Archive for the ‘Euro 2008’ Category

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Ballack 2.0

26. Juni 2008

Er hat sich zurückgenommen. Ist im Hintergrund geblieben. Man könnte fast sagen, er hat die anderen „Mal machen lassen“. Nein, Michael Ballack hat wirklich nicht sein bestes Spiel im Trikot der Nationalmannschaft gemacht. Doch es sei ihm verziehen, weil man davon ausgehen kann, dass der Kapitän lediglich dabei ist, einen gewaltigen Anlauf zu nehmen, für das Finale, für sein Finale, für den ersten richtig großen Titel.

Das Märtyrium des Michael Ballack begann am 20. Mai 2000. Es lief die 21. Spielminute im Sportpark des Münchener Vororts Unterhaching, als der in Görlitz geborene Mittelfeldspieler zu einer verhängnisvollen Grätsche ansetzte. Wie es in seiner Karriere noch oft passieren sollte, prallte der Ball von seinem Fuß ins Tor. Doch weil sich Ballack im eigenen Strafraum befand, führte der krasse Außenseiter gegen die von Christoph Daum trainierten Leverkusener, die über die gesamte Spielzeit so zittrig wirkten, wie ein Junkie, der kurz vor lang ersehnten nächsten Schuss steht. Lang ersehnt war auch der Titel für Bayer. Doch an diesem Tag war das Zittern zu stark, die Mannschaft – und mit ihr Michael Ballack – war nicht bereit für den letzten Schritt.

Vier Jahre später, am 27. April 2002, war das Bayer-Team mehr als bereit. Es hatte die Bundesliga dominiert, den schönsten Fußball gespielt, war drei Tage zuvor ins Champions League Finale eigezogen und das Pokallendspiel in Berlin hatte es ebenfalls erreicht. Drei Titel waren möglich, zwei Finalspiele und genausoviele Bundesligaspiele standen noch aus. Michael Ballack war der überragende Mann im Bayer-Trikot. Doch auch er konnte die 0:1-Niederlage im Nürnberger Frankenstadion an diesem Aprilnachmittag nicht verhindern. Sein Team verlor die Tabellenführung an Borussia Dortmund und wurde am Ende Zweiter.

Ob es die Berichterstattung in der Presse war, die – im Einklang mit den Fans in Nicht-Leverkusen – von „Vizekusen“ sprach und schrieb, ist im Nachhinein nicht mehr zu rekonstruieren. Fakt ist, dass das Glück die Leverkusener und mit ihnen auch Michael Ballack verlassen hatte. Sowohl das Pokalfinale gegen Schalke ging verloren, als auch das Champions League Finale gegen Real Madrid. „Der ewige Zweite“ war geboren, aber Ballack, den dieser Titel von nun an, auch in München bei den Bayern, begleiten sollte, kämpfte dagegen an.

Es liegt nicht an ihm, dass die drei deutschen Meisterschaften und vier Pokalsiege, die er in seiner Münchener Zeit gewann, nicht an ihm festgemacht wurden. In München war er stets nur der, „der eigentlich mehr kann.“ Die 44 Tore, die er als (defensiver!) Mittelfeldspieler machte, seine Präsenz, die ihn später – beim FC Chelsea und in der Nationalmannschaft – ausmachte, seine Kopfball- und Führungskraft, alles Dinge, die an der Säbener Straße nie in angemessener Weise gewürdigt wurden. Dafür aber vermisst, als er den nächsten Schritt ging. Nach England.

