Mit ‘Fußball’ verschlagwortete Einträge

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Eine gute Niederlage

22. März 2009

Der Wetterumschwung kam unerwartet. Am Samstagvormittag lachte über Hamburg noch die Sonne, nur ein leichter Wind sorgte dafür, dass sich viele beim Alsterspaziergang zum Pulli auch noch eine Jacke überwarfen. Dann begann die Bundesliga, doch weder Himmel noch Temperaturen veränderten sich. Als die Spiele wenig später allerdings zuende waren, bließ plötzlich ein kalter Wind durch die Stadt. Über St. Pauli hinweg, bis hoch nach Eimsbüttel und auch um das Stadion des Hamburger SV. Es war kein normaler Windzug, der da durch Hamburg zog. Es war einer, der in ganz Deutschland zu spüren war, zur gleichen Zeit, mit der gleichen Windstärke, der gleichen Dauer. Es war: Das Aufatmen der Liga.

Ja, Hertha BSC ist schlagbar, die kochen auch nur mit Wasser die Berliner, die werden jetzt doch nicht Meister, HA HA!!! Deutschlandweit klopfen sich Experten auf die Schulter, beweihräuchern sich damit, doch Recht gehabt zu haben: Diese Hertha darf und wird nicht Meister werden. Dann können wir uns jetzt endlich auf den Titelkampf derer konzentrieren, die es qua Tradition verdient haben: Bayern und der HSV. Hoffenheim? Abgeschrieben. Wolfsburg? Mit Außenseiterchancen. Aber Hertha? Never, ever. Premiere-Kommentator Wolff Fuß ging sogar soweit, den Berlinern zu gratulieren, weil sie gut daran getan hätten, sich NICHT auf dem Berliner Rathaus-Balkon fotografieren zu lassen. Komisch, dass das – obwohl er es bestimmt nicht so meinte – hämisch klang, als HÄTTEN sie es getan.

Was ist passiert? Hertha hat ein Spiel verloren, gegen den VfB Stuttgart, 0:2. Ein Ergebnis das die Chancenlosigkeit der Herthaner ja quasi suggeriert. Man konnte richtig sehen, wie den Experten ein Stein vom Herzen fiel, als Stuttgart in Führung ging und nicht wieder dieser langhaarige Ukrainer irgendein Körperteil in den Ball werfen konnte, um Hertha zu einem weiteren Sieg mit einem Tor Unterschied zu verhelfen. Nein, der VfB hat stellvertretend für die ganze Liga gezeigt wie es geht. Zielstrebig nach vorne spielen, Hertha beschäftigen und dann die Chancen auch einfach mal nutzen, die sich bieten. So einfach ist das. Doch halt. Ganz so einfach war es dann nämlich doch nicht.

Nachdem mit der Verletzung Arne Friedrichs Herthas Herzstück – die Innenverteidigung – auseinandergerissen war, stand der Sieger für viele eigentlich schon fest. Doch Ersatzmann Kaka machte seine Sache defensiv sehr ordentlich und zum Teil sogar abgeklärter als der deutsche Nationalspieler zuvor. Kakas großes Problem ist das Spiel nach vorne, der Pass in die Spitze bzw. ins Mittelfeld. Allein in der ersten Halbzeit wechselte dadurch zweimal der Ballbesitz, als sich fast die gesamte Berliner Mannschaft in der Stuttgarter Hälfte befand. So kann man sich keine Chancen erspielen.

Doch das viel größere Problem an diesem Samstag war Joe Simunic. Ob der Kroate in der Kabine erfahren hatte, dass sein Abwehr-Kumpane Friedrich zwei Wochen ausfallen würde und war er deshalb deprimiert? Oder hatte er einfach vergessen, ein isotonisches Getränk zu sich zu nehmen? Jedenfalls verschlief Simunic die ersten sechs Minuten der zweiten Halbzeit komplett, was die Stuttgarter in Hertha-Manier – eiskalt – zu zwei Toren nutzten. Die Experten waren sich einig: Das war es, das Spiel ist entschieden. Nach vorne kann Hertha ja nicht. Lucien Favre reagierte, hatte allerdings nicht mehr allzuviele Möglichkeiten, da er durch die Auswechslung von Friedrich und die Herausnahme des mittlerweile nicht mehr tragbaren, weil erneuten Totalausfalls Marko Babic nur noch einmal wechseln konnte. Der Schweizer brachte Marko Pantelic, den er in den letzten Wochen allerdings derartig demontiert hatte, dass sich einige Stuttgarter Fans bei der Einwechslung des Serben fragten, wer das denn überhaupt sei, der da jetzt aufs Feld komme.

Schiedsrichter Kinhöfer hatte den Namen von Herthas ehemaliger Torgarantie allerdings nicht vergessen – und auch nicht seinen Sinn für Theatralik. Denn sonst hätte er zwei Minuten später wohl auf Elfmeter entschieden und keine Schwalbe des 30-Jährigen vermutet. Doch weil sein Ruf Pantelic vorausgeeilt war, gab es nur Abstoß. Eine – wie die Fernsehbilder zeigten – krasse Fehlentscheidung. Als es Pantelic sechs Minuten vor dem Ende auch noch fertig brachte, den Ball aus fünf Metern gegen das Bein von Stuttgarts Torwart Jens Lehmann zu schießen, fragte sich wohl auch Lucien Favre, wer das denn eigentlich sei, den er da aufs Feld geschickt hatte. Pantelic hatte sich im Abseits gewähnt – auch Kommentator Wolff Fuß sah das noch nach zwei Zeitlupen so. Schiri Kinhöfer jedoch weigerte sich einfach zu pfeifen. Die letzte Chance war vertan.

So unterlag Hertha am Ende verdient, und doch irgendwie unglücklich. So pflegen sie ja sonst eigentlich ihre Spiele zu gewinnen. Und genau aus diesem Grund ist diese Niederlage auch nicht dramatisch, ja vielleicht sogar zum richtigsten aller Zeitpunkte erfolgt. Denn:

  • Friedrichs Verletzung wird sich – so Gott in Person von Doktor Schleicher will – nicht auf den Ligabetrieb auswirken, da jetzt erstmal Länderspielpause ist.
  • Die Mannschaft hätte sich nach einem erneuten Sieg volle zwei Wochen anhören dürfen, wie toll sie ist, warum Hertha jetzt auf jeden Fall Meister wird und doch jetzt aber wirklich mal Fotos auf dem Rathaus-Balkon machen muss. Durch die Niederlage ist sie erst einmal raus aus dem Fokus der Öffentlichkeit, alles erwartet nun, dass sie durchgereicht wird. Hertha ist zwar immer noch Erster, gefühlt aber nicht mehr der Gejagte, sondern nur noch jemand, der bald ohnehin eingeholt wird.
  • Durch die Niederlage wurde der Mannschaft noch einmal gezeigt, dass das, was in den letzten Wochen über sie gekommen ist (Euphorie in der Stadt, Medienbeachtung) nur eine Momentaufnahme war. Um es längerfristig zu erhalten, muss sie nicht nur sagen, dass sie hart arbeitet, sondern es auch tun. Und genau das werden sie in den vollen zwei Wochen Länderspielpause tun.
  • Die Medien kommen jetzt – hoffentlich – ein bisschen zu Ruhe und berichten stattdessen über die Drittliga-Tabellenführung von Union, die Tatsache, dass der HSV jetzt aber doch bitte Meister werden muss oder über die Frage, wer denn eigentlich dieser Spieler ist, denn Favre da in Stuttgart eine halbe Stunde vor Spielende auf den Platz geschickt hat.

