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Keine Macht den Anwälten

1. September 2009

Die Blogosphäre brodelt und hoffentlich wird sehr schnell auch die Öffentlichkeit darüber hinaus auf den Vorgang aufmerksam, der dafür verantwortlich ist.

Es geht um die Firma JAKO, einen Sportartikelhersteller, der in der aktuellen Saison zum Beispiel die Trikots von Eintracht Frankfurt stellt (wo man auch bereits über den Fall diskutiert). Und es geht um Trainer Baade, einen Blogger, der sich erlaubt hat, das neue Firmenlogo von JAKO zu kritisieren. Dass dabei Vergleiche zu Lebensmitteldiscountern gezogen und auch die Worte „scheiße“ und „Schlurch“ geschrieben wurden, weiß man nur noch dank des aktuellen Blogeintrags bei allesaussersport. Denn Trainer Baade wurde von der Anwaltskanzlei des Sportartikelherstellers abgemahnt und zur Unterlassung aufgefordert.

Wie so etwas ausgehen kann, hat man beim Fall DFB gegen Jens Weinreich gesehen. Weinreich sah sich – wie Trainer Baade jetzt auch – einem Konzern gegenüber, der sich bei einem Rechtsstreit über finanzielle Ressourcen keine ernsthaften Gedanken machen muss. Weinreich ging dank einer Spendenaktion durch mehrere Instanzen und ging am Ende zumindest als moralischer Sieger hervor. Aber Trainer Baade ist nicht Jens Weinreich und da selbst Weinreich damals ernsthafte Zweifel hegte, ob er sich diese Tortur noch einmal zumuten würde, gab Baade die (etwas abgeänderte) Unterlassungserklärung ab. Außerdem zahlte er – sicherlich laut mit den Zähnen knirschend – die 1.085,04 Euro Mahngebühr und wähnte sich aus der Schusslinie.

JAKOs Anwaltskanzlei  hatte aber noch nicht genug. Denn dank des Suchmaschinenaggregators Newstin war der entsprechende Artikel noch immer im Netz auffindbar – und das obwohl sich Trainer Baade das auf seinem Blog ausdrücklich verbittet. Es folgte die nächste Abmahnung, diesmal sollen über 5000 Euro bezahlt und eine erneute Unterlassungserklärung abgegeben werden.

Soviel zur Lage. Noch genauer gibt es das alles, wie oben schon verlinkt (aber doppelt hält besser) bei allesaussersport

Die Anwaltskanzlei spielt im Namen von JAKO mit den Muskeln, noch mehr, sie drückt einem Blogger die Luft ab, der keine finanziellen Kräfte hat, sich zu wehren. Doch wer sich die Kommentarwelle im aas-Artikel anschaut, kann schon erkennen, dass diese Sache nicht ohne Folgen für den Sportartikelhersteller bleiben wird.

Sollte JAKO tatsächlich einlenken – im Moment hat sich die Firma laut einem Kommentar bei aas eine Kommunikationssperre auferlegt – es wäre ein bahnbrechender Sieg für die Blogosphäre, ein Zeichen, dass man mit den „Popelbloggern“ (Zitat: Trainer Baade) eben doch nicht machen kann, was man will, dass es etwas bringt, wenn man sich im Netz zusammenschließt und solche Vorgänge öffentlich macht (was Jens Weinreich ja bereits seit Jahren tut).

  • Drüben beim Hertha-Blog gibts auch einen Artikel darüber, der bereits mit Links angereichert wurde, die ich mir deshalb hier jetzt sparen kann.
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Oder Usain?

23. August 2009

Wenn Menschen laufen, setzen sie ein Bein vor das andere. Links, rechts, links, rechts – oder umgekehrt. Habituelle Bipedie nennt man das, weil Menschen das meistens so machen, wenn sie nicht gerade durch den Schlamm robben oder den Spinnengang üben. Links, rechts, links, rechts – oder umgekehrt.