Ballack hatte zu kämpfen, sowohl mit der schnelleren Spielweise der Premier League, als auch und vor allem mit seinem Körper. Eine Verletzung, die vom Verein nicht als solche anerkannt wurde, schadete seinem Image und sorgte dafür, dass er wieder dort anfangen musste, wo er 1998 in Kaiserslautern angefangen hatte: Als einer von vielen, dem man zwar nachsagte, er sei ein Großer, dem man es aber nicht wirklich zutraute, das auf dem Platz auch zu zeigen. Doch Ballack reagierte auf seine Weise und kam zurück. Plötzlich stand da ein Spieler auf dem Platz, der nicht nur die Fähigkeiten hatte, die ihm ohnehin schon immer nachgesagt wurden, sondern der plötzlich auch mit ausgefeilter Technik und einer ihres gleichen suchenden Spielübersicht brillierte. Ballack 1.1. führte das trainerlose Chelsea ins Champions League Finale, wo sich fast auf den Tag genau sechs Jahre nach der Niederlage gegen Real Madrid ein Kreis schließen sollte. Ballack war jetzt nicht nur bereit, sondern vor allem reif für den Titel. Wäre der Gewinn des Pokals 2002 noch eine Sensation gewesen und für seine Karriere vielleicht sogar schädlich, war er 2008 der nächste Schritt in seiner Karriere. An diesem Abend in Moskau wollte Michael Ballack es all jenen zeigen, die ihn bereits als ewiges Talent abgestempelt hatten. Doch Ballack hatte die Rechnung ohne Engländer und Franzosen gemacht. John Terry traf nur den Pfosten, Nicolas Anelka scheiterte an Edwin van der Sar – und wieder jubelten nur die anderen.

In der Nationalmannschaft befürchtete man im Anschluss daran, sich nun mit einem gebrochenen Kapitän in die Europameisterschaft stürzen zu müssen. Doch Ballack, dessen ewige Vizeness in den Medien erstaunlich wenig behandelt wurde, hatte die Niederlage mindestens genauso erstaunlich gut verarbeitet. Man könnte auch sagen, er ist ja geübt darin. Doch mit welcher Leichtigkeit und Selbstsicherheit der „Capitano“ bisher bei dieser EM aufgetreten ist, hat wirklich schon Ronaldinho-eske Züge. Ballack lächelt Fehler einfach weg und vertraut auf die Stärke seiner Mannschaft – und auf sich selbst.

Gegen die Türkei konnte er sich mal wieder darauf verlassen. Ballack selbst hielt sich wie erwähnt weitestgehend zurück, vielleicht wollte er auch nur mal sehen, wie die Mannschaft reagiert, wenn er es tut. Michael Ballack weiß nun, dass die deutsche Elf, seine Mannschaft, wenn es darauf ankommt, präsent ist. Dass sie immer und zu jeder Zeit ein Tor erzielen kann und vor allem über den Kampf zum Spielen kommt und übers Spielen ins Spiel findet. All das also, was auch schon sein Vereinsteam ausmacht. Doch was für Ballack am wichtigsten sein wird, ist die Tatsache, dass er keine Angst vor dem Elfmeterschießen zu haben braucht. Kein Engländer, kein Franzose und auch kein holländischer Torhüter könnte ihm im Ernstfall den Titel entreißen.

Michael Ballack weiß, dass er sich auf seine Mannschaft verlassen kann. Trotzdem wird er das EM-Finale, wie auch immer der Gegner heißen wird, zu seinem machen. Damit sich der Kreis endlich schließt. Und Ballack endlich den nächsten Schritt machen kann. Ballack 2.0 ist nicht nur bereit. Nicht nur reif. Michael Ballack ist fällig! Der Titel ist seiner…

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Heute wieder Live-Blogging

17. Juni 2008

Ab 20.45 Uhr. Frankreich – Italien und Niederlande – Rumänien:

Eigentlich wäre er HIER gewesen. Aus irgendeinem Grund hat das aber nicht funktioniert und ich habe die letzten zwei Stunden für die Katz geschrieben. Kein einziges Wort hat er gespeichert…Bullshit!

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Briefwechsel

15. Juni 2008

Soeben erreicht mich ein Brief eines in Berlin lebenden Freundes. Patricks Blog findet ihr in der Blogroll oder HIER. In Zukunft ist der Briefwechsel rechts in der Navigation (unter Seiten->Briefwechsel) zu finden. Zunächst einmal die Einleitung zu dem, was wir die nächsten Wochen vor haben und im Anschluss Patricks literarisch-sportlicher „Erguss“:

Schluss mit lustig!

