Archive for the ‘Medienkritik’ Category

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Live oder nicht live…

22. August 2008

…das ist ja eine DER Fragen, die bei den Olympia-Übertragungen gestellt werden müssen. Ich habe heute – weil ich arbeiten muss – „nur“ das ARD Olympia-Radio über das Internet gehört. Wenn man mal davon absieht, dass ich damit ca. 15 Sekunden später dran war, als das Fernsehsignal, dass der 4x100m-Staffel-Kommentator Jamaika als Insel der Schätze bezeichnete und wortwörtlich sagte, dass „die Deutschen – natürlich – keine Medaillenchancen hätten“ und ich ab und zu das Gefühl hatte, dass der Studio-Moderator nicht wirklich weiß, wie man mit Doping-Verdachtsmomenten umgeht („Naja, sie wissen ja, man soll ja nichts sagen, was man nachher nicht auch beweisen kann…“), hat mich vor allem ziemlich aufgeregt, dass er NACH dem Staffel-Finale der Männer (das natürlich Jamaika mit Weltrekord gewann) behauptete, dass das Spiel um Platz Drei des Fußball-Turniers zwischen Brasilien und Belgien „jetzt noch“ laufe und es nach 20 Minuten noch 0:0 stehe (16.10 Uhr deutscher Zeit!).

Kurze Zeit später (16.21 Uhr) dann der Hinweis: „Brasilien ist in der 28. Minute in Führung gegangen.“

Schade nur, dass das Spiel um diese Zeit bereits zu Ende war und Brasilien Belgien durch Tore von Diego und Jo (2) mit 3:0 besiegt hatte. Behauptet der Kicker zumindest bereits um 14.56 Uhr…

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Der Zuschauer, das abartige Wesen

22. Juni 2008

„Gibt es einen Zwiespalt zwischen Reporter und Fan?

Ja. Aber ich bleibe dabei: Der Reporter, auch wenn er die deutsche Nationalmannschaft beobachtet, darf kein Fan sein, er ist nach wie vor Reporter und Journalist. Ich will da keinen Fan hören. Die Zuschauer finden das vielleicht schön – ich nicht.“ (Hervorhebung von mir, gefunden beim Indirekten Freistoß)

Soso, der ehemalige ZDF-Moderator Michael Palme hebt sich in der Taz vom „Zuschauer“ ab, hält sich wohl für was Besseres. Das alte Problem des Journalismus wird hier mal wieder deutlich, dass Journalisten nicht für ihre Zuschauer arbeiten, sondern für ihre eigenen (fragwürdigen?) Ideale. 

Wenn man mich fragt, sind Emotionen bei Spielen der Nationalmannschaft und Europapokalspielen mit deutscher Beteiligung vollkommen in Ordnung, weil sie zeigen, dass der Mann (oder vielleicht auch irgendwann einmal die Frau), der da hinter dem Mikrofon sitzt, irgendwo auch nur ein Zuschauer und damit „einer von uns“ ist. Solange Kommentatoren nicht anfangen, Tatsachen zu verdrehen, wie der WDR-Chef und EM-Kommentator Steffen Simon gegen Portugal – der beim Tor von Michael Ballack partout nur einen „leichten Schubser“ des deutschen Kapitäns gesehen haben wollte.

Vielleicht ist das auch nur meine subjektive Sicht der Dinge, denn ich habe mir schon früher immer ganze Spiele noch einmal angeschaut, um zu sehen bzw. zu hören, wie die verschiedenen Kommentatoren die Szene kommentiert haben. Legendär ist für mich bis heute ein UEFA-Cup-Spiel von Schalke 04 gegen Inter Mailand. Nein, nicht das Finale 1997, sondern das Achtelfinale 1998. Das lief damals auf RTL, moderiert hatte Tom Bartels. Schalke hatte das Hinspiel in Brügge mit 0:1 verloren und schaffte es einfach nicht, zu Hause ein Tor zu erzielen, sodass es nach Ablauf der regulären Spielzeit 0:0 stand. Doch dann kam der legendäre Michael Goossens und schaffte es tatsächlich die Knappen in die Verlängerung zu bringen (wo Taribo West dann bereits nach zwei Minuten alle Hoffnungen wieder zerstörte und Schalke am Ende ausschied). 

