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Es gleicht sich aus

12. Mai 2009

Das Spiel von Hertha in Köln hatte viele Geschichten. Auf Kölner Seite wäre da die Feststellung, dass dem FC ein zweiter Stürmer fehlt, aber kein zweiter Torwart. Dass der portugiesische Nationalspieler (!) Petit aufhört Fußball zu spielen, selbst wenn der Schiedsrichter nicht pfeift. Und dass eben jener Schiedsrichter Kircher ihnen nicht gerade wohlgesonnen war. Auf der Berliner Seite reift langsam die Erkenntnis, dass man noch so sehr um ein Tor betteln kann, der Gegner es aber nicht (oder erst viel zu spät) schießen wird. Dass Patrick Ebert sich nach seiner (immer noch nicht bewiesenen) „Autospiegel“-Affäre sehr schnell wieder stabilisiert hat. Und dass Schiedsrichter Kircher den Berlinern sehr wohlgesonnen war. Es gab natürlich noch mehr zu erzählen, die einschlägigen Medien werden sich in der kurzen Zeit bis zum nächsten Spiel zu Hause gegen Schalke darum kümmern. Doch eine der Geschichten will ich behandeln: Die um meinen Lieblingsschiedsrichter Knut Kircher.

Der 40jährige ist seit Mai wieder regelmäßiger im Einsatz, nachdem er Hertha in Wolfsburg ein reguläres Tor ab- und dem immer noch Tabellenführer zwei irreguläre zuerkannt hatte. Fast einen Monat zog der DFB seinen Schiedsrichter daraufhin aus dem Bundesligabetrieb ab. Nach einem Spiel im März (Dortmund – Bremen) und einem im April (Gladbach – Wolfsburg), pfiff Kircher mit Köln – Hertha bereits sein drittes Bundesligaspiel im Mai. Und wahrscheinlich war es sein Ziel, mit diesem Spiel alle Berliner Missstimmen auszuräumen. Anders ist seine Leistung nämlich eigentlich nicht zu erklären.

Das Duell der Kölner, für die es um nichts mehr ging, als die eigenen Zuschauer zufrieden nach Hause zu schicken, mit der Berliner Hertha, die noch Meister werden kann (und ohne die zwei Gegentreffer in Wolfsburg vielleicht sogar noch Tabellenführer wäre), begann für Kircher ruhig. Beide Teams tasteten sich ab, Hertha wartete auf die Chance, Kölns Rumpfelf versuchte sich zu finden. In der ersten Halbzeit hatte Kircher alles im Griff, Hertha führte 1:0. Der Torjubel war die einzige Unterbrechung. Der Pausentee wird pünktlich serviert.

Dann begann die zweite Halbzeit und zugleich der Auftritt von Knut Kircher als Retter der These, dass sich am Ende der Saison alles ausgleicht. Beim 2:0 für Hertha musste er noch nicht eingreifen, der abfälschte Schuss von Patrick Ebert wurde weder aus abseitsverdächtiger Position abgegeben, noch von einem im Abseits stehenden Mitspieler abfälscht. Alles auber. In der Folge zogen sich die Berliner allerdings zurück und überließen den Kölnern das Spiel. In der 66. Minute wäre Kircher eigentlich gefragt gewesen. Zunächst übersah er jedoch, dass Josip Simunic Kölns Geromel im Strafraum zu Fall brachte. Kann passieren. Direkt im Anschluss lag besagter Simunic allerdings schon wieder am Boden, wurde dabei von Petit umkurvt und bekam den Ball an die Hand. Die zweite nicht nur elfmeter-, sondern auch gelbwürdige Aktion – innerhalb weniger Sekunden, es wäre nicht nur der Anschlusstreffer, sondern auch die fünfte Gelbe Karte für den Kroaten gewesen.

So blieb es beim 2:0, Hertha bettelte weiter um ein Gegentor und Simunic wusste, dass er – wenn er denn am nächsten Spieltag gegen Schalke auf dem Platz stehen wollte – sich nun zurückzunehmen hatte. Er tat es, indem er keinen Zweikampf mehr annahm (so wird er nicht zum MVP der Bundesliga). Auch dadurch kamen die Kölner zu weiteren Chancen, die der einzige Herthaner, der nach einer Stunde Spielzeit die Arbeit nicht eingestellt hatte – Jaroslav Drobny – mit fantastischen Paraden vereitelte. Dass aber selbst Drobny nicht alles halten kann, zeigte sich dann in der 90. Minute, als Chihi nach einer kurzen Ecke aus dem Lehrbuch (doppelte Doppelpass) zum 1:2 einschoss. Als der Ball die Torlinie überflog, änderte sich die Stimmung im Stadion abrupt. Waren es vorher noch die Hertha-Fans, die mit ihrer Catchphrase „Hey, das geht ab“ für eine einer WM-Arena angemessene Lautstärke sorgten, kehrten nun auch die verbliebenen Kölner aus ihrer Lethargie zurück. Hier ging noch was, war die allgemeine Ansicht, die auch die Mannschaft auf dem Platz dadurch vertrat, dass sie direkt nach dem Wiederanstoß geschlossen die Hertha-Hälfte überrannte. Wer weiß, was passiert wäre, wenn – und wir sind wieder beim Thema – Knut Kircher nicht nach exakt 34 Sekunden Nachspielzeit abgepfiffen hätte.