Die EM begeistert ganz Europa. Zeit die Tabuthemen anzusprechen. Es ist Zeit für Klartext. In einem regelmäßigen Mailwechsel, werden die beiden Blogger Daniel und Patrick sich einen literarischen Schlagabtausch liefern. Dabei veröffentlicht Daniel Patricks Texte in seinem Kabinenpredigt-Blog und Patrick Daniels Antworten wiederum in seinem Lapidarium-Blog. Völlig objektiv und gänzlich unpersönlich. Das versteht sich von selbst!

Hochverehrter Kollege, lieber Freund!

Die Fußball Europameisterschaft ist bereits im vollem Gange. Die Gruppenphase neigt sich ihrem Ende zu und ich bekomme endlich die Gelegenheit mich an Ihnen zu rächen. Unverschämterweise haben Sie mir vor zwei Jahren ein Geschenk aus reiner Boshaftigkeit und Hinterlist gemacht. Erinnern Sie sich noch? Das Büchlein mit dem beschämenden Titel „Fußball – Deutsch / Deutsch Fußball“ eines sehr bekannten und großen Wörterbuchherstellers sollte wohl mit voller Wucht auf eine von Ihnen bei mir diagnostizierte Fußballunfähigkeit hinweisen. Wie konnten Sie nur! Nicht genug, dass sich das Buch über jeden Leser auf fast schon perfide Weise lustig macht und Begriffe wie „Chancentod“, „Kopfball“ oder auch „rund“ erklärt, nein, weiter versucht der ziemlich bekannte Verfasser des Buches Fußball und Comedy zusammen zu bringen. Da hört der Spaß bei mir auf. Fußball ist kein Spiel, Fußball ist ernst, so hat es neulich sogar ein bekannter Theaterwissenschaftler formuliert. Wie könnte man auch etwas anderes behaupten, wenn man in Joachim „Jogi“ Löws Gesicht blickt? Der Kroatienkrimi letzten Donnerstag hat diesem grundsympathischen Typen den letzten Funken an Humor und Freude, so scheint es zumindest, geraubt. So wie mir Ihr Geschenk das letzte Selbstvertrauen zum Thema Fußball geraubt hat. Sie haben richtig gelesen, ich vergleiche mich gerade mit dem Trainer der deutschen Nationalmannschaft, wenn auch mehr emotional als irgendwie anders. Aber wie gesagt, es ist Zeit sich an Ihnen mein Freund zu rächen.

Wissen Sie, werter Freund, wieso die Amerikaner dem Fußball, oder Soccer wie sie es bezeichnen, so ablehnend und unwissend gegenüber stehen? So, dass nicht einmal die renommierte New York Times wirklich ernsthaft von der Euro 2008 in Österreich und der Schweiz berichtet (außer einem kleinen lächerlichen Soccer-Blog)?  Die Antwort gab jüngst in einem Interview der ehemalige Teamchef der Nationalmannschaft Jürgen Klinsmann. Fußball sei nämlich ein „players game“, ein Spiel also, welches fast ausschließlich von den Spielern entschieden wird. Doch die meisten Amerikaner sind Fans der sogenannten „coaches games“, wie zum Beispiel „Football“, „Baseball“ oder auch „Basketball“. Spiele, die von Trainern und Taktiken bestimmt und dominiert werden. Spiele, die sich durch schnellen Wechsel von Offensive und Defensive auszeichnen und kein Auswechsellimit aufweisen. Europa scheint da etwas anders gestrickt und sozialisiert worden zu sein.

