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Dieter Hoeneß‘ Traum

14. Februar 2009

Neulich hatte Dieter Hoeneß wieder diesen Traum. Er, der Manager von Hertha BSC, im offenen Cabriolet auf der Straße des 17. Juni, neben ihm Trainer Lucien Favre, um ihn herum tausende begeisterte Berliner und in seiner Hand: Eine Salatschüssel. Nicht irgendeine Salatschüssel, sondern DIE Salatschüssel schlechthin: Die Meisterschale, die vom hell über der Stadt stehenden Mond angestrahlt wird. Strahlen tut auch Hoeneß, über das ganze Gesicht, während eine Träne des Glücks an seiner Wange herunter kullert – es ist nicht die erste an diesem historischen Tag. Vor ein paar Stunden hatte seine Mannschaft durch einen Sieg am letzten Bundesligaspieltag beim Karlsruher SC sein Lebenswerk vollendet: Hertha war Deutscher Meister geworden. Hoeneß hatte die Schale, die, das wusste er, nur eine Nachbildung des Originals war, das in München jetzt wahrscheinlich irgendwo in einer Kiste lagerte, seit dem Verlassen des Wildparkstadions nicht mehr aus den Hängen gelegt. Er war am Ziel, endlich. Alle Strapazen hatten sich gelohnt.

Vor ein paar Jahren hatte Hoeneß in einem Interview gesagt, dass er irgendwann einmal mit der Meisterschale durch das Brandenburger Tor fahren wolle. Nun war dieser Zeitpunkt gekommen. Er kann es in seinem Traum dann immer kaum noch erwarten. Immer wieder winkt er dem hinter ihm in einem weiteren Cabrio mitfahrenden Marko Pantelic zu, dreht sich dann wieder zurück und genießt die Jubelschreie der Berliner. „Da ist es“, sagt er in dem Moment zu Lucien Favre, in dem der letzte Kreisverkehr auf dem Weg zur ehemaligen Grenze in den Ostteil der Stadt das erste Mal in voller Pracht zu sehen ist.

An dieser Stelle stockt der Autokorso immer, weil der Fanauflauf auf dem letzten Kilometer stetig zunimmt. Hoeneß ist das egal, er hat lange genug auf den Moment gewartet, auf diese paar Minuten kommt es jetzt auch nicht mehr an. In seinem Kopf zieht in dem Moment, in dem der Korso seinen Weg fortsetzt, seine Zeit bei Hertha noch einmal an ihm vorbei. Wie er damals ankam und den Taxifahrer nach der Geschäftsstelle fragte und dieser nicht wusste, was Hoeneß meinte. Wie er dann dort ankam und nur eine Schreibmaschine vorfand. Er lacht dann immer laut, weil er diese Geschichte in den letzten Jahren immer wieder erzählt hatte, damit sie auch ja niemand vergesse. Sie passte so gut. Dann der Aufstieg mit Jürgen Röber, die erste Saison (mit der entscheidenden Wende ausgerechnet (!!!) gegen Karlsruhe), der anschließende sensationelle Einzug in die Champions League, die dadurch entstandenen Probleme. Im Nachhinein, da ist sich Hoeneß sicher, hat er dem Verein fünf Jahre gekostet. Die Erwartungen an den Klub waren in den Folgejahren einfach zu hoch.

Doch er, Hoeneß, hatte die richtigen Entscheidungen getroffen. Mit Lucien Favre, für dessen Verpflichtung er anfangs belächelt wurde, holte er die entscheidende Komponente für den Erfolg. Und auch wenn er durch den schmalen Schweizer einige Kompetenzen einbüßen musste, er war ihm ans Herz gewachsen. Favre hatte Unmögliches möglich gemacht und für das Gefühl, dass er gleich erleben würde, würde er ihm ewig dankbar sein. Das Brandenburger Tor glänzt im Licht der Scheinwerfer, der sternenklare Himmel gibt dem Ganzen noch einen zusätzlichen Touch. Es ist der perfekte Rahmen für seinen Triumph. Kurz stockt der Korso noch einmal, weil ein paar „Fans“ die Absperrung durchbrochen haben, doch, da ist sich Hoeneß sicher, gleich kommt sein Moment. Noch ein kurzer Wink zu Marko Pantelic, ein genussvoller Blick in die Menschenmenge und dann…

…wacht Dieter Hoeneß auf. Erregt und voller Sehnsucht. Dann deprimiert und enttäuscht. Und dann kämpferisch: „Gisela, heute packen wir den Uli und dann werden wir Meister!“ Ihre Antwort ist jedes Mal die gleiche: „Leg dich wieder hin Dieter, es ist noch nicht so weit…“ Doch Hoeneß steht an diesem Samstag, dem 14. Februar 2009 entgegen der Empfehlung seiner Frau auf. Und Hertha packt später die Bayern.

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One comment

  1. Gepackt würd ich sagen! 😀



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