Bei der Leichtathletik-WM sah man fast niemanden robben – den Jubelstolperer von Staffelläuferin Verena Sailer mal ausgenommen – und achtbeinig sind auch nur die Staffeln unterwegs. Viermal bipedig um genau zu sein. Das zählt nicht. Ob die Sache bei Usain Bolt auch so einfach ist, er sich also auch biped fortbewegt, beschäftigt zurzeit bis auf Jamaika, Herzogenaurach und das Berliner Olympiastadion, die ganze Welt. Überirdisch sei er. Ein Marsmensch. Ein Weltwunder-Mann. Kein Superlativ wurde in den letzten Tagen vergessen. Um in der Biologie zu bleiben und in Anbetracht der Art und Weise wie der 23-Jährige über die Tartanbahn fliegt, müsste man ihn jedenfalls mindestens der „Alipedie“ verdächtigen.

aliped – adj. Flügel an den Füßen habend

Nun weiß man dank großzügiger Einblendungen der beiden nach Deutschland sendenden TV-Anstalten, dass Usain Bolt keineswegs Flügel an den Füßen trägt, sondern das Schuhmodell eines deutschen Sportartikelherstellers. Yaam heißt das gute Stück und ist auf keinen Fall mit einer Jugendzeitschrift oder einem E-Mail-Programm für Amiga-Computer zu verwechseln. Yaam ist einerseits die Abkürzung für Young African Art Market, einem multikulturellen Club in Berlin und nach eigener Aussage ein besonderer Ort, „der sich nicht beschreiben lässt, den man erleben muss“, womit schon mal erste Gemeinsamkeiten mit Bolt gefunden wären. Yaam ist aber auch angelehnt an die Yam-Wurzel, einer geschmacklich der Kartoffel ähnlichen Pflanze, die scheinbar in einer ganz besonderen Version auch in Jamaika wächst.

Bolts Vater spricht immer von der „Trelawny-Süßkartoffel“, einer Yam-Wurzel-Art aus seiner Heimatstadt, „der sogar medizinische Wirkung nachgesagt wird.“ Diese Wirkung ist wohl auf ihren hohen Kalium-Gehalt zurückzuführen, was im menschlichen Körper unter anderem für die Energiebereitstellung und die Erregbarkeit von Muskel- und Nervenzellen zuständig ist. „Qualitativ hochwertiges“ Kalium kann also für einen Sprinter recht nützlich sein.  Zuviel sollte man davon allerdings nicht zu sich nehmen. Eine Kalium-Überversorgung (die bei normaler Ernährung nicht vorkommen sollte) kann gerade für einen Sprinter verheerende Folgen haben: „Es kommt zu allgemeiner Unlust, Schwächegefühl und Verwirrtheit.“ Mindestens zwei dieser drei Symptome treffen bei Bolt definitiv nicht zu. Aber heißt das schon, dass diese Art des Dopings bei ihm ausgeschlossen ist? Denn Sportler, die leistungsfördernde Substanzen in sich haben, verwenden gerne mal Diuretika, um den Körper zu ent- und das Mittel so zu verwässern. Dabei wird dem Körper Kalium entzogen. Welches Bolt sich mit der Wurzel wieder zurückholt? Verschwörungstheoretiker vor.

Wie macht er das also? Ist er doch ein Naturtalent? Ein Weltwunder? Bolt selbst sagt, dass Jamaika ihn hassen würde, wenn herauskäme, dass er dopt. Und auch wenn Jamaika das nach der dritten Goldmedaille bei dieser WM mittlerweile wohl anders sieht, stellt sich die Frage, ob er so etwas wirklich sagen würde, wenn er insgeheim doch an der Nadel hängt. Aber nach allem, was der Leistungssport in den letzten Jahren so hervorgebracht hat, muss man diese Frage leider mit Ja antworten.

Dass das nicht Bolts Problem ist, ist klar. Er kann weiter seine Show abziehen und von Yam-Wurzeln erzählen. Er kann weiterhin vor den Finals ein paar Chicken Nuggets ver- und den Weltrekord danach trotzdem weiter nach unten drücken. Er wird auch die 400-Meter-Strecke an sich reißen und irgendwann vier Goldmedaillen bei einer Veranstaltung holen. Wenn sein Sponsor ihm dann noch ein paar Sprungfedern in die Schuhe baut (Yaamp!), inklusive Weitsprung vielleicht sogar fünf. Usain Bolt kennt keine Grenzen.

Wir sind jetzt trotzdem mal ganz mutig und nehmen an, dass Bolt etwas an der Glaubwürdigkeit seines Sports liegt und es ihm nicht nur um weltweit übertragene Posing-Shows und Werbeeinnahmen in Millionenhöhe geht. Dann täte er gut daran, all seinen Kritikern zu beweisen, dass er tatsächlich sauber ist und sollte als erster Athlet seiner Zunft in Vorleistung gehen. Bolt selbst weiß nämlich noch gar nicht, was er für ein Idol werden könnte, wenn er nicht nur die erfolgsverblendeten Zuschauer ohne Papp-Brille auf seiner Seite hätte, sondern auch die, die ihm kritisch gegenüber stehen. Dafür muss er den Weltrekord nicht jedes Jahr aufs Neue verbessern.