34 Sekunden! Als hätte es keine zwei Tore inclusive Jubel,  vier Auswechslungen und einen Tumult nach dem nicht gepfiffenen Elfmeter gegeben. Es ist ja bekannt, dass deutsche Schiedsrichter gerne – ganz der alten Traditionen entsprechend – pünktlich abpfeifen. Auch in München war das gegen Leverkusen so. In diesem Fall glaube ich aber, dass mehr dahinter steckte. Knut Kircher reinigte mit diesem frühen Ende ein Stück weit sein Gewissen. Wer weiß schon, ob Hertha dem in den letzten 20 Minuten großen Druck der Kölner auch noch drei weitere Spielminuten hätte standhalten können? Es wäre in jedem Fall noch einmal hektisch geworden.

Am Ende kann man den Kölnern nur zurufen, dass sich am Ende der Saison alles ausgleicht. Hertha hat das gerade am eigenen Leib erfahren.

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4 Kommentare

  1. Hi,
    also ich weiss nicht, ob es an meiner Blau-Weissen Brille lag, aber ich sehe das nicht so.

    Bis auf das Handspiel von Simunic gab es für mich keine Szene, in der Köln benachteiligt worden wäre. Das Foul im Strafraum an Geromel habe ich so überhaupt nicht wahrgenommen und weder in der Live-Berichterstattung, noch in der Zusammenfassung wurde es groß erwähnt. Darüber hinau glaube ich nicht, dass der FC Köln in den „geklauten“ 2 Minuten Nachspielzeit noch ein Tor zustande gebracht hätte. Dafür ist Vertrauen ist mein Vertrauen in Herthas abgezockte Spielweise inzwischen zu groß. Auch nach einem Anschlusstreffer 20 Minuten vor Schluss hätte den Sieg nicht mehr in Gefahr bringen können. Hertha machte nach dem 2:0 nicht mehr als nötig und verliess sich auf die Unfähigkeit der Kölner. Wenn es zu einem Tor gekommen WÄRE, hätte Hertha sicherlich wieder energischer verteidigt und konsequenter gekontert. Aus meiner Sicht müssten wir noch ein zweites Kircher-Spiel gut haben, in dem er ähnliche Entscheidungen trifft wie gegen Köln, damit die Rechnung beglichen ist.

    Wolfsburg-Hertha war mit den zwei ab- und anerkannten Torszenen im Gegensatz dazu einfach viel zu einschneidend.


  2. Respekt. Nicht nur weil ich jedes Wort so unterschreiben kann.
    Sondern auch, weil ich mich bei meiner eigenen kurzen Analyse, die wie gesagt deckungsgleich ist, weitaus mehr zurückgehalten hab, was Kirchers Fehleistungen angeht. Und ich bin FC Fan. Und Du Herthaner. Ich ziehe meinen nicht vorhandenen Hut.


  3. Ich bin mir halt nicht sicher, ob Hertha dem Druck noch weiter Stand gehalten hätte.

    Aber darum geht’s ja auch nicht, sondern darum, dass der Schiedsrichter aus meiner Sicht einseitig gepfiffen hat. Das betrifft nicht nur die beiden erwähnten Situationen, sondern in der Summe auch wichtige Kleinigkeiten.

    Damit will ich nicht sagen, dass Herthas Erfolg unverdient war. Wer weiß, ob die Mannschaft nicht weiter auf das zweite Tor gedrängt hätte, wenn Ebert nicht das „Glückstor“ erzielt hätte. Man weiß es nicht. Ist aber auch egal. Samstag geht’s nämlich schon weiter 🙂


  4. In der wahren Tabelle liegt Hertha mit fünf Punkten im Minus. Dabei wurde die Partie gegen den FC mit Unentschieden gewertet. Und zwar weil der Elfer nicht gegeben wurde.

    Was ja völliger Quatsch ist. Denn wäre der Elfer gegeben worden, hätte er erst einmal verwandelt werden müssen. Und dann hätte in der Folge Hertha mehr für das Spiel getan und entweder einen weiteren Treffer erzielen wollen und ganz sicher den Treffer in der Schlussphase zu verhindern gewusst.

    Diese hypothetischen Rechenspiele sind zwar ganz unterhaltsam, aber alles andere als seriös. Ich sehe es ähnlich wie Flixius, weil die Kölner es sich in erster Linie selbst verbaut haben. Wer aufhört zu spielen, obwohl der Schiri nicht pfeift, der verliert das Spiel. Und zwar zurecht. Siehe Herthas Spiel in Bielefeld vor nicht allzu langer Zeit…

    Und das Lamentieren von Petit war dermaßen unsympathisch, dass sich für mich eine Diskussion um „Glück“ oder „Dusel“ gar nicht stellt.



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