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Ballack 2.0

26. Juni 2008

Er hat sich zurückgenommen. Ist im Hintergrund geblieben. Man könnte fast sagen, er hat die anderen „Mal machen lassen“. Nein, Michael Ballack hat wirklich nicht sein bestes Spiel im Trikot der Nationalmannschaft gemacht. Doch es sei ihm verziehen, weil man davon ausgehen kann, dass der Kapitän lediglich dabei ist, einen gewaltigen Anlauf zu nehmen, für das Finale, für sein Finale, für den ersten richtig großen Titel.

Das Märtyrium des Michael Ballack begann am 20. Mai 2000. Es lief die 21. Spielminute im Sportpark des Münchener Vororts Unterhaching, als der in Görlitz geborene Mittelfeldspieler zu einer verhängnisvollen Grätsche ansetzte. Wie es in seiner Karriere noch oft passieren sollte, prallte der Ball von seinem Fuß ins Tor. Doch weil sich Ballack im eigenen Strafraum befand, führte der krasse Außenseiter gegen die von Christoph Daum trainierten Leverkusener, die über die gesamte Spielzeit so zittrig wirkten, wie ein Junkie, der kurz vor lang ersehnten nächsten Schuss steht. Lang ersehnt war auch der Titel für Bayer. Doch an diesem Tag war das Zittern zu stark, die Mannschaft – und mit ihr Michael Ballack – war nicht bereit für den letzten Schritt.

Vier Jahre später, am 27. April 2002, war das Bayer-Team mehr als bereit. Es hatte die Bundesliga dominiert, den schönsten Fußball gespielt, war drei Tage zuvor ins Champions League Finale eigezogen und das Pokallendspiel in Berlin hatte es ebenfalls erreicht. Drei Titel waren möglich, zwei Finalspiele und genausoviele Bundesligaspiele standen noch aus. Michael Ballack war der überragende Mann im Bayer-Trikot. Doch auch er konnte die 0:1-Niederlage im Nürnberger Frankenstadion an diesem Aprilnachmittag nicht verhindern. Sein Team verlor die Tabellenführung an Borussia Dortmund und wurde am Ende Zweiter.

Ob es die Berichterstattung in der Presse war, die – im Einklang mit den Fans in Nicht-Leverkusen – von „Vizekusen“ sprach und schrieb, ist im Nachhinein nicht mehr zu rekonstruieren. Fakt ist, dass das Glück die Leverkusener und mit ihnen auch Michael Ballack verlassen hatte. Sowohl das Pokalfinale gegen Schalke ging verloren, als auch das Champions League Finale gegen Real Madrid. „Der ewige Zweite“ war geboren, aber Ballack, den dieser Titel von nun an, auch in München bei den Bayern, begleiten sollte, kämpfte dagegen an.

Es liegt nicht an ihm, dass die drei deutschen Meisterschaften und vier Pokalsiege, die er in seiner Münchener Zeit gewann, nicht an ihm festgemacht wurden. In München war er stets nur der, „der eigentlich mehr kann.“ Die 44 Tore, die er als (defensiver!) Mittelfeldspieler machte, seine Präsenz, die ihn später – beim FC Chelsea und in der Nationalmannschaft – ausmachte, seine Kopfball- und Führungskraft, alles Dinge, die an der Säbener Straße nie in angemessener Weise gewürdigt wurden. Dafür aber vermisst, als er den nächsten Schritt ging. Nach England.

Ballack hatte zu kämpfen, sowohl mit der schnelleren Spielweise der Premier League, als auch und vor allem mit seinem Körper. Eine Verletzung, die vom Verein nicht als solche anerkannt wurde, schadete seinem Image und sorgte dafür, dass er wieder dort anfangen musste, wo er 1998 in Kaiserslautern angefangen hatte: Als einer von vielen, dem man zwar nachsagte, er sei ein Großer, dem man es aber nicht wirklich zutraute, das auf dem Platz auch zu zeigen. Doch Ballack reagierte auf seine Weise und kam zurück. Plötzlich stand da ein Spieler auf dem Platz, der nicht nur die Fähigkeiten hatte, die ihm ohnehin schon immer nachgesagt wurden, sondern der plötzlich auch mit ausgefeilter Technik und einer ihres gleichen suchenden Spielübersicht brillierte. Ballack 1.1. führte das trainerlose Chelsea ins Champions League Finale, wo sich fast auf den Tag genau sechs Jahre nach der Niederlage gegen Real Madrid ein Kreis schließen sollte. Ballack war jetzt nicht nur bereit, sondern vor allem reif für den Titel. Wäre der Gewinn des Pokals 2002 noch eine Sensation gewesen und für seine Karriere vielleicht sogar schädlich, war er 2008 der nächste Schritt in seiner Karriere. An diesem Abend in Moskau wollte Michael Ballack es all jenen zeigen, die ihn bereits als ewiges Talent abgestempelt hatten. Doch Ballack hatte die Rechnung ohne Engländer und Franzosen gemacht. John Terry traf nur den Pfosten, Nicolas Anelka scheiterte an Edwin van der Sar – und wieder jubelten nur die anderen.

In der Nationalmannschaft befürchtete man im Anschluss daran, sich nun mit einem gebrochenen Kapitän in die Europameisterschaft stürzen zu müssen. Doch Ballack, dessen ewige Vizeness in den Medien erstaunlich wenig behandelt wurde, hatte die Niederlage mindestens genauso erstaunlich gut verarbeitet. Man könnte auch sagen, er ist ja geübt darin. Doch mit welcher Leichtigkeit und Selbstsicherheit der „Capitano“ bisher bei dieser EM aufgetreten ist, hat wirklich schon Ronaldinho-eske Züge. Ballack lächelt Fehler einfach weg und vertraut auf die Stärke seiner Mannschaft – und auf sich selbst.