Wenn Usain Bolt sich für zwei oder drei Monate und zwar direkt vor der nächsten großen Leichtathletik-Veranstaltung unter die Beobachtung von Wissenschaftlern stellen würde, das ganze per Kamera dokumentieren ließe (Usain Bolt – Pure Perfection) und dann trotzdem seine Disziplinen so dominieren würde wie bei der WM – er wäre ein Heilsbringer für alle, die noch an einen sauberen Sport glauben (wollen). Weil er zeigen würde, dass übermenschliche Leistungen zu Unrecht so genannt werden.

Aber ich merke schon – soviel Konjunktiv ist einfach zu viel, um Realität zu werden. Oder Usain?
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Hertha? Hier nicht mehr!

3. August 2009

Achtung, Achtung, eine Durchsage: Auf kabinenpredigt.de.vu werden ab sofort keine Beiträge mehr über Hertha BSC erscheinen.

Keine Angst, ich habe keine Abmahnung von Hertha bekommen, weil ich mich in irgendeiner Weise kritisch geäußert habe. Ich habe meinem Verein auch nicht den Rücken zugekehrt. Und weiter geht’s hier in der Kabinenpredigt trotzdem noch ab und zu. Nur eben nicht mehr über Hertha. Denn das geschieht ab sofort auf

www.hertha-blog.de

Es war schon länger Mal Zeit für was Neues, vielleicht Revolutionäres, aber auf jeden Fall Vielseitigeres. Die Kabinenpredigt – und mit ihr alle Leser – ist immer dann zu kurz gekommen, wenn bei mir privat viel zu tun war oder ich – wie zuletzt – eine völlige Schreibblockade hatte. Da häuften sich die angefangenen, aber nie beendeten Beiträge und ich wurde mit jedem Mal frustrierter. Doch zum Glück hatte Enno von der Welt-Hertha-Linke eine neue, revolutionäre und vielseitige Idee: Den Hertha-Blog.

Der Gedanke und die daraus resultierende Rechnung ist einfach: Mehrere Autoren (bei der Welt-Hertha-Linke waren es mit Enno und Felix bereits Zwei) = mehr Content = mehr Mehrwert für die Leser. Deshalb bitte ich euch, die Hertha-Fans der Kabinenpredigt und solche, die es noch werden wollen, mit rüber zu kommen. Dort bekommt ihr die volle Ladung Hertha auch in Zeiten, in denen ich nicht so aktiv sein kann und auch mal aus einer anderen Sichtweise als der meinen.

Was das Ganze für die Kabinenpredigt heißt, kann ich noch nicht genau sagen. Ich denke, dass das hier mein Experimentierfeld für andere Vereine oder Sportarten bleiben wird, wie ich es ja zwischendurch auch schon das ein oder andere Mal gemacht habe. Aber wie gesagt, Hertha-Content gibts ab sofort woanders. Ich sehe euch drüben.

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5 Jahre nur noch Schals

27. Juli 2009

Gerade noch hochgelobt, muss man einen Teil der Hertha-Fans schon wieder kritisieren…

Ständig haben sich damals, als ich noch bei Hertha gearbeitet habe, Fans über unsinnige und zu große Einschränkungen was ihre gestalterischen Entfaltungsmöglichkeiten im Stadion angeht, beschwert. Oft zurecht, wie ich meine, vor allem weil viele Beschränkungen unverständlich sind. Warum man zum Beispiel zum „Freundschaftsduell“ nach Karlsruhe nur Doppelhalter, ein Megafon, Trommeln (unten offen oder einsehbar) und kleine Fahnen (Fanshop-Artikel, bis 1,50m) mitnehmen durfte, nach Frankfurt dagegen auch noch große Schwenkfahnen, Fanclubbanner und Zaunfahnen wird nicht so recht deutlich. Klar, dass da manchmal ein Willkür-Gefühl aufkommt.