Wie sonst ist die Dominanz des Fußballs zu erklären?  Fußball soll trotz seines stark individualistischen Ansatzes auch integrativ wirksam gemacht werden. Fußball ist daher nur zum Teil ein wirklicher Teamsport. Mittlerweile will die Kultusministerkonferenz (KMK), Fußball als Migrationsgrenzen übergreifendes Schulinstrument in den deutschen Schulunterricht effektiver einbinden. Denn Fußball, so die Theorie soll sich perfekt dazu eignen, Mathekenntnisse zu vermitteln. Sie erlauben, dass ich meine berechtigten Zweifel an dieser These äußere und mich der weiteren Popularisierung dieser Sportart verwehre. Andere haben es da viel nötiger. Doch Fußball, so die Mitglieder der KMK weiter, lässt soziale Schranken verschwinden. Der arme Junge mit Migrationshintergrund bekommt als „nur“ im Fußball die Möglichkeit von seinen anderen Lernschwächen abzulenken, zu punkten, außerdem zählen auf dem Platz keine Markenklamotten und andere Accessoires. Alle sind gleich und tun sich nur durch die individuellen Fähigkeiten zum Wohle der Gemeinschaft (also des Team) hervor. Was für ein marxistischer Ansatz! Ich frage Sie, was soll das? Sieht denn hier niemand den weißen, dicken, Brille tragenden und von allen möglichen Allergien geplagten Jungen in der Abwehr stehen? Was ist mit den weniger talentierten? Was ist mit denen, die für diesen Sport völlig ungeeignete Voraussetzungen mitbringen. Fußball erscheint hier doch nicht mehr als integrativer Bestandteil einer Gesellschaft oder eines Bildungssystems, sondern als ein vollständig autarkes Klassensystem.

Fußball ist ernst schon klar, aber ein wenig Distanz und vor allem ein bisschen De-emotionalisierung würde uns allen gut tun. Vor allem den Kollegen und Kolleginnen aus der mächtigen Welt der Sportberichterstattung. Wieso dominiert alle Fußballberichte immer ein latenter militaristischer Ton. Ich muss Ihnen doch jetzt nicht wirklich Beispiele nennen, oder? Ich mache es trotzdem. Kaum ein Artikel der nicht ohne die Begriffe, wie „Schlacht“, „Kampf“, „Kameraden“, „aufmarschieren“ etc. auskommt. Nur noch der Wetterbericht bedient sich häufiger diesem Jargon („bomben Wetter“). Es reicht! Fußball ist ernst, schon klar und trotzdem solle man doch bitte wenigstens diesem Kriegswortschatz „lebe wohl“ sagen. Hans Meyer hat mal gesagt: „Fußball ist auf dem Platz.“ Wie könnte ich dem widersprechen! Auf dem Platz, dort wird gespielt. Fußball ist im besten Sinne seiner Definition ein Spiel und der kriegerische Alltag hat hier doch nun wirklich nichts zu suchen.

Auch das steht nicht in dem Geschenk, dass Sie mir in einem kleinen Anfall von Böswilligkeit vor zwei Jahren gemacht haben. Aber ich bin nicht nachtragend.

Denken sie an ihren pazifistischen Freund, Patrick.

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Sympathisch erfolgreich

14. Juni 2008

Das Spiel war bereits vorbei, als die Niederlande zur nächsten Sympathieattacke ansetzte. Plötzlich hatte jeder Spieler im orangen Trikot und auch der schwarz tragende Torhüter Edwin van der Sar ein Kind auf dem Arm. Doch damit nicht genug. Dirk Kuyt, Torschütze des Führungstreffers gegen Frankreich, gab seinem Nachwuchs zunächst „eijn Küssje“ – was an sich schon ein rührendes Bild war, ist er doch ein eher ruppiger Angreifer in Diensten des Kampfklubs FC Liverpool. Doch im Anschluss daran kamen auch die anderen Spieler vorbei, um der Kleinen ihren Dank fürs Daumen drücken zu übermitteln. Das Ganze erinnerte nach dem Spiel eher an ein Eltern-Kind-Frühstück im Kindergarten, als an das Ende eines aufreibenden Europameisterschaft-Spiels.

Aber „Oranje“ hatte sich dieses idyllische Treffen vor der Haupttribüne verdient. Mit 4:1 hatte die Mannschaft vom ehemaligen Weltklasse-Stürmer Marco van Basten die französische „Equipe Tricolore“ vom Platz gezaubert und sich damit selbst den Stempel „Topfavorit“ aufgedrückt. Günter Netzer wollte das zwar noch nicht unterschreiben – was wegen der schwierigen Vergangenheit der Niederländer, die stets Highlightsspiele ablieferten und dann regelmäßig und spätestens im Halbfinale ausschieden, auch verständlich ist. Allerdings gibt es gravierende Unterschiede zwischen der alten holländischen Nationalmannschaft und der aktuellen.

