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Die Kabinenpredigt-Einzelkritik: Die Defensive

25. Mai 2009

Die Saison ist vorbei. Hertha am Ende auf einem enttäuschenden starken vierten Platz gelandet. Nun ist es Zeit abzurechnen. Die Kabinenpredigt nimmt sich in zwei Teilen – mal schmunzelnd, mal anprangernd, mal bierernst – jeden einzelnen Spieler vor. Teil Eins beginnt mit der Hertha-Defensive, von den Torhütern, über die Abwehrspieler, bis zum einzigen Mittelfeldspieler ohne Offensiv-Aufgaben.

Die Torhüter

Jaroslav Drobny: „Der hält nie Unhaltbare“ stand in der Bewertung seines ersten Jahres im Hertha-Trikot. „Jesus im Tor“ steht dieses Jahr drin. Nun ist nicht bekannt, wie gut der Sohn Gottes auf der Linie oder in Sachen Strafraumbeherrschung war, doch wer übers Wasser geht, selbiges zu Wein machen und Kranke heilen kann, der wird seine Sache auch im Tor übermenschlich machen. Oder so wie Drobny eben. Kicker-Notenschnitt 2,92 (4. Torwart hinter Enke, Benaglio und Neuer, 10. gesamt). Außerdem in der Spox-Elf der Saison.

Christopher Gäng: Es gibt halt so Momente im Leben eines Torwarts, die entscheiden darüber, ob eine Karriere beginnt oder schon im Ansatz beendet ist. Christopher Gäng hätte sich vielleicht vorher bei Manuel Neuer oder Rene Adler erkundigen sollen, wie man solch eine Situation am Besten meistert. Beide hatten es – das muss man fairerweise sagen – aber auch nicht mit der Torfabrik aus Bremen zu tun (Neuer debütierte gegen Aachen, Adler gegen Schalke, beide zu Null). Gäng jedenfalls bekam die Bude voll, als er das eine Mal aushelfen durfte. Anschließend durfte Jesus wieder ins Tor. Ist aber auch ein übermächtiger Gegner. Kicker-Notenschnitt 5,00 (Rang nicht der Rede wert).

Christian Fiedler: Es sollte nicht sein. Der Mann, der seit gefühlten 50 Jahren bei Hertha BSC spielt (in Wahrheit sind es fast 20), bekam nicht mehr die Möglichkeit nach seinem Kreuzbandriss noch einmal zwischen den Pfosten zu stehen. Obwohl, wenn man ehrlich ist, stand Fiedler meist hinter den Pfosten, um dann spektakulär dem Ball hinterherzufliegen. Aber schmutzige Wäsche soll hier nicht gewaschen werden (das macht mittlerweile der ehemalige Kollege Hendrik Herzog). Fiedler lässt in Zukunft fliegen und wird Torwarttrainer. Danke für Alles, Fiedel! Kein Kicker-Notenschnitt.

Die Abwehr

Marc Stein: Eigentlich dachte man ja, dass Arne Friedrich seit der WM 2006 als langweiligster Außenverteidiger in die Geschichte von Hertha BSCs und Deutschlands eingehen würde. Da wusste man aber noch nicht, dass Marc Stein irgendwann einmal den Sprung zurück nach Berlin schaffen würde. Zurück? Ja, denn Stein durchlief die Jugendabteilungen des BFC Dynamo und Tennis Borussia Berlin, bevor er sich über Hansa Rostock für Hertha empfahl. Stein verrichtet Dienst nach Vorschrift, nicht mehr und nicht weniger. Seine Flanken sind nur deshalb nicht schlechter als die von Sebastian Boenisch, weil man ihn noch nie eine in die Mitte hat schlagen sehen. Um dieses als Verriss getarnte Kompliment zu verstehen, muss man einen Blick auf sein Geburtsjahr werfen: 1985. 33 Saisonspiele sprechen für ihn. Kicker-Notenschnitt: 4,0.

Sofian Chahed: Als sich der Rechtsverteidiger kurz vor der Winterpause eine Adduktorenverletzung zuzog, atemten einige Fans in der Kurve kollektiv auf. Das war nicht bösartig gemeint, aber der negative Gefahrenfaktor den Chahed regelmäßig ausstrahlte, kostete so viele Nerven, dass in der Ostkurve bereits eine Notambulanz eingerichtet werden sollte. Die war danach dann hinfällig. Wurde im Anschluss lange Zeit vom etatmäßigen Rechtsverteidiger Marc Stein vertreten, bis Lucien Favre auffiel, dass der lieber von links keine Flanken schlägt. Steve von Bergen machte seine Sache aber auch nicht besser, sodass es der Trainer am Ende sogar mit einem Stürmer (Piszczek) versuchte. Zur neuen Saison ist Chahed wieder fit, die Frage ist nur, ob er dann noch bei Hertha spielen darf. Sein Vertrag läuft aus, ob er verlängert wird, hängt davon ab, ob Chahed auch weiterhin für das TeamU18 zur Verfügung steht. Kicker-Notenschnitt 3,82 (bei 15 absoliverten Spielen).

Steve von Bergen: Es war der letzte Spieltag der Saison 2007/2008 als der Schweizer Verteidiger sein „Bremen“ (siehe: Christopher Gäng) erlebte. Hertha spielte in München, wo zufälligerweise der neue Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld seinen Ausstand gab. von Bergen spielte so, als hätte er am Abend zuvor mit Hitzfeld im P1 vorgefeiert und wurde folgerichtig nicht für die anschließende EM nominiert. Seitdem spielt er, wie ein Schweizer Fußballer spielt, der zu schlecht für die Schweizer Nationalmannschaft ist. Durfte trotzdem in den beiden wichtigsten Spielen der Saison gegen Schalke und Karlsruhe für Arne Friedrich spielen. Fand der Kapitän gar nicht lustig. Kicker-Notenschnitt 3,67.

Arne Friedrich: Spielte vielleicht seine beste Saison im Hertha-Trikot. Blöd. dass Vorschusslorbeeren – selbst wenn sie gerade einmal zwei Wochen her sind – Trainer Favre noch nie interessiert haben (siehe Marko Pantelic, Andrey Voronin). Wurde dementsprechend in den letzten beiden Spielen trotz Fitness-Bekenntnis ignoriert und weigert sich nun, in der nächsten Saison in der Europa League zu spielen. Schließlich war die Mannschaft mit ihm noch auf einem Champions-League-Platz positioniert. Eine entsprechende Vertragsklausel war bereits in Arbeit, dann bot Manager-Fuchs Hoeneß Friedrich an, seinen Namen bei einem eventuell blamablen Abschneiden in der nächsten Saison aus den Archiven zu löschen. Da war der Kapitän besänftigt. Kicker-Notenschnitt 3,09 (25. gesamt)

Kaka: Einskommafünfmillioneneuro (je nach Quelle mal mehr, mal weniger) hat der brasilianische Verteidiger mit dem dank seines in Mailand spielenden Landmannes stark positive Assoziationen hervorrufenden Namen gekostet. Damit hat Hertha pro Spiel 125.000 Euro bezahlt, denn über 12 Saisonspiele und demzufolge die Reservistenrolle kam Kaka nie hinaus. Die exakt 12 grauen Haare, die Joe Simunic in dieser Saison gewachsen sind, haben damit allerdings angeblich nichts zu tun. Kicker-Notenschnitt 3,90.

Josip Simunic: Der Kroate glaubte wohl am Stärksten an den ersten Meistertitel seit 1931. Anders ist sein Ausruf, von den letzten zwölf Spielen acht zu gewinnen, nicht zu erklären. Umso enttäuschter war er wohl nach dem 0:0 gegen Schalke, dem ein lustloses Zweikampfverhalten bei der Ecke zum 2:0 der Karlsruher folgte. Platz Drei interessierte ihn nicht. Die Schale war sein Ziel. Er wollte die Hertha-Geschichte mit seinem Namen prägen. Weil Simunic vielleicht der einzige Herthaner ist, der in jeder Mannschaft der Welt Stammspieler wäre, kann er dem Verein jetzt eigentlich nur noch helfen, in dem er sich einen Verein sucht, der bereit ist, die festgeschrieben Ablöse von sieben Millionen Euro zu bezahlen. Nach dieser Saison sollte sich da eigentlich jemand finden. Kicker-Notenschnitt 2,88 (gesamt 6., zusammen mit Lahm bester Verteidiger, bester Innenverteidiger). Außerdem in der Spox-Elf der Saison. Und der Sportal-Elf der Saison.