Das Tor an sich hatte für mich damals schon Gänsehautcharakter, die Reaktion von Tom Bartels allerdings, verstärkte sie noch einmal um das Doppelte. Der Wortlaut war in etwa der: „DAS GIBTS JA NICHT!!! DAS IST JA UNFASSBAR!!!! MICHAEEEEEL GOOOOSSEENSSS!!!!!!! SCHALKE FÜHRT 1:0!!!“ Es ging noch ein bisschen weiter, leider gibt es den Ausschnitt nicht bei Youtube o.Ä. (wer ihn hat, bitte her damit!). Das mag für heutige Zeiten eine normale Reaktion gewesen sein, damals war es so besonders, dass das morgendliche Nachrichtenmagazin von RTL „Punkt 7“ (damals noch mit der betsssaubernden Katja Burkhard, der die „Sieben“ wesentlich besser über die Lippen kam, als das heutige „Zwölf“) darüber berichtete und den Ausschnitt noch einmal im Originalton zeigte. Fand ich damals großartig.

Michael Palme hat etwas dagegen:

„Ich kann mich noch gut an die 70er- und 80er-Jahre erinnern – die Einstellungen ändern sich ja auch im Laufe der Zeit -, da war es verpönt, als Reporter chauvinistisch für die deutsche Mannschaft zu schreien, das hat es nicht gegeben.“

Gut, aus welchen Gründen es verpönt war, für die deutsche Mannschaft zu schreien, kann man sich denken. Schön ist auf jeden Fall, dass Zeiten sich irgendwann ändern und der 1998 schon emotionale Tom Bartels jetzt auch bei der EM wieder für Gänsehaut gesorgt hat – obwohl da „nur“ die Türkei gegen Kroatien spielte (wer die Zeit hat, kann sich die letzte Minuten noch einmal in der ARD-Mediathek anschauen…vorspulen ist allerdings nicht möglich).

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Die EM im deutschen Fernsehen – und im Netz

29. Mai 2008

Wie, wo und wann guck ich mir denn die Euro nun eigentlich an? Live vor Ort kann ich ja leider nicht dabei sein – armer und viel Arbeit vor sich habender Student und außerdem (noch) nicht als Journalist akkreditiert. Ich hoffe, das ändert sich spätestens bei der nächsten internationalen Meisterschaft. Also muss der Fernseher bzw. die Großbildleinwand herhalten. Da ich hier nicht alle öffentlichen Schauplätze Deutschlands auflisten kann, beschränke ich mich auf das TV- und Internetprogramm. Da gibt es nämlich eine Menge zu sehen.

Mit großem Erstaunen habe ich gerade gesehen, dass Premiere offenbar kein einziges EM-Spiel überträgt. Das erstaunt mich ein wenig, zumal der Bezahlsender bei der WM-Übertragung 2006 einen sensationell guten Job gemacht hat. Da ich aber ohnehin kein Abonnent bin, ist mir das ziemlich egal.

Das ZDF ist im Gegensatz dazu natürlich, genauso wie die ARD – zu der ich aber erst später komme – live vor Ort. Unter dem Motto „Fußball-Oper“ hat das Zweite sein Studio auf der Bregenzer Seebrücke aufgebaut. Einen spektakulären Schauplatz hatte es ja schon bei der WM 2006 in Deutschland eingenommen: Damals moderierten JBK, Kloppo und der Urs aus dem Berliner Sony Center am Potsdamer Platz. Damals Urbanität, nun die Bergseeidylle – ich find das gut. Womit das Positive aber auch schon gesagt wäre, denn wer entschieden hat, das schlicht und einfach unlustige „Nachgetreten“ mit Ingolf Lück als Gastgeber erneut ins Programm zu hieven, sollte persönlich die Rundfunkgebühr an alle GEZ-Zahler für die Zeit der EM als Schmerzensgeld zurückzahlen müssen.