Das fängt schon im Tor an. Edwin van der Sar scheint, obwohl schon langsam auf die 40 zugehend, noch einmal in eine Form gekommen zu sein, die ihm niemand mehr zugetraut hätte. Er strahlt eine Sicherheit aus, die sich nahtlos auf seine Kollegen in der Defensive überträgt. Dort spielt einer, der vor der EM eigentlich schon außen vor war: Oft wegen seiner rustikalen Spielweise als „Kannibale“ betitelt, zeigt Khalid Boulahrouz rechts in der Viererkette, dass ein Profi, der ein paar Jahre in der Premier League in England spielt, technisch einen Riesensprung hinlegt. Auch Michael Ballack profitiert davon. Boulahrouz aber ist deshalb eine Besonderheit, weil er ursprünglich im holländischen Team gar nicht vorgesehen war. Erst durch die Verletzung eines Stürmers, der von Ryan Babel, rutschte der Verteidiger noch in den EM-Kader und verdrängte in der kurzen Zeit vor der EM den Ajax-Profi Johnny Heitinga aus der Startelf.

Im offensiven Mittelfeld spielt die Niederlande ihren „totalen Fußball„. Ohne wirklich feste Positionen rotieren Rafael van der Vaart, Wesley Sneijder, Dirk Kuyt und Ruud van Nistelrooy über den Platz. Immer absichert, aber auch meist unterstützt von den Defensivspezialisten Engelaar und de Jong. Dadurch, dass diese Spieler immer in Bewegung sind (also das tut, was die deutsche Elf gegen Kroatien eigentlich vorhatte), sind die Holländer nicht nur wahnsinnig schwer zu verteidigen, sondern sie befinden sich im Mittelfeld auch meist in der Überzahl. Dazu kommt, dass van Nistelrooy bei Real Madrid täglich mit technisch hervorragenden Spielern zusammentrainiert, was man ihm genauso ansieht, wie eben Boulahrouz. Über die Fähigkeiten von van Nistelrooys Kollegen Sneijder und dem immer noch HSV-Spielmacher van der Vaart braucht man keine Worte mehr zu verlieren.

Doch fähige Einzelspieler hatte diese Nationalmannschaft ja schon immer. Kluivert, Makaay, Seedorf 2004, Davids und die DeBoer-Brüder 2000 oder Bergkamp 1998. Doch bei keinem dieser Turniere kam das Team ins Finale und jedesmal scheiterten die Holländer irgendwie an sich selbst. Das nannte sich dann „interne Querelen“ und sorgte dafür, dass niemand mehr Oranje ernst nahm – auch nicht vor diesem Turnier. Mittlerweile muss man diese Mannschaft beachten, dafür hat sie selbst gesorgt. Doch nicht nur der Zauberfußball gegen Italien oder Frankreich lässt aufhorchen, sondern vor allem der Zusammenhalt in der Mannschaft.

Trainer Marco van Basten scheint es geschafft zu haben, diese phantastischen Einzelspieler zu einer Einheit zu formen, den an sich egoistischen holländischen Fußballer zu einem Mannschaftssportler zu machen. Wie oft wurde nach großen Turnieren von deutschen Teams dieser Mannschaftsgeist beschworen und als Basis des Erfolges bezeichnet. Das sorgte immer für Sympathie, weil man das Gefühl bekam, dass da elf Freunde auf dem Platz standen, die von weiteren Kumpels auf der Bank nach vorne gebrüllt wurden. Und genau aus diesem Grund kann ich meine Abneigung den Holländern gegenüber, die durch die Spuck-Attacke von Frank Rijkaard gegen Rudi Völler 1990 ausgelöst wurde, bei dieser EM nicht aufrecht erhalten. Oranje ist mir sympathisch. Und darf deshalb auch Europameister werden. Natürlich nur, wenn sie nicht im Finale gegen Deutschland gewinnen.