Gegen die Türkei konnte er sich mal wieder darauf verlassen. Ballack selbst hielt sich wie erwähnt weitestgehend zurück, vielleicht wollte er auch nur mal sehen, wie die Mannschaft reagiert, wenn er es tut. Michael Ballack weiß nun, dass die deutsche Elf, seine Mannschaft, wenn es darauf ankommt, präsent ist. Dass sie immer und zu jeder Zeit ein Tor erzielen kann und vor allem über den Kampf zum Spielen kommt und übers Spielen ins Spiel findet. All das also, was auch schon sein Vereinsteam ausmacht. Doch was für Ballack am wichtigsten sein wird, ist die Tatsache, dass er keine Angst vor dem Elfmeterschießen zu haben braucht. Kein Engländer, kein Franzose und auch kein holländischer Torhüter könnte ihm im Ernstfall den Titel entreißen.

Michael Ballack weiß, dass er sich auf seine Mannschaft verlassen kann. Trotzdem wird er das EM-Finale, wie auch immer der Gegner heißen wird, zu seinem machen. Damit sich der Kreis endlich schließt. Und Ballack endlich den nächsten Schritt machen kann. Ballack 2.0 ist nicht nur bereit. Nicht nur reif. Michael Ballack ist fällig! Der Titel ist seiner…

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Viel Glück reicht nicht

23. April 2008

Als John Arne Riise in der 62. Minute des Champions-League-Halbfinal-Hinspiels (kann man dafür keine gescheite Abkürzung finden?) für Fabio Aurelio eingewechselt wurde, waren die Fans des FC Liverpool frohen Mutes. Denn Riise ist dafür bekannt, dass er auch aus 35 Metern mit seinem starken linken Fuß Tore erzielen kann. Außerdem entspricht er mit seinem perfekt durchtrainierten Körper genau dem Abbild des idealen englischen Fußballers, der sich nicht von einem Bodycheck umhauen lässt, sondern einfach stehen bleibt. Riise ist nicht umsonst unumstrittener Publikumsliebling beim englischen Traditionsklub.

Etwas mehr als eine halbe Stunde später bekam das Denkmal des stämmigen und doch agilen Norwegers leichte Risse. Das Spiel gegen den FC Chelsea war eigentlich vorbei, Liverpool hatte 1:0 zu gewonnen und sich damit eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel in einer Woche geschafft. Und dann kam Riise in der Nachspielzeit der Nachspielzeit, genauer wenige Sekunden nach Ablauf der ohnehin viel zu langen vierminütigen Extra-Time und köpfte den Ball völig unbedrängt ins eigene Tor. 1:1. Stille an der Anfield Road, eine gespenstische Atmosphäre, die so zum letzten Mal am 16.12.2007 bei der 0:1-Niederlage, der letzten im heimischen Stadion, gegen Manchester United auftrat. Unentschieden hatte die Mannschaft von Rafa Benitez des Öfteren gespielt, doch dieses 1:1 war eine gefühlte Niederlage. Durch das Auswärtstor der „Blues“ steht es vor dem Rückspiel eigentlich 1:2.

In den 94 Minuten zuvor bewarb sich die Mannschaft von Michael Ballack in einer bemerkenswerten Art und Weise für das Ausscheiden aus der Champions League. Es wäre das vierte Mal in den letzten fünf Jahren und das dritte Mal davon gegen den FC Liverpool. Liverpool war in allen Belangen die bessere Mannschaft, allein der teuerste Stürmer der Vereinsgeschichte, Stürmer Fernando Torres hätte drei Tore erzielen können. Sein Gegenüber Didier Drogba blieb weitestgehend wirkungslos und ließ bei Chelsea-Unkundigen die Frage nach dem auf der Bank schmorenden Andri Shevchenko aufkommen. Wer Chelsea in den letzten Monaten beobachtet hat, weiß, dass Shevckenko geistig schon lange nicht mehr in London ist. Sein Körper wird ab und zu, zuletzt beim 1:1 gegen Wigan Athletic am 14. April in der 90. Minute, eingewechselt. Aber selbst Shevchenko kann aus keinen Zuspielen auch keine Tore machen.

Chelsea fehlt die Kreativität im Mittelfeld. Frank Lampard und Claude Makelele sind eher fürs Grobe zuständig und Michael Ballack, technisch zwar stark verbessert, dafür aber nicht zu gebrauchen. Trainer Avram Grant tut nichts dagegen, verlässt sich 70 Minuten auf die gegen schwache Mannschaften starken Standards und nimmt Ballack dann für einen vierten Stürmer vom Feld, der Drogba nicht unterstützt, sondern ihm im Gegenteil, auf die Füße tritt. John Obi Mikel, noch am ehesten ein Spielmacher, schmorte 95 Minuten lang auf der Bank.

Trotzdem sind die Londoner zuversichtlich, was das Rückspiel in einer Woche angeht. „This result has not promised us the final – but it is a good step“ sagte Avram Grant nach dem Spiel und lag damit, wie so oft in den letzten Wochen daneben. Es war ein Schritt in Richtung Finale, aber kein guter. Ich lehne mich weit aus dem Fenster, wenn ich schreibe, dass ich mir sicher bin, dass Liverpool im Rückspiel ein Tor schießen und damit weiterkommen wird. Die „Reds“ haben zwar nicht die Spieler-Qualität des FC Chelsea, dafür aber die bessere spielerische Qualität. Und die ist im Fußball wichtiger. John Arne Riise wird das bestätigen, und beim nächsten Mal den Fuß benutzen.