Einige Vereine (darunter Borussia Dortmund, der Hamburger SV und der 1. FC Köln) haben sich deshalb eine 1. transparente und 2. sehr tolerante Taktik verschrieben. Demnach darf alles in den Block was Spaß macht (siehe oben) außer Pyrotechnik. Sollten gegnerische Fans dagegen verstoßen, ist für die nächsten Auswärtsspiele nichts mehr erlaubt, außer Schals. Das ist einfach und Leute, die es schaffen, sich eine Fahrkarte aus dem Automaten zu ziehen, werden keine Probleme haben, das zu verstehen. Dachte ich jedenfalls.

Denn auch der FC St. Pauli hat sich diesem Pamphlet unterworfen und das ist dem Klub angesichts des kleinen, engen Stadions am Millerntor eigentlich schon hoch anzurechnen. Trotzdem haben es einige im Hertha-Fanblock für nötig befunden, ihre Feuerwerkskörper abzubrennen. Und auch wenn jetzt einige sagen werden: „Na und? Am Millerntor spielen wir doch eh nicht diese Saison.“ Die Sperre gilt für fünf Jahre und es ist natürlich auch eine Sache des Images. Man kann dadurch auffallen, dass man kreative Fanlieder singt. Oder dadurch, in wievielen Stadien man keine Choreographien mehr durchführen darf. St. Pauli ist nach dem Stadion in Köln die zweite Arena, in der Hertha-Fans zukünftig nur noch durch Gesänge und Schals auffallen dürfen. Ich würde Ersteres bevorzugen. Und ich hoffe die Hertha-Fans tun das auch.

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Vertrauen in den Manager

27. Juli 2009

Ich halte viel von Michael Preetz. Der Mann identifiziert sich nicht nur mit Hertha, hat das nötige Standing im Verein und bei der Mannschaft und kennt beide Seiten des Profigeschäfts, sondern er hat sich auch einen unverblümten Blick auf die Realität behalten. Dass diese bei Hertha im Moment mit dem Wirtschaftsbegriff „Geldknappheit“ ganz gut umschrieben ist, akzeptiert er und hat sich damit arrangiert. Preetz versucht alles, um Trainer Favre seine ohnehin schon sehr sparsamen Wünsche zu erfüllen. Der Schweizer weiß, dass dem Hoeneß-Nachfolger die Hände gebunden sind, doch er und Preetz vertrauen sich gegenseitig. Das ist die große Verbesserung in der Führungsetage seit dem Ende der Hoeneß-Ära.

Natürlich muss auch Preetz ab und zu mal etwas tun, sagen oder lassen, was in erster Linie taktischer Natur ist. So gab er vor ein paar Tagen der Berliner Morgenpost ein Interview, in dem es zum Ende hin auch um die Personalie Andrey Voronin ging. Preetz gab an, dass man zwar keinen Kontakt habe, aber der Transfer in der Vorsaison ja auch erst kurz vor Schluss über die Bühne gegangen sei. Und dann folgte eine Aussage, die ich nach den bisherigen Testspielen und der schnell aufgekommenen Diskussion um die Abwehrprobleme von Hertha, nur noch einmal hervorholen wollte.

„Joe Simunic war eminent wichtig – aber für mich war es vor allem Andrey Voronin, der den Unterschied ausgemacht hat. Er hat die Tore geschossen, die diese fantastische Euphorie ausgelöst haben.“

Nunja, ich fand diese Passage vor ein paar Tagen schon bedenklich. Natürlich kann er sowas nach dem sicheren Abgang von Simunic sagen, vielleicht auch, um den Verlust ein wenig herunterzuspielen. Aber wenn wir mal ehrlich sind, dann ist das hochgradig diskutabel. Klar hat Voronin mit seinen Toren die Euphorie ausgelöst, aber dass er den Unterschied ausgemacht haben soll? Den Unterschied hat für mich in der vergangenen Saison ein, zweimal Jaroslav Drobny gemacht. Drei, viermal war es tatsächlich Andrey Voronin. Aber über die gesamte Spielzeit gesehen, war es Joe Simunic, der hinten den Laden zusammengehalten hat und damit die knappen Siege überhaupt erst ermöglicht hat.

