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Briefwechsel

Pixelio

An dieser Stelle wird der Briefwechsel zwischen meinem Kumpel Patrick und mir in unregelmäßigen Abständen veröffentlicht. Der oberste Brief ist immer der neueste, wer also den gesamten Wechsel nachvollziehen will, muss ganz unten anfangen.

Patricks Blog findet ihr in der Blogroll oder HIER.

Die EM begeistert ganz Europa. Zeit die Tabuthemen anzusprechen. Es ist Zeit für Klartext. In einem regelmäßigen Mailwechsel, werden die beiden Blogger Daniel und Patrick sich einen literarischen Schlagabtausch liefern. Dabei veröffentlicht Daniel Patricks Texte in seinem Kabinenpredigt-Blog und Patrick Daniels Antworten wiederum in seinem Lapidarium-Blog. Völlig objektiv und gänzlich unpersönlich. Das versteht sich von selbst!

19. August 2008 (Daniel an Patrick)

Die EM ist vorbei – geht bei Olympia alles mit rechten Dingen zu?

Hochverehrter Kollege, lieber Freund!

Lange hat dieser Brief auf sich warten lassen, die Gründe dafür sollen hier nicht zur Sprache kommen, aber eines kann ich Ihnen versichern, werter Kollege: Ich habe viel über Ihren Brief nachgedacht. Denn ich gebe zu, die Vorstellung durch einen weltbürgerlichen Weltentwurf bei einer EM oder WM gar nicht wirklich verlieren zu können, klingt im ersten Moment nur allzu reizvoll. Allerdings, und bitte bezeichnen Sie mich nicht voreilig als einen dieser konservativen Fußballnationalisten, ist das nichts für mich und ich glaube, dass mir der Großteil der „richtigen“ Fußballfans– zur Definition komme ich noch – da zustimmen würde. Denn wie ich Ihnen bereits in meiner letzten Antwort versucht habe darzulegen, hat das Spiel Fußball – im eigentlichen Sinne – nichts mit Freundschaft und „Liebhaben“ zu tun. Unter dem Strich zählt nämlich nicht viel mehr als der Erfolg. Was das angeht, bin ich wohl wirklich konservativ, aber dieses große „Buhei“, diese übertriebene Eventisierung und die damit verbundene Massenbewegung auch der Fußballmaterie bisher ferner Schichten, wird zwar für eine weitere Umsatzsteigerung in diesem „Geschäft“ führen, ob es dem Sport auf Dauer zugute kommen wird, wage ich allerdings zu bezweifeln. Denn wenn der Fußball mehr als ohnehin schon in die Mitte der Gesellschaft rückt, werden die Anforderungen an die Spieler steigen. Sie werden immer mehr fußballfremde, aber Geld bringende Termine wahrnehmen müssen, die ohnehin immer höhere Belastung wird steigen und die fußballerische Qualität früher oder später sinken. Das Problem ist, dass die ganzen „Fans“, die sich jetzt klatschend und mit Lametta behängt auf den Fanmeilen die Kante gegeben und nebenbei ein Fußballspiel gesehen haben, dieser Qualitätsniedergang nicht interessieren wird. Sie werden weiter ihre Stars feiern, plötzlich anfangen zu kreischen, wenn ein Spieler von der Sorte Michael Ballacks oder Phillipp Lahms (je nach Schönheitsideal) auf dem Bildschirm auftaucht und den Billigproduzenten von Fanartikeln die Dollarzeichen ins Gesicht treiben. Wo haben Sie eigentlich ihre zahlreichen Fahnen her, werter Kollege?
Ich will keine fußball-apokalyptischen Prognosen fabrizieren. Allerdings hat es mich sehr nachdenklich gemacht, dass man nach einer Niederlage seiner Mannschaft nicht einmal mehr traurig oder auch nur nachdenklich sein durfte. In meinem Fall war das nach der Kroatien-Niederlage der Fall, als ich von mehreren dieser Event-Fans, bis zum Rand mit Alkohol gefüllt, dazu aufgefordert wurde, „nicht rumzuheulen, sondern die Mannschaft zu feiern.“ Den Status eines Spielverderbers habe ich mich auch nachsagen lassen müssen. Da es keinen Sinn hat(te), mit solchen „Fans“ zu diskutieren, behielt ich meine Frage, was es zu feiern gäbe, für mich. Das hieß und heißt natürlich nicht, dass ich nicht nach wie vor zu meinem Team gestanden habe und stehe. Im Gegenteil. Trotzdem war ich aufgrund der Leistung erschrocken und sah keine Grund für optimistisches Gejubel. Das schlimmste daran war eigentlich, dass diese „Fans“ dann auch noch Recht behielten und meine Sorgen – vom reinen Ergebnis her – unbegründet waren. Doch wie ich schon einmal in einem Kommentar auf meinem Blog bemerkte, hätte mir dieser EM-Titel nicht allzu viel bedeutet, weil er einfach nicht verdient war.
Aber die EM ist vorbei, neue Events durchziehen die Fernsehlandschaft. Während sich Olympia nun fast schon wieder dem Ende zuneigt, hat die Fußball-Bundesligasaison gerade erst begonnen. Letztere wird im Zuge dieses Wechsels – aufgrund meiner eigenen Affinität zu ihr – sicher noch öfter zur Sprache kommen. Daher ein paar Gedanken zu den olympischen Spielen in Peking. Zur politischen Debatte, ob man einem offenkundig kommunistischem Regime eine solche Möglichkeit zur Darstellung der eigenen Stärke geben sollte, wurde in zahlreichen Medien genug gesagt. Ich persönlich hatte nicht nur deshalb ein fades Gefühl, als ich die bis zu 3000 Chinesen bei der Eröffnungsfeier im sogenannten Vogelnest bei ihren trotzdem sehr beeindruckenden Choreographien gesehen habe. Doch schwirrte nicht auch Ihnen, werter Kollege, die ganze Zeit die Frage im Hinterkopf, ob die das auch alles freiwillig tun? Mehr als einmal kam mir das Wort: „Bienenvolk“ oder – zum Stadion passend – „Vogelschwarm“ in den Sinn. Tiere. Nicht Menschen.