Rodnei: Der Brasilianer an sich träumt davon, irgendwann einmal in Europa zu spielen. Spanien, England, Italien, Frankreich oder Deutschland, mittlerweile auch Russland oder die Ukraine. Der 20jährige Rodnei hingegen wechselte nach Vilnius in Litauen. Und dann nach Bialystok in Polen. Welcher der Hertha-Scouts ihn auch immer dort entdeckt hat, der heute 23-Jährige hat sich hoffentlich mehr als einmal dafür bedankt. Als Rodnei als Leihgabe in Berlin vorgestellt wurde, belächelt man Hertha, Hoeneß und Favre. Das Lächeln erstarb, als Rodnei plötzlich die linke Verteidigerposition gegen den FC Bayern einnahm und sowohl die Ballan-, als auch die Mitnahme, sowie mehr als Grundkenntnisse im Zweikampf beherrschte. Wurde für neun Spiele mit einem Zweijahresvertrag für seine Effizienz (siehe Kaka) belohnt. Kicker-Notenschnitt 4,00.

Leandro Cufre: Cufre, Cufre…da war doch was? Genau, der argentinische Nationalspieler trat nach dem verlorenen WM-Viertelfinale gegen Deutschland die Weichteile von Tim Borowski zu Matsch (der dann trotz Oliver Kahns Parole nach München wechselte). Nicht dafür, sondern wegen Passfälschung wurde ihm im Januar 2009 zunächst die italienische Staatsbürgerschaft und im Anschluss die Spielgenehmigung für die französische Ligue 1 entzogen. Damit war er für seinen Verein, den AS Monaco, keinen Casino-Chip mehr wert und als eine gewisse Hertha aus Berlin – ja als Resozialisierungshochburg bekannt – Interesse anmeldete, gab man ihn schnell dorthin ab. Warum soviel Vorgeschichte? Im Hertha-Trikot blieb er so unauffällig, als wollte er den deutschen Zoll nicht auch noch auf sich aufmerksam machen. Kicker-Notenschnitt 4,75 (in fünf Spielen).

Shervin Radjabali-Fardi: Gehört zu der jungen Garde, die vor Beginn der Bundesligasaison in mehreren Freundschaftsspielen, sowie in der Uefa-Cup-Qualifikation zeigen durfte, dass mit ihnen zu rechnen ist. Hatte merkwürdigerweise gegen Mark Stein auf links keine Chance. Sollte sich deshalb mal hinterfragen. Kein Kicker-Notenschnitt.

Das Mittelfeld – ohne Offensivaufgaben

Pal Dardai: Der einzige Mittelfeldspieler, der aus technischen Gründen von jeglichen Offensiv-Aufgaben entbunden ist. Machte den eingesprungenen Grätsch-Pass zur Legende, weil er sich weigerte, einen Pass zu spielen, ohne danach am Boden zu liegen. Sein Argument er stehe danach so schnell wieder auf, wie niemand anderes, bestätigt er jedes Jahr aufs Neue, wenn er vor der Saison aufgrund starker Konkurrenz abgeschrieben wird und dann doch wieder Stammspieler ist. Das wird er wohl auch 2009/2010 wieder beweisen. Kicker-Notenschnitt 3,40.

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Richtiger Trainer für die falsche Mannschaft

22. Mai 2009

Ich denke es gibt kaum noch jemanden, der den Auftritt von Jürgen Klinsmann bei SternTV nicht gesehen oder zumindest Auszüge daraus auf welche Art und Weise auch immer konsumiert hat. Die Reaktionen sind unterschiedlich. Die Bild spricht von einer Abrechnung. Die BZ in Berlin geht noch drastischer und gewohnt krawalliger vor und spricht von „Bayern-Wut: Klinsmann geht auf alle los“. Wesentlich gemäßigter und vor allem treffsicherer sah es Oliver Fritsch, der eine Abwehrreaktion Klinsmann „gegen die Alphatiere“ des FCB konstatiert. Dirk Brichzi von SpiegelOnline war in Klinsmann gar „der Buddha aus dem Schwabenland“ erschienen, der „vor allem über seine eigenen Fehler plauderte“, und dabei doch so manchen Missstand bei den Münchenern aufdeckte. Alle analysierten die Probleme von Klinsmann mit den Medien und den sturen Oberen um Hoeneß, Rummenigge und Beckenbauer. Und haben damit natürlich recht. Ich bin allerdings der Meinung, dass die Spieler in der gesamten Diskussion viel zu gut wegkommen.

Es ist doch so: Als bekannt wurde, dass Jürgen Klinsmann Trainer in München würde, da fragte man sich zuerst, wir das mit dem Vorstand zusammenpassen könnte. Klinsmann und Hoeneß, das hatte schon zu Spielerzeiten nicht geklappt. Doch der Manager, ja der ganze Verein, war, nach dem klar wurde, dass es mit Ottmar Hitzfeld nicht weitergehen konnte, verzweifelt und suchte nach einem neuen Ansatz, einem neuen Weg zum Erfolg. Und natürlich musste man da zwangsläufig auf Jürgen Klinsmann kommen, dem Macher des Sommermärchens, dem Reformer, dem Heilsbringer. Auch wenn das nicht zu den Bayern zu passen schien. Von Anfang an nicht. Die Bayern waren seit Jahren den Weg der Sicherheit gegangen. Sie hatten sich so sehr am paraguayanischen Jahrhunderttalent Roque Santa Cruz verbrannt, dass fortan nur noch fertige Spieler gekauft wurden. Mit Erfolg – aber auch dem Problem, dass diese Spieler mit der Zeit immer teurer wurden und der deutsche Markt, um die Jahrtausendwende noch von den Bayern beherrscht, durch Bremer, Hamburger, Leverkusener, Schalker, Stuttgarter und bald auch Hoffenheimer differenzierter wurde. Der Spruch: „Wen wir haben wollen, den kriegen wir auch“ – er galt plötzlich nicht mehr.

Also musste Klinsmann her, der Klinsmann, der aus einer mittelmäßigen deutschen Nationalmannschaft eine begeisternd aufspielende Einheit geformt hatte. Also würde es ihm doch sicher auch gelingen, aus einer, wenn nicht der besten deutschen Vereinsmannschaft eine begeisternd aufspielende Einheit zu formen, die Titel gewinnt und trotz geringerer finanzieller Mittel als ausländische Topklubs in Europa für Furore sorgt. Und so kam Klinsmann und reformte munter vor sich hin. Der Vorstand kniff die Backen zusammen, man legte den Verein in die Hände des Schwaben – natürlich nicht, ohne hier und da, zum Beispiel bei der Gestaltung der Mannschaft, klarzumachen, wer der eigentliche Boss ist – die Medien gingen den Weg am Anfang sogar mit, die zunächst etwas skeptischen Fans hatte Klinsmann dann irgendwann auch auf seiner Seite. Was dann folgte, haben wir alle gesehen. Erst wendeten sich die Medien ab. Dann die Fans. Und am Ende auch der Vorstand. Ob zurecht oder nicht, soll hier nicht erörtert werden. Es geht um die Mannschaft und ihren Anteil an der Entwicklung.