Denn, sind wir mal ehrlich, es war ja nicht nur die Chance die Pantelic vergeben hat. Man merkte ihm in jeder Situation an, dass ihm genau das fehlt, was ihn früher immer stark gemacht hat: Sehr viel Selbstvertrauen. Wenn er früher einen Haken gemacht und dann aufs Tor geschossen hat, versucht er nun, den freien Mann zu sehen. Das Problem: Es dauert zu lange. Wenn Pantelic ihn sieht, mit sich selbst ausgemacht hat, dass er jetzt tatsächlich abspielt und das dann motorisch umzusetzen versucht, ist der freie Mann gedeckt. Das war nicht nur in Stuttgart, sondern auch schon in Cottbus so. So hilft er der Mannschaft – so leid es mir tut – nicht weiter.

Nach dieser Niederlage ist es das Wichtigste, jetzt nicht ins Grübeln zu kommen oder an der Mannschaft zu zweifeln. Nicht alles über den Haufen zu werfen. Man könnte das Team sogar damit motivieren, indem man sagt: „Das wollen die doch alle nur!“ Aber darum geht es gar nicht. Niemand konnte ernsthaft erwarten, dass Hertha jetzt alle Spiele bis zum Saisonende gewinnt. Die von Joe Simunic ausgerufenen acht Siege aus zwölf Spielen sind immer noch realitisch erreichbar und ein lohnenswertes Ziel. Es gibt keinen Grund die Einstellung zu Hertha zu verändern. Denn es war das erste Mal in 2009, das erste Mal im achten Spiel, dass sie eine Niederlage wirklich verdient hatte. Weil Stuttgart an diesem Tag einfach die zwei Tore besser war. Weil viele Herthaner einen schlechten Tag hatten. Weil der Schiedsrichter den Elfmeter…nein, den Schuh brauchen wir uns nicht anzuziehen.

Wer jetzt zweifelt, hat das System Favre nicht verstanden. Fehler sind menschlich, weshalb auch die beiden Gegentore wieder etwas pädagogisch Wertvolles an sich hatten. Man hatte ja schon gedacht, ein Simunic wäre unfehlbar. Er wird allerdings nicht – wir früher vielleicht – an sich zweifeln, sondern einfach noch ein Stück härter an sich arbeiten. Das ist der Unterschied zur alten Hertha. Die Bundesliga wird sich noch wundern.

Und der Wind wird sich auch wieder verziehen…

Lesempfehlung: Michael Rosentritt bringt es im Tagesspiel auf den Punkt: „Hertha ist einen Tick zu cool“

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Drei Minuten im Mai

18. Februar 2009

Dass Lucien Favre in der Schweiz zweimal mit dem FC Zürich Meister wurde, war mir bekannt. Nicht jedoch, auf welche Art und Weise. Ausgangsposition vor dem letzten Spieltag: Tabellenführer FC Basel (75 Punkte)  reicht am letzten Spieltag ein Unentschieden gegen den Tabellenzweiten aus Zürich (72), um Meister zu werden. Bei einer Niederlage gegen den von Lucien Favre trainierten FC, würde dieser wegen des besseren Torverhältnisses doch noch vorbeiziehen. Bis zur 92. Minute steht es 1:1…

Update: Hab grad gesehen, dass Bild das auch macht. Ist aber wirklich Zufall.

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Glaskugel-Journalismus

17. Februar 2009

„Bayern ist Meister“ hat ein sehr guter Freund und Blognachbar gestern getönt. Ich zweifle das nicht nur stark an, sondern widerlege es auch! Der HSV macht es nämlich am Ende durch ein glorreiches Unentschieden in Frankfurt (1:0 Fenin 90.+4, 1:1 Benjamin durch einen indirekten Freistoß, weil Pröll einen Rückpass von Ochs aufgenommen hatte), vor Labbadias Leverkusenern (die für vier Minuten Meister waren) und Klinsmanns Bayern. Hertha wird Fünfter (was natürlich angesichts des bisherigen Saisonverlaufs schade super ist), nur Schalke guckt in die internationale Röhre und das obwohl Kevin Kuranyi dem ehemaligen Schalke-Coach Ralf Rangnick am letzten Spieltag die Schale entreißt.

Unten schafft der neue Gladbach-Coach Berti Vogts das „Wunder“ und hält im Relegationsspiel gegen Greuther Fürth die Klasse. Daraufhin sagt Fürth-Manager Rachid Azzouzi in die Premiere-Kameras: „Ich glaube nicht mehr an den Fußball-Gott“ und lässt sich anschließend in die Rudi-Assauer-Klinik für gebeutelte Fußballer-Seelen einweisen. Bochum konnte nicht mal mehr der spektakuläre Trainerwechsel acht Spieltage vor Schluss retten, als Peter Neururer in einer Nacht- und Nebel-Aktion aus seinem Vertrag beim MSV Duisburg gekauft wurde. Duisburg startete daraufhin mit Spielertrainer Ivica Grlic eine Serie und steigt zusammen mit Freiburg auf. In Cottbus ergibt man sich dagegen in sein Schicksal und will sich fortan als Ausbildungsteam der Jugend im Ostteil Deutschlands etablieren. Leider hat man nicht bedacht, dass der komplette Kader Verträge für die zweite Liga hat. Energie verwirft seinen Plan und nimmt den direkten Wiederaufstieg ins Visier.