Aber bevor ich in eine ganz falsche Ecke drifte, muss ich natürlich eingestehen, dass ich noch keinen Chinesen getroffen habe, der nicht stolz auf sein Land ist. Der sich nicht auf die Spiele gefreut hat. Der nicht alles dafür getan hätte, um sie zu einem Erfolg zu machen. Selbst an unserer Universität gab es ein paar Chinesen (ob das nun wirklich Chinesen waren oder Deutsche, die chinesische Eltern haben, weiß ich leider nicht), die sich vor der Mensa versammelt hatten und Flugblätter verteilten. Sie wollten damit auf die negativen Berichte in den deutschen Medien reagieren und zeigen, dass es auch eine andere Sicht der Dinge gibt. Wie ich finde, nicht ganz zu Unrecht.

Nun aber zum sportlichen Geschehen und da gibt es einen ganze Menge zu bereden. Ist es möglich, dass sich Athleten immer und immer wieder steigern? Dass ein eigentlich schon ausgereizter Rekord noch einmal nach oben oder unten (je nach Sportart) katapultiert wird? Usain Bolt, seit ein paar Tagen Goldmedaillen-Gewinner und Weltrekordhalter auf der 100m-Sprint-Strecke, lief erst seinen achten oder neunten ernsthaften Wettkampf. Der Mann ist eigentlich 200m-Läufer, hat für diese kurze Strecke, so sagt man, zu lange Beine. Andere sagen, er sei ein Naturtalent. Eigenblut von Radrennfahrern ist übrigens auch natürlich. Kann ein Schwimmer 200m Schwimmen und im Anschluss nahezu ohne erhöhten Puls aus dem Wasser steigen und Interviews geben? Ist es möglich einen Weltrekord auf der 100m-Bahn um 4(!) Sekunden zu verbessern? Michael Phelps hat bei diesen Spielen alles gewonnen, was es in seinen Disziplinen zu gewinnen gab. Kann ein Mann alleine so etwas leisten? Ohne Doping?
Lance Armstrong, seines Zeichens Übermensch und in den USA verehrter, aber, hach ja, leider des Dopings überführter und siebenfacher Tour-de-France-Sieger, wurde erst NACH seinem letzten Sieg positiv getestet. Er ist ein reicher Mann. Es stellt sich die Frage, ob die Bolts, Phelps und wie sie alle heißen nicht nach dem gleichen Credo verfahren. Dopen, Erfolge einfahren, Geld verdienen. Wenn sie erwischt werden, interessiert das in ihrer Heimat niemanden. Wenn nicht, umso besser. Das Risiko schwimmt, läuft und fährt immer mit. Wie es scheint, wird es jedoch in der Wahrnehmung der Sportler, die Radfahrer mal außen vor, immer kleiner.
Oder ist es möglicherweise doch ganz anders? Ist es doch so, wie diese Sportler behaupten? Dass sie jeden Tag nichts anderes tun, als zu trainieren? Dass sie mehr tun, als alle anderen? Dass sie, ja, chinesische Tugenden an den Tag legen? Wie sehen Sie das, verehrter Kollege?
Mit koffeingedopten Grüßen
Ihr Freund Daniel