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Früher war alles besser…

13. Juni 2008

„Ich bin auf den Platz gekommen, hab’ die Kugel genommen und sie aus 30 Metern in den Winkel geschossen – heute muss ich mich erst warm laufen.“

Torsten Frings in der Süddeutschen über das fußballerische Altern. Ein schönes, sehr sehr lockeres Interview zusammen mit Michael Ballack. Ist zwar schon zwei Tage alt, aber nicht jeder liest die Süddeutsche täglich.

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Platzverweis schlimmer als Niederlage

12. Juni 2008

Die Niederlage gegen Kroatien war hochverdient. Die Mannschaft von Slaven Bilic hat die von Joachim Löw – wie von mir befürchtet – mit ihren technischen Fähigkeiten zermürbt. Allerdings erst nachdem sie schon zurücklag, was die Frustration im deutschen Team von Minute zu Minute steigen ließ. Schuldig am Gegentreffer war Marcell Jansen, da kann der deutsche Teamchef noch so sehr darauf hinweisen, dass die Flanke nicht zustande kommen darf. Ein Profifußballer muss die alte Jugendregel „Zum Ball“ (für: dem Ball entgegen gehen) verinnerlicht haben. Jansen muss sich jetzt vorhalten lassen, dass er damals nicht gut genug aufgepasst hat.

Ein Gegentor wie das 2:0 kann immer passieren. Glück gehört im Fußball dazu. Wenn es allerdings „nur“ das 0:1 gewesen wäre, hätte der weitere Spielverlauf wohl anders ausgesehen. So rannte die DFB-Elf einem Zweitore-Rückstand hinterher und fand viel zu selten die Mittel, die mit „högschder Disziplin“ verteidigenden Kroaten in Bedrängnis zu bringen. Viel zu oft wurde der lange Ball nach vorne gespielt, wo sich Herthas Joe Simunic (zum ersten Mal seit einem halben Jahr ohne jeden Fehler) und Dortmunds Robert Kovac über leichte Arbeit freuten. Das setzte sich auch nach dem erzwungenen Anschlusstreffer von Lukas Podolski fort. Die Einwechslung von Kevin Kuranyi deutete sogar darauf hin, dass das deutsche Trainerteam genau diese Taktik verfolgen wollte.

Dabei zeigten zwei WM-Helden wunderbar, wie die Kroaten zu knacken gewesen wären. Bastian Schweinsteiger, nach seiner Einwechslung bester Mann auf dem Platz und Philipp Lahm, der seinem bayerischen Kollegen in nichts nachstand, wirbelten die rechte Abwehrseite des Gegners derartig durcheinander, dass sich der kroatische Abwehrspieler insgeheim Marcell Jansen zurückwünschte. Die beiden – Schweinsteiger und Lahm – schlugen den Gegner in dieser Phase mit seinen eigenen Waffen: Ballsicherheit, Spielwitz und Kombination. All das also, was man von der deutschen Elf bei der WM und in weiten Teilen der Vorbereitung gewohnt war.

Umso bitterer ist es da im Hinblick auf den weiteren Turnierverlauf, dass eben jener Schweinsteiger sich in der Nachspielzeit zu einem Schubser gegen seinen Gegenspieler Leko hinreißen ließ und dafür vom Schiedsrichter nicht ganz zu Unrecht mit der Roten Karte bestraft wurde. Mit Schweinsteiger verliert die Mannschaft einen ihrer ballsichersten Spieler. Clemens Fritz hat eine unglaubliche Angriffsdynamik, verliert den Ball dabei jedoch viel zu häufig. Genauso sieht es zur Zeit mit Michael Ballack aus. Der „Capitano“ spielt eine unglaublich hohe Anzahl von Fehlpässen, auch schon gehen Polen, da wurde es bloß nicht bestraft. Ballack muss aber auch und vor allem an der Absprache mit Torsten Frings arbeiten. Viel zu oft konnte ein Kroate durchs Mittelfeld spazieren, viel zu oft hätte ein Kroate aus dem Rückraum zum Schuss kommen können. Übrigens ein Missstand der ebenfalls schon gegen Polen auftrat.