Die Ausgangsposition war von Anfang an schwierig. Denn auf Klinsmann wartete keine Mannschaft, die – wie der Verein – sehnsüchtig darauf wartete, reformiert zu werden. Diese Mannschaft war in dieser Zusammenstellung Deutscher Meister und Pokalsieger geworden. Gut, im Uefa-Cup, für den sie sich eh zu stark wähnte, war sie von einem russischen Ensemble ordentlich abgewatscht worden. Aber mal ehrlich, Uefa-Cup? Den im Portfolio zu haben ist für Bayern-Spieler heute ja keine Auszeichnung mehr, sondern nur ein Zeichen dafür, dass man im Jahr zuvor versagt hatte. Die ganze Mannschaft freute sich schon darauf, in der kommenden Saison in der Champions League zu zeigen, dass sie genau dort hingehörte. Dass sie mit den Großen nicht nur mithalten, sondern sie auch besiegen könnte. Dass das Jahr im Uefa-Cup tatsächlich nur ein Ausrutscher war, den eine Bayern-Mannschaft halt einmal pro Jahrzehnt hat. Und dann kam Jürgen Klinsmann.

Klinsmann erzählte ihnen, dass das bisher ja alles ganz ok war, aber ganz ok für ihn eben nicht reicht. Er würde jeden von ihnen besser machen. Bei dieser Aussage schmunzelte Franck Ribery das erste Mal. „Meilleure? Moi?“ Ribery war damals schon einer der besten Fußballer der Welt. Das wusste er. Er würde keinen Klinsmann brauchen. Und viele andere dachten genau das gleiche. So fängt es immer an. Einer der Besten fängt an zu rebellieren. Nicht öffentlich, so dreist ist ja niemand. Aber hintenrum. Bei Späßchen mit Luca Toni. „Luca, hast du heute schon am Meditationskurs teilgenommen?“ Und während sich Christian Lell im Hintergrund schämte, dass er ihn besucht hatte, sank die Akzeptanz für Klinsmanns Methoden mit jedem schlechten Spiel weiter.

Fußballer sind Arschlöcher. Davon bin ich überzeugt. Ich bin selber einer und ich weiß, wie Spieler über den Trainer reden, wenn sie selbst nicht spielen und er Schwäche zeigt. Klinsmann zeigte einige davon. Ich bin mir sicher, dass es Bayern-Spieler gab, die hinter verschlossener Tür die TV-Auftritte des Trainers nachäfften. Ich kann es mir bildlich vorstellen, wie Mark van Bommel mit Daniel van Buyten zusammen auf den Zimmer das Interview nach dem letzten Spiel immer wieder abspielen und sich kaputt lachen darüber, dass Klinsmann auch nach dem fünften sieglosen Spiel „absoluud überzeugt von xyz“ war. Oder wie Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger auf dem Zimmer sitzen, Playstation spielen und der Unterlegene in der Tonlage des Trainers sagt: „Wir müssen jetzt nach vorne schaun. Es ist noch alles möglich.“

Natürlich hat Klinsmann katastrophale Fehler gemacht, von denen ich ehrlich gesagt dachte, sie wären Täuschungsmanöver a la Mourinho. Wenn man die Medien selbst nach der bittersten Niederlage noch mit einem Lächeln abspeist und damit all die Kritik auf sich zieht, dann muss die Mannschaft wissen, dass man das als Trainer tut, um die Kritik nicht auf die Mannschaft zu projezieren. Mourinho tut das in Perfektion, seine Mannschaft weiß aber auch, dass das Taktik ist. Bei Klinsmann war ich mir da nie sicher und nach seinem Auftritt bei SternTV ist es klar, dass nichts davon gespielt war. Das war – neben der Annahme, dass die Mannschaft seine Philosophie einfach so akzeptieren würde – der größte Fehler von Jürgen Klinsmann: Er hat die Medien nicht ins Boot geholt. Damit meine ich nicht, dass er sich mit der BILD oder wem sonst gemein machen sollte. Aber Fußball-Trainer müssen heutzutage Diplomaten sein. Sie müssen der Presse Stücke vom Kuchen hinwerfen, damit sie nicht von alleine danach fragen. Man muss den Leuten seine Philosophie vermitteln können – und zwar ohne Phrasen oder Versprechungen. Das kann man entweder tun, indem man die Philosophie erklärt, indem man sagt: So und so trainieren wir, deshalb kann es sein, dass am Wochenende mal eine etwas schlechtere Leistung dabei rauskommt, langfristig wird sich das aber auszahlen. Oder man lässt sie die Mannschaft auf dem Spielfeld zeigen. Da letzteres nicht der Fall war, hätte Klinsmann ersteres tun müssen.

So kam eins zum anderen. Uli Hoeneß’ Mauern, die er um Klinsmann und seine eigenen Zweifel errichtet hatte, bröckelten immer weiter und als dann Platz Zwei in Gefahr schien und mit ihm der Verbleib von Ribery, sowie die Aussicht auf weitere Stars, da half er selbst mit, die Steine um Klinsmann herum abzureißen. Hoeneß ist seit eh und je näher an der Mannschaft als jeder Trainer des Bayern es je war. Er kennt die Wehwehchen der Spieler und als nach und nach immer mehr Spieler kamen und als Wehwehchen den Trainer angaben, da stand Hoeneß wahrscheinlich eher nicht auf und sagte: „Ihr seid Spieler des FC Bayern und habt euch bei der Vertragsunterschrift verpflichtet, alles für den Verein zu geben. Da ist es doch egal, wer euch da dirigiert. Gebt alles für diesen Klub!“. Vielleicht reagierte er am Anfang sogar noch so. Doch irgendwann hatte auch Hoeneß keine Lust mehr, den Trainer zu verteidigen – obwohl genau das sein Job gewesen wäre und zwar bis zum Schluss.

Dennoch bin ich davon überzeugt, dass Klinsmann bei einem anderen Verein bzw. einer anderen Mannschaft erfolgreich sein kann bzw. gewesen wäre. Die Voraussetzung dafür sind hungrige Spieler, die sich verbessern wollen und die nicht zwangsläufig sowieso Superstars sind oder mal waren. In München war es nur der Verein, der hungrig war, die Mannschaft allerdings nicht. Er war der richtige Trainer, hatte allerdings die falsche Mannschaft. Was Klinsmann braucht, ist sein Hoffenheim. Das zu finden, wird in Zukunft seine Aufgabe sein. Da ist es fast ein bisschen schade, dass 1860 München gerade Ewald Lienen verpflichtet hat und in der Bundesliga außer vielleicht in Hannover oder Leverkusen kein ernsthafter Bedarf besteht. Aber vielleicht fragt ja aus Kaiserslautern mal jemand nach. Jürgen Klinsmann ist jedenfalls noch lange nicht satt. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er den Bayern diese Vorgehensweise früher oder später heimzahlen wird.

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Big-Points am letzten Spieltag

19. Mai 2009

Der Kicker fragt Josip Simunic in seiner aktuellen Ausgabe (sinngemäß), ob Hertha die Big-Point-Mentalität fehle. Ich finde, dass diese Frage schon ein großer Fortschritt ist. Denn früher, sowohl unter Röber, Stevens oder Götz hat Hertha es so gut wie nie (Ausnahme 2005)  geschafft, überhaupt in die Lage zu kommen, einen Big-Point zu landen. Immer wenn es ernst wurde, so mein subjektives Gefühl, zog sich die Mannschaft lieber aus dem Rampenlicht zurück, um die anderen Teams machen zu lassen. In diesem Jahr war – UND IST – das anders. Hertha war – UND IST – noch oben mit dabei. Nicht ganz oben, das stimmt. Aber wie die Süddeutsche schreibt, ist „der zweite Tabellenplatz in der Bundesliga inzwischen fast so wichtig, wie die Meisterschaft.“ Ich würde sogar noch weiter gehen: Wenn man mal vom Image-Gewinn und dem Verkauf von Meister-Fanartikeln absieht, kommt Platz Zwei aufs Gleiche raus – und ist damit genauso wichtig.

