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Briefwechsel

15. Juni 2008

Soeben erreicht mich ein Brief eines in Berlin lebenden Freundes. Patricks Blog findet ihr in der Blogroll oder HIER. In Zukunft ist der Briefwechsel rechts in der Navigation (unter Seiten->Briefwechsel) zu finden. Zunächst einmal die Einleitung zu dem, was wir die nächsten Wochen vor haben und im Anschluss Patricks literarisch-sportlicher „Erguss“:

Schluss mit lustig!

Die EM begeistert ganz Europa. Zeit die Tabuthemen anzusprechen. Es ist Zeit für Klartext. In einem regelmäßigen Mailwechsel, werden die beiden Blogger Daniel und Patrick sich einen literarischen Schlagabtausch liefern. Dabei veröffentlicht Daniel Patricks Texte in seinem Kabinenpredigt-Blog und Patrick Daniels Antworten wiederum in seinem Lapidarium-Blog. Völlig objektiv und gänzlich unpersönlich. Das versteht sich von selbst!

Hochverehrter Kollege, lieber Freund!

Die Fußball Europameisterschaft ist bereits im vollem Gange. Die Gruppenphase neigt sich ihrem Ende zu und ich bekomme endlich die Gelegenheit mich an Ihnen zu rächen. Unverschämterweise haben Sie mir vor zwei Jahren ein Geschenk aus reiner Boshaftigkeit und Hinterlist gemacht. Erinnern Sie sich noch? Das Büchlein mit dem beschämenden Titel „Fußball – Deutsch / Deutsch Fußball“ eines sehr bekannten und großen Wörterbuchherstellers sollte wohl mit voller Wucht auf eine von Ihnen bei mir diagnostizierte Fußballunfähigkeit hinweisen. Wie konnten Sie nur! Nicht genug, dass sich das Buch über jeden Leser auf fast schon perfide Weise lustig macht und Begriffe wie „Chancentod“, „Kopfball“ oder auch „rund“ erklärt, nein, weiter versucht der ziemlich bekannte Verfasser des Buches Fußball und Comedy zusammen zu bringen. Da hört der Spaß bei mir auf. Fußball ist kein Spiel, Fußball ist ernst, so hat es neulich sogar ein bekannter Theaterwissenschaftler formuliert. Wie könnte man auch etwas anderes behaupten, wenn man in Joachim „Jogi“ Löws Gesicht blickt? Der Kroatienkrimi letzten Donnerstag hat diesem grundsympathischen Typen den letzten Funken an Humor und Freude, so scheint es zumindest, geraubt. So wie mir Ihr Geschenk das letzte Selbstvertrauen zum Thema Fußball geraubt hat. Sie haben richtig gelesen, ich vergleiche mich gerade mit dem Trainer der deutschen Nationalmannschaft, wenn auch mehr emotional als irgendwie anders. Aber wie gesagt, es ist Zeit sich an Ihnen mein Freund zu rächen.

Wissen Sie, werter Freund, wieso die Amerikaner dem Fußball, oder Soccer wie sie es bezeichnen, so ablehnend und unwissend gegenüber stehen? So, dass nicht einmal die renommierte New York Times wirklich ernsthaft von der Euro 2008 in Österreich und der Schweiz berichtet (außer einem kleinen lächerlichen Soccer-Blog)?  Die Antwort gab jüngst in einem Interview der ehemalige Teamchef der Nationalmannschaft Jürgen Klinsmann. Fußball sei nämlich ein „players game“, ein Spiel also, welches fast ausschließlich von den Spielern entschieden wird. Doch die meisten Amerikaner sind Fans der sogenannten „coaches games“, wie zum Beispiel „Football“, „Baseball“ oder auch „Basketball“. Spiele, die von Trainern und Taktiken bestimmt und dominiert werden. Spiele, die sich durch schnellen Wechsel von Offensive und Defensive auszeichnen und kein Auswechsellimit aufweisen. Europa scheint da etwas anders gestrickt und sozialisiert worden zu sein.