Das Deutsche Sport Fernsehen hält sich – was EM-Berichterstattung angeht – bisher ziemlich zurück. Am Sonntag soll es wohl den EM-Stammtisch inklusive Phrasenschwein geben, aber das war es dann auch schon, wenn man die normalen Nachrichten wie „DSF aktuell“ mal ausklammert. Bin mal gespannt, ob die sich noch was einfallen lassen oder tatsächlich das Kontrastprogramm Poker/Dart/Call-In-Show durchziehen.

Da lobt man sich doch die Jungs von Eurosport. Alle Spiele zeitversetzt (falls man mal was verpasst), ab dem Viertelfinale drei nicht näher definierte Sondersendungen und als absolutes, eigentlich nicht zu toppendes Highlight: Lothar Matthäus‘ EM-Blog! Die „Lichtgestalt des deutschen Fußballs“ – so die Beschreibung von Eurosport, ich dachte immer das wäre Franz Beckenbauer – führt also während der EM kein Schattendasein (Brüller!). Der Weltmeister von 1990 wird, laut einer Pressemitteilung „als Experte in die internationale Berichterstattung von Eurosport eingebunden.“

Er konkurriert dabei von den Marktanteilen in Deutschland her wahrscheinlich am ehesten mit Katharina und Malte. Die beiden Moderatoren des Kinderkanals (KIKA) machen das Thema Fußball-EM im „Tigerenten Club“ für die Kleinen verständlich, außerdem berichten Kinderreporter aus dem Mannschaftsdomizil der deutschen Elf und als Highlight kommt gleich am 7. Juni „Thomas Hitzelsberger“ (sic!) ins Studio. Das ist der, der laut Berliner Tagesspiegel seinen Vertrag beim VfB Stuttgart um drei Jahre verlängert hat. Ob es sich auch um den Nationalspieler handelt, weiß ich allerdings nicht…

Das ZDF legt in KIKA-Manier übrigens noch einen drauf. Alle, die nach dem Abpfiff des Abendsspiels noch feiern waren und erst morgens um sechs nach Hause kommen, sollten sofort die MUSIK BOXX einschalten. „Vom 2. bis 29. Juni können Fußballbegeisterte (Kinder) brandneue und altbekannte Fußballhits mitsingen, dazu tanzen und sich mit Piet Flosse, den TanzalarmKids, Juri Tetzlaff & Co. musikalisch auf die Europameisterschaft einstimmen.“ Ein Traum geht in Erfüllung…

Witzig wird es auch bei den Freunden von BILD.de und das liegt nicht nur an den kreativen Schlagzeilen, sondern vor allem an den zum Teil wirklich genialen Video-Specials. Zurzeit machen Franck Ribery und Luca Toni mal wieder sehr amüsant Werbung in eigener Sache (ein Uefa-Video). Kaiser Franz ist sogar schon in seiner neunten Folge, obwohl man ihm die Abwesenheit seiner Spieler und vor allem Oliver Pochers Kahns, denen er sonst in der BayernWG so nah ist, deutlich anmerkt.

Aber vielleicht treffen sich die beiden ja in Österreich oder der Schweiz. Denn Oliver Kahn Pocher ist zusammen mit der ARD bei der EM, hat eine Kamera dabei und wird sicherlich weder Holländer, noch Polen und Österreicher verschonen. Wahrscheinlich wird er die Quote von „Waldis EM-Klub“, den es leider auch wieder gibt, in die Höhe treiben.

Aber mehr noch als alle Quoten (die er für die Schmidt-Show vor allem dank vieler junger Zuschauer nach oben trieb) und Fußball-Gesänge („Bringt ihn heim“ heißt sein Song zur EM) sprechen Pochers Feinde für Oliver Pocher. Es sind frisurproblembeladene Oberlehrer und durch gefühlte tausend Jahre ARD-„Scheibenwischer“-gestählte Schreckenslangeweiler, die Oliver Pocher aus Schmidts Show verbannen möchten.

