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Oder Usain?

23. August 2009

Wenn Menschen laufen, setzen sie ein Bein vor das andere. Links, rechts, links, rechts – oder umgekehrt. Habituelle Bipedie nennt man das, weil Menschen das meistens so machen, wenn sie nicht gerade durch den Schlamm robben oder den Spinnengang üben. Links, rechts, links, rechts – oder umgekehrt.

Bei der Leichtathletik-WM sah man fast niemanden robben – den Jubelstolperer von Staffelläuferin Verena Sailer mal ausgenommen – und achtbeinig sind auch nur die Staffeln unterwegs. Viermal bipedig um genau zu sein. Das zählt nicht. Ob die Sache bei Usain Bolt auch so einfach ist, er sich also auch biped fortbewegt, beschäftigt zurzeit bis auf Jamaika, Herzogenaurach und das Berliner Olympiastadion, die ganze Welt. Überirdisch sei er. Ein Marsmensch. Ein Weltwunder-Mann. Kein Superlativ wurde in den letzten Tagen vergessen. Um in der Biologie zu bleiben und in Anbetracht der Art und Weise wie der 23-Jährige über die Tartanbahn fliegt, müsste man ihn jedenfalls mindestens der „Alipedie“ verdächtigen.

aliped – adj. Flügel an den Füßen habend

Nun weiß man dank großzügiger Einblendungen der beiden nach Deutschland sendenden TV-Anstalten, dass Usain Bolt keineswegs Flügel an den Füßen trägt, sondern das Schuhmodell eines deutschen Sportartikelherstellers. Yaam heißt das gute Stück und ist auf keinen Fall mit einer Jugendzeitschrift oder einem E-Mail-Programm für Amiga-Computer zu verwechseln. Yaam ist einerseits die Abkürzung für Young African Art Market, einem multikulturellen Club in Berlin und nach eigener Aussage ein besonderer Ort, „der sich nicht beschreiben lässt, den man erleben muss“, womit schon mal erste Gemeinsamkeiten mit Bolt gefunden wären. Yaam ist aber auch angelehnt an die Yam-Wurzel, einer geschmacklich der Kartoffel ähnlichen Pflanze, die scheinbar in einer ganz besonderen Version auch in Jamaika wächst.

Bolts Vater spricht immer von der „Trelawny-Süßkartoffel“, einer Yam-Wurzel-Art aus seiner Heimatstadt, „der sogar medizinische Wirkung nachgesagt wird.“ Diese Wirkung ist wohl auf ihren hohen Kalium-Gehalt zurückzuführen, was im menschlichen Körper unter anderem für die Energiebereitstellung und die Erregbarkeit von Muskel- und Nervenzellen zuständig ist. „Qualitativ hochwertiges“ Kalium kann also für einen Sprinter recht nützlich sein.  Zuviel sollte man davon allerdings nicht zu sich nehmen. Eine Kalium-Überversorgung (die bei normaler Ernährung nicht vorkommen sollte) kann gerade für einen Sprinter verheerende Folgen haben: „Es kommt zu allgemeiner Unlust, Schwächegefühl und Verwirrtheit.“ Mindestens zwei dieser drei Symptome treffen bei Bolt definitiv nicht zu. Aber heißt das schon, dass diese Art des Dopings bei ihm ausgeschlossen ist? Denn Sportler, die leistungsfördernde Substanzen in sich haben, verwenden gerne mal Diuretika, um den Körper zu ent- und das Mittel so zu verwässern. Dabei wird dem Körper Kalium entzogen. Welches Bolt sich mit der Wurzel wieder zurückholt? Verschwörungstheoretiker vor.

Wie macht er das also? Ist er doch ein Naturtalent? Ein Weltwunder? Bolt selbst sagt, dass Jamaika ihn hassen würde, wenn herauskäme, dass er dopt. Und auch wenn Jamaika das nach der dritten Goldmedaille bei dieser WM mittlerweile wohl anders sieht, stellt sich die Frage, ob er so etwas wirklich sagen würde, wenn er insgeheim doch an der Nadel hängt. Aber nach allem, was der Leistungssport in den letzten Jahren so hervorgebracht hat, muss man diese Frage leider mit Ja antworten.

Dass das nicht Bolts Problem ist, ist klar. Er kann weiter seine Show abziehen und von Yam-Wurzeln erzählen. Er kann weiterhin vor den Finals ein paar Chicken Nuggets ver- und den Weltrekord danach trotzdem weiter nach unten drücken. Er wird auch die 400-Meter-Strecke an sich reißen und irgendwann vier Goldmedaillen bei einer Veranstaltung holen. Wenn sein Sponsor ihm dann noch ein paar Sprungfedern in die Schuhe baut (Yaamp!), inklusive Weitsprung vielleicht sogar fünf. Usain Bolt kennt keine Grenzen.

Wir sind jetzt trotzdem mal ganz mutig und nehmen an, dass Bolt etwas an der Glaubwürdigkeit seines Sports liegt und es ihm nicht nur um weltweit übertragene Posing-Shows und Werbeeinnahmen in Millionenhöhe geht. Dann täte er gut daran, all seinen Kritikern zu beweisen, dass er tatsächlich sauber ist und sollte als erster Athlet seiner Zunft in Vorleistung gehen. Bolt selbst weiß nämlich noch gar nicht, was er für ein Idol werden könnte, wenn er nicht nur die erfolgsverblendeten Zuschauer ohne Papp-Brille auf seiner Seite hätte, sondern auch die, die ihm kritisch gegenüber stehen. Dafür muss er den Weltrekord nicht jedes Jahr aufs Neue verbessern.

Wenn Usain Bolt sich für zwei oder drei Monate und zwar direkt vor der nächsten großen Leichtathletik-Veranstaltung unter die Beobachtung von Wissenschaftlern stellen würde, das ganze per Kamera dokumentieren ließe (Usain Bolt – Pure Perfection) und dann trotzdem seine Disziplinen so dominieren würde wie bei der WM – er wäre ein Heilsbringer für alle, die noch an einen sauberen Sport glauben (wollen). Weil er zeigen würde, dass übermenschliche Leistungen zu Unrecht so genannt werden.

Aber ich merke schon – soviel Konjunktiv ist einfach zu viel, um Realität zu werden. Oder Usain?
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