26. Juni 2008 (Patrick an Daniel)

Burschen, Bälle, Banalitäten

Hochverehrter Kollege, lieber Freund!
Da haben Sie sich aber ein wunderschönes Eigentor geschossen. Vielleicht bedarf es einer kleinen Auffrischung: Sie mutmaßten, dass meine kritische Einstellung zum Fußball mit dem Ausscheiden Polens eng in Verbindung stehen muss. Mein Freund, das glauben Sie doch nicht wirklich, oder? Sie unterschätzen mein kosmopolitisches Wesen! Oder wussten Sie gar nichts von meinem weltbürgerlichen Weltentwurf? Ein Beispiel: Das Fahnenmeer, welches sich zur Zeit über die bundesdeutsche Hauptstadt ergießt, sortiert uns in Gruppen. Während der WM 2006 musste man sich noch zur einen Fahne bekennen. Jetzt fahren Menschen mit bis zu vier verschiedenen Fahnen durch die Straßen Berlins. Wie wunderbar! Aus meinem Fenster hängen sogar fünf Stück. Auch wenn nur eine dazugehörige Mannschaft noch im Turnier ist. Konservative Fußballnationalisten finden so etwas feige. Man dürfe sich nur zu einem einzigen Team bekennen. Wenn ich das schon höre! Mir ist das alles äußerst zu wider. Wie erfrischend und zukunftsweisend ist doch da der neue Podolski-Patriotismus, den viele Spieler bereits sehr effektiv und publikumswirksam antizipiert haben.

