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Eine gute Niederlage

22. März 2009

Der Wetterumschwung kam unerwartet. Am Samstagvormittag lachte über Hamburg noch die Sonne, nur ein leichter Wind sorgte dafür, dass sich viele beim Alsterspaziergang zum Pulli auch noch eine Jacke überwarfen. Dann begann die Bundesliga, doch weder Himmel noch Temperaturen veränderten sich. Als die Spiele wenig später allerdings zuende waren, bließ plötzlich ein kalter Wind durch die Stadt. Über St. Pauli hinweg, bis hoch nach Eimsbüttel und auch um das Stadion des Hamburger SV. Es war kein normaler Windzug, der da durch Hamburg zog. Es war einer, der in ganz Deutschland zu spüren war, zur gleichen Zeit, mit der gleichen Windstärke, der gleichen Dauer. Es war: Das Aufatmen der Liga.

Ja, Hertha BSC ist schlagbar, die kochen auch nur mit Wasser die Berliner, die werden jetzt doch nicht Meister, HA HA!!! Deutschlandweit klopfen sich Experten auf die Schulter, beweihräuchern sich damit, doch Recht gehabt zu haben: Diese Hertha darf und wird nicht Meister werden. Dann können wir uns jetzt endlich auf den Titelkampf derer konzentrieren, die es qua Tradition verdient haben: Bayern und der HSV. Hoffenheim? Abgeschrieben. Wolfsburg? Mit Außenseiterchancen. Aber Hertha? Never, ever. Premiere-Kommentator Wolff Fuß ging sogar soweit, den Berlinern zu gratulieren, weil sie gut daran getan hätten, sich NICHT auf dem Berliner Rathaus-Balkon fotografieren zu lassen. Komisch, dass das – obwohl er es bestimmt nicht so meinte – hämisch klang, als HÄTTEN sie es getan.

Was ist passiert? Hertha hat ein Spiel verloren, gegen den VfB Stuttgart, 0:2. Ein Ergebnis das die Chancenlosigkeit der Herthaner ja quasi suggeriert. Man konnte richtig sehen, wie den Experten ein Stein vom Herzen fiel, als Stuttgart in Führung ging und nicht wieder dieser langhaarige Ukrainer irgendein Körperteil in den Ball werfen konnte, um Hertha zu einem weiteren Sieg mit einem Tor Unterschied zu verhelfen. Nein, der VfB hat stellvertretend für die ganze Liga gezeigt wie es geht. Zielstrebig nach vorne spielen, Hertha beschäftigen und dann die Chancen auch einfach mal nutzen, die sich bieten. So einfach ist das. Doch halt. Ganz so einfach war es dann nämlich doch nicht.

Nachdem mit der Verletzung Arne Friedrichs Herthas Herzstück – die Innenverteidigung – auseinandergerissen war, stand der Sieger für viele eigentlich schon fest. Doch Ersatzmann Kaka machte seine Sache defensiv sehr ordentlich und zum Teil sogar abgeklärter als der deutsche Nationalspieler zuvor. Kakas großes Problem ist das Spiel nach vorne, der Pass in die Spitze bzw. ins Mittelfeld. Allein in der ersten Halbzeit wechselte dadurch zweimal der Ballbesitz, als sich fast die gesamte Berliner Mannschaft in der Stuttgarter Hälfte befand. So kann man sich keine Chancen erspielen.

Doch das viel größere Problem an diesem Samstag war Joe Simunic. Ob der Kroate in der Kabine erfahren hatte, dass sein Abwehr-Kumpane Friedrich zwei Wochen ausfallen würde und war er deshalb deprimiert? Oder hatte er einfach vergessen, ein isotonisches Getränk zu sich zu nehmen? Jedenfalls verschlief Simunic die ersten sechs Minuten der zweiten Halbzeit komplett, was die Stuttgarter in Hertha-Manier – eiskalt – zu zwei Toren nutzten. Die Experten waren sich einig: Das war es, das Spiel ist entschieden. Nach vorne kann Hertha ja nicht. Lucien Favre reagierte, hatte allerdings nicht mehr allzuviele Möglichkeiten, da er durch die Auswechslung von Friedrich und die Herausnahme des mittlerweile nicht mehr tragbaren, weil erneuten Totalausfalls Marko Babic nur noch einmal wechseln konnte. Der Schweizer brachte Marko Pantelic, den er in den letzten Wochen allerdings derartig demontiert hatte, dass sich einige Stuttgarter Fans bei der Einwechslung des Serben fragten, wer das denn überhaupt sei, der da jetzt aufs Feld komme.

Schiedsrichter Kinhöfer hatte den Namen von Herthas ehemaliger Torgarantie allerdings nicht vergessen – und auch nicht seinen Sinn für Theatralik. Denn sonst hätte er zwei Minuten später wohl auf Elfmeter entschieden und keine Schwalbe des 30-Jährigen vermutet. Doch weil sein Ruf Pantelic vorausgeeilt war, gab es nur Abstoß. Eine – wie die Fernsehbilder zeigten – krasse Fehlentscheidung. Als es Pantelic sechs Minuten vor dem Ende auch noch fertig brachte, den Ball aus fünf Metern gegen das Bein von Stuttgarts Torwart Jens Lehmann zu schießen, fragte sich wohl auch Lucien Favre, wer das denn eigentlich sei, den er da aufs Feld geschickt hatte. Pantelic hatte sich im Abseits gewähnt – auch Kommentator Wolff Fuß sah das noch nach zwei Zeitlupen so. Schiri Kinhöfer jedoch weigerte sich einfach zu pfeifen. Die letzte Chance war vertan.