Wie sonst ist die Dominanz des Fußballs zu erklären?  Fußball soll trotz seines stark individualistischen Ansatzes auch integrativ wirksam gemacht werden. Fußball ist daher nur zum Teil ein wirklicher Teamsport. Mittlerweile will die Kultusministerkonferenz (KMK), Fußball als Migrationsgrenzen übergreifendes Schulinstrument in den deutschen Schulunterricht effektiver einbinden. Denn Fußball, so die Theorie soll sich perfekt dazu eignen, Mathekenntnisse zu vermitteln. Sie erlauben, dass ich meine berechtigten Zweifel an dieser These äußere und mich der weiteren Popularisierung dieser Sportart verwehre. Andere haben es da viel nötiger. Doch Fußball, so die Mitglieder der KMK weiter, lässt soziale Schranken verschwinden. Der arme Junge mit Migrationshintergrund bekommt als „nur“ im Fußball die Möglichkeit von seinen anderen Lernschwächen abzulenken, zu punkten, außerdem zählen auf dem Platz keine Markenklamotten und andere Accessoires. Alle sind gleich und tun sich nur durch die individuellen Fähigkeiten zum Wohle der Gemeinschaft (also des Team) hervor. Was für ein marxistischer Ansatz! Ich frage Sie, was soll das? Sieht denn hier niemand den weißen, dicken, Brille tragenden und von allen möglichen Allergien geplagten Jungen in der Abwehr stehen? Was ist mit den weniger talentierten? Was ist mit denen, die für diesen Sport völlig ungeeignete Voraussetzungen mitbringen. Fußball erscheint hier doch nicht mehr als integrativer Bestandteil einer Gesellschaft oder eines Bildungssystems, sondern als ein vollständig autarkes Klassensystem.

Fußball ist ernst schon klar, aber ein wenig Distanz und vor allem ein bisschen De-emotionalisierung würde uns allen gut tun. Vor allem den Kollegen und Kolleginnen aus der mächtigen Welt der Sportberichterstattung. Wieso dominiert alle Fußballberichte immer ein latenter militaristischer Ton. Ich muss Ihnen doch jetzt nicht wirklich Beispiele nennen, oder? Ich mache es trotzdem. Kaum ein Artikel der nicht ohne die Begriffe, wie „Schlacht“, „Kampf“, „Kameraden“, „aufmarschieren“ etc. auskommt. Nur noch der Wetterbericht bedient sich häufiger diesem Jargon („bomben Wetter“). Es reicht! Fußball ist ernst, schon klar und trotzdem solle man doch bitte wenigstens diesem Kriegswortschatz „lebe wohl“ sagen. Hans Meyer hat mal gesagt: „Fußball ist auf dem Platz.“ Wie könnte ich dem widersprechen! Auf dem Platz, dort wird gespielt. Fußball ist im besten Sinne seiner Definition ein Spiel und der kriegerische Alltag hat hier doch nun wirklich nichts zu suchen.

Auch das steht nicht in dem Geschenk, dass Sie mir in einem kleinen Anfall von Böswilligkeit vor zwei Jahren gemacht haben. Aber ich bin nicht nachtragend.

Denken sie an ihren pazifistischen Freund, Patrick.

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One comment

  1. So, jetzt äußere ich mich auch mal zum Thema Fußball, obwohl ich dabei ja nicht gerade als Fachmann bekannt bin ; )
    Als ich den Brief las, musste ich daran denken, wie der American Football und natürlich Sport im Allgemeinen schon immer für Immigranten eine gute Gelegenheit darstellte, auch ohne besonders gute schulische Leistungen Karriere zu machen. Daher kann ich gut verstehen, dass gerade Sport, der ja ohne viel verbale Kommunikation auskommt, als Mittel zur Integration dienen soll. Die Idee ist also nicht neu, aber gar nicht schlecht!

    Dass dabei Sportpfeifen außen vor bleiben müssen, ist nun mal so, habs selbst erlebt….Die können aber dafür ne Band gründen und haben bei Erfolg so viele weibliche Fans, dass den gleichaltrigen Fußballern die Tränen in die Augen steigen…sorry, Jungs, aber Sound machen ist halt doch cooler als auf nem Rasen rumzuturnen! ; P *fg*



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