Also geht es am letzten Spieltag – trotz aller Querelen – noch um so gut wie alles. Deshalb habe ich mir mal angeschaut, wie Hertha die letzten Spieltage seit dem Aufstieg abgeschnitten hat. Die Bilanz ist mit fünf Siegen, einem Unentschieden und fünf Niederlagen bei 18:17-Toren erstaunlich ausgeglichen. Wenn man alle Tabellenveränderungen nach dem 34. Spieltag zusammenrechnet, ist Hertha sogar zwei Plätze im Plus. Da es aber insgesamt sechsmal um Nichts mehr ging (und die in diesen Jahren resultierenden Tabellenverbesserungen deshalb rausgerechnet werden können), bleibt – um auf die Big-Point-Problematik zurückzukommen – unter dem Strich folgendes stehen:

Dreimal behielt Hertha die Nerven und behielt durch einen Sieg den für den Europacup qualifizierenden Tabellenplatz. Einmal verloren die Berliner, rutschten dabei zwar einen Platz herunter, blieben aber dennoch auf einem Uefa-Cup-Platz. Nur einmal (!) tat es wirklich weh: Das viel beschworene 0:0-Unentschieden gegen Hannover 96 im Jahr 2005. Es gibt also eigentlich keinen Grund für Skepsis an den Big-Point-Qualitäten von Hertha. Es wäre schön, wenn die Mannschaft am Samstag nichts an dieser Lage ändert.

Die „Letzter-Spieltag“-Statistik von Hertha nach dem Aufstieg 1997:

97/98: 1:3 zu Hause gegen Duisburg (es ging um Nichts mehr, vor dem letzten Spieltag 10., nach dem letzten Spieltag 11.)

98/99: 6:1 zu Hause gegen Hamburg (es ging darum, Platz 3 zu halten. Durch die anderen Ergebnisse, wäre ein Sieg nicht mehr nötig gewesen. Vor dem letzten Spieltag 3., nach dem letzten Spieltag 3.)

99/00: 0:3 zu Hause gegen Dortmund (es ging darum, den Uefa-Cup-Platz zu sichern. Dank gleichzeitiger Niederlagen von Bremen und Stuttgart reichte es doch noch zu(m damals noch für den Uefa-Cup qualifizierenden) Platz 6. Vor dem letzten Spieltag 5., nach dem letzten Spieltag 6.)

00/01: 1:0 in Kaiserslautern (es ging darum, den Uefa-Cup-Platz zu sichern, ein Sprung auf einen CL-Platz wäre bei entsprechenden Ergebnissen auch noch möglich gewesen. Vor dem letzten Spieltag 5., nach dem letzten Spieltag 5.)

01/02: 1:2 in Leverkusen (es ging um Nichts mehr, vor dem letzten Spieltag 4., nach dem letzten Spieltag 4.)

02/03: 2:0 zu Hause gegen Kaiserslautern (es ging darum, den am 33. Spieltag verlorenen Uefa-Cup-Platz zurückzuerobern. Dafür war ein Sieg gegen K’Lautern und ein gleichzeitiger Punktverlust von Bremen oder Hamburg vonnöten. Bremen verlor in Gladbach. Vor dem letzten Spieltag 6., nach dem letzten Spieltag 5.)

03/04: 3:1 zu Hause gegen Köln (es ging – dank Francis Kyoyos verschossenem Elfmeter eine Woche zuvor – um Nichts mehr, der Klassenerhalt war gesichert. Vor dem letzten Spieltag 14., nach dem letzten Spieltag 12.)

04/05: 0:0 zu Hause gegen Hannover (es ging um die Champions-League-Qualifikation, ein Tor hätte gereicht, da Stuttgart zeitgleich verlor. So zog Bremen an Hertha vorbei. Vor dem letzten Spieltag 4., nach dem letzten Spieltag 4.)

05/06: 1:2 in Nürnberg (es ging um Nichts mehr, Hertha hätte, um noch auf Platz 5 zu springen, 10 Tore auf die dort platzierten Leverkusener aufholen müssen. Vor dem letzten Spieltag 6., nach dem letzten Spieltag 6.)

06/07: 2:1 in Frankfurt (es ging um Nichts mehr. Vor dem letzten Spieltag 12., nach dem letzten Spieltag 10.)

07/08: 1:4 in München (es ging um Nichts mehr. Vor dem letzten Spieltag 9., nach dem letzten Spieltag 10.)

Bilanz letzer Spieltag: 5 Siege, 1 Unentschieden, 5 Niederlagen 18:17 Tore. insgesamt um zwei Plätze verbessert

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Mit Wut im Bauch nach Karlsruhe

17. Mai 2009

Nein, einen Kater habe ich nicht. Und so richtig enttäuscht bin ich auch nicht. Jedenfalls nicht über die verpasste Meisterschaft, sondern höchstens darüber, dass Hertha jetzt schon Zweiter sein und höchstens noch auf Platz Drei fallen könnte. Aber so einfach ist das nunmal nicht. War es noch nie. Wird es nie sein. Fußball ist grausam und geil zugleich. Man weiß nie, was als nächstes kommt. Das macht ihn aus.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich die Meisterschaft zwar im Auge, sie aber immer nur so ein bisschen verstohlen betrachtet hatte. Ich habe mich nie getraut auch nur einen Schritt auf sie zuzumachen, weil ich Angst hatte, dass sie sofort zwei zurück macht. Und während ich viel mehr auf den Champions League Platz schaute, wurde sie von einem anderen weggeschnappt. Das ist der Grund dafür, weshalb ich jetzt nicht total enttäuscht zurückbleibe. Ich hatte einfach nicht ernsthaft daran geglaubt. Gehofft, gezittert, gebetet, geträumt, das ja. Geglaubt aber einfach nicht. Dafür ist Wolfsburg einfach zu stark und wird sich auch von Werder Bremen nicht mehr aufhalten lassen.

Wichtig ist jetzt aber, dass die Mannschaft am Samstag in Karlsruhe nicht so spielt, wie sie sich nach dem Spiel gegeben hat: Als wäre jetzt alles vorbei. Nein, es geht gerade erst los. Diese Mannschaft ist im Stande den Grundstein für eine große Zukunft zu legen. Dafür ist die Qualifikation zur Champions League vonnöten und es ist ihre Pflicht, diese fantastische Saison bis zum letzten Spieltag fortzusetzen, damit noch viele weitere folgen können. Alle haben Hertha vor der Saison belächelt, als man hörte, das Saisonziel hieße Uefa-Cup. Das Ziel ist erreicht und damit alle Kritiker zum Stillsein verdammt. Wenn Hertha am Ende sogar auf Rang Drei (von Zwei trau ich mich gar nicht zu schreiben) landen würde, wäre das eine noch größere Überraschung und eine Genugtuung für alle, die an diese Mannschaft glauben.

Ich schließe mit einem Appell an die Mannschaft: Fahrt mit Wut im Bauch nach Karlsruhe und krönt diese tolle Saison mit einem Sieg und der Qualifikation zur Champions League. Nicht mit Wut auf den Schiedsrichter. Nicht mit Wut auf den Fußballgott. Sondern mit Wut über die eigene Fahrlässigkeit, diese große Chance auf die Meisterschaft nicht genutzt zu haben. Zeigt, dass ihr aus den Fehlern von 2005 gelernt habt (als es auch zwei 0:0 in den letzten beiden Spielen gab), zeigt, dass ihr euch weiterentwickelt habt. Und qualifiziert euch für die Königsklasse. Auf geht’s Hertha, kämpfen und siegen!

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Mach’s gut, Marko!

