeutsche täglich.