So sieht es am Ende aus

So sieht es am Ende aus

Hier geht’s zum Sport1-Tabellenrechner (den es aber auch auf Spox gibt)

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Dieter Hoeneß’ Traum

14. Februar 2009

Neulich hatte Dieter Hoeneß wieder diesen Traum. Er, der Manager von Hertha BSC, im offenen Cabriolet auf der Straße des 17. Juni, neben ihm Trainer Lucien Favre, um ihn herum tausende begeisterte Berliner und in seiner Hand: Eine Salatschüssel. Nicht irgendeine Salatschüssel, sondern DIE Salatschüssel schlechthin: Die Meisterschale, die vom hell über der Stadt stehenden Mond angestrahlt wird. Strahlen tut auch Hoeneß, über das ganze Gesicht, während eine Träne des Glücks an seiner Wange herunter kullert – es ist nicht die erste an diesem historischen Tag. Vor ein paar Stunden hatte seine Mannschaft durch einen Sieg am letzten Bundesligaspieltag beim Karlsruher SC sein Lebenswerk vollendet: Hertha war Deutscher Meister geworden. Hoeneß hatte die Schale, die, das wusste er, nur eine Nachbildung des Originals war, das in München jetzt wahrscheinlich irgendwo in einer Kiste lagerte, seit dem Verlassen des Wildparkstadions nicht mehr aus den Hängen gelegt. Er war am Ziel, endlich. Alle Strapazen hatten sich gelohnt.

Vor ein paar Jahren hatte Hoeneß in einem Interview gesagt, dass er irgendwann einmal mit der Meisterschale durch das Brandenburger Tor fahren wolle. Nun war dieser Zeitpunkt gekommen. Er kann es in seinem Traum dann immer kaum noch erwarten. Immer wieder winkt er dem hinter ihm in einem weiteren Cabrio mitfahrenden Marko Pantelic zu, dreht sich dann wieder zurück und genießt die Jubelschreie der Berliner. „Da ist es“, sagt er in dem Moment zu Lucien Favre, in dem der letzte Kreisverkehr auf dem Weg zur ehemaligen Grenze in den Ostteil der Stadt das erste Mal in voller Pracht zu sehen ist.

An dieser Stelle stockt der Autokorso immer, weil der Fanauflauf auf dem letzten Kilometer stetig zunimmt. Hoeneß ist das egal, er hat lange genug auf den Moment gewartet, auf diese paar Minuten kommt es jetzt auch nicht mehr an. In seinem Kopf zieht in dem Moment, in dem der Korso seinen Weg fortsetzt, seine Zeit bei Hertha noch einmal an ihm vorbei. Wie er damals ankam und den Taxifahrer nach der Geschäftsstelle fragte und dieser nicht wusste, was Hoeneß meinte. Wie er dann dort ankam und nur eine Schreibmaschine vorfand. Er lacht dann immer laut, weil er diese Geschichte in den letzten Jahren immer wieder erzählt hatte, damit sie auch ja niemand vergesse. Sie passte so gut. Dann der Aufstieg mit Jürgen Röber, die erste Saison (mit der entscheidenden Wende ausgerechnet (!!!) gegen Karlsruhe), der anschließende sensationelle Einzug in die Champions League, die dadurch entstandenen Probleme. Im Nachhinein, da ist sich Hoeneß sicher, hat er dem Verein fünf Jahre gekostet. Die Erwartungen an den Klub waren in den Folgejahren einfach zu hoch.

Doch er, Hoeneß, hatte die richtigen Entscheidungen getroffen. Mit Lucien Favre, für dessen Verpflichtung er anfangs belächelt wurde, holte er die entscheidende Komponente für den Erfolg. Und auch wenn er durch den schmalen Schweizer einige Kompetenzen einbüßen musste, er war ihm ans Herz gewachsen. Favre hatte Unmögliches möglich gemacht und für das Gefühl, dass er gleich erleben würde, würde er ihm ewig dankbar sein. Das Brandenburger Tor glänzt im Licht der Scheinwerfer, der sternenklare Himmel gibt dem Ganzen noch einen zusätzlichen Touch. Es ist der perfekte Rahmen für seinen Triumph. Kurz stockt der Korso noch einmal, weil ein paar „Fans“ die Absperrung durchbrochen haben, doch, da ist sich Hoeneß sicher, gleich kommt sein Moment. Noch ein kurzer Wink zu Marko Pantelic, ein genussvoller Blick in die Menschenmenge und dann…

…wacht Dieter Hoeneß auf. Erregt und voller Sehnsucht. Dann deprimiert und enttäuscht. Und dann kämpferisch: „Gisela, heute packen wir den Uli und dann werden wir Meister!“ Ihre Antwort ist jedes Mal die gleiche: „Leg dich wieder hin Dieter, es ist noch nicht so weit…“ Doch Hoeneß steht an diesem Samstag, dem 14. Februar 2009 entgegen der Empfehlung seiner Frau auf. Und Hertha packt später die Bayern.

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Ein Brief an Rolf Königs

11. Februar 2009

Kabinenpredigt.de.vu ist der Brief zugespielt worden, den die Gladbacher Mannschaft im Wintertrainingslager an Borussia-Chef Rolf Königs übergeben hat, um sich über Trainer Hans Meyer zu beschweren (Vorsicht: Es könnte sich um eine Satire handeln…)

„Lieber Herr Königs,

wir schreiben Ihnen diesen Brief, weil wir der Meinung sind, dass die derzeitige Situation nicht mehr haltbar ist. Hans Meyer ist ein ganz gemeiner Mensch, der nichtmal davor zurückschreckt, einen Nationalspieler auf die Bank zu setzen, der erst 19 Jahre alt ist. Überlegen Sie sich das mal! Der Marko muss jedes Mal nach dem Training in der Kabine getröstet werden, weil der Trainer ihn nicht ein einziges Mal nach einem Tor gestreichelt oder nach einem dreifachen Übersteiger anderweitig liebkost hat. Das hat nämlich der Jos Luhukay und danach auch der Christian Ziege immer getan, die waren aber ohnehin viel bessere Trainer als Hans Meyer.

Als Herr Meyer in Gladbach angefangen hat, gewannen wir gleich mit 1:0 gegen den Karlsruher SC. Doch statt uns für unser tolles Spiel zu loben [Statistik: 12:17 Torschüsse, 3:12 Eckbälle und 46 Prozent Ballbesitz. Anm. d. Red.] sprach er von Glück und verbot uns sogar ein zweites Bier im Clubhaus. Das hat uns gar nicht gefallen und war auch der Grund, warum wir die folgenden beiden Spiele in Wolfsburg und Frankfurt verloren. In der Woche danach fiel dem Marko dann allerdings ein, dass bald das Länderspiel gegen England anstand, weshalb er das Spiel gegen Bielefeld unbedingt gewinnen wollte, damit er auf jeden Fall dabei sein würde. Er bot allen das neue Userfile für Pro Evolution Soccer (die Borussia-Edition) und außerdem eine Wagenladung Pattex SekundenALLESkleber Ultra Gel an, damit wir uns dafür aufrafften. Wir taten es und gewannen ja auch. Weil das Userfile allerdings unrealistisch war (Marko hatte sich selber viel zu stark gemacht) und die Pattex-Ladungen auch auf sich warten ließen, war die Stimmung danach noch weiter im Keller als vorher. Wir verloren alle weiteren Spiele.