Ich weiß, dass man Testspielergebnisse nicht überbewerten sollte und ich wollte mich auch eigentlich erst nach ein paar Pflichtspielen zum aktuellen Stand der Mannschaft äußern, aber wenn jetzt selbst bei den Verantwortlichen plötzlich Panik auszubrechen scheint, dann wird mir ein bisschen Bange. Wenn man den zugegebenermaßen immer gleich klingenden Zitaten („Ja, es stimmt…“) in der BILD Glauben schenkt, soll jetzt zusätzlich zum 21jährigen Pejcinovic noch ein „Riese“ kommen. Die Frage, ob Favre dann auf Dauer noch auf Arne Friedrich baut, wird heute nicht ganz zu Unrecht vom Tagesspiegel gestellt. Jedenfalls soll der Neue in der Champions League Qualfikation noch einmal beobachtet werden. Marko Basa, mit dem man bereits verhandelt hatte, fällt damit aus dem Raster, denn sein Klub Lokomotive Moskau spielt nicht europäisch.

Sollte noch jemand geholt werden, aber auch wenn nicht, dürfte klar sein, dass Steve von Bergen und vor allem Kaka keine Zukunft im Hertha-Trikot haben. Die Variante Gojko Kacar ins Abwehrzentrum zurückzuziehen, wäre ebenfalls vom Tisch – der Serbe ist im Mittelfeld und der Offensive viel zu wichtig. Es wäre also eine Verpflichtung mit einer gewissen Tragweite, obwohl man ja schon beim „nur“ 1,84m großen Pejcinovic dachte, dass die Planungen in diesem Bereich jetzt abgeschlossen wären. Das ist aber scheinbar jetzt doch nicht der Fall.

Wie wichtig ein paar Tage vor dem Schließen der Transferliste gute Kontakte und Verhandlungsgeschick ist, davon kann Ex-Manager Dieter Hoeneß ein Lied singen. Ob Preetz damals als sein Assistent zugehört und es auswendig gelernt oder – was noch besser wäre – es sogar auf seine Stimme umgeschrieben hat, werden die nächsten Tage zeigen. In der Vorbereitung werden die Grundlagen für eine erfolgreiche Saison gelegt, sagen die Trainer immer. Michael Preetz muss das in ihn gesetzte Vertrauen gleich mal bestätigen.

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Die Kabinenpredigt-Einzelkritik: Die Offensive

20. Juli 2009

Ok, es hat gedauert. Ich hab manchmal solche Phasen. Kommende und schon angelaufene „Projekte“ (das klingt ganz schön beschäftigt) und Hausarbeiten werfen ihre Schatten voraus und fressen Arbeitsstunden. Nun aber bin ich tatsächlich zum zweiten Teil gekommen.

Die Saison ist vorbei. Hertha am Ende auf einem enttäuschenden starken vierten Platz gelandet. Nun ist es Zeit abzurechnen. Die Kabinenpredigt nimmt sich in zwei Teilen – mal schmunzelnd, mal anprangernd, mal bierernst – jeden einzelnen Spieler vor. Teil Eins beginnt mit der Hertha-Defensive, von den Torhütern, über die Abwehrspieler, bis zum einzigen Mittelfeldspieler ohne Offensiv-Aufgaben.

Das Mittelfeld – mit Offensivaufgaben

Gojko Kacar: Wenn Lucien Favre einmal Gott spielen dürfte und sich in dieser Funktion allein darauf konzentrieren würde, Fußballer zu erschaffen, die dem Idealbild der Polyvalenz entsprechen, wäre es verdammt wahrscheinlich, dass dabei eine Reihe von Spielern herauskommen würde, denen Gojko Kacar sehr nahe kommt. Der immer noch erst 22jährige Serbe fiel zwar in der Rückrunde leistungsmäßig ab, das hatte aber erstens verletzungsbedingte Ursachen und fiel zweitens auch nur deshalb auf, weil Kacar seit seiner Verpflichtung im Winter ’08 derartig stark aufgespielt hatte, dass er dieses Niveau unmöglich konstant halten konnte. Dass er trotzdem noch zu solchen Toren fähig war, spricht für ihn. Die Kicker-Durchschnittsnote: 3,83 dagegen nicht.

