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Den Schneid abkaufen lassen

2. Oktober 2008

50 Millionen sind – fast egal in welcher Währung – selbst im finanziell verwöhnten Profi-Fußball ein ordentlicher Betrag. Aus dem Mund von Gennadi Petrow, der als Chef einer der einflussreichsten Mafia-Clans in Russland gilt, sind 50 Millionen sogar Peanuts. Die schüttelte der Aserbaidschaner bis vor kurzem noch aus dem Ärmel seines Armani-Hemds. Bis vor kurzem war Petrow für die Fußball-Welt aber auch noch völlig uninteressant. Seit ein paar Tagen hat sich das geändert. Grund sind übereinstimmende Meldungen in spanischen Zeitungen, die besagen, dass Petrow behauptet, seinen Ärmel über das Konto des FC Bayern München gehalten zu haben – im Austausch für die 0:4-Niederlage im Halbfinal-Rückspiel des Uefa Cups gegen Zenit St. Petersburg.

„Nach dem Spiel hätte er einem Gesprächspartner gegenüber erklärt, 50 Mio. an Bayern gezahlt zu haben“

Was soll man davon halten, wenn ein vermutlich größenwahnsinniger Krimineller, der mittlerweile hinter Gittern sitzt, in einem abgehörten Telefongespräch prahlt, er habe das Spiel für 50 Millionen gekauft? Noch dazu vom renommiertesten Fußball-Klub Deutschlands? Hierzulande kann sich das niemand wirklich vorstellen. Und es liegt nahe, das Telefongespräch bzw. die von Petrow gemachten Aussagen als Prahlerei abzutun. Andererseits: Kann ein Verein 50 Millionen ausschlagen? Wie sagte schon der irische Schriftsteller Jonathan Swift? „Kein Mensch nimmt guten Rat an, aber jeder nimmt gern Geld; also ist Geld besser als guter Rat.“ Haben sich die Wirtschaftsbosse der Bayern etwa über jeden guten Rat hinweggesetzt? Oder haben möglicherweise, wie ja auch kolportiert wird, einige Spieler die Hand aufgehalten?

Zunächst einmal kann man sicherlich davon ausgehen, dass hier nicht von russischen Rubel die Rede ist. Für knapp 1,4 Millionen Euro gibt kein Verein dieser Welt und auch kein Profi des FC Bayern die Chance auf ein Uefa-Cup-Finale aus der Hand. Wahrscheinlicher ist ein Dollar-Geschäft (36 Millionen Euro), aber genau werden wir das nicht herausfinden. Fakt ist jedenfalls, dass zum Beispiel im folgenden Artikel die Lockerheit vieler Bayern-Profis nach dem Spiel angesprochen wurde.

Süddeutsche Zeitung vom 01.05.08

Die Bayern wirkten "gelöst"

Die Bayern wirkten gelöst...

Auch die Bayern-Offiziellen wirkten nicht wirklich niedergeschlagen.

Karl-Heinz Rummenigge nach dem Spiel erstaunlich gelassen

Karl-Heinz Rummenigge nach dem Spiel erstaunlich gelassen

Und Trainer Ottmar Hitzfeld wählte nach dem Spiel die in diesem Zusammenhang reichlich unglückliche Formulierung: Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen.

Das Spiel selbst gab hingegen bis auf eine Szene kaum Anlass für Spekulationen. Wenn man sich das Video vom Spiel noch einmal anschaut erstaunt eigentlich nur die Reaktion von Martin Demichelis vor dem 2:0 (bei 4.14 Minuten). Aber die anderen Tore und vor allem die zum Teil großen Chancen der Bayern lassen den Schluss nicht zu, dass bei diesem Spiel Absprachen getroffen wurden.

Dazu passt die Reaktion von Miroslav Klose, der angab, mit seinen Kollegen über den Verdacht gescherzt zu haben. Und das ist dann vermutlich auch das einzige, was man damit anfangen kann. Solange Mafia-Bosse untereinander nur damit prahlen, hochklassige Spiele gekauft zu haben, kann man sich als Fußball-Fan noch beruhigt zurücklehnen – und hoffen, dass daraus niemals Realität wird.

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