Was ist denn wirklich deutsch an der deutschen Fußballnationalmannschaft? Die amerikanischen Trainings- und Fitnessmethoden? Klose, Podolski und Odonkor? Unsere verehrte Bundeskanzlerin hat neulich in einer Rede, genau diese Spieler als gelungene integrative Beispiele angeführt. Ja, dies führt vielleicht zu weit. Aber was soll denn da Günther Netzers mehrminütige Ode an die „deutschen Tugenden“? Sind seine Fußballansichten genauso verstaubt , wie seine Frisur? Was sagen Sie werter Kollege?
Es ist doch so: Den Menschen – und nur ihnen – sollten alle Sympathien und Herzen der Fußballfans gelten. Alles andere ist großer und in letzter Konsequenz auch ein potentiell gefährlicher Mumpitz. Fußball als nationalistischer Katalysator, oder doch eher als Motor der Völkerverständigung schlechthin? Auch Sie werden nicht umher kommen zu erkennen, dass die Wunschvorstellung zwar sicherlich in Richtung Völkerverständigung tendiert, doch die fußballpolitische Realität sieht ganz anders aus. Denn Fußball ist nämlich nur noch ein simpler Erlebens- und kein Erfahrungsraum mehr. Großes, pompöses und vor allem überdimensioniertes Theater. Ohne den Sport ansich angreifen zu wollen – nichts läge mir ferner – muss man sich wirklich selber fragen, ob nicht das ganze „Drumherum“ maßlos übertrieben ist. Was ist denn der unermessliche Wert des Fußballs? Wo liegt sein philosophischer Nutzen? Wem hilft er? Dem Rassenhass, der Versöhnung des alten und neuen Europas, den Männern oder den Frauen? Mittlerweile bekomme ich den Eindruck vermittelt, dass Fußball im Grunde nichts weiter ist als ein rein infantiles Freizeitvergnügen. Ein Ventil für den gestressten Arbeiter/In. Man muss schreien, brüllen und laut fluchen dürfen, ohne gleich vom Ordnungsamt mit einem 10,50 € Knöllchen abgefertigt zu werden und so am Ende des Tages völlig in der Depression zu versinken. Denn jetzt kann man ja schließlich sagen: „Wenigsten sind unsere Jungs im Finale“. So haben wir aus dem Fußball eine Alltagsbewältigungsmaschine gemacht. Ein Illusionsstifter für den von der Globalisierung gepeinigten Deutschen.
Ja, unsere Jungs sind im Finale. Und der Spruch den Sie neulich in ihrer Replik so hoffnungsvoll verwerfen wollten, hat sich wiedereinmal bewahrheitet. Und somit feuer ich Ihnen aus dem Vollspann direkt wieder entgegen; Fußball ist eben immer noch dieses Spiel, in dem 22 Männer einem Ball hinterher rennen und am Ende immer die Deutschen gewinnen. Leugnen Sie nicht! Wem gehört eigentlich die Nationalmannschaft samt ihrer Protagonisten? a) sich selber;  b) dem deutschen Volk; c) dem Kanzler; d) Bayern München; Haben Sie wenigstens darauf eine zufriedenstellende Antwort? Sind es denn wirklich unsere Jungs?
Was Schweini und Co. angeht muss man noch tatsächlich ein weiteres Hühnchen mit ihnen rupfen. Thema: Musik. Ich will hier gar nicht zu weit abschweifen, denn wenn ich an Christina Stürmers nichtssagenden bla bla bla Song „Wir haben Fieber“ oder die grottigen Versuche von Shaggy (Was hat dieser Song mit Fußball zu tun?) und DJ Bobo (musste das wirklich sein?) denke, kommt mir das Frühstück vom vorvergangenen Mittwoch wieder hoch. Das wurde nur noch von der wahnsinnig dämlichen Diskussion in Waldis WM Club (ja ich weiß, es ist eine klassische Tautologie) zwischen Waldi himself und dem Scorpions Sänger Klaus Meine getoppt. Beide waren allen Ernstes fest davon überzeugt, dass es sich bei der Musik von Revolverheld doch allen ernstes um Rock handelt!

Aber worauf ich eigentlich hinaus wollte: Es gibt eine öffentliche Umfrage, die den Musikgeschmack der einzelnen Nationalmannschaften erfragt hat. Und was muss ich da lesen? Metzelder hört „Rock“ und Bon Jovi, Lahm „Charts“, Borowski „HipHop und Phil Collins“, und auch Torwart-Trainer Andreas Köpke hört nicht mehr Pavement, sondern Phil Collins und… Bon Jovi. Erwähnte ich schon den ansteigenden Würgreiz. Das wirklich erstaunliche an der Umfrage war der Musikgeschmack der englischen Nationalelf, auch wenn diese nicht bei der EM dabei ist. Hier eine Auswahl: Oasis, Boy Kill Boy, Arctic Monkeys und The Rifles. Ich wünsche mir jedenfalls, dass die Engländer schon aus diesen Gründen bei den nächsten großen Turnieren mit spielen. Aber wahrscheinlich ist auch das, wie so vieles beim Fußball, einfach nur banal.

Ihr guter Freund Patrick.

19. Juni 2008 (Daniel an Patrick)

Fußball ist Krieg!

Hochverehrter Kollege, lieber Freund!