Endlich sagts mal einer (hinzu kommt, dass er gerade beim Prominenten-Special von „Wer wird Millionär“ eine Million Euro gewonnen hat – und damit das Doppelte von seinem allwissenden Chef vor ein paar Monaten)…

Solche Unterstützung haben Günter Netzer und Gerhard Delling natürlich nicht nötig. Aber die machen ja auch kein Entertainment, sondern abends die Sportberichterstattung. Auf das Nachmittagsspiel in der ARD bin ich ganz besonders gespannt. Denn dort wird Mehmet Scholl sein Moderatoren-Debüt geben. Der Ex-Bayer geht mit einigen Vorschusslorbeeren (ab 2.20 min) ins Rennen. Allerdings schmälert die Tatsache, dass sein Gegenüber Reinhold Beckmann sein wird, die Vorfreude erheblich. Die mittägliche Pressekonferenz des DFB rundet das Erste-Reihe-Programm ab.

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Fußball ist Männersport

10. Mai 2008

Meine Güte wurde in den letzten Tagen nach dem „Kung-Fu-Tritt“ von Tim Wiese auf dem Bremer Torwart rumgehackt. Exemplarisch hierfür der Tagesspiegel und die Frankfurter Rundschau, die ihn zum Bruce Lee Bremens kürte. Ich bitte darum, mir nicht böse zu sein, aber diese Verurteilungen sind von so absolutem Schwachsinn, wie ich ihn selten gesehen habe.

Ja, die Aktion war unglücklich. Ja, man hätte auch die Rote Karte geben können. Und ja, Wiese hat es danach mit seinen Äußerungen („Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass ich zuerst den Ball treffe“) nicht besser gemacht. Aber – und dieses Aber ist an Größe nicht zu überbieten – will ihm da ernsthaft irgendjemand Absicht unterstellen? Wiese kam aus seinem Tor mit dem Ziel, den Ball wegzuschlagen. Er traf ihn nicht richtig und prallte stattdessen mit Ivica Olic zusammen. Irgendwo habe ich auch gelesen, dass Wieses Stollen die Halsschlagader des Kroaten „nur um Millimeter“ verfehlt habe. Ein bisschen mehr Drama bitte…

Tatsache ist, die Gelbe Karte war berechtigt, weil Wiese in dieser Situation nicht letzter Mann war. Tatsache ist auch, Olic hat keine bleibenden Schäden erlitten und wird das nächste Mal vielleicht zweimal überlegen, ob er noch einmal hingeht, wenn ein Torhüter sein Tor verlässt. Denn wenn es darum geht, hat Wiese alles richtig gemacht. Über die Situationen in denen Spieler ihr Bein stehen lassen, wenn ein Torwart sich in den Ball schmeißt, redet überhaupt keiner mehr. Dabei ist das zehnmal gefährlicher. Torhüter haben einen extremen Job. Sie pendeln ständig zwischen Genie und Wahnsinn. Als Oliver Kahn damals mit gestrecktem Bein aus seinem Tor kam und den Dortmunder Spieler nur haarscharf verfehlte (nach 18 Sekunden), gab es einen kurzen Aufschrei, dann schmunzelte man darüber und wenig später war es schon Legende. Der Unterschied? Kahns Aktion war vorsätzlich. Wieses niemals.

Tim Wiese sollte ein bisschen an seiner Außendarstellung arbeiten. Freunde werden er und die Medien ohnehin nicht mehr. Aber mit solchen Aussagen, wie die direkt nach dem Spiel, stellt er sich immer wieder selbst an den Pranger. Hätte er nach dem Spiel gesagt, es tue ihm leid und es war – natürlich – keine Absicht, ich bin mir sicher die Kritik wäre glimpflicher ausgefallen. Doch mit dem reuelosen Statement gab er den Startschuss für die dann folgenden Schmähartikel. Dass er damit umgehen kann, hat er in den letzten Monaten gezeigt. Nach Kritik war er stets besser als vorher, allerdings nur solange, bis er wieder fast ganz oben war, um dann mit einem grandiosen Fehler wieder zurück zu fallen.