Anschließend folgte die Winterpause, wir – die Mannschaft – trafen uns regelmäßig im Nightparc, um uns über die aktuelle Situation auszutauschen. Dort kamen wir auch nach einer langen Nacht der Gespräche zu dem Entschluss für diesen Brief. Vorausgegangen war außerdem ein Anruf von Herrn Meyer bei Marko auf dem Handy mitten in der Nacht. Als Marko dranging und fragte, ob Herr Meyer wisse, wie spät es sei, antwortete dieser dreist: „Ja, halb Drei und im Gegensatz zu dir, weiß ich auch noch WO ich bin!“ Marko hat mir das erzählt, kurz nachdem ich ihn am nächsten Morgen von der Polizeiwache abgeholt hatte. Die haben aber versprochen, nichts der BILD zu stecken. Jedenfalls war Marko wirklich sauer und hat per StudiVZ eine Rundmail an alle geschrieben, die dort einen Account haben (auch dem Oli, der da als Oliver N. eingeschrieben ist). Und als viele mit einem zustimmenden Gruscheln den Brief absegneten, entschlossen wir uns, diesen Brief zu verfassen.

Wir haben folgende Forderungen:

1. Hans Meyer darf keine unangekündigten Linienläufe mehr von uns verlangen. Der Alexander musste sich neulich übergeben und hat anschließend so sehr geweint, dass er sich nun ernsthaft überlegt in München zu unterschreiben.

2. Hans Meyer darf das Nachmittagstraining nicht mehr länger als bis 17.30 Uhr ausdehnen, weil Marko sonst die Sesamstraße verpasst.

3. Hans Meyer muss alle Handynummern zurückgeben und darf uns nicht mehr außerhalb der Arbeitszeiten anrufen. Es ist ihm auch nicht erlaubt, uns ein zweites Bier am Abend zu untersagen.

4. Bevor Hans Meyer einen Spieler der ersten Elf auswechselt, muss er ihn fragen, ob er damit einverstanden ist. Ist er das nicht, darf er eine Verletzung simulieren, damit sein Status in der Presse nicht leidet.

5. Bevor Hans Meyer mit der Presse redet, muss er der Mannschaft sagen, wen er kritisieren wird, damit die genannten Spieler durch die Hintertür der Geschäftsstelle verschwinden können. Kritik muss dabei angemeldet werden.

Wenn diese Forderungen erfüllt werden, sehen wir keine Probleme den Klassenerhalt zu schaffen. Ansonsten sehen wir uns gezwungen, den Verein absteigen zu lassen und uns danach an den MSV Duisburg oder Arminia Bielefeld verscherbeln zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Filip Daems (Kapitän)“

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Frühwarnsystem gegen riberyschen Mistral

9. Februar 2009

Patrick Owomoyela sah sich auf seinem Karriereweg schon sehr oft mit starkem Gegenwind konfrontiert. Mal blies das Verletzungspech ihm das rechte Bein weg – was in Bremen einen Sehnenteilabriss des Oberschenkels und später in Dortmund einen Außenbandteilriss des Sprunggelenks zurfolge hatte. Ein anderes Mal versuchte eine rechte Partei einen WM-Planer mit seinem Konterfei zu verkaufen – wogegen sich Owomoyela erfolgreich zur Wehr setze. Doch der Wind, der am Sonntag auf ihn zukam, war selbst für einen sturmerprobten Abwehrspieler wie ihn zuviel. Es war ein Mistral namens Ribery, der Owomoyela so dauerhaft bearbeitete, dass er nach der 1:3-Niederlage gegen den FC Bayern so geknickt wirkte, wie eine Korkeiche in der Provence.

BVB-Trainer Jürgen Klopp nahm seinen rechten Verteidiger dennoch oder gerade deswegen in Schutz:

„Jeder Spieler der Welt hätte Probleme mit Ribery gehabt.(…) Sie werden keinen Spieler finden, der einen Ribery alleine aufhält.“

Womit die Brücke zu Hertha BSC geschlagen wäre. Die Berliner sehen sich am 20. Spieltag dem mit mehreren Windstärken agierenden FC Bayern gegenüber und damit auch der Frage, wer diese Stürme aufhalten soll. Sowohl Mistral Ribery, aber auch die wiedererstarkte Böe namens Klose und Blizzard Donovan werden dann über das Berliner Olympiastadion einfallen und im Moment deutet nicht wirklich viel darauf hin, dass die von Hertha bisher in fast jedem Spiel errichteten Barrikaden dem standhalten können.

Vor allem auf der rechten Seite – der von Ribery – hat Trainer Favre alles andere als die Wahl. Schnell sollte der Gegenspieler des Franzosen sein (womit Neuzugang Cufre wegfällt), reaktionsschnell  (womit Mark Stein nicht mehr ins Profil passt) und zweikampfstark (womit Steve von Bergen auch rausfällt), aber vor allem: Gesund – womit dann auch Sofian Chahed nicht mehr zur Auswahl steht. Bleibt eigentlich nur noch Arne Friedrich. Wenn es schon nicht dem Kapitän, dem einzigen deutschen Nationalspieler der Berliner, gelingt, Ribery auszuschalten, wem dann?

Friedrich übt bei Hertha normalerweise zusammen mit Josip Simunic die Funktion des Feuerwehrmanns aus, greift also nur dann ein, wenn alle anderen Frühwarnsysteme im Mittelfeld versagt haben. Gegen Ribery müsste er beides sein. Er muss es erkennen, wenn sich die bayerischen Wolken zu verhängnisvollen Formationen zusammenschieben, um im Notfall – der gegen Ribery sehr häufig eintreten dürfte – einzugreifen. Weil man für einen riberyschen Mistral allerdings über 90 Minuten plus Nachspielzeit standhaft bleiben muss, um nicht einzuknicken, braucht man stützende Elemente, also eine in der Defensive funktionierende Mannschaft. Die ist bei einer gesunden Hertha 2009 durchaus vorhanden. In der derzeit verletzten allerdings äußerst fragil.