Ich freue mich sehr, dass Sie sich, trotz Ihrer nun zur Schau gestellten Abneigung meinem Geschenk gegenüber, damit beschäftigt zu haben scheinen. Anders ist doch Ihre plötzliche Sicherheit im Umgang mit diesem Spiel und Ihre damit verbundene Schreibtätigkeit in Ihrem Blog nicht zu erklären, oder? Ich will aber nicht gehässig sein, Sie sind als Angehöriger einer bereits ausgeschiedenen Nation schon genug gestraft.

Ich bin aber auch deshalb so vorsichtig, weil ich nur ein kleines Fünkchen Hoffnung auf ein Weiterkommen meiner Nation in meinem Herzen finde. Die filigranen Zauberer aus dem südwestlichen Zipfel Europas spielen einfach zu schön und gleichzeitig effektiv, um gegen die deutsche Mannschaft auszuscheiden. Diese scheint die spielerische Reinkarnation vom „Rudi-Völler“-Stil zu vollziehen. Von Zonenpressing, schnellem Umschalten von Abwehr auf Angriff oder dem noch schnelleren Überbrücken des Mittelfeldes – also alldem, was Jogi Löw seiner Mannschaft zwei Jahre lang beigebracht haben soll – ist nichts, aber auch gar nichts zu erkennen. Stattdessen verlässt sich die Nationalmannschaft auf ihr Glück und darauf, dass wir eben Deutschland sind und am Ende als Sieger vom Platz gehen.

So einfach ist der Fußball heutzutage aber nicht mehr, werter Freund. Fußball ist eben nicht mehr dieses Spiel, in dem 22 Männer einem Ball hinterher rennen und am Ende immer die Deutschen gewinnen. Linekers These ist ja längst nicht mehr haltbar und höchstens noch auf den Vergleich zwischen den EM-abstinenten Engländern und der deutschen Mannschaft anzuwenden. Die „Tommys“ schlagen wir immer noch.

Und damit bin ich auch schon beim Thema „Militarismus im Fußball“. Können Sie wirklich gar keine Parallelen zwischen einem Krieg und einem Fußballspiel erkennen? Können Sie sich nicht mehr an das WM-Qualifikationsspiel zwischen der Schweiz und der Türkei erinnern? War das keine Schlacht? Ich will damit nicht sagen, dass ich es gutheiße, Krieg mit Sport zu vergleichen, denn trotz meiner uneingeschränkten Leidenschaft dafür kann ich noch zwischen Ernst und Nebensache unterscheiden. Aber, und dieses Denken darf man, wenn Sie mich fragen, heutzutage durchaus zulassen: Fußballspiele bzw. Sport- und insbesondere Nationenvergleiche sind doch heutzutage das, woraus ein Großteil der Menschen ihr Selbstbewusstsein für das „reale“ Leben ziehen. Das beste Beispiel ist der WM-Titel von 1954, dem sich eine unglaubliche Aufbruchstimmung anschloss und der maßgeblichen Einfluss auf die heutigen Rolle Deutschlands in welchem Zusammenhang auch immer hatte.

Genauso die Türken, Kroaten und sogar die Österreicher – wenn sie denn mal gewännen. Kleine Nationen beziehen ihr Selbstvertrauen in der Welt immer häufiger aus den Erfolgen ihrer Sportler. Siege sind identitätsstiftend. Der Fußball verändert die Gesellschaft in einem so einschneidenden Maße, wie es sonst kaum etwas vermag. Wenn man ganz weit gehen will in dieser Argumentation, dann sogar so einschneidend, wie es sonst nur ein gewonnener Krieg möglich macht. Krieg ist hier allerdings nicht im modernen Sinne zu verstehen, sondern eher aus der Sicht eines Napoleons, in der Siege in der Schlacht in der ganzen Bevölkerung für Jubel sorgten und Krieg an sich ein legitimes Mittel der Machterweiterung war.

Heutzutage ist Krieg – aus meiner Sicht – in jeder Hinsicht verwerflich. Ich halte es da mit Gandhi, der Gewaltlosigkeit predigte. Das wiederum kann man dann nicht auf die heutige Zeit bzw. den Sport adaptieren. Obwohl mich die Darbietung der deutschen Nationalmannschaft gegen Kroatien (mit Ausnahme von Bastian Schweinsteiger) schon sehr an Gandhis Ethik erinnerte.