Der Weg des Tim Wiese ist einer zwischen den Extremen. Vielleicht braucht er auch diesen Presserummel um seine Person. Vielleicht wollte er den Beobachtern von Manchester United, die ihm jüngst ein Angebot gemacht haben sollen, auch nur zeigen: Sehr her, ich bin hart genug für die Premier League. Aber ganz davon ab, was die Medien danach aus seinem Auftritt gemacht haben, sollte sich der Bremer Keeper einfach mal ein halbes Jahr am Stück nur und ausschließlich auf seine Leistung konzentrieren. Denn dann braucht er solche Auftritte nicht mehr, um im Rampenlicht zu stehen. Die Medien würden ihm auch so genügend Aufmerksamkeit schenken.

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Lasst Koller leben

4. Mai 2008

Jan Koller feierte mit den Fans. Er ließ sein getauschtes Trikot fallen, hob die Arme in die Höhe und applaudierte ihnen. Eine Welle, noch eine und noch eine. Die Dortmunder Südtribüne feierte ihren Helden.

Das Problem? Jan Koller spielt bereits seit fast drei Spielzeiten nicht mehr beim BVB. Von 2002 bis 2006 spielte der Tscheche im schwarz-gelben Trikot und erzielte in dieser Zeit ganze 59 Treffer. Im WM-Jahr wechselte Koller nach Monaco, wurde dort überhaupt nicht glücklich und kehrte zu Beginn diesen Jahres zum 1. FC Nürnberg in die Bundesliga zurück. In elf Spielen hat Koller dort bisher zweimal getroffen. Wirklich zufrieden ist das Nürnberger Publikum mit dem Zwei-Meter-Riesen nicht. 

Am vergangenen Freitag jedoch wurde aus Unzufriedenheit blanker Hass. Als Koller sich, wie beschrieben, von der Dortmunder Südtribüne feiern ließ und danach mit feuchten Augen zu seinem eigenen, dem Nürnberger Block ging, rasteten die Fans aus. Ausgestreckte Mittelfinger waren noch das mildeste Zeichen der Abneigung. Das „Kopf-ab“-Zeichen, dass man sonst nur aus Kinofilmen oder von Gerald Asamoah kennt, war ebenfalls zu sehen. Der Tscheche war zunächst nur irritiert, verbeugte sich dann als Entschuldigung und drehte schließlich enttäuscht ab. Auf dem Weg zum Kabinengang entfuhr ihm dann das, was dem ganzen dann leider die unrühmliche Krone aufsetzt: „Fucking Nürnberg-Fans“.

Im Nürnberger Fanforum geht es seitdem nachvollziehbarer Weise hoch her. Nach einer Entschuldigung Kollers glätten sich die Wogen zwar, doch wirklich rehabilitieren wird sich Koller wohl nur durch Tore in den letzten drei Spielen, die am Ende bitte schön auch zum Klassenerhalt reichen. Das ist zumindest die Essenz aus dem was der kleine Kreis im DSF-Doppelpass gerade geäußert hat. Waldemar Hartmann sprach von einem „No go“, Claus Strunz von der Bild am Sonntag kann die Nürnberger Fans sogar in der überzogenen Härte der Reaktion verstehen. 

Ich persönlich kann dem überhaupt nicht zustimmen. Klar, Fußball ist ein emotionales Geschäft und bei den Nürnbergern liegen die Nerven blank. Da kommt es nicht gut an, wenn ein Spieler der eigenen Mannschaft mit den Fans der anderen ein 0:0 feiert. Aber genau darum ging es Koller in diesem Moment ja gar nicht. Er war einfach nur glücklich über die positiven Reaktionen der Dortmund-Fans und wollte ihnen dafür etwas zurückgeben. Die LaOla-Welle hätte er sich natürlich sparen können, aber es zeigt einfach nur, dass da einer mit Herz bei der Sache ist und eben nicht ständig die Benimmregeln der Vereine durchdekliniert.

Spieler wie Jan Koller, denen die Reaktion der Fans so ans Herz geht, gibt es nicht mehr viele in der Bundesliga. Das beste Beispiel dafür ist Herthas Joe Simunic, der unlängst den Satz geäußert hat: „Es gibt so viele Leute, für die Hertha das ganze Leben bedeutet. Die tun mir leid. Die werden verarscht.“ Darüber sollte man diskutieren. Und nicht über einen Fußballer, der von seinen Gefühlen übermannt, mit den (in diesem Moment) falschen Fans feiert. Meinen Respekt hat er.

