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Ticket des Grauens

14. April 2009

Ich habe mich lange, lange dagegen gesperrt, die Meisterschaftschancen von Hertha ernst zu nehmen. Das hatte nichts damit zu tun, dass ich nicht gemerkt hätte, dass die Mannschaft einen zielstrebigen und – auch wenn ich mittlerweile nicht mehr hören kann – effizienten Fußball spielte und deshalb erfolgreich war, sondern war reinem Aberglauben geschuldet. Ich tippe schon die ganze Saison in allen Tippspielen gegen meine eigene Mannschaft und es hat bis zum 21.03.2009 – der Niederlage in Stuttgart – hervorragend funktioniert. Deshalb habe ich nie laut ausgesprochen, dass Hertha es vielleicht doch schaffen kann. Ich habe es mir natürlich in allen Farben ausgemalt, habe nach jedem Sieg insgeheim davon geträumt, dass das Unwahrscheinliche wahr werden könnte, aber nach außen getragen habe ich es nie. Weil ich Angst hatte, dass mich die Realität mit voller Wucht einholt.

Doch irgendwann, nach dem Sieg in Cottbus, ist etwas in mir passiert. Nicht, dass ich nicht auch weiterhin gegen Hertha getippt hätte, nein, es war etwas anderes. Am 9. März bekam ich eine Mail von einem meiner Kumpel, mit denen ich früher immer ins Stadion gegangen bin, als ich noch in Berlin gewohnt habe. Er fragte mich, ob ich bei Hertha nicht mal nachfragen könnte, ob es schon Karten für das letzte Saisonspiel in Karlsruhe gäbe. Schließlich hatte ich da ein Jahr lang gearbeitet und habe immer noch gute Kontakte in die Geschäftsstelle. Also schrieb ich eine Mail an den Fanbeauftragten und bekam die Antwort, dass ich ihm schnell die Bankverbindung und die Anzahl der Karten sagen solle, damit es keine Verzögerungen gäbe, wenn die Karten da wären. Ich überlegte. Mein Kumpel wollte fünf Karten, ein weiterer 3. Und ich? Sollte ich mir das entgehen lassen? Angenommen Hertha schafft es wirklich bis zum letzten Spieltag in Karlsruhe das Rennen um den Titel offen zu halten, wäre es dann nicht eine Katastrophe dort nicht dabeizusein? Zumal ich schon die WM nicht im Stadion erlebt habe. Noch etwas, das in 30-50 Jahren vielleicht einmal vorkommt. Ich bestellte mir ein Ticket. Das war am 10. März.

Am 12. März schlug Hertha zu Hause Bayer Leverkusen durch ein Voronin-Tor mit 1:0 und festigte seine Position als Tabellenführer. Vier Punkte Vorsprung. Zu meinem besten Kumpel in Berlin sagte ich damals so etwas wie: „Ganz ehrlich, sie müssen nicht Meister werden, aber ab Platz Vier wäre die Enttäuschung schon riesengroß.“ Ich war voller Euphorie und freute mich auf die kommenden Spiele. Doch zunächst folgte am 16. März – fünf Tage vor dem Spiel in Stuttgart – die Bestätigung von Hertha, dass die Karlsruhe-Karten bereitlägen. Ich hatte also eine Karte für das letzte Spiel dieser vielleicht historischen Saison. Warum ich mich nicht glücklich, sondern ein wenig beklemmt fühlte, erklärte sich in den Wochen darauf.

Hertha verlor nicht nur in Stuttgart (was ich fälschlicherweise als „Eine gute Niederlage“ bezeichnete), sondern nach der Länderspielpause auch zu Hause gegen Dortmund und dann in Hannover. Und Hertha verlor nicht wie sonst knapp mit einem Tor. Nein, 0:2, 1:3, 0:2. Ich habe lange überlegt, ob ich thematisieren soll, dass Hertha in allen vier Spielen, die in der Rückrunde verloren gingen, vom Schiedsrichter benachteiligt wurde. Ich habe mich dazu entschieden, es kommentarlos zu erwähnen. Die Wolfsburg-Pleite habe ich bereits in einem anderen Artikel auseinandergenommen. In Stuttgart stand es  bereits 0:2 als Marko Pantelic im Strafraum glasklar zu Fall gebracht wurde, deshalb kann niemand wissen, was geschehen wäre, hätte Hertha in der 64. Minute den Anschlusstreffer erzielt. Gegen Dortmund lagen die Berliner schnell 0:1 hinten und erspielten sich danach Chance um Chance, der Ausgleich fiel jedoch erst in Hälfte Zwei. Was gewesen wäre, wenn Schiri Weiner bereits nach einer halben Stunde beim Foul von Weidenfeller an Voronin auf den Punkt gezeigt hätte (was die richtige Entscheidung gewesen wäre), kann man leider nicht mehr rekonstruieren. Letztes Beispiel, und dann ist es auch gut: Hannover, es steht 0:2, Hertha drängt auf den Anschlusstreffer. In der 70. Minute fällt er auch, doch Schiri Kempter entscheidet auf Abseits. Wieder eine Fehlentscheidung, wieder keine Aufholjagd, weil der Ball auch in der Folge einfach nicht ins Tor will.