Insofern – um langsam zum Ende zu kommen – ist Sport heutzutage als Kriegersatz und zwar ausschließlich im positiven Sinne zu verstehen und daher ohne ernstzunehmende Konsequenzen. Niederlagen führen nicht zu Gebietsverlusten oder Toten. Siege aber zu nationaler (und oft sogar internationaler) Anerkennung.

Deshalb kann ich Ihrer Argumentation auch nicht folgen, wenn Sie sich grundsätzlich gegen diese militaristischen Worte im Sportjournalismus aussprechen. Solange man es nicht überstrapaziert und nicht bei jedem Regenspiel von einer Schlacht spricht, sehe ich kein Problem.

Und außerdem, werter Freund, widersprechen Sie sich damit ja selbst, wenn sie sich zunächst darüber beschweren, dass ich Ihnen ein humoristisches Fußball-Geschenk mache und darauf hinweisen, dass Fußball Ernst ist und in der Folge Ihres Briefes dann eine Mahnung aussprechen, Fußball doch nicht allzu Ernst zu nehmen. Ich zitiere an dieser Stelle immer gerne Bill Shankly, den weltbekannten ehemaligen Trainer des FC Liverpool: „Some people think football is a matter of life and death. I don’t like that attitude. I can assure them it is much more serious than that.“

In diesem Sinne

Ihr Freund Daniel

15. Juni 2008 (Patrick an Daniel):

Schluss mit lustig!

Hochverehrter Kollege, lieber Freund!

Die Fußball Europameisterschaft ist bereits im vollem Gange. Die Gruppenphase neigt sich ihrem Ende zu und ich bekomme endlich die Gelegenheit mich an Ihnen zu rächen. Unverschämterweise haben Sie mir vor zwei Jahren ein Geschenk aus reiner Boshaftigkeit und Hinterlist gemacht. Erinnern Sie sich noch? Das Büchlein mit dem beschämenden Titel „Fußball – Deutsch / Deutsch Fußball“ eines sehr bekannten und großen Wörterbuchherstellers sollte wohl mit voller Wucht auf eine von Ihnen bei mir diagnostizierte Fußballunfähigkeit hinweisen. Wie konnten Sie nur! Nicht genug, dass sich das Buch über jeden Leser auf fast schon perfide Weise lustig macht und Begriffe wie „Chancentod“, „Kopfball“ oder auch „rund“ erklärt, nein, weiter versucht der ziemlich bekannte Verfasser des Buches Fußball und Comedy zusammen zu bringen. Da hört der Spaß bei mir auf. Fußball ist kein Spiel, Fußball ist ernst, so hat es neulich sogar ein bekannter Theaterwissenschaftler formuliert. Wie könnte man auch etwas anderes behaupten, wenn man in Joachim „Jogi“ Löws Gesicht blickt? Der Kroatienkrimi letzten Donnerstag hat diesem grundsympathischen Typen den letzten Funken an Humor und Freude, so scheint es zumindest, geraubt. So wie mir Ihr Geschenk das letzte Selbstvertrauen zum Thema Fußball geraubt hat. Sie haben richtig gelesen, ich vergleiche mich gerade mit dem Trainer der deutschen Nationalmannschaft, wenn auch mehr emotional als irgendwie anders. Aber wie gesagt, es ist Zeit sich an Ihnen mein Freund zu rächen.

Wissen Sie, werter Freund, wieso die Amerikaner dem Fußball, oder Soccer wie sie es bezeichnen, so ablehnend und unwissend gegenüber stehen? So, dass nicht einmal die renommierte New York Times wirklich ernsthaft von der Euro 2008 in Österreich und der Schweiz berichtet (außer einem kleinen lächerlichen Soccer-Blog)? Die Antwort gab jüngst in einem Interview der ehemalige Teamchef der Nationalmannschaft Jürgen Klinsmann. Fußball sei nämlich ein „players game“, ein Spiel also, welches fast ausschließlich von den Spielern entschieden wird. Doch die meisten Amerikaner sind Fans der sogenannten „coaches games“, wie zum Beispiel „Football“, „Baseball“ oder auch „Basketball“. Spiele, die von Trainern und Taktiken bestimmt und dominiert werden. Spiele, die sich durch schnellen Wechsel von Offensive und Defensive auszeichnen und kein Auswechsellimit aufweisen. Europa scheint da etwas anders gestrickt und sozialisiert worden zu sein.

