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FIFA vs. IOC – Goliath gegen Goliath

11. August 2008

FIFA-Chef Sepp Blatter hat vorgeschlagen, bei den kommenden Olympischen Spielen ausschließlich Spieler teilnehmen zu lassen, die das 23. Lebensjahr noch nicht überschritten haben. Deren Abstellung solle dann durch einen FIFA-Beschluss für die Vereine verpflichtend sein. kabinenpredigt.de meint, das Blatter vehementer für eine Stärkung der eigenen FIFA-WM eintreten müsse.

Juan Ramon Riquelme (30, Argentinien), Ronaldinho (28, Brasilien), Brian McBride (36, USA), Roy Makaay (33, Niederlande), Tommaso Rocchi (30, Italien), Peter Odemwingie (27, Nigeria), Gustave Bebbe (26, Kamerun). Mit nur einer Ausnahme haben die an den ersten beiden Olympia-Spieltagen siegreichen Teilnehmerländer von ihrem „olympischen“ Recht Gebrauch gemacht und mindestens einen (von drei möglichen) Spieler mitgenommen, der das 23. Lebensjahr bereits überschritten hat. Richtig dreist sind dabei die US-Amerikaner, Niederländer, Argentinier und Italiener vorgegangen, die echte Leitwölfe mit nach Peking genommen haben. Warum Belgien auf einen wie den 39-Jährigen Marc Wilmots oder den Jungspund Emile Mpenza verzichtet haben, wissen sie nur selbst.

Freundlicherweise haben die meisten der nicht mehr jungen Herren bisher darauf verzichtet, wirklich aktiv ins Turniergeschehen einzugreifen. Weder der als zu alt ausrangierte ehemalige Bayern-Star Roy Makaay, noch der 36-Jährige Brian McBride sind bisher auf der Torschützenliste zu finden. Lediglich Ronaldinho, der das Turnier als Aufbautraining sowohl seines Körpers, als auch seiner Psyche nutzt und Tommaso Rocchi haben ihrer Mannschaft entscheidend geholfen. Und damit dem Olympischen Gedanken rigoros widersprochen.

Als Pierre de Coubertin 1894 anregte, dass man die Olympischen Spiele wiederbeleben solle, bezeichnete er sie als „Treffen der Jugend der Welt“, die dem sportlichen Vergleich und der Völkerverständigung dienen sollten. Dass er das mit der (gesamten) Jugend schon damals nicht so genau nahm und bei der Olympiade 1896 nur Männer zugelassen waren, schieben wir jetzt mal gekonnt beiseite. So waren die Zeiten halt damals. Heute hat der Abstellungsstreit zwischen den Vereinen und dem IOC mit Sicherheit nicht zur Völkerverständigung beigetragen und, dass einige Spieler nicht mehr zur Jugend der Welt zählen, ist – wie oben zu sehen – ebenfalls nichts Neues. Auch die Tatsache, dass es dieses „Problem“ nicht nur beim Fußball gibt (siehe Dirk Nowitzki beim Basketball oder Reiner Schüttler beim Tennis oder oder oder…), bleibt hier jetzt einmal außen vor.

Es geht schon lange nicht mehr um den olympischen Gedanken. Es geht wie immer ums Geld. Und da könnte es demnächst zur Nagelprobe zwischen dem mächtigen IOC und der mächtigen FIFA kommen. Denn beide Verbände wollen mit ihren Veranstaltungen möglichst viele Dollar oder Euro verdienen. Und deshalb wird Sepp Blatter daran gelegen sein, dass Stars, die bei seiner Weltmeisterschaft auflaufen, ihre Knochen nicht auch noch bei Olympia hinhalten (müssen). Im Umkehrschluss wird IOC-Chef Jaques Rogge sehr daran interessiert sein, so viele aktuelle – und nicht kommende – Stars zu den Olympischen Spielen zu ziehen, damit mehr Zuschauer die Spiele sehen wollen und mehr Sponsoren bereit sind, mehr Geld für die Übertragung zu bezahlen.

Im Moment sieht es danach aus, als wolle sich Blatter nicht ernsthaft mit dem IOC anlegen. Sein Vorschlag das Zutrittsalter zu den Spielen auf 23 zu beschränken, konterkariert die Pläne der Vereine, ihren Jungstars die Reise zu kommenden Olympischen Spielen zu verbieten. Bremens Diego (23) und Schalkes Rafinha (22) wären demnach in diesem Jahr nach Peking gefahren – ohne Streit vor dem Gericht. Sollte Blatters Vorschlag durchgewunken werden, wird der Druck der Vereine auf die Spieler steigen, entsprechende Klauseln, die ihnen die Abstellung verbieten, in ihren Verträgen festzuschreiben. Das Ganze ginge wieder von vorne los: Sind solche Klauseln legitim? Halten sich die Spieler dran? Was folgt bei Nichteinhalten? Die Gerichte wären wieder gefragt. Die von Blatter vorgeschlagene U23-Regelung ist schlichtweg nicht praktikabel, weil die besten Spieler der Welt immer früher die besten Spieler der Welt werden. Und wer es mit 23 noch nicht geschafft hat, der wird den Sprung zum Superstar wohl auch nicht mehr schaffen.

Warum beschränkt man das Olympische Fußballturnier also nicht auf U21-Teams? Klar, würden einige von Ihnen – Lionel Messi, Alexandre Pato – trotzdem bereits Stars sein. Allerdings wäre das kaum bei so vielen der Fall, wie bei der aktuellen Regelung und auch immer noch deutlich weniger, als bei der von Blatter favorisierten. Desweiteren sollte die Qualifikation für das Turnier in allen Verbänden einheitlich und nicht bereits zwei Jahre vorher stattfinden, da es aus Alters- oder Leistungsgründen eher unwahrscheinlich ist, dass die Spieler, die sich qualifiziert haben, auch tatsächlich an Olympia teilnehmen würden.

Der Olympische Geist ist bei diesen dann höchstens 21jährigen Spielern mit Sicherheit mehr ausgeprägt als bei satten Profis, die Olympia zum Ausklang ihrer Karriere noch einmal als Highlight mitnehmen wollen. Und auch mehr als bei Jungstars, die vielleicht schon eine EM hinter sich haben (z.B. der Holländer Ryan Babel) und für die ein zweites Turnier mit einer daran anschließenden langen Saison eine körperliche Katastrophe ist. Deshalb muss Sepp Blatter seine Forderung verschärfen und auch dann hart bleiben, wenn das IOC erkennt, welche Potentiale ein Olympisches Fußballturnier – vor allem in Europa (London 2012) oder Südamerika (Rio 2016?) – in sich birgt. Wenn es sie schon erkannt hat, wird es selbst Blatters erster Forderung widersprechen. Und dann geht der Streit erst richtig los.

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