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Ein Hauch von Champions League

2. Dezember 2008

Es war ein Mittwoch. Der Herbst kehrte langsam ein in Berlin und mit ihm die Champions League. Hertha spielte in Istanbul, bei Galatasaray, und die ganze Stadt, so schien es, war voller Vorfreude auf Herthas Rückkehr auf die europäische Fußballbühne. Fast sieben Jahre vor der Weltmeisterschaft 2006 führte Berlin Public Viewing in der Hauptstadt ein. Die Waldbühne, 18.000 Sitze zur Verfügung stellend, sollte ausverkauft sein, hieß es vorher. Das stimmte dann nicht ganz, aber die Stimmung war trotzdem gut. Vor allem, weil sich die meisten Zuschauer schon nach einer Viertelstunde verwundert die Augen rieben: Hertha führte durch Tore von Wosz und Preetz mit 2:0. In Istanbul! In der Champions League!! Hertha!!! Dass das Spiel dann doch nicht in einer triumphalen Rückkehr mündete, lag einmal an der internationalen Unerfahrenheit der Mannschaft (Stichwort: Cleverness) und Kostas Konstantinides. Dem Griechen, gerade wegen seiner internationalen Erfahrung geholt, rutschte im eigenen Strafraum die Hand aus. Rote Karte und Elfmeter. Hagi trifft zum 2:2 Endstand und hinterlässt viele trotzige Berliner, die erst sauer über Schiedsrichter Urs Meier (noch Jahre später war er für mich der Inbegriff des bestochenen Schiedsrichters), dann aber später am Abend vor allem stolz auf ihre Mannschaft waren. Im weiteren Verlauf der Gruppenphase demütigte Galatasaray Hertha zunächst im eigenen Stadion (1:4!) und verhalf ihr dann mit einem 3:2-Sieg gegen den AC Mailand zum Einzug in die (damals noch ausgetragene) zweite Gruppenphase. Selten war ich danach einer türkischen Mannschaft so dankbar, wie damals.

Mehr als neun Jahre ist das jetzt her. Zwischendurch gab es das ein oder andere Vorbereitungsspiel gegen die aktuell vom ehemaligen Bundesliga- und Bundestrainer Michael Skibbe trainierten Türken, alles immer sehr freundschaftlich. Am Mittwoch nun wird es wieder ernst. Diesmal „nur“ Uefa-Cup, aber auch Gruppenphase. Die Vorzeichen sind nur unwesentlich anders. Hertha braucht eigentlich einen Sieg, um die Ausgangslage vor dem letzten Spieltag in Piräus nicht zu aussichtslos werden zu lassen. Wobei eine Niederlage nicht – wie z.B. von Andrey Woronin behauptet („Wenn wir verlieren, sind wir weg“) – das Ausscheiden bedeuten würde, da sich die Zweit- und Drittplatzierten Kharkov und Piräus im direkten Duell gegenüberstehen und sich so gegenseitig die Punkte wegnehmen. Gut möglich, dass es zwischen Piräus und Hertha kurz vor Weihnachten zu einem echten Finale um den Einzug in die KO-Runde gibt. Galatasaray kann Hertha dann allerdings nicht – wie damals gegen Milan – helfend zur Seite springen. Berlin ist ihr letzter Gegner.

60.000 Karten sind für das Spiel angeblich bereits verkauft, was eigentlich heißt, dass erst 45.000 weg sind, man aber gerne 60.000 hätte und durch die Angabe der höheren Zahl all jene sofort zum Ticket-Kauf überreden will, die noch unentschlossen sind. Woher Herthas Finanz-Chef Ingo Schiller wissen will, dass es „auf jeden Fall ein türkisches Übergewicht“ geben wird, würde ich auch gerne mal wissen. Womit natürlich nicht gesagt sein soll, dass es nicht so kommt. Für die türkischen Fans in Berlin ist es das Spiel des Jahres. Für die Berliner nur ein Uefa-Cup-Spiel, das man sich nicht unbedingt geben muss, weil das Stadion ohnehin mit gegnerischen Schlachtenbummlern gefüllt sein wird. Und Hertha-Fans gibt es nicht genug, um das Stadion am Mittwochabend alleine voll zu bekommen.

Galatasaray ist in der Süper Lig zurzeit nur Vierter, was normalerweise schon reicht, um den Trainer über den Bosporus zu jagen. Weil die Mannschaft von Michael Skibbe – die mit den ehemaligen Bundesligaprofis Fernando Meira und Lincoln, sowie den internationalen Stars Harry Kewell und Milan Baros ausgestattet ist – aber in den letzten drei Spielen nicht mehr verloren hat und Skibbe außerdem über ein erstaunliches Sitzfleisch zu verfügen scheint, ist es den hitzköpfigen Offiziellen von Galatasaray bisher noch nicht gelungen, ihn zum Rücktritt zu bewegen. Dass man es versucht hat, steht außer Frage (leider finde ich den Artikel nicht mehr, der sich um die Entlassung von Skibbes Co-Trainern dreht). Aber solange Skibbe nicht in einem der wichtigen Wettbewerbe (Süper Lig, Uefa-Cup) fatal patzt – also entweder so weit von der Spitze entfernt ist, dass eine Meisterschaft nicht mehr möglich ist (zurzeit noch einholbare vier Punkte) oder im Uefa-Cup ausscheidet, was nach einer Niederlage gegen Hertha durchaus noch im Bereich des Möglichen ist – bleibt er Trainer in Istanbul.

Hertha hat indes am Mittwoch nicht nur die Chance durch die erneute Präsenz im TV (20.45 Uhr, ARD) auch außerhalb von Berlin für Aufsehen zu sorgen, sondern auch im nicht-deutschsprachigen Teil der Stadt, wo der Klub bisher quasi nicht stattfindet. Deshalb kann der Appell an Lucien Favre und Co. nur heißen: Bitte kein lahmes 0:0, sondern mindestens ein so engagierter Auftritt wie am Freitag gegen Köln. Und bloß kein 1:4…

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One comment

  1. […] Ein Hauch von Champions League « Kabinenpredigt Hertha also mit einem Auswärtsspiel (tags: uefacup hertha galatasaray berlin) […]



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