Wie sonst ist die Dominanz des Fußballs zu erklären? Fußball soll trotz seines stark individualistischen Ansatzes auch integrativ wirksam gemacht werden. Fußball ist daher nur zum Teil ein wirklicher Teamsport. Mittlerweile will die Kultusministerkonferenz (KMK), Fußball als Migrationsgrenzen übergreifendes Schulinstrument in den deutschen Schulunterricht effektiver einbinden. Denn Fußball, so die Theorie soll sich perfekt dazu eignen, Mathekenntnisse zu vermitteln. Sie erlauben, dass ich meine berechtigten Zweifel an dieser These äußere und mich der weiteren Popularisierung dieser Sportart verwehre. Andere haben es da viel nötiger. Doch Fußball, so die Mitglieder der KMK weiter, lässt soziale Schranken verschwinden. Der arme Junge mit Migrationshintergrund bekommt als „nur“ im Fußball die Möglichkeit von seinen anderen Lernschwächen abzulenken, zu punkten, außerdem zählen auf dem Platz keine Markenklamotten und andere Accessoires. Alle sind gleich und tun sich nur durch die individuellen Fähigkeiten zum Wohle der Gemeinschaft (also des Team) hervor. Was für ein marxistischer Ansatz! Ich frage Sie, was soll das? Sieht denn hier niemand den weißen, dicken, Brille tragenden und von allen möglichen Allergien geplagten Jungen in der Abwehr stehen? Was ist mit den weniger talentierten? Was ist mit denen, die für diesen Sport völlig ungeeignete Voraussetzungen mitbringen. Fußball erscheint hier doch nicht mehr als integrativer Bestandteil einer Gesellschaft oder eines Bildungssystems, sondern als ein vollständig autarkes Klassensystem.

Fußball ist ernst schon klar, aber ein wenig Distanz und vor allem ein bisschen De-emotionalisierung würde uns allen gut tun. Vor allem den Kollegen und Kolleginnen aus der mächtigen Welt der Sportberichterstattung. Wieso dominiert alle Fußballberichte immer ein latenter militaristischer Ton. Ich muss Ihnen doch jetzt nicht wirklich Beispiele nennen, oder? Ich mache es trotzdem. Kaum ein Artikel der nicht ohne die Begriffe, wie „Schlacht“, „Kampf“, „Kameraden“, „aufmarschieren“ etc. auskommt. Nur noch der Wetterbericht bedient sich häufiger diesem Jargon („bomben Wetter“). Es reicht! Fußball ist ernst, schon klar und trotzdem solle man doch bitte wenigstens diesem Kriegswortschatz „lebe wohl“ sagen. Hans Meyer hat mal gesagt: „Fußball ist auf dem Platz.“ Wie könnte ich dem widersprechen! Auf dem Platz, dort wird gespielt. Fußball ist im besten Sinne seiner Definition ein Spiel und der kriegerische Alltag hat hier doch nun wirklich nichts zu suchen.

Auch das steht nicht in dem Geschenk, dass Sie mir in einem kleinen Anfall von Böswilligkeit vor zwei Jahren gemacht haben. Aber ich bin nicht nachtragend.

Denken sie an ihren pazifistischen Freund, Patrick.

4 Kommentare

  1. […] Kabinenpredigt – Euro 2008 Der Fußball-Blog « Heute wieder Live-Blogging Briefwechsel Teil 2 Juni 19, 2008 Meine Antwort auf Patricks Brief rechts in der Leiste oder HIER! […]


  2. Gute Argumente – macht weiter so! Ich bin gespannt!
    LG


  3. […] Das alles (und noch viel mehr) im Briefwechsel rechts bei den Extra-Seiten oder einfach klicken. […]


  4. […] Rechts beim Briefwechsel oder HIER. […]



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