Cicero: Als Cicero seine Mannschaft am 21. Februar in Wolfsburg in der 61. Minute mit 1:0 in Führung brachte, da wackelte das spätere Meisterteam von Felix Magath bedenklich und die Hertha-Fans sangen zum ersten Mal in einem fremden Stadion ihr Lied. Cicero selbst hatte schon im November des Vorjahres konstatiert, dass Hertha deshalb Meister werde, „weil Gott auf unserer Seite ist„. Leider war Schiedsrichter Kircher an diesem Tag auf Wolfsburger Seite, die danach nur noch selten derartig in Bedrängnis kamen und schließlich Deutscher Meister wurden. Bemerkenswert bleibt Ciceros Leihvertrag, der es Hertha erlaubt, bis einschließlich 2010 zu warten, bis man die Kaufoption von unter vier Millionen Euro zieht, um ihn dann für vier Jahre an sich zu binden. Diesen verkappten 6-Jahresvertrag darf sich Dieter Hoeneß im Rückblick auf seine Amtszeit auf die positive Habenseite schreiben. Kicker-Durchschnittsnote: 3,56

Maximilian Nicu: Der aus Wehen und damit der zweiten Liga gekommene Mittelfeldspieler sollte eigentlich eine Lücke füllen, die seit Sebastian Deisler nicht mehr gefüllt wurde: Anständige Freistöße, Ecken und Flanken zu schlagen. Dafür war Nicu in Wehen bekannt, doch in Berlin rückte er von der Außenbahn mit zunehmender Saisondauer immer mehr in die Mitte – von wo aus es sich schlecht Flanken lässt. Weil auch die Ecken entweder von Ebert oder Voronin, die Freistöße von Ebert oder Cicero getreten wurden, bleib für Nicu nur noch die Rolle des Ballverteilers vor der Abwehr oder über links. Das machte er zu Beginn der Saison erstaunlich gut, brach jedoch zum Ende der Saison ein, sodass man sich immer häufiger fragte, ob er überhaupt auf dem Platz war. Kicker-Durchschnittsnote: 3,72.

Patrick Ebert: Es schien exemplarisch für Eberts Reifeprozess, dass er neben Andrey Voronin mit den größten Anteil am – am Ende zwar wertlosen – aber doch so schönen Auswärtssieg in Cottbus hatte. Wieder hatte er eine dieser leicht angelupften Flanken in den Strafraum geschlagen, die schon so etwas wie sein Markenzeichen sind (so hatte er auch schon die Führung in Wolfsburg drei Wochen zuvor vorbereitet) und wieder hatte sie einen Abnehmer gefunden. Der immer noch erst 22-Jährige hatte mitnichten eine leichte Saison zu bewältigen. Jeder erwartete von ihm den nächsten Satz nach vorne. Dass man sich da mal gehen lässt, sollte zwar nicht, darf aber mal passieren. Vor allem solange die Leistung stimmt. Und die war in dieser Saison größtenteils da, wenn sie auch, wie bei allen, zum Ende hin abfiel. Acht Vorlagen und drei Tore sind jedenfalls genauso ausbaufähig, wie die Kicker-Durchschnittsnote: 3,47

Raffael: Man muss sich das so vorstellen, als wäre der Brasilianer ein talentierter Schuljunge, der immer so ein wenig lustlos durch die Gegend rennt. Da macht man sich als Eltern natürlich Sorgen. „Mein Junge kann mehr, er muss nur wollen“ ist kein selten geäußerter Satz in so einem Fall. Bei Raffael ist es genauso. Lustlos sieht es manchmal aus, so völlig ohne Leidenschaft, wenn er über den Platz läuft. Doch dann, wenn der Ball den Weg an seinen Fuß findet, kann man zugucken, wie dem Mann das Herz aufgeht. Raffael ist kein Krawalldribbler wie Lio Messi. Raffael ist ein Genießer. Er malt seine Laufwege und Pässe aufs Spielfeld, ist ein Künstler, der sich seiner Kreativität sehr wohl bewusst ist, der das nach außen aber überhaupt nicht zeigt. Deshalb wird er oft schlechter bewertet, als er eigentlich spielte. Die Kicker-Durchschnittsnote von 3,77 zeigt das ganz gut.

Fabian Lustenberger: Es war nicht das Jahr des Schweizers und dass, obwohl die Hinrunde mit einem Treffer beim 3:1 im Pokalspiel gegen Trier verheißungsvoll begann. Doch anschließend machte sich Lucien Favre einen Spaß daraus, seinen Schützling entweder ein- oder auszuwechseln. Bis auf drei Uefa-Cup-Spiele und das Pokal-Aus in Dortmund nahm sich Lustenberger den Opel-Mitarbeitern ein Vorbild und betrieb Kurzarbeit. Gehaltskürzungen oder eine Zuzahlung aus dem öffentlichen Fundus braucht er allerdings wohl nicht zu erwarten. Fällt außerhalb des Fußballs durch seine extravagante Frisur und Frauengeschichten auf, darf aber trotzdem nicht mit Abel Xavier oder gar Christiano Ronaldo verglichen werden. Vergleiche sind aber eh doof. Kicker-Durchschnittsnote: 3,92

