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Schockstarre, Schicksal und Kleinigkeiten

7. Mai 2009

Schockstarre nennt man wohl den Zustand, in dem ich mich gerade befinde. Ich bin so schockiert von der Tatsache, dass Hertha seit dem Verkauf des „Ticket des Grauens“ in die Erfolgsspur zurückgefunden hat, dass ich mich bis heute nicht getraut habe, auch nur einen Finger zu rühren, weil ich Angst davor hatte, dass es Auswirkungen auf die restlichen vier Saisonspiele hat. Ich will einfach nicht das Zünglein an der Waage sein. Auch deshalb habe ich mich mit Prognosen zum Ausgang der Saison bisher zurückgehalten. Dass das völlig bescheuert ist, weiß ich natürlich.

Trotzdem, als ich am Mittwoch die neue Folge meiner absoluten Lieblingsserie (schreckliches Wort) „How I Met Your Mother“ sah, fühlte ich mich einmal mehr bestätigt. Es geht in der Folge „Right Place Right Time“ um Schicksal und um die Auswirkungen unserer eigenen Handlungen auf darauf folgende Ereignisse. Die klassische „Was wäre wenn“-Frage wird gestellt und an mehreren Stellen gezeigt, das ein für den Protagonisten weltbewegendes Ereignis nicht passiert wäre, wenn er an zwei oder drei Stellen anders reagiert hätte. Nun bin ich, was Fußball angeht, ein Pessimist. Und deshalb tue ich alles, um den Fußballgott nicht zu verärgern. So habe ich gelernt, dass Er es nicht so gerne sieht, wenn ich Hertha auf Auswärtsspiele begleite. Meine Bilanz ist vernichtend (ein Unentschieden, neun oder zehn Niederlagen), was auch der Grund dafür ist, dass ich nicht mal versucht habe, Karten für das dienstägliche Auswärtsspiel in Köln zu bekommen.

Es geht aber noch schlimmer. So wurde ich für den 23. Mai, dem letzten Spieltag dieser Saison, auf den Arbeitsplan meines Nebenjobs gesetzt. Ich habe das am Anfang nicht sofort realisiert, sonst hätte ich vermutlich gleich etwas gesagt. Denn sollte das Unaussprechliche tatsächlich Realität werden, kann ich unmöglich noch eine Stunde ruhig in der Redaktion sitzen und darauf aufpassen, dass sich die Community dort benimmt. Noch weniger kann ich am nächsten Tag, dem Sonntag, arbeiten (an dem ich ebenfalls eingeteilt bin), denn natürlich würde ich mich Samstagabend sofort in den Zug nach Berlin setzen, um zu feiern.

Aber ich habe immer noch nichts gesagt und werde es auch nicht tun. Denn wer weiß denn schon, wo der Fußballgott überall seine Augen und Ohren hat? Als ich das Ticket für den letzten Spieltag kaufte, sah Er hin und bestrafte mein Team mit zwei Niederlagen, bis ich es wieder verkaufte. Was, wenn ich meinen Arbeitseinsatz absage, weil ich insgeheim hoffe, dass es für Hertha an diesem Tag noch um Alles geht? Kann Er in unsere Köpfe gucken? Ich könnte es mir selbstverständlich nie verzeihen, wenn Hertha in Karlsruhe alles verspielt, nur weil ich dabei sein wollte…

Deshalb bleibe ich weiter in meiner Schockstarre und zwar genau so lange, bis rechnerisch entweder nichts mehr möglich oder alles in trockenen Tüchern ist. Ich hoffe, dass – egal was – tatsächlich erst am 23. Mai eintritt. Ich werde in der Redaktion am Schreibtisch sitzen und hoffentlich seelig lächeln, weil auch ich meinen Anteil daran hatte. Und wie sagte Lucien Favre bisher schon so oft? „Es hängt oft an Kleinigkeiten“.

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