Zumal das Herausziehen von Friedrich aus der Mitte auf die rechte Abwehrseite dort eine Lücke hinterlässt, die bisher weder der Brasilianer Kaka noch der schon erwähnte Schweizer Steve von Bergen zu schließen wusste. Simunic kann zwar unglaublich viel, aber eine aus zwei Positionen bestehende Innenverteidigung alleine auszufüllen dazu ist selbst der Kroate nicht fähig. Daher muss entweder ein Wunder geschehen, ergo ein Abwehrspieler vom Kaliber Friedrichs vom Himmel fallen oder die Bayern so spielen, wie zuletzt gegen Dortmund die ersten 80 Minuten. Denn dann kann sich Kaka seine Fehler leisten, Drobny wird die ungenau zuende gespielten Abschlüsse der Münchener freudig empfangen und vorne hilft der liebe Gott.

Wenn die Mannschaft von Jürgen Klinsmann allerdings einen besseren Tag erwischt – wie zum Beispiel beim 5:1-Erfolg im DFB-Pokal beim VfB Stuttgart – dann hat Hertha nur eine einzige Chance, die Bayern daran zu hindern, drei Punkte aus Berlin zu entführen. Wie stoppt man ein Boot, dass seinen Antrieb aus selbst hervorgeschworenen Stürmen zieht? Indem man ihm den Wind aus den Segeln nimmt. So einfach ist das manchmal.

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Ein neues Gefühl

14. Januar 2009

Der BVB und ich – das hat hier nie so richtig geklappt. Ich wurde bepöbelt und habe einen Schlag abbekommen, weil ich mit einem Hertha-Trikot vom Fanblock zum Bus laufen wollte. Einem Freund von mir wurde der Schal „abgezogen“ und nur nach Intervention einer weiblichen Person wieder herausgegeben. Und außerdem hat Hertha – seit ich hier bin – noch nicht in Dortmund gewonnen. Letzteres wäre nicht mal so gravierend, wenn die Mannschaft von Lucien Favre regelmäßig unterlegen gewesen wäre. Aber das war sie ja nicht.

Ich hatte diese Abneigung gegen den BVB nicht immer. Als die Borussia Mitte der 90er Jahre zweimal Deutscher Meister wurde und die Champions League gewann, Lars Ricken regelmäßig auf den Postern der BravoSport auftauchte und all die Bayern-Fans um mich herum regelmäßig eins auf den Sack bekamen, da hatte ich sogar Trikot, Schal und Bettwäsche in schwarz-gelb. Das werden eingefleischte Fans nicht verstehen können, allerdings hat mein wirkliches Fußball-Bewusstsein erst eher spät eingesetzt – allerdings immer noch rechtzeitig um behaupten zu können, ich wäre nicht erst seit dem Aufstieg von Hertha 1997 Fan des Klubs. Ich war es bereits ein Jahr zuvor und zwar ziemlich genau vor dem ganzen Aufstiegshype. Man kann also sagen, ich habe meinen Anteil an der rasanten Entwicklung von Hertha ;-)

Man muss das alles wissen, um mein gespaltenes Verhätlnis zum BVB zu verstehen. Ich mochte diesen Klub ja mal. Doch als ich hier ankam war ich eingefleischter Herthaner und obwohl ich es manchmal ernsthaft versuchte, konnte ich für den Verein, der in der Stadt in der ich lebe das Gesprächsthema Nummer Eins ist, einfach keine Sympathien empfinden. Das änderte sich auch nicht, als Jürgen Klopp hier unterschrieb. Die Arbeit des ehemaligen Fernseh-Bundestrainers schätze ich zwar, an meiner Abneigung für den BVB konnte aber auch er nicht rütteln.

Und jetzt holt dieser Klub Kevin-Prince Boateng. Einen Berliner. Vielmehr: Einen großartigen Fußballer, der aus Berlin kommt.

Kevin-Prince Boateng ist einer dieser – gerade durch Lothar Matthäus in Abrede gestellten – individuellen Typen wie Christiano Ronaldo oder Lionel Messi. Dass der Vergleich hinkt, daran ist Boateng selbst schuld. Er hat die Anlagen, ist einer dieser verrückten Instinktfußballer, quasi das komplette Gegenteil eines Arne Friedrich. Boateng kann ein Spiel alleine entscheiden, mit einer genialen Aktion, mit einer Idee, die nur er hat. Man muss ihn nur lassen. Die englische Liga kam für einen wie ihn wohl noch etwas zu früh oder besser: Tottenham war in der schwierigen Phase dieses Klubs nicht bereit für einen wie ihn. Denn einer wie er, jung und gewitzt, macht auch Fehler und die werden in den unteren Tabellenregionen – in denen sich Tottenham aufhält – bitter bestraft. Sooft wie Lio Messi im Dribbling den Ball verliert, könnte eine abstiegsgefährdete Mannschaft ihn gar nicht zurückgewinnen. Bei Barcelona ist das möglich, die starke Defensive ermöglicht ihm seine Geniestreiche.

Beim BVB steht die Defensive auch, Geniestreiche von Boateng zu erwarten, wäre zu diesem Zeitpunkt allerdings vermessen. Er kommt als Ergänzungsspieler. Nicht mehr und nicht weniger. Aber er hat – ich wiederhole mich – das Zeug zum Stammspieler beim BVB. Ich will ihn nicht in den Himmel loben, das hat ihm noch nie gut getan, aber der Name Boateng in Verbindung mit diesem Ruhrpott-“Käwinn“ und diesem „Prince“, dem Sohn eines Königs, das verheißt nicht nur phonetisch einiges. Das Problem war ja auch nie sein Fußball-Spiel, sondern stets nur sein Umfeld, in dem es immer wichtiger war „cool“ zu sein und sich mit den anderen (Trainern) anzulegen, statt einfach mal den Mund zu halten und besser zu trainieren.

In England hat er das nun hoffentlich gelernt, auch wenn die geringe Anzahl seiner Einsätze in der ersten Mannschaft und die Fehler, die er gemacht hat, nicht gerade dafür sprechen. Mut macht der Berater-Wechsel, dem er sich unterzogen hat. Weg von Karel van Burik, dem Vater des bei Hertha in Ungnade gefallenen Ex-Kapitäns Dick, hin zu Jörg Neubauer, der in seinem Portfolio schon ehemalige „Problemfälle“ wie Ashkan Dejagah, aber auch Musterprofis wie Rene Adler oder den schon angesprochenen Arne Friedrich hat. Neubauer ist seriös – was ich van Burik nicht in Abrede stellen will. Dennoch hat der Wechsel zu Tottenham im Nachhinein nur dem Berater und Hertha BSC geholfen, das für einen 20-Jährigen knapp acht Millionen Euro überwiesen bekam. Neubauer wird seinen Schützling nun ganz genau beobachten, er weiß, dass er einen Rohdiamanten vor sich hat. Schleifen muss diesen zunächst einmal Dortmund-Coach Jürgen Klopp, der sich aber mit widerwilligen und schwierigen Karätern auskennt.