Die deutsche Elf kann von Glück reden, dass der nächste Gegner „nur“ Österreich heißt. Es müsste wirklich mit dem Teufel zugehen, wenn der bislang sieglose Gastgeber gegen Deutschland zum ersten Erfolg käme und Deutschland sich damit aus dem Turnier verabschieden müsste. Selbst mit einer in der letzten Konsequenz unterirdischen Vorstellung wie gegen Kroatien müsste es gegen das Team von Josef Hickersberger reichen. Dann wird es allerdings richtig schwer, denn als Gruppenzweiter warten wohl die Portugiesen im Viertelfinale. Die haben seit dem 1:3 im Spiel um Platz Drei bei der EM noch eine Rechnung mit Deutschland offen. Damals erzielte Bastian Schweinsteiger nahezu alle deutschen Treffer (ein Eigentor, nach einem Schuss von ihm). Wenn kein Wunder geschieht, wird der Rechtsfuß allerdings fehlen. Denn eine glatte Rote Karte zieht im Normalfall mindestens zwei Spiele Sperre nach sich. Damit könnte die EM für den Münchener jedoch schon zu Ende sein…

UPDATE: Das „Wunder“ ist eingetreten. Schweinsteiger ist nur ein Spiel gesperrt, könnte damit im Viertelfinale wieder auflaufen.

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Respekt, Herr Simon

9. Juni 2008

Ok, ich kanns nicht lassen…

Aber das 1:0 der Niederländer durch Ruud van Nistelrooy brachte mich und meine Regelkenntnis zu sehr  durcheinander, als dass ich meine Hände ruhig neben der Tastatur liegen lassen könnte. Ich war nämlich der Meinung, dass der italienische Spieler, der beim Tor außerhalb des Feldes lag, nicht als für die Regel zählender Spieler gälte. Denn mir war aus der Jugend nur die Regel bekannt, dass sich ein angreifender Spieler – um einer Abseitsstellung zu entgehen – sehr wohl hinter die Torauslinie stellen könnte, wenn er sich im Anschluss vor dem Betreten des Feldes beim Schiedsrichter anmeldet. 

Dieser Fall von eben war mir allerdings neu. Gab es das überhaupt schon mal? Denn laut FIFA-Regel, die ich in der Formulierung allerdings nur bei Wikipedia und nicht im Original gefunden habe, lautet:

Wenn Spieler der verteidigenden Mannschaft sich außerhalb des Spielfelds stellen, um damit gegnerische Spieler in eine Abseitsposition zu bringen, so darf der Schiedsrichter nicht auf Abseits entscheiden, da die Spieler dann so gewertet werden, als würden sie auf der Torlinie stehen.

Merke: ARD-Kommentator Steffen Simon hatte Recht, als er verbal auf reguläres Tor entschied. Dafür hat er meinen Respekt, denn ich hätte das, wie gesagt, nicht sofort gewusst. (Als kleine Ehrenrettung: Die andere Regel, an die ich mich erinnerte, gibt es auch noch…)

Edit:

„Ich muss gestehen, dass mir diese Regel völlig neu ist. Da hätte ich alles drauf gewettet, dass das ein irreguläres Tor ist.“

Danke Herr Netzer…

Edit 2: So, JETZT hat der Herr Simon es aber falsch gemacht. In der 75. Minute plädiert er ganz klar für kein Abseits, obwohl van Persie (der im Abseits stand) mit seiner Aktion (den Ball durch die Beine laufen zu lassen und damit van der Vaart freizuspielen) die italienische Abwehr ganz klar irritiert. Jetzt ist aber gut mit Regelkunde. 

Ich mag die Niederländer zwar nicht, aber wie die Italiener gerade verhauen werden, das guckt man sich doch gerne an.

Letzter Edit: Hab mir die Szene noch mal angeguckt. Kann man auch laufen lassen 😉