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Unter “uns”

16. Februar 2008

Und plötzlich sitzt du zwischen den vielleicht besten Sportjournalisten des Landes und willst dazugehören. Willst auch in Zürich an Türen klopfen und kriminelle Machenschaften der FIFA aufdecken. Willst nach Peking fahren und kritisch über die Schönfärberei des kommunistischen Regimes berichten. Und natürlich im Doping-Sumpf nach den Alpha-Männchen suchen.

Gedankengänge eines Journalistik-Studenten, der an der Konferenz: Unter Druck – Qualitätssicherung im Sportjournalismus teilgenommen hat. Die Tagung, veranstaltet vom Institut für Journalistik der Universität Dortmund und dem Sportnetzwerk, versammelte am ersten Tag eine ganze Reihe von hochqualitativen Sportjournalisten, die ihr Wissen nicht nur teilten, sondern auch zur Diskussion einluden. Jens Weinreich, Andrew Jennings und David Walsh hießen die, die mich am meisten beeindruckten.

Weinreich, seines Zeichens Sportressortleiter der Berliner Zeitung und kritischer Betrachter der Machenschaften der FIFA und ihres Vorsitzenden Sepp Blatter, hatte bei mir schon allein wegen seines Arbeitsplatzes in der Hauptstadt einen Stein im Brett. Doch vor allem imponierte mir seine Standfestigkeit, „bis aufs Messer“, wie er selbst sagte, für seine Ideale einzustehen. Auf seine Initiative hin, verweigerte sich die Berliner Zeitung der sportlichen Artikel für die Tour de France und betrieb stattdessen reine Dopingberichterstattung. Auf eine Frage bezüglich etwaiger Kämpfe innerhalb der Redaktion antwortete Weinreich lässig: „Nach dem ersten Dopingfall war Ruhe im Karton.“

Andrew Jennings beeindruckte mich mit seiner Hartnäckigkeit. Er hat sich dem Kampf der gaunernden Funktionäre verschrieben und sich auf diesem Weg nicht nur bei der FIFA, sondern auch beim Internationalen Olympischen Komittee (IOC) zur persona non grata gemacht. Das hindert den sturen Briten aber natürlich nicht daran, weiter am Stuhl der hohen Tiere zu sägen. Und seine Lebensaufgabe scheint Früchte zu tragen: „Es wird kein gutes Jahr für die FIFA werden…“ so Jennings im Anschluss an einen Workshop. Auf der anderen Seite ähnelt der Buchautor („The Lord of the Rings„, „The Great Olympic Swindel„, „Foul„) in seiner Argumentation ab und an ein wenig einem Sektenführer. Man hat oftmals nur auf den hebräischen Schlachtruf à la Uri Geller gewartet, der symbolisieren soll, dass etwas Großes im Gange ist. Das ist grundsätzlich zwar nichts Schlechtes, trotzdem würde ein bisschen weniger Pathos dem ansonsten sehr sympathischen „Aktivisten“ mehr Seriösität verleihen. Aber das gehört zu ihm, wie sein ungeschniegelter Auftritt: „Ich habe sie alle gesehen, tolle Journalisten in den tollsten Anzügen, die nie eine Story hatten. Ich verzichte lieber auf diese Klamotten und habe die Story.“

David Walsh fand als vorletzter Redner eigentlich eine unvorteilhafte Grundsituation vor. Sein Vortrag hatte sich um fast eineinhalb Stunden nach hinten verschoben, Hunger machte sich breit und die Konzentration ließ langsam aber sicher nach. Doch was dann folgte, war für mich eine Offenbarung. Walsh’s Objekt der Kritik hieß und heißt nach wie vor Lance Armstrong. Der siebenfache Toursieger, dem alle möglichen Arten von Doping vorgeworfen und zum Teil auch nachgewiesen wurden, ist in den USA eine Ikone. Und das obwohl die Tour-Berichterstatter von Anfang an wussten, dass sich der Amerikaner EPO spritzte. „Das Bild von einem Mann, der erst den Krebs besiegt und dann die Tour gewinnt, war einfach zu stark, um es zu verwischen“, sagt ein resignierter Journalist der Sunday Times zum Ende seines Vortrags. In seinen leider nur in Frankreich wirklich beachteten Büchern „L.A. Confidentiel„, „L.A. Official“ und in der abgeschwächten US-Version „Von Lance zu Landis“ kritisiert er den internationalen Radsportverband, die Presselandschaft und natürlich auch Lance Armstrong, der zurzeit in den USA den Gang in die Politik erwägt. Walsh sehnt diesen Schritt nahezu herbei, schließlich würden sich die Leute im Wahlkampf an seine Bücher erinnern, die zunächst bei allen amerikanischen Verlegern abgelehnt worden waren. „Das muss unser Antrieb sein, „sagt er abschließend, „damit diese Lügner damit nicht durchkommen.“

Bin mal gespannt, ob der zweite Teil genauso spannend wird…

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