Boateng hat es jetzt in der Hand. Klopp wird ihm keinen Teppich ausbreiten und ihm nächtliche Touren durch die Nightrooms oder das Village durchgehen lassen. Ic hoffe aber einfach, dass er da zumindest in diesem Halbjahr erst einmal überhaupt nicht auftaucht. Ich wünsche es diesem Ausnahmefußballer, dass er endlich den Durchbruch schafft. Boateng ist mein Bindeglied zu Borussia Dortmund. In Zukunft wünsche ich dem Klub, vor allem aber Boateng, nur das Beste. Solange Hertha vorne bleibt – versteht sich von selbst.

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The Fresh Prince of Dortmund

14. Januar 2009

Hier ist die Musik.

Da ist der Text (ok, hier und da holperts „ein wenig“, aber es ist möglich, den Text auf die Musik anzuwenden).

Willkommen in Dortmund, Kevin-Prince.

Now this is the story, all about how,
my life got flipped, turned upside down,
and I’d like to take a minute, just don’t get stunned,
I’ll tell you how I became the prince of a town called Dortmund.

In the West of Berlin, born and raised,
on the soccerground is where I spent most of my days,
playing and tricking, it all looked very cool,
so I didn’t spend much time inside of the school,
then a couple of guys said: „Hey, you’re very good“,
and that’s how I escaped out of my neighbourhood,
what if I stayed, I really know how it’ve been,
I naturally would have been the Prince of Berlin.

I packed all my jerseys and my shoes in my tray,
put on my sunglasses, and made me on me way,
but London was cold and I wasn’t part of the team,
that was the complete opposite of my dream,
seat in the stand is bad,
by the time I cried and were really sad,
I ask my adviser to bring me back home,
maybe even near my brother jerome.

He sent whistles home and soon it came near,
that I don’t have to stay any day longer here
there was just one problem,my price was not fair,
so i decided to waive it, I mean, I’m a millionaire!

He called up the clubs, about seven or eight
and he yelled to the coaches: „Sign him, he’s no traitor“
then Susi come’s up, and pays a small fund,
and gave him the chance, to become Prince of Dortmund.

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Jaroslav Drobny – vom Verfluchten zum Heiligen

22. Dezember 2008

Als Jaroslav Drobny vor eineinhalb Jahren ablösefrei vom VfL Bochum zu Hertha wechselte, fragte ich mich zunächst einmal, wie Dieter Hoeneß das hinbekommen hatte. Denn der damals 28-Jährige wurde auch von Celtic Glasgow umworben und eigentlich wunderte es mich, dass die anderen Bundesligaklubs keine Notiz von ihm genommen hatten.

Drobny war erst im Frühjahr 2007 zu den abstiegsbedrohten Bochumern gewechselt, nachdem er es zuvor nicht geschafft hatte in der englischen Premier League Fuß zu fassen. Über die Stationen Budweis (Tschechien), Athen, Fulham, Den Haag und Ipswich Town landete der damals vertragslose Torwart im Hafen des Bundesliga-Abstiegskampfes  und stieg dort sofort zum Leistungsträger, mehr noch, zu einem der besten Torhüter der Bundesliga-Rückrunde auf. Dieter Hoeneß hatte Drobny offenbar früh auf dem Zettel, was vor allem daran gelegen haben mag, dass neben dem Vor- und Nachnamen des Torhüters groß und rot das Wort „ablösefrei“ gestanden haben muss. Spieler, die diesen Stempel tragen und noch dazu überragende Leistungen bringen, lassen bei Fußballmanagern natürlich die Augen leuchten. Dem Vernehmen nach hatte Drobny im Sommer 2007 allerdings nur drei Angebote vorliegen. Aus Bochum, Berlin und Glasgow. Britischen Fußball hatte Drobny bereits satt, Bochumer Abstiegskampf anscheinend auch, weshalb er sich relativ schnell und ohne großes Gefeilsche für die Hauptstadt entschied.

Dort hatte gerade ein Umbruch begonnen, ein neuer Trainer war verpflichtet, neue Spieler deshalb auch noch nicht geholt worden. Nur bei Drobny machte Manager Hoeneß eine Ausnahme, weil der Keeper und Bochum „Klarheit wollten“. Herthas Fans freuten sich. Endlich – so frohlockten einige (und auch ich) – brauchten sie keine Angst mehr vor Eckbällen zu haben. Eine der Situationen in der Prä-Drobny-Ära, die, vor allem wegen des geringen Größenmaß’ vom bisherigen Stammtorhüter Christian Fiedler (1,80 m), den größten Herzinfarkt-Faktor in der Ostkurve innehatte. Lucien Favre kam und rief zunächst ein wenig überraschend einen echten Konkurrenzkampf aus. Sowohl Fiedler als auch Drobny durften in der Vorbereitung spielen. Zum Bundesligastart stand dann aber der Große zwischen den Pfosten, während der Kleine Wachstumshormone verschrieben bekam.

Dass die Bundesliga der englischen Premier League dann doch gar nicht so unähnlich zu sein schien, merkte man an Drobnys Leistungen. In seinem ersten Jahr war seine Quote für gehaltene Unhaltbare in etwa so hoch, wie die der guten Flanken von Sofian Chahed oder Mark Stein in der darauffolgenden Saison. Dabei hatte beim Pokalspiel in Unterhaching – seinem ersten Pflichtspiel – alles so gut begonnen. „Hertha Habemus Hexer“ titelte der Berliner Kurier sogar. Doch so magisch wie er begonnen hatte, so menschlich hielt er weiter. Und fiel dabei einem Phänomen zum Opfer, dass schon Oliver Kahn erlebt hatte. Auch Kahn hatte durch überirdische Paraden den Titan-Status erhalten und wurde fortan nur noch danach bewertet. Es ist eben das Schicksal eines jeden Sportlers nur an seinen besten Leistungen gemessen zu werden. Und weil Drobnys Maßstab in Bochum Kahnsche Höhen erreicht hatte und diese beim ersten Saisonspiel in Unterhaching zementiert wurden, kam nach dem ersten, sehr menschlichen, Jahr Unruhe auf. Selbst ich – der nun wirklich kein Fan von Christian Fiedler ist – beteiligte mich daran. Freunde, die mich seit Jahren kannten und meine (nicht immer sachliche) Kritik an der mangelnden Strafraumbeherrschung Fiedlers mitbekommen hatten, wunderten sich plötzlich darüber, dass ich in Erwägung zog, der CDU-Mann könnte die bessere Wahl sein (ähm…nein). Doch da ich zum großen Glück dieses/meines Vereins nicht der Trainer bin, blieb Drobny die Nummer Eins.