So unterlag Hertha am Ende verdient, und doch irgendwie unglücklich. So pflegen sie ja sonst eigentlich ihre Spiele zu gewinnen. Und genau aus diesem Grund ist diese Niederlage auch nicht dramatisch, ja vielleicht sogar zum richtigsten aller Zeitpunkte erfolgt. Denn:

  • Friedrichs Verletzung wird sich – so Gott in Person von Doktor Schleicher will – nicht auf den Ligabetrieb auswirken, da jetzt erstmal Länderspielpause ist.
  • Die Mannschaft hätte sich nach einem erneuten Sieg volle zwei Wochen anhören dürfen, wie toll sie ist, warum Hertha jetzt auf jeden Fall Meister wird und doch jetzt aber wirklich mal Fotos auf dem Rathaus-Balkon machen muss. Durch die Niederlage ist sie erst einmal raus aus dem Fokus der Öffentlichkeit, alles erwartet nun, dass sie durchgereicht wird. Hertha ist zwar immer noch Erster, gefühlt aber nicht mehr der Gejagte, sondern nur noch jemand, der bald ohnehin eingeholt wird.
  • Durch die Niederlage wurde der Mannschaft noch einmal gezeigt, dass das, was in den letzten Wochen über sie gekommen ist (Euphorie in der Stadt, Medienbeachtung) nur eine Momentaufnahme war. Um es längerfristig zu erhalten, muss sie nicht nur sagen, dass sie hart arbeitet, sondern es auch tun. Und genau das werden sie in den vollen zwei Wochen Länderspielpause tun.
  • Die Medien kommen jetzt – hoffentlich – ein bisschen zu Ruhe und berichten stattdessen über die Drittliga-Tabellenführung von Union, die Tatsache, dass der HSV jetzt aber doch bitte Meister werden muss oder über die Frage, wer denn eigentlich dieser Spieler ist, denn Favre da in Stuttgart eine halbe Stunde vor Spielende auf den Platz geschickt hat.

Denn, sind wir mal ehrlich, es war ja nicht nur die Chance die Pantelic vergeben hat. Man merkte ihm in jeder Situation an, dass ihm genau das fehlt, was ihn früher immer stark gemacht hat: Sehr viel Selbstvertrauen. Wenn er früher einen Haken gemacht und dann aufs Tor geschossen hat, versucht er nun, den freien Mann zu sehen. Das Problem: Es dauert zu lange. Wenn Pantelic ihn sieht, mit sich selbst ausgemacht hat, dass er jetzt tatsächlich abspielt und das dann motorisch umzusetzen versucht, ist der freie Mann gedeckt. Das war nicht nur in Stuttgart, sondern auch schon in Cottbus so. So hilft er der Mannschaft – so leid es mir tut – nicht weiter.

Nach dieser Niederlage ist es das Wichtigste, jetzt nicht ins Grübeln zu kommen oder an der Mannschaft zu zweifeln. Nicht alles über den Haufen zu werfen. Man könnte das Team sogar damit motivieren, indem man sagt: „Das wollen die doch alle nur!“ Aber darum geht es gar nicht. Niemand konnte ernsthaft erwarten, dass Hertha jetzt alle Spiele bis zum Saisonende gewinnt. Die von Joe Simunic ausgerufenen acht Siege aus zwölf Spielen sind immer noch realitisch erreichbar und ein lohnenswertes Ziel. Es gibt keinen Grund die Einstellung zu Hertha zu verändern. Denn es war das erste Mal in 2009, das erste Mal im achten Spiel, dass sie eine Niederlage wirklich verdient hatte. Weil Stuttgart an diesem Tag einfach die zwei Tore besser war. Weil viele Herthaner einen schlechten Tag hatten. Weil der Schiedsrichter den Elfmeter…nein, den Schuh brauchen wir uns nicht anzuziehen.

Wer jetzt zweifelt, hat das System Favre nicht verstanden. Fehler sind menschlich, weshalb auch die beiden Gegentore wieder etwas pädagogisch Wertvolles an sich hatten. Man hatte ja schon gedacht, ein Simunic wäre unfehlbar. Er wird allerdings nicht – wir früher vielleicht – an sich zweifeln, sondern einfach noch ein Stück härter an sich arbeiten. Das ist der Unterschied zur alten Hertha. Die Bundesliga wird sich noch wundern.

Und der Wind wird sich auch wieder verziehen…

Lesempfehlung: Michael Rosentritt bringt es im Tagesspiel auf den Punkt: „Hertha ist einen Tick zu cool“

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4 Kommentare

  1. Moin,
    so kann man es auch sehen. Vielleicht hat die Niederlage tatsächlich etwas gutes. Ich hätte mir einen Sieg und 2 Wochen Euphorie gewüntscht. Alle reden über Hertha, gegen den BVB ist die Hütte mal ausverkauft und und und….

    Dass ausgerechnet Simunic Fehler machte, sei ihm verziehen. Was der in dieser Saison schon für Dinger da hinten rausgehauen hat, ist unglaublich. Für mich ist er nach wie vor der bislang beste Herthaspieler der Saison!


  2. Schöne Durchhalteparolen… 😉


  3. Genau darum geht’s ja, die haben wir gar nicht nötig 😉


  4. Ich schließe mich deiner Interpretation vollkommen an. Die Negativ-Rhetorik nach dem Spiel von Favre, Friedrich und Co. gehört zur Berliner Strategie. Understatement, sich immer aus dem Licht der Öffentlichkeit ziehen und schön weiter oben in der Tabelle stehen.
    Am Ende wird es keiner verstehen. Denn alle haben Hertha immer wieder abgeschrieben. Und dennoch werden sie Meister geworden sein. Vollendete Zukunft.



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