15. Mai 2009

Es ist Zeit für ein Geständnis. Denn mit jedem Spieltag, der an mir vorbeizieht, mit jedem gewonnenen Spiel von Hertha, wird mir klar, dass sie bald vorbei ist, diese Saison. Diese so unglaubliche, fantastische, unerwartete Saison. Die uns Fans so ein fantastisches Jahr beschert, uns fast durchgehend in Hochstimmung versetzt und glücklich gemacht hat. Mit dem Abpfiff am letzten Spieltag in Karlsruhe wird sie zuende gehen und wir werden – wohl zum ersten Mal seit dem Ende der Saison 1998/1999, als Hertha völlig überraschend die Qualifikation zur Champions League schaffte – in ein emotionales Loch fallen. Wenn die eigene Mannschaft eine durchschnittliche Saison spielt, so wie es Hertha in den darauffolgenden Jahren meist getan hat, dann gewöhnt man sich daran, dass es Wochenenden gibt, an denen man schlecht gelaunt herumrennt. Aber wenn man so eine Spielzeit wie die jetzige erlebt, kann ich mir vorstellen, dass einem diese wochenendlichen Hochs fehlen werden und durch Vorfreude ersetzt werden müssen.

Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt für ein Fazit, das nicht. Dafür steht in den letzten beiden Spielen einfach noch zu viel auf dem Spiel. Das ist ja immer das Problem an zu früh erreichten Saisonzielen. Man könnte an sich zufrieden sein, aber es geht halt einfach noch mehr. Und wenn es am Ende dann doch nur zum Saisonziel reicht, ist man irgendwie ein bisschen enttäuscht. Nur kurz natürlich. Aber eben enttäuscht. Doch darum soll es hier eigentlich gar nicht gehen. Ich hatte ja ein Geständnis angekündigt und ich zögere es hier deshalb so lange heraus, weil ich es eigentlich nicht so richtig wahrhaben will.

Es ist der Abschied von Marko Pantelic und mein Geständnis, dass ich ihm all das glaube, was er in den letzten Wochen gezeigt hat und ich nicht will, dass er geht. Egal, wie wichtig oder unwichtig er für Favres Zukunftssystem ist. Ich weiß natürlich, dass das Unsinn ist. Und ich weiß auch, dass diese spezielle Beziehung zwischen den Fans und Marko Pantelic unter anderem deshalb so eng ist, WEIL er keinen neuen Vertrag bekommt. Solange die typische „Was wäre wenn…(Favre doch noch Gefallen an ihm gefunden hat und er einen Vertrag bekommt)-Frage gestellt werden und die Antwort zumindest in der Vorstellung positiv ausfallen kann, bleibt diese Geschichte um Marko Pantelic spannend.Würde sich das jetzt plötzlich ändern, wäre dieses Spannungsverhältnis außer Kraft gesetzt, die Magie dahin. Nicht sofort, aber spätestens in der nächsten Saison. Das ist das gleiche wie eine verhinderte Liebesbeziehung. Man würde so gerne, kann aber nicht, und wenn doch weiß man eigentlich, dass das nicht lange gut geht. Genauso ist es mit Marko Pantelic.

Pantelic ist so ein Spieler, den kein Fan einer anderen Mannschaft leiden kann. „Eklig“ ist so ein Wort, mit dem ich ihn wohl belegen würde, wenn er nicht das Trikot meines Vereins tragen würde. Das macht ihn aus. Er stellt sich auf dem Platz bedingungslos in den Dienst der Mannschaft, auch wenn das lange Zeit hieß, dass er – weil er der Einzige war, der damit etwas anfangen konnte – es mit dem Ball komplett allein gegen die gegnerische Defensive versuchte. Oft wurde er dann gefoult – oder tat so als wenn. Wenn Pantelic mit Hertha in seinem letzten Jahr wirklich das Unaussprechliche erreichen sollte, sollte seine Statue keinen jubelnden Stürmer zeigen, sondern einen, der mit unschuldigem und zugleich flehendem Blick in Richtung Schiedsrichter fragt, was er denn gemacht habe. Auch wenn er seine Spielweise mittlerweile dem Favre’schen System angepasst hat, ist es dieser Blick, der immer bleiben wird.

Ich weiß, dass Hertha noch Chancen auf die Meisterschaft hat und dass es eigentlich der letzte Spieltag in Karlsruhe sein sollte, an dem ich lieber anwesend wäre. Doch in Wahrheit ist es der Samstag, das Spiel gegen Schalke, die Abschiedsvorstellung von „unserer Nummer 9″. Der Serbe mag ein Schauspieler sein – ich liebe Filme. Vor allem solche mit dramatischen Schlussszenen. Und davon wird es am Samstag nach dem Spiel eine ganz besonders große geben. Es wäre schön, wenn die 74.500 Zuschauer nach dem Spiel euphorisch auf den letzten Spieltag gucken könnten, damit der Abschied von Marko Pantelic einen angemessenen Rahmen bekommt. Ich werde ihm mehr als eine Träne nachweinen. Natürlich nur bis zur nächsten Saison. Wenn dann ein Anderer seine Rolle übernimmt.

Mach’s gut, Marko!

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Es gleicht sich aus

12. Mai 2009

Das Spiel von Hertha in Köln hatte viele Geschichten. Auf Kölner Seite wäre da die Feststellung, dass dem FC ein zweiter Stürmer fehlt, aber kein zweiter Torwart. Dass der portugiesische Nationalspieler (!) Petit aufhört Fußball zu spielen, selbst wenn der Schiedsrichter nicht pfeift. Und dass eben jener Schiedsrichter Kircher ihnen nicht gerade wohlgesonnen war. Auf der Berliner Seite reift langsam die Erkenntnis, dass man noch so sehr um ein Tor betteln kann, der Gegner es aber nicht (oder erst viel zu spät) schießen wird. Dass Patrick Ebert sich nach seiner (immer noch nicht bewiesenen) „Autospiegel“-Affäre sehr schnell wieder stabilisiert hat. Und dass Schiedsrichter Kircher den Berlinern sehr wohlgesonnen war. Es gab natürlich noch mehr zu erzählen, die einschlägigen Medien werden sich in der kurzen Zeit bis zum nächsten Spiel zu Hause gegen Schalke darum kümmern. Doch eine der Geschichten will ich behandeln: Die um meinen Lieblingsschiedsrichter Knut Kircher.

Der 40jährige ist seit Mai wieder regelmäßiger im Einsatz, nachdem er Hertha in Wolfsburg ein reguläres Tor ab- und dem immer noch Tabellenführer zwei irreguläre zuerkannt hatte. Fast einen Monat zog der DFB seinen Schiedsrichter daraufhin aus dem Bundesligabetrieb ab. Nach einem Spiel im März (Dortmund – Bremen) und einem im April (Gladbach – Wolfsburg), pfiff Kircher mit Köln – Hertha bereits sein drittes Bundesligaspiel im Mai. Und wahrscheinlich war es sein Ziel, mit diesem Spiel alle Berliner Missstimmen auszuräumen. Anders ist seine Leistung nämlich eigentlich nicht zu erklären.

Das Duell der Kölner, für die es um nichts mehr ging, als die eigenen Zuschauer zufrieden nach Hause zu schicken, mit der Berliner Hertha, die noch Meister werden kann (und ohne die zwei Gegentreffer in Wolfsburg vielleicht sogar noch Tabellenführer wäre), begann für Kircher ruhig. Beide Teams tasteten sich ab, Hertha wartete auf die Chance, Kölns Rumpfelf versuchte sich zu finden. In der ersten Halbzeit hatte Kircher alles im Griff, Hertha führte 1:0. Der Torjubel war die einzige Unterbrechung. Der Pausentee wird pünktlich serviert.

Dann begann die zweite Halbzeit und zugleich der Auftritt von Knut Kircher als Retter der These, dass sich am Ende der Saison alles ausgleicht. Beim 2:0 für Hertha musste er noch nicht eingreifen, der abfälschte Schuss von Patrick Ebert wurde weder aus abseitsverdächtiger Position abgegeben, noch von einem im Abseits stehenden Mitspieler abfälscht. Alles auber. In der Folge zogen sich die Berliner allerdings zurück und überließen den Kölnern das Spiel. In der 66. Minute wäre Kircher eigentlich gefragt gewesen. Zunächst übersah er jedoch, dass Josip Simunic Kölns Geromel im Strafraum zu Fall brachte. Kann passieren. Direkt im Anschluss lag besagter Simunic allerdings schon wieder am Boden, wurde dabei von Petit umkurvt und bekam den Ball an die Hand. Die zweite nicht nur elfmeter-, sondern auch gelbwürdige Aktion – innerhalb weniger Sekunden, es wäre nicht nur der Anschlusstreffer, sondern auch die fünfte Gelbe Karte für den Kroaten gewesen.