In der laufenden Saison ist er nun wieder dort, wo er damals schon war. Die Messlatte liegt wieder oben und Drobny, mit 29 gerade am Anfang des besten Torhüter-Alters, scheint die Stärke zu haben, sich nicht nur an ihr zu messen, sondern sie sogar Stück für Stück noch ein bisschen höher zu legen. Einen großen Anteil daran hat mit Sicherheit auch das Torwarttraining mit Enver Maric. Drobny hielt es zunächst für zu technisch, fand es wohl langweilig, immer gleiche Bälle immer und immer wieder zu fangen. Marics Philosophie ist es aber, dass ein Torwart die gleichen Bewegungsabläufe immer und immer wieder durchspielen muss, um sie zu perfektionieren. Als Drobny das verinnerlicht hatte, wurde er zu dem Torwart, der er schon damals war – allerdings ohne an diesem Punkt stehen zu bleiben.

Drobny hat nun eine halbe Saison überragende Leistungen gezeigt. Er wird – da bin ich mir sicher – sie in der Rückrunde bestätigen. Weil er gelernt hat, wie die Bundesliga, wie seine Mannschaft, wie ER funktioniert. Nur noch ganz selten fallen seine motorisch ungelenken Bewegungen auf, die eines Profisportlers eigentlich unwürdig sind. Aber entscheidend war es ja noch nie, wie man dabei aussieht, wenn man die Bälle hält. Hauptsache ist, man hält die Bälle. Mit dieser Philosophie wird man schließlich auch umjubelter Nationaltorhüter (obwohl Rene Adler auch in der B-Note abräumen würde…).

Die Entwicklung von Herthas Nummer Eins von einem Torwart, der große Sprünge versprach, damit aber anfangs nicht einmal bei den Bundesjugendspielen etwas gerissen hätte, zu einem Torwart, dem sein Trainer zutraut, übers Wasser gehen zu können, hat mir nicht nur imponiert, sondern auch gezeigt, dass man vor allem im Sport mit Vertrauen sehr viel erreichen kann. Drobnys Geschichte sollte man vielleicht auch mal allen Kritikern von Michael Rensing erzählen. Die Bayern würden einen großen Fehler machen, ihn schon nach der ersten – „nur“ durchwachsenen“ – Saison abzugeben.

Update: Drobny wurde vom Kicker hinter René Adler zum zweitbesten Bundesligakeeper der Hinrunde gewählt. Im Text wird er allerdings mit keinem Wort erwähnt.

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Von Schulden und Begehrlichkeiten

16. Dezember 2008

Nehmen wir mal an, ich will einen DVD-Abend veranstalten und dafür in meinen vier Wänden für Kinoatmosphäre sorgen. Ich benötige dafür einen Beamer und eine Dolby-Surround-Anlage. Die Wand ist schon vorhanden, da ich seit meinem Einzug nichts gegen die weiße Krankenhaus-Stilistik getan habe, außer ein paar Bilder aufzuhängen. Sie ist weiß. Ich schaue mich also um, wo bekomme ich möglichst günstig einen Beamer her und wo eine Anlage, die in den entscheidenden Momenten Gänsehaut verursacht? Für den Beamer mache ich sehr schnell eine Agentur ausfindig, die zwar nicht billig ist, aber bezahlbar. Ich leihe mir von dort ein Traumgerät, dass ich mir – würde ich es kaufen wollen – nicht leisten könnte. Als nächstes sorge ich für den Ton, ein Geschäft bietet an, eine zum Kauf stehende Anlage zunächst einmal zwei Tage auszuprobieren. Lediglich eine Anzahlung ist vonnöten, die ich im Anschluss wiederbekäme, sollte ich mich gegen sie entscheiden. Ich bin perfekt ausgestattet, meine Gäste sind begeistert und nehmen mit einigem Erstaunen mein kleines Heimkino zur Kenntnis. Man fragt nicht, wo die Geräte herkommen, man nimmt sie einfach so hin und regt an, doch nun in regelmäßigen Abständen Kino-Abende in meinem Wohnzimmer zu veranstalten. Ich weiche mit einem „Mal sehen“ aus und überschlage im Kopf, was es mich kosten würde, den Standard zu halten und womöglich hier und da noch zu verbessern (Stichwort: Beqeumes Sofa mit Platz für alle). Ich merke allerdings schnell, dass das meinen finanziellen Horizont übersteigt. Trotzdem sage ich kommenden Abenden nicht ab, sondern ermutige sogar zu Terminvorschlägen. Ich lebe über meine Verhältnisse.

Genauso scheint es Hertha BSC zurzeit zu ergehen. Mit Leih-Spielern wie Andrey Woronin, der vom FC Liverpool – dem aktuellen Tabellenführer der reichsten Liga der Welt – gekommen ist und Cicero, der immernoch seinem Ex-Klub Fluminense Rio de Janeiro gehört, hat sich der Berliner Bundesligist an die Tabellenspitze gespielt. Woronin würde das Gehaltsgefüge in neue Dimensionen heben, wenn Liverpool nicht einen Anteil davon bezahlen würde und Cicero soll etwas mehr als drei Millionen Euro kosten. Alles Geld, das Hertha in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht mal eben so ausgeben kann. Das wird vor allem dann deutlich, wenn man sich die Transferbilanz der letzten Jahre anschaut.

Als der Verein endlich einmal auch finanziell von seiner Jugendarbeit profitierte, also in loser Reihenfolge die Spieler Kevin-Prince Boateng, Malik Fathi, Jerome Boateng und Christopher Schorch für knapp 14 Millionen Euro verkaufte und zusätzlich Gilberto und Christian Gimenez für insgesamt etwa 5 Millionen loswurde, war dringend benötigtes Kapital endlich vorhanden, um dem neuen Trainer eine Mannschaft nach seinen Vorstellungen zusammenzustellen. Mit den Brasilianern Raffael und Lucio, den Schweizern von Bergen und Lustenberger, dem Serben Kacar, dem Amerikaner Arguez und dem ausgeliehenen Tschechen Skacel wurden bereits in der letzten Saison mehr als 12 Millionen reinvestiert.