Marko Babic: Als der Kroate kostenlos aus dem warmen Sevilla ins kalte, winterliche Berlin kam, dachte man zuerst: Hey, da will es einer nochmal wissen. Aber immer wenn Babic dann von Lucien Favre ins Spiel gebracht wurde, merkte man ihm an, dass da einer alles andere als polyvalent ist. Den Rückstand, den er hatte, um im favreschen System zu funktionieren, konnte er nie aufholen. Durfte aber wenigstens beim 2:1-Erfolg gegen die Bayern 90 Minuten durchspielen und machte zusammen mit Rodnei die linke Seite dicht. Kam danach nur noch sporadisch zum Einsatz und ist nun vereinslos. Kicker-Durchschnittsnote 4,50.

Lukasz Piszczek: Man merkt diesem Jungen jede Minute seiner technischen Ausbildung an. Wenn Piszczek Flanken schlägt, dann haben sie zwar noch nicht die Präzision eines Ebert, aber zumindest die Ästhetik eines Deislers. Zum Start der Saison hatte er es sogar in die erste Elf geschafft, plagte sich aber wohl dort schon mit Hüftproblemen herum, die ihn in der Folge fünf Monate seiner Karriere und Hertha mit Sicherheit zahlreiche schöne Aktionen über Außen kosteten. Der Pole hatte zum Ende der Saison das Problem, dass Lucien Favre ein Problem auf der rechten Verteidigerseite hatte und ihn dorthin beorderte. Ein bisschen sind seine Offensivqualitäten dort verschenkt. Kicker-Durchschnittsnote: 3,89

Lúcio: Er hat lange auf diesen Moment gewartet und hätte in der Sekunde seiner Einwechslung im Berliner Olympiastadion jemand eine dermatologische Untersuchung durchgeführt, er hätte ausschließlich Gänsehaut vorgefunden. Als Lúcio am 9. Mai 2009 wieder als gesunder Fußballer den Rasen betrat, war eine Leidenszeit zuende, die am 28. September 2007 begonnen hatte und zwischenzeitlich sogar mit der Drohung des Karriereendes aufwartete. Für Hertha ist der Brasilianer der erste Neuzugang für die kommende Saison. Wenn er nur annähernd an seine Leistungen aus seinen ersten acht Spielen anknüpfen kann, hat sich das Warten bereits gelohnt. Keine Kicker-Durchschnittsnote für diese Saison.

Lennart Hartmann: Hartmann durfte, wie auch seine Mannschaftskollegen Florian Riedel und Sascha Bigalke zu Beginn der Saison in der Uefa-Cup-Qualifikation ran und schien tatsächlich den Anschluss an die Mannschaft gefunden zu haben. Sowohl im DFB-Pokal, als auch am ersten Spieltag in Frankfurt wurde er eingewechselt. Im gleichen Zeitraum erhielt er auch die Fritz-Walter-Medaille in Silber, die auch Marko Marin und Manuel Neuer schon im Schrank stehen haben. Dann verletzte sich „Lenni“ allerdings und verschwand, wie die anderen beiden, von der Bildfläche. Doch die paar Einsätze – und natürlich die tägliche Trainingsarbeit – haben gereicht, um Lucien Favre zu überzeugen. Hartmann ist einer der aussichtsreichen Kandidaten auf mehr als nur den Rang eines Reservisten. Als 18-Jähriger nicht die schlechtesten Aussichten.

Der Angriff

Marko Pantelic: Man kann über Marko Pantelic sagen was man will, aber nicht, dass er nicht eine fantastischen Unterhaltungswert hatte. Pantelic war fähig, mehrere Schauplätze gleichzeitig zu bespielen und nebenbei noch ein paar Tore zu schießen, damit ihm niemand etwas anhaben konnte. Dafür liebten ihn die Fans (und tun es irgendwo immer noch) und sogar der Manager. Nur der Trainer wollte einfach nicht mit dem Serben warm werden, sei es nun wegen seiner Extravaganz oder seinem Spielegoismus. Irgendwie passte es zu Pantelic, dass am Ende alles so tragisch war. Er wäre so gerne geblieben. Die Fans hätten ihn so gerne behalten. Nur der so erfolgreiche Trainer hatte was dagegen. Ironisch, dass Pantelic selbst zum Erfolg beitrug. Schade, dass sein Abgang nicht ein wenig stilvoller vonstatten ging. Kicker-Durchschnittsnote 3,73.