Natürlich will ich hier keine Verschwörungstheorien erwecken, es ist einfach das Pech, dass Hertha in der kompletten Phase bis zum 24. Spieltag nicht hatte und dass sich jetzt wie eine Dunstglocke über die Mannschaft gelegt hat. Hertha hat sich in den Spielen gegen Dortmund und Hannover mehr Chancen erspielt, als bei den Siegen über Leverkusen (Hin- UND Rückspiel), Hoffenheim und Bayern zusammen. Das Glück ist einfach nicht mehr da, dass sich die Mannschaft in diesen Spielen aber auch regelmäßig erzwang. Was fehlt ist die Effektivität, die irgendwo zwischen der Mecklenburgischen Straße in Charlottenburg und dem Olympiastadion abhanden gekommen zu sein scheint. Denn seit dem nächtlichen Ausflug von Patrick Ebert nach dem Leverkusen-Spiel hat Hertha keinen einzigen Punkt mehr geholt. Lucien Favre hat immer wieder betont, dass es an Kleinigkeiten liegt und man die

Vielleicht liegt es aber auch an etwas anderem. Eine Eintrittskarte für das letzte Saisonspiel in Karlsruhe kann manchmal nämlich große Auswirkungen haben…

(Weshalb ich auch entschieden habe, sie wieder abzugeben. Wer sie haben will, schreibt mich in den Kommentaren an. Originalpreis 11 Euro. Für 10 gehört sie euch 😉 )

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6 Kommentare

  1. du musst da hin!!!!
    🙂
    und beim namen kempter fällt mir ein anderer artikel von dir ein 😀
    mfg walter
    p.s: war in hannover und stimmung war bombe,aber leider hapert es momentan wirklich am glück


  2. Für 10 Euro nehme ich sie und wenn es nur für Beleidsbekundungen für den KSC reichen sollte.


  3. […] Ticket des Grauens « Kabinenpredigt "Denn seit dem nächtlichen Ausflug von Patrick Ebert nach dem Leverkusen-Spiel hat Hertha keinen einzigen Punkt mehr geholt." (tags: hertha bundesliga) […]


  4. […] Sechs Spieltage also noch. An der Spitze bleibt alles beim Alten. Fast. Der VfB Stuttgart nämlich hat sich heimlich, still und leise auf Platz drei geschlichen, Rechenkünstler Gomez sei dank. Zumindest bis morgen, wenn Hamburg und Berlin ins Geschehen eingreifen. Aber die arme, arme Hertha wird ja schließlich eh nur noch von den bösen, bösen Schiedsrichtern verpfiffen. […]


  5. Moin Daniel,
    habe auch eine Karte fürs letzte Saisonspiel, die ich schon im August 2008 bestellt habe. Leider habe ich keine Zeit.Das ganze findet natürlich in Wolfsburg statt und für meine Bremer geht es um die goldene Ananas. Trotzdem wäre ich gerne dagewesen.
    Die Karten sind aber schon zum selbstkosten Preis vergeben. An ein Bayern Fan dessen Freundin die Wolfsburge Kluft trägt ! Er meint seine Freudin wird ihm die Füße Küssen. Er weiß sehr wohl, dass er im Fischkoppblock sitzt. Na schauen wir mal, ob er dort 90 Minuten trocken sitzt.
    Na dann gratuliere ich zum heutigen Sieg an dem du wohl irgendwie beteidigt bist. Vielleicht bin ich ja Ende Mai in Berlin.


  6. […] gerade befinde. Ich bin so schockiert von der Tatsache, dass Hertha seit dem Verkauf des “Ticket des Grauens” in die Erfolgsspur zurückgefunden hat, dass ich mich bis heute nicht getraut habe, auch nur […]



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