So blieb es beim 2:0, Hertha bettelte weiter um ein Gegentor und Simunic wusste, dass er – wenn er denn am nächsten Spieltag gegen Schalke auf dem Platz stehen wollte – sich nun zurückzunehmen hatte. Er tat es, indem er keinen Zweikampf mehr annahm (so wird er nicht zum MVP der Bundesliga). Auch dadurch kamen die Kölner zu weiteren Chancen, die der einzige Herthaner, der nach einer Stunde Spielzeit die Arbeit nicht eingestellt hatte – Jaroslav Drobny – mit fantastischen Paraden vereitelte. Dass aber selbst Drobny nicht alles halten kann, zeigte sich dann in der 90. Minute, als Chihi nach einer kurzen Ecke aus dem Lehrbuch (doppelte Doppelpass) zum 1:2 einschoss. Als der Ball die Torlinie überflog, änderte sich die Stimmung im Stadion abrupt. Waren es vorher noch die Hertha-Fans, die mit ihrer Catchphrase „Hey, das geht ab“ für eine einer WM-Arena angemessene Lautstärke sorgten, kehrten nun auch die verbliebenen Kölner aus ihrer Lethargie zurück. Hier ging noch was, war die allgemeine Ansicht, die auch die Mannschaft auf dem Platz dadurch vertrat, dass sie direkt nach dem Wiederanstoß geschlossen die Hertha-Hälfte überrannte. Wer weiß, was passiert wäre, wenn – und wir sind wieder beim Thema – Knut Kircher nicht nach exakt 34 Sekunden Nachspielzeit abgepfiffen hätte.

34 Sekunden! Als hätte es keine zwei Tore inclusive Jubel,  vier Auswechslungen und einen Tumult nach dem nicht gepfiffenen Elfmeter gegeben. Es ist ja bekannt, dass deutsche Schiedsrichter gerne – ganz der alten Traditionen entsprechend – pünktlich abpfeifen. Auch in München war das gegen Leverkusen so. In diesem Fall glaube ich aber, dass mehr dahinter steckte. Knut Kircher reinigte mit diesem frühen Ende ein Stück weit sein Gewissen. Wer weiß schon, ob Hertha dem in den letzten 20 Minuten großen Druck der Kölner auch noch drei weitere Spielminuten hätte standhalten können? Es wäre in jedem Fall noch einmal hektisch geworden.

Am Ende kann man den Kölnern nur zurufen, dass sich am Ende der Saison alles ausgleicht. Hertha hat das gerade am eigenen Leib erfahren.

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Neue Sterne am Berliner Himmel

21. April 2009

Marko Pantelic liebt den großen Auftritt. Er gehört zu der Sorte, die extra spät auf einer Party erscheinen, um die Aufmerksamkeit für sich alleine zu haben. Wenn dann jemand noch später kommt, akzeptiert er das zwar, würde ihn aber indirekt beschuldigen, seine Idee geklaut zu haben. Marko Pantelic ist eigentlich ein Mann des Theaters. Vielleicht will er auch deshalb so gerne in Berlin bleiben, weil das Olympiastadion mit seinem speziellen Flutlicht genau diese Theateratmosphäre hervorrufen soll. Der Rasen ist die Bühne des Serben. Das Problem ist nur, dass er lange Zeit nur noch die Zweitbesetzung der Hauptrolle war.

Doch nun, am Sonntagnachmittag, bekam er seine Chance. Nicht als Aushilfe, nein, so richtig als Hauptdarsteller von Beginn an. Die Erstbesetzung hatte sich bei der letzten Aufführung arg daneben benommen. Die Bühne war frei, nur für ihn. Marko Pantelic liebt solche Geschichten und auch die Fans lieben sie. Die Situation war wie gemalt für ihn. Mit ein, zwei zusätzlichen Pinselstrichen hätte er das von Andrey Voronin und dem Rest der Mannschaft begonnene Gemälde derartig verschönern können, dass am Ende sein Name am größten am rechten unteren Rand zu sehen gewesen wäre. Drei Spiele, Bremen eingeschlossen, würde Voronin der Mannschaft fehlen. Drei Aufführungen Zeit für Marko Pantelic, den Fans das bereits geplante, aber nie realisierte Denkmal wieder in Erinnerung zu rufen, die verstaubte Blaupause wieder aus der Schublade zu holen.

Pantelic war sich dessen bewusst. Doch die Erwartungen der Fans und auch seine eigenen an sich schienen ihn zu hemmen. Nicht, dass er sich nicht bemüht hätte. Doch Bemühen allein reicht eben nicht – vor allem nicht im Theater. Folgerichtig wurde er zu Beginn des dritten Akts von Regisseur Favre vom Feld genommen und durch die Dritt- und Viertbesetzung ausgetauscht. Die Kritiken waren zurecht schlecht, auch wenn die Zuschauer im Theater das anders sahen. Aber sie wussten ja auch nicht, wie Favres Plan für den letzten Akt aussah.

Als Pantelic vom Platz ging, gab es die für das dramatische Theater typische Wendung. Neue Protagonisten treten auf den Plan und verändern das bisher Geschehene in eine wie auch immer geartete Richtung. In Herthas Fall in Richtung Happy End. Domovchyiski, Piszczek und Chermiti drehten das Spiel mit dem Schwung, den sie von der Bank mitbrachten. Aus einer schlechten Aufführung und einem unzufriedenen Publikum machten sie einen Kassenschlager. Piszczek, der vor seinen zahlreichen Verletzungen schon ansatzweise zeigte, wie er das Ensemble mit seiner überragenden Technik in eine andere Liga heben kann (und der gegen Bremen noch nicht einmal die Hälfte davon zeigen musste). Domovchiyiski, der mit seiner Dynamik und der für bulgarische Fußballer typischen Mischung aus Lässigkeit und Eleganz den Gegner schwindelig spielen kann. Und nur deshalb zuletzt, weil er den letzten Akt am meisten prägte: Chermiti, der Tunesier, der erst einmal ein paar Monate brauchte, um zu realisieren, dass er in Deutschland so bekannt ist, wie Mark Stein in Tunesien und allein durch seine Art Fußball zu spielen die Aufmerksamkeit auf sich lenken muss.

Er tat es in beeindruckender Art und Weise. Dass Chermiti schnell ist, wusste man. Dass er sich technisch nicht zu verstecken braucht auch. Aber irgendwie schwang bei dem erst 21-Jährigen immer eine unangenehme Art von Arroganz mit, die so gar nicht zu der Mentalität des schweizer Regisseurs bei Hertha zu passen schien. In der Wintervorbereitung fiel Chermiti vor allem dadurch auf, dass er bei einem Vorbereitungsturnier in Manier eines Francesco Totti einen Elfmeter genau in die Arme des Torwarts „chippte“. Das war typisch für seine Situation, denn so ein Ball geht in 90% der Fälle ins Tor. In 90% der Fälle fiel Amine Chermiti der Erfolg in den Fuß. In Berlin musste er dafür plötzlich hart arbeiten. Er tat es. Und wie es aussieht, wird er nun dafür belohnt. Wie er vor dem Siegtreffer von Raffael dem Brasilianer Naldo den Ball abluchste, war zwar eigentlich regelwidrig, aber vor allem verdammt clever. Chermiti erzwang das Glück, nachdem zuvor Cicero und dann er selbst per Kopf nur den Pfosten getroffen hatten und der Rückstand durch ein halbes Eigentor zustande gekommen war. Genau das war es, was den Herthanern bei den letzten drei Niederlagen in Folge gefehlt hatte. Und eben nicht Marko Pantelic.