Andrey Voronin: Es schien eine neue Liebesbeziehung werden zu können zwischen Andrey Voronin und Berlin. Voronin traf wie er wollte und hatte einen Riesenanteil an der Chance auf die Meisterschaft. Denn der Ukrainer schoss genau solche Tore, die eine Mannschaft wie Hertha brauchte: Unmögliche und Tödliche. Er traf wie er wollte und wurde vorzeitig zum König von Berlin gekrönt. Doch als plötzlich der Erfolg weg war und das Geld nicht kam, da kühlte das Verhältnis merklich und in Rekordgeschwindigkeit ab. So richtig trauert dem Ukrainer keiner mehr nach. Und einen neuen König gibt es ja bereits. Kicker-Durchschnittsnote: 3,35

Amine Chermiti: Wahrscheinlich trauert den beiden Alt-Stars aber auch deshalb niemand nach, weil sie Plätze für zwei andere, hochtalentierte Stürmer freimachen. Einer davon ist Amine Chermiti, der „schöne“ Tunesier, der in seiner Heimat bereits mit 20 ein umjubelter Star war und den in Berlin noch kaum jemand kennt. Das liegt auch daran, dass er in seinen bisher zehn Bundesligaeinsätzen noch kein Tor zustande gebracht hat und damals beim Vorbereitungsturnier im Winter in der LTU-Arena beim Elfmeterschießen sogar seinen Elfmeter versemmelte. Doch Chermiti zeigt den Willen und hat alle Anlagen, endlich den Durchbruch zu packen. Das hat er den wenigen Minuten Spielzeit, die er in der letzten Saison bekam, immer wieder gezeigt. Kicker-Durchschnittsnote: 4,00.

Valery Domovchyiski: Der Mann mit dem Namen, den Kommentatoren aus unerfindlichen Gründen nicht mögen (was sollen den Live-Ticker-Menschen sagen??), hat sich bereits in der Saison 07/08 in den Geschichtsbüchern verewigt, als er Oliver Kahn das letzte Gegentor seiner Karriere einschenkte. Dass ihm das nicht reicht, zeigt er mit unermüdlichem Einsatz bei seinen zahlreichen Einwechslungen. Wurde anfangs ein bisschen belächelt, was aber schlicht und ergreifend an seinen vielen Vorgängern lag, denen das Prädikat „Riesentalent“ auf die Stirn gedruckt wurde (Lakic, Okoronkwo, Zilic) und die es nicht wert waren. „Domo“ (kleiner Tipp an die Live-Ticker-Menschen) hingegen ist weder lethargisch (Lakic), noch undiszipliniert (Okoronkwo) und wird seinen Weg machen. Ob das noch lange bei Hertha der Fall sein wird, ist die Frage. Sein Vertrag läuft am Ende der neuen Saison ab. Interessant ist seine Kicker-Durchschnittsnote, die mit dem Wert von 2,5 die mit Abstand beste im Hertha-Kader ist (und zeigt, wie Statistik verzerren kann. Domovchyiski machte 24 Spiele, von denen wegen zu später Einwechslungen nur eines bewertet wurde).

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Ihr seid Gladiatoren

6. Juni 2009

Weil ich aus mehreren Gründen momentan schlichtweg nicht zum zweiten Teil der Saison-Einzelkritik komme (wird nachgeliefert, ist versprochen), gibt’s jetzt erstmal was zu Gucken.

Man muss sich da einfach mal reinversetzen. Kurz vor dem Champions-League-Finale ruft der Trainer die ganze Mannschaft noch einmal zusammen. Der Besprechungsraum sieht aus wie immer. Viele Stühle. Ein paar Tische. Und vorne, auch wie immer, der Schein des eingeschalteten Beamers. Die Taktik-Besprechung ist längst durch. Jeder weiß, was er am nächsten Tag gegen Manchester zu tun hat. Alle setzen sich. Thierry. Samuel. Lio. Und die anderen. Als alle an ihrem Platz sind, schließt jemand die Tür. Das Licht wird gedimmt und schließlich ganz gelöscht. Dann startet Pep Guardiola den DVD-Player…

Wie das Ganze ausgegangen ist, brauch ich ja niemandem mehr zu erzählen.

(via Jens im Primera Division Blog)