In diesem Jahr gelang es dem Manager dann immerhin noch einmal knapp 3 Millionen Euro für die Spieler Okronkwo, Lima, Lakic und Cubukcu einzunehmen. Dem gegenüber stehen allerdings Ausgaben für die Stürmer Chermiti und Domovchyiski, die Verteidiger Kaka und Rodnei, sowie Mittelfeldspieler Nicu und die Leihgebür für Cicero – alles zusammen etwas mehr als 6 Millionen Euro. Hinzu kommt das Gehalt von Andrey Woronin, das allerdings, wie schon erwähnt, von Liverpool mitgetragen wird. Unter dem Strich bleibt von den Transfereinnahmen nichts mehr übrig, im Gegenteil. Und da Hertha nach wie vor mit mal mehr, mal weniger als 30 Millionen Euro in der Kreide steht und wegen Vorab-Deals in Zukunft keine großen Einnahmen zu verzeichnen hat, sind große Sprünge nicht unbedingt geboten.

In diese Situation hinein spielt Hertha die beste Hinrunde der Vereinsgeschichte. Das weckt Begehrlichkeiten. Man darf allerdings hoffen, dass die Hertha-Oberen aus den Fehlern von damals, den Zeiten der Qualifikation zur Champions League, gelernt haben. Das ein Lernprozess eingesetzt hat, zeigt zumindest schon der Leih-Vertrag von Cicero. Der Brasilianer ist an Hertha bis zum Jahr 2010 ausgeliehen. Danach kann Manager Hoeneß – sofern er dann noch im Amt ist – die Kaufoption ziehen. Der Verein hat also noch bis zur WM in Südafrika Zeit, die etwas mehr als drei Millionen Euro für den neben Kacar im Mittelfeld überragenden Mann der Hinrunde aufzutreiben. Das sollte auch angesichts der positiven Entwicklung der Mannschaft nicht das Problem sein. Viel schlimmer ist in Berlin der neue TV-Vertrag aufgenommen worden, nach dem Hertha 7,5 Millionen anscheinend eingeplante Euros fehlen. Da kann man sich wieder fragen: Warum plant der Verein mit Einnahmen aus Verträgen, die zum Zeitpunkt der Planung noch nicht geschlossen waren? Was die Peanuts aus dem UEFA-Cup angeht, ist man doch auch immer so vorsichtig herangegangen und hat nur die erste Runde in die Bilanzvorschau eingerechnet…

Jetzt muss also wieder gespart werden und die Experten um Finanzboss Schiller haben sich Erstes an den Personaletat gesetzt. Dieser ist mit kalkulierten 31 Millionen Euro für einen ambitionierten deutschen Erstligisten schon erstaunlich klein. Wie verträgt sich also das ohnehin schon hohe Anspruchsdenken der sportlichen Führung mit den finanziellen Möglichkeiten des Vereins? Es scheint fast so, als gingen die Ansichten da weit auseinander. Es stellt sich die Frage: Wie soll man gleichzeitig einen der Mannschaft unheimich guttuenden und keinesfalls abwanderungswilligen Andrey Woronin halten, den Vertrag mit Kapitän Arne Friedrich verlängern, die Kaufoption für Cicero ziehen, möglicherweise doch Marko Pantelic behalten und die Mannschaft zusätzlich noch punktuell verstärken? „Alles geht nicht“ hat Präsident Werner Gegenbauer vor ein paar Tagen gesagt. Also heißt es jetzt Prioritäten zu setzen.

Daher wird Publikumsliebling Pantelic den Verein – wenn irgendwie möglich – bereits im Winter verlassen. Das freiwerdende Gehalt (1,5 Millionen) wird brüderlich auf den neuen Brasilianer Junior Cesar und Arne Friedrich verteilt, der dann neuer Spitzenverdiener ist. Die hoffentlich hohe Ablöse wird dann in die Bilanz gesteckt. Desweiteren muss Hoeneß hoffen, dass sowohl der Bulgare Domovchyski, als auch der Tunesier Chermiti in der Rückrunde voll einschlagen, um einen Verbleib von Woronin nicht zwingend notwendig zu machen. Das ist nicht unmöglich, aber dafür muss wirklich alles passen – so wie in der Hinrunde. Und damit kommen wir zum Dilemma der Berliner Situation. Die Mannschaft kann fantastischen Fußball spielen, sie kann hinten sicher stehen und vorne toll kombinieren. Sie kann Tore schießen und die taktischen Vorgaben des Trainers umsetzen. Sie kann das aber auch alles einfach nicht tun, wie in den Spielen gegen Bayern (1:4), Bremen (1:5), Cottbus (0:1) und Schalke (0:1). Wie in den Spielen gegen Bielefeld (1:1), Leverkusen (1:0) und Hamburg (2:1). Wie immer wieder vereinzelt in fast allen anderen Spielen außer dem Auftaktsieg in Frankfurt (2:0). Immer wieder zeigt dieses Team Schwächen, die in anderen Zeiten, wenn das Glück gerade mal kein Hertha-Trikot anhat, zu Niederlagen führen können. Und die Frage aller Fragen ist, ob sie sich – so wie in der Hinrunde – aus diesen Situationen auch dann noch befreien kann, wenn Spieler wie Pantelic oder Woronin nicht mehr dabei sind.

Der Mann, der mir Hoffnung macht, dass es auch ohne sie gelingen kann, sitzt bei Hertha auf der Bank und heißt Lucien Favre. Was der Schweizer in Berlin leistet, ist mit Worten eigentlich nicht zu beschreiben. Denn auch wenn Hertha in dieser Hinrunde wirklich viel Glück hatte, hat das Auftreten der Mannschaft in anderen Situationen als den oben beschriebenen immer wieder gezeigt, dass dieses Glück nicht geschenkt, sondern erarbeitet ist. Es steckt System dahinter, wie Hertha agiert. Wie Hertha kombiniert. Und defensiv verschiebt. Vielleicht schafft dieser in der Öffentlichkeit manchmal ein wenig bieder wirkende Schweizer es tatsächlich, in Berlin nicht nur ein Personaletatschrumpfen, einen Publikumsliebling-Transfer, eine Führungs- und die Finanzkrise zu überstehen, sondern sogar den doch sehr optimistischen Drei-Jahresplan von Manager Hoeneß zu erreichen. Ich sage es gleich vorweg: Ich bin ihm nicht böse, wenn er das Ziel, um die Meisterschaft mitzuspielen, schon in diesem Jahr erreicht. Aber selbst wenn es nicht mal in der nächsten Saison damit klappt, hat Favre in Berlin etwas geschafft, was ich seit ich Hertha-Fan bin, hier noch nicht gesehen habe: Eine modern spielende und taktisch auf hohem Niveau agierende Mannschaft zusammenzustellen, bei der es richtig Spaß macht, zuzuschauen.

Vielleicht merken die Berliner Zuschauer das ja in der Rückrunde auch irgendwann mal und kommen nicht nur ins Stadion wenn der Gegner Hoffenheim, Bayern, Istanbul oder Liverpool heißt.