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Konzentration bitte!

3. Mai 2008

Boah, was ist denn bei der Sportschau los? Erst wird aus Robert Vittek Robert Kovac und dann heißt der ausrangierte Bielefelder Keeper plötzlich Uwe statt Matthias Hain…

Zuviel gefeiert Herr Delling? Oder Sehnsucht nach dem Günter?

Vor dem Spielbericht von Bremen gegen Cottbus leistete sich Delling – im Zusammenhang mit dem „Fall Klasnic“ – dann noch dieses „Sahnestück“: „Da gab es in den letzten Wochen einige Situationen, die dem SV Werder ganz schön an die Nieren gegangen sind…“ 

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Der Stein rollt…

28. April 2008

Ivan Klasnic sitzt bei Reinhold Beckmann. Das Thema ist von großer Bedeutung: Es geht um die angeblich fehlerhafte Diagnose des Nierenleidens des Kroaten. Links neben ihm seine Frau, deren zynische Kommentare die ansonsten sachliche Gesprächsatmosphäre unterlaufen. Beckmann sitzt Klasnic gegenüber und stellt bemerkenswert gute Fragen. Zum Beispiel diese: 

Ivan, sie als Profisportler haben ja auch eine gewisse Eigenverantwortung für ihren Körper. Haben sie sich denn selbst nie gefragt, wo ihre Probleme herkommen?

Klasnic bleibt in diesen Momenten ruhig. Wenn er eine Diagnose vom Arzt bekomme, dann glaube er dieser im Normalfall auch. Der genesene Kroate antwortet in einer Weise die signalisiert, dass er mit dem Thema zumindest emotional abgeschlossen hat. Ganz im Gegensatz zu seiner Frau. Diese freut sich nicht nur immer wieder „dass er lebt“, sondern kann sich auch Sticheleien gegenüber den Bremer Offiziellen nicht verkneifen. Vor allem die herzlose Art und Weise von Bremens Manager Klaus Allofs stößt ihr sauer auf. Er habe sie als Spielerfrau bezeichnet, die eben so denken müsse. Das Gespräch driftet in die Unsachlichkeit.

Doch Beckmann reagiert, bricht ab und führt es in die medizinische Richtung. Das Thema Doping im Fußball wird gestreift und die Frage gestellt, ob es im Profigeschäft Alltag sei, dass Spieler Medikamente einnehmen. Klasnic will darauf nicht so recht antworten, in großen Lettern steht das imaginäre Wort Ehrenkodex über seinem Kopf. Doch seine Frau interessiert sich dafür nicht: 

Herr Beckmann, wenn ich davon gewusst hätte, was er täglich genommen hat, dann hätte ich eingegriffen!

Was dramatisch klingt, gehört in der Bundesliga tatsächlich zum Alltag. Fußballer nehmen Schmerzmittel und lassen sich „fit spritzen“. Das weiß die Öffentlichkeit. Doch, und das ist der eigentliche Skandal: Niemand stört sich daran. Völlig zu recht prangert der Gutachter (dessen Name mir jetzt leider entfallen ist), der die Klage von Klasnic unterstützt, an, dass in den Medien (sogar in der Sportschau) über „einen Herrn Pantelic“ berichtet wird, der unter der Woche 30 Spritzen bekommen habe, um am Wochenende spielen zu können. Jeder hat es gelesen, niemand regt sich darüber auch. Das ist Alltag im Fußballgeschäft.

Ivan Klasnic will das nicht mehr. Er sagt, als junger Spieler will man immer nur Fußball spielen, Fußball spielen, Fußball spielen. Aber, und dieser Satz fällt zum Ende öfter, jeder muss wissen, was er seinem Körper zumuten will. Beckmann stellt dem anwesenden Arzt in diesem Zusammenhang die provokanteste (und völlig berechtigte) Frage des Tages;

Ist das Doping?

Doch der Gefallen wird dem ehemaligen Chef von „Ran“ nicht getan. Da müsse man drüber reden, sagt der Arzt. Recht hat er. Der Stein ist ins Rollen gebracht worden. Jetzt ist entscheidend, dass wir darüber reden.