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Hertha nicht glücklich – sondern souverän

10. August 2008

Mit dem 3:1-Pokalerfolg beim Viertligisten Eintracht Trier hat die neue Hertha gezeigt, dass sie bereit ist für die neue Bundesliga-Saison. Es ist allerdings nicht nur der Sieg an sich, der Zuversicht für die neue Saison macht, sondern vor allem die Art und Weise seines Zustandekommens.

Premiere sei dank. Zum ersten Mal konnten auch Fans, Möchtegern-Trainer und Kritiker, deren Lieblingsverein nicht aus München kommt und sich einen ehemaligen Nationaltrainer als Übungsleiter leistet, das Spiel ihrer Mannschaft bei einem unterklassigen Verein in der ersten Runde des DFB-Pokals in voller Länge sehen. Kein nicht einmal dreiminütiger ZDF-Bericht, moderiert von Rolf Töpperwien und stets mit dem Tenor, dass es am Ende ein glücklicher (unter drei Tore Vorsprung), ein souveräner (drei bis fünf Tore Vorsprung) oder ein „nie gefährdeter“ Erfolg der eigenen Mannschaft war. Sondern volle 90 oder sogar 120 Minuten. Allerdings mit Kommentatoren, die den angesprochenen Tenor bravourös und in schöner Regelmäßigkeit auch im Live-Bericht unterbrachten und noch dazu bei jedem auch nur ansatzweise brauchbaren Pass in Richtung Strafraum des höherklassigen Teams die Stimme erhoben, als stünde der Stürmer frei vor dem Torwart – was natürlich nie wirklich der Fall war.

Herthas Sieg wäre nach dem nicht einmal dreiminütigen Bericht demnach „glücklich“ gewesen und genauso lautete auch das Fazit des Premiere-Moderators. Dabei war Hertha vor allem in der zweiten Halbzeit Herr im Moselstadion gewesen und hatte – wie schon teilweise in Hälfte Eins – mit ansehnlichem Aufbauspiel den unterklassigen Gegner beherrscht. Schon der frühe Führungstreffer durch Marko Pantelic (8.) ließ die Handschrift von Trainer Lucien Favre erahnen. Schnell und direkt spielten Favres ewiger Wunschspieler der letzten Saison Raffael und Neuzugang Cicero den Serben frei, der den Ball eiskalt am gegnerischen Keeper vorbeischob. Dass mit Pantelic ein Relikt der Prä-Favre-Ära die Führung besorgte, hätte wohl im ZDF-Bericht ein „Natürlich Marko Pantelic – wer sonst?“ zur Folge gehabt. Doch die neue Hertha hatte noch längst nicht fertig.

Denn mit dem 1:0 gab sie sich keinesfalls zufrieden. Hätte Piszczek die Flanke von Ebert exakt fünf Minuten nach der Führung ins Tor statt an den Pfosten gelenkt, wäre das Wort glücklich aus dem Repertoire des Moderators gestrichen werden können – Trier wäre bereits geschlagen gewesen. Doch so gelang es ihnen, das Spiel offen zu halten und wenig später sogar eigene Aktionen zu initiieren. Dennoch war es ein Hertha-Rückfall in die Zeiten der Vorsaison, in der stets ein individueller Fehler zum Gegentreffer geführt hatte, der, nun ja, zum Gegentreffer führte. Bei einem Eckball stieg Lacroix am höchsten und traf, auch weil Drobny aus dem Tor, nicht aber an den Ball gekommen war (27.). So fand das Adjektiv „gleichwertig“ und die mittlerweise ins Buch der Pokalphrasen aufgenommene Redewendung „kein Klassenunterschied zu erkennen“ auffallend häufig den Weg an die Ohren der Premiere-Zuschauer.

Dass beide nur für zehn Minuten Bestand hatten – nämlich denen nach dem 1:1 – und danach nur noch einmal für fünf in der zweiten Halbzeit – in der Drobny seinen Fehler beim Schlenzer von Schulz wieder gut machte (55.) – ist bei David-gegen-Goliath-Duellen egal. Hauptsache es ist Dramatik drin. Den Gefallen tat der Bundesligist aus Berlin dem sensationslüsternen Zuschauer allerdings nicht. Kaum war die zweite Hälfte angepfiffen, stand Piszczek erneut frei vor Keeper Miletic, machte es dem Trierer allerdings auch schwer, den Ball vorbeizulassen, indem er ihn genau auf den Körper schoss (47.). Es folgte die kleine Drangphase der Heimmannschaft – mit der Parade von Drobny als Schlusspunkt nicht nur des einen, sondern aller durchdachten Trierer Angriffe.

Nach einer Stunde hatte Hertha genug. Ein Lupfer von Lustenberger rundete einen erneut ansehnlichen Spielzug über Ebert und Raffael zum 2:1 ab, bevor Neuzugang Max Nicu zeigte, warum Favre ihn aus Wehen holte. Seine Flanke, mit Effet und Genauigkeit geschlagen, fand in der Mitte Patrick Ebert, der nur noch den Kopf hinzuhalten brauchte (81.). Dabei blieb es. Zu recht. Denn Hertha war nicht nur von der Spielanlage und den technischen Fertigkeiten her die bessere Mannschaft. Auch was das Umschalten von Angriff auf Abwehr und umgekehrt, was präzise Seitenwechsel (zelebriert vor allem von Cicero) und das schnelle Spiel in die Spitze anging, war der Klassenunterschied mehr als ersichtlich.

Einen negativen Aspekt gab es dennoch: Marko Pantelic wirkte bis auf die Szene, die zum Führungstor führte, wie ein Fremdkörper im Hertha-Spiel. War er in den letzten Jahren häufig der technisch stärkste Herthaner, hatte es gegen Trier den Anschein, als wäre er der einzige Berliner, der den Ball nicht richtig annehmen kann. Viele Bälle versprangen ihm. Statt den Ball klatschen zu lassen, versuchte er ihn – wie früher – zu halten. Der Serbe muss sein Spiel umstellen. Weg vom Stoßstürmer, der vorne den Alleinunterhalter spielt, hin zum Teamplayer und zurück zum Knipser, der nur noch Knipsen muss.

Nach dem Pokal-Erfolg in Trier blieb ein positiver Eindruck der neuen Hertha haften. Und die Eintracht fand sich selbst auch total toll, wie es auf ihrer Homepage in feinstem PR zu lesen ist:

Eintracht Trier konnte die anwesenden knapp 6000 Zuschauer mit erfrischendem Kombinationsfussball begeistern und zeigte eine überzeugende Mannschaftsleistung.

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4 Kommentare

  1. Uiii,

    wieder im Land!


  2. Jep…ich hab endlich wieder n bisschen Zeit zum Bloggen. Die Antwort auf deinen vor gefühlten 10 Monaten geschriebenen Brief ist in Arbeit.


  3. Schöner Bereicht, hatte leider keine Zeit die Spiele näher zu verfolgen.


  4. Danke,
    Semesterferien machens möglich 😉



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