Pantelics Chance auf sein Denkmal – so sehr ich es ihm gönnen würde – sind weiter gesunken. Am Himmel von Berlin zeichnen sich dafür langsam neue Sterne ab.

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Ticket des Grauens

14. April 2009

Ich habe mich lange, lange dagegen gesperrt, die Meisterschaftschancen von Hertha ernst zu nehmen. Das hatte nichts damit zu tun, dass ich nicht gemerkt hätte, dass die Mannschaft einen zielstrebigen und – auch wenn ich mittlerweile nicht mehr hören kann – effizienten Fußball spielte und deshalb erfolgreich war, sondern war reinem Aberglauben geschuldet. Ich tippe schon die ganze Saison in allen Tippspielen gegen meine eigene Mannschaft und es hat bis zum 21.03.2009 – der Niederlage in Stuttgart – hervorragend funktioniert. Deshalb habe ich nie laut ausgesprochen, dass Hertha es vielleicht doch schaffen kann. Ich habe es mir natürlich in allen Farben ausgemalt, habe nach jedem Sieg insgeheim davon geträumt, dass das Unwahrscheinliche wahr werden könnte, aber nach außen getragen habe ich es nie. Weil ich Angst hatte, dass mich die Realität mit voller Wucht einholt.

Doch irgendwann, nach dem Sieg in Cottbus, ist etwas in mir passiert. Nicht, dass ich nicht auch weiterhin gegen Hertha getippt hätte, nein, es war etwas anderes. Am 9. März bekam ich eine Mail von einem meiner Kumpel, mit denen ich früher immer ins Stadion gegangen bin, als ich noch in Berlin gewohnt habe. Er fragte mich, ob ich bei Hertha nicht mal nachfragen könnte, ob es schon Karten für das letzte Saisonspiel in Karlsruhe gäbe. Schließlich hatte ich da ein Jahr lang gearbeitet und habe immer noch gute Kontakte in die Geschäftsstelle. Also schrieb ich eine Mail an den Fanbeauftragten und bekam die Antwort, dass ich ihm schnell die Bankverbindung und die Anzahl der Karten sagen solle, damit es keine Verzögerungen gäbe, wenn die Karten da wären. Ich überlegte. Mein Kumpel wollte fünf Karten, ein weiterer 3. Und ich? Sollte ich mir das entgehen lassen? Angenommen Hertha schafft es wirklich bis zum letzten Spieltag in Karlsruhe das Rennen um den Titel offen zu halten, wäre es dann nicht eine Katastrophe dort nicht dabeizusein? Zumal ich schon die WM nicht im Stadion erlebt habe. Noch etwas, das in 30-50 Jahren vielleicht einmal vorkommt. Ich bestellte mir ein Ticket. Das war am 10. März.

Am 12. März schlug Hertha zu Hause Bayer Leverkusen durch ein Voronin-Tor mit 1:0 und festigte seine Position als Tabellenführer. Vier Punkte Vorsprung. Zu meinem besten Kumpel in Berlin sagte ich damals so etwas wie: „Ganz ehrlich, sie müssen nicht Meister werden, aber ab Platz Vier wäre die Enttäuschung schon riesengroß.“ Ich war voller Euphorie und freute mich auf die kommenden Spiele. Doch zunächst folgte am 16. März – fünf Tage vor dem Spiel in Stuttgart – die Bestätigung von Hertha, dass die Karlsruhe-Karten bereitlägen. Ich hatte also eine Karte für das letzte Spiel dieser vielleicht historischen Saison. Warum ich mich nicht glücklich, sondern ein wenig beklemmt fühlte, erklärte sich in den Wochen darauf.

Hertha verlor nicht nur in Stuttgart (was ich fälschlicherweise als „Eine gute Niederlage“ bezeichnete), sondern nach der Länderspielpause auch zu Hause gegen Dortmund und dann in Hannover. Und Hertha verlor nicht wie sonst knapp mit einem Tor. Nein, 0:2, 1:3, 0:2. Ich habe lange überlegt, ob ich thematisieren soll, dass Hertha in allen vier Spielen, die in der Rückrunde verloren gingen, vom Schiedsrichter benachteiligt wurde. Ich habe mich dazu entschieden, es kommentarlos zu erwähnen. Die Wolfsburg-Pleite habe ich bereits in einem anderen Artikel auseinandergenommen. In Stuttgart stand es  bereits 0:2 als Marko Pantelic im Strafraum glasklar zu Fall gebracht wurde, deshalb kann niemand wissen, was geschehen wäre, hätte Hertha in der 64. Minute den Anschlusstreffer erzielt. Gegen Dortmund lagen die Berliner schnell 0:1 hinten und erspielten sich danach Chance um Chance, der Ausgleich fiel jedoch erst in Hälfte Zwei. Was gewesen wäre, wenn Schiri Weiner bereits nach einer halben Stunde beim Foul von Weidenfeller an Voronin auf den Punkt gezeigt hätte (was die richtige Entscheidung gewesen wäre), kann man leider nicht mehr rekonstruieren. Letztes Beispiel, und dann ist es auch gut: Hannover, es steht 0:2, Hertha drängt auf den Anschlusstreffer. In der 70. Minute fällt er auch, doch Schiri Kempter entscheidet auf Abseits. Wieder eine Fehlentscheidung, wieder keine Aufholjagd, weil der Ball auch in der Folge einfach nicht ins Tor will.

Natürlich will ich hier keine Verschwörungstheorien erwecken, es ist einfach das Pech, dass Hertha in der kompletten Phase bis zum 24. Spieltag nicht hatte und dass sich jetzt wie eine Dunstglocke über die Mannschaft gelegt hat. Hertha hat sich in den Spielen gegen Dortmund und Hannover mehr Chancen erspielt, als bei den Siegen über Leverkusen (Hin- UND Rückspiel), Hoffenheim und Bayern zusammen. Das Glück ist einfach nicht mehr da, dass sich die Mannschaft in diesen Spielen aber auch regelmäßig erzwang. Was fehlt ist die Effektivität, die irgendwo zwischen der Mecklenburgischen Straße in Charlottenburg und dem Olympiastadion abhanden gekommen zu sein scheint. Denn seit dem nächtlichen Ausflug von Patrick Ebert nach dem Leverkusen-Spiel hat Hertha keinen einzigen Punkt mehr geholt. Lucien Favre hat immer wieder betont, dass es an Kleinigkeiten liegt und man die

Vielleicht liegt es aber auch an etwas anderem. Eine Eintrittskarte für das letzte Saisonspiel in Karlsruhe kann manchmal nämlich große Auswirkungen haben…

(Weshalb ich auch entschieden habe, sie wieder abzugeben. Wer sie haben will, schreibt mich in den Kommentaren an. Originalpreis 11 Euro. Für 10 gehört sie euch ;-) )

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Eine gute Niederlage

22. März 2009

Der Wetterumschwung kam unerwartet. Am Samstagvormittag lachte über Hamburg noch die Sonne, nur ein leichter Wind sorgte dafür, dass sich viele beim Alsterspaziergang zum Pulli auch noch eine Jacke überwarfen. Dann begann die Bundesliga, doch weder Himmel noch Temperaturen veränderten sich. Als die Spiele wenig später allerdings zuende waren, bließ plötzlich ein kalter Wind durch die Stadt. Über St. Pauli hinweg, bis hoch nach Eimsbüttel und auch um das Stadion des Hamburger SV. Es war kein normaler Windzug, der da durch Hamburg zog. Es war einer, der in ganz Deutschland zu spüren war, zur gleichen Zeit, mit der gleichen Windstärke, der gleichen Dauer. Es war: Das Aufatmen der Liga.

Ja, Hertha BSC ist schlagbar, die kochen auch nur mit Wasser die Berliner, die werden jetzt doch nicht Meister, HA HA!!! Deutschlandweit klopfen sich Experten auf die Schulter, beweihräuchern sich damit, doch Recht gehabt zu haben: Diese Hertha darf und wird nicht Meister werden. Dann können wir uns jetzt endlich auf den Titelkampf derer konzentrieren, die es qua Tradition verdient haben: Bayern und der HSV. Hoffenheim? Abgeschrieben. Wolfsburg? Mit Außenseiterchancen. Aber Hertha? Never, ever. Premiere-Kommentator Wolff Fuß ging sogar soweit, den Berlinern zu gratulieren, weil sie gut daran getan hätten, sich NICHT auf dem Berliner Rathaus-Balkon fotografieren zu lassen. Komisch, dass das – obwohl er es bestimmt nicht so meinte – hämisch klang, als HÄTTEN sie es getan.

Was ist passiert? Hertha hat ein Spiel verloren, gegen den VfB Stuttgart, 0:2. Ein Ergebnis das die Chancenlosigkeit der Herthaner ja quasi suggeriert. Man konnte richtig sehen, wie den Experten ein Stein vom Herzen fiel, als Stuttgart in Führung ging und nicht wieder dieser langhaarige Ukrainer irgendein Körperteil in den Ball werfen konnte, um Hertha zu einem weiteren Sieg mit einem Tor Unterschied zu verhelfen. Nein, der VfB hat stellvertretend für die ganze Liga gezeigt wie es geht. Zielstrebig nach vorne spielen, Hertha beschäftigen und dann die Chancen auch einfach mal nutzen, die sich bieten. So einfach ist das. Doch halt. Ganz so einfach war es dann nämlich doch nicht.

Nachdem mit der Verletzung Arne Friedrichs Herthas Herzstück – die Innenverteidigung – auseinandergerissen war, stand der Sieger für viele eigentlich schon fest. Doch Ersatzmann Kaka machte seine Sache defensiv sehr ordentlich und zum Teil sogar abgeklärter als der deutsche Nationalspieler zuvor. Kakas großes Problem ist das Spiel nach vorne, der Pass in die Spitze bzw. ins Mittelfeld. Allein in der ersten Halbzeit wechselte dadurch zweimal der Ballbesitz, als sich fast die gesamte Berliner Mannschaft in der Stuttgarter Hälfte befand. So kann man sich keine Chancen erspielen.

Doch das viel größere Problem an diesem Samstag war Joe Simunic. Ob der Kroate in der Kabine erfahren hatte, dass sein Abwehr-Kumpane Friedrich zwei Wochen ausfallen würde und war er deshalb deprimiert? Oder hatte er einfach vergessen, ein isotonisches Getränk zu sich zu nehmen? Jedenfalls verschlief Simunic die ersten sechs Minuten der zweiten Halbzeit komplett, was die Stuttgarter in Hertha-Manier – eiskalt – zu zwei Toren nutzten. Die Experten waren sich einig: Das war es, das Spiel ist entschieden. Nach vorne kann Hertha ja nicht. Lucien Favre reagierte, hatte allerdings nicht mehr allzuviele Möglichkeiten, da er durch die Auswechslung von Friedrich und die Herausnahme des mittlerweile nicht mehr tragbaren, weil erneuten Totalausfalls Marko Babic nur noch einmal wechseln konnte. Der Schweizer brachte Marko Pantelic, den er in den letzten Wochen allerdings derartig demontiert hatte, dass sich einige Stuttgarter Fans bei der Einwechslung des Serben fragten, wer das denn überhaupt sei, der da jetzt aufs Feld komme.

Schiedsrichter Kinhöfer hatte den Namen von Herthas ehemaliger Torgarantie allerdings nicht vergessen – und auch nicht seinen Sinn für Theatralik. Denn sonst hätte er zwei Minuten später wohl auf Elfmeter entschieden und keine Schwalbe des 30-Jährigen vermutet. Doch weil sein Ruf Pantelic vorausgeeilt war, gab es nur Abstoß. Eine – wie die Fernsehbilder zeigten – krasse Fehlentscheidung. Als es Pantelic sechs Minuten vor dem Ende auch noch fertig brachte, den Ball aus fünf Metern gegen das Bein von Stuttgarts Torwart Jens Lehmann zu schießen, fragte sich wohl auch Lucien Favre, wer das denn eigentlich sei, den er da aufs Feld geschickt hatte. Pantelic hatte sich im Abseits gewähnt – auch Kommentator Wolff Fuß sah das noch nach zwei Zeitlupen so. Schiri Kinhöfer jedoch weigerte sich einfach zu pfeifen. Die letzte Chance war vertan.

So unterlag Hertha am Ende verdient, und doch irgendwie unglücklich. So pflegen sie ja sonst eigentlich ihre Spiele zu gewinnen. Und genau aus diesem Grund ist diese Niederlage auch nicht dramatisch, ja vielleicht sogar zum richtigsten aller Zeitpunkte erfolgt. Denn:

  • Friedrichs Verletzung wird sich – so Gott in Person von Doktor Schleicher will – nicht auf den Ligabetrieb auswirken, da jetzt erstmal Länderspielpause ist.
  • Die Mannschaft hätte sich nach einem erneuten Sieg volle zwei Wochen anhören dürfen, wie toll sie ist, warum Hertha jetzt auf jeden Fall Meister wird und doch jetzt aber wirklich mal Fotos auf dem Rathaus-Balkon machen muss. Durch die Niederlage ist sie erst einmal raus aus dem Fokus der Öffentlichkeit, alles erwartet nun, dass sie durchgereicht wird. Hertha ist zwar immer noch Erster, gefühlt aber nicht mehr der Gejagte, sondern nur noch jemand, der bald ohnehin eingeholt wird.
  • Durch die Niederlage wurde der Mannschaft noch einmal gezeigt, dass das, was in den letzten Wochen über sie gekommen ist (Euphorie in der Stadt, Medienbeachtung) nur eine Momentaufnahme war. Um es längerfristig zu erhalten, muss sie nicht nur sagen, dass sie hart arbeitet, sondern es auch tun. Und genau das werden sie in den vollen zwei Wochen Länderspielpause tun.
  • Die Medien kommen jetzt – hoffentlich – ein bisschen zu Ruhe und berichten stattdessen über die Drittliga-Tabellenführung von Union, die Tatsache, dass der HSV jetzt aber doch bitte Meister werden muss oder über die Frage, wer denn eigentlich dieser Spieler ist, denn Favre da in Stuttgart eine halbe Stunde vor Spielende auf den Platz geschickt hat.

Denn, sind wir mal ehrlich, es war ja nicht nur die Chance die Pantelic vergeben hat. Man merkte ihm in jeder Situation an, dass ihm genau das fehlt, was ihn früher immer stark gemacht hat: Sehr viel Selbstvertrauen. Wenn er früher einen Haken gemacht und dann aufs Tor geschossen hat, versucht er nun, den freien Mann zu sehen. Das Problem: Es dauert zu lange. Wenn Pantelic ihn sieht, mit sich selbst ausgemacht hat, dass er jetzt tatsächlich abspielt und das dann motorisch umzusetzen versucht, ist der freie Mann gedeckt. Das war nicht nur in Stuttgart, sondern auch schon in Cottbus so. So hilft er der Mannschaft – so leid es mir tut – nicht weiter.

Nach dieser Niederlage ist es das Wichtigste, jetzt nicht ins Grübeln zu kommen oder an der Mannschaft zu zweifeln. Nicht alles über den Haufen zu werfen. Man könnte das Team sogar damit motivieren, indem man sagt: „Das wollen die doch alle nur!“ Aber darum geht es gar nicht. Niemand konnte ernsthaft erwarten, dass Hertha jetzt alle Spiele bis zum Saisonende gewinnt. Die von Joe Simunic ausgerufenen acht Siege aus zwölf Spielen sind immer noch realitisch erreichbar und ein lohnenswertes Ziel. Es gibt keinen Grund die Einstellung zu Hertha zu verändern. Denn es war das erste Mal in 2009, das erste Mal im achten Spiel, dass sie eine Niederlage wirklich verdient hatte. Weil Stuttgart an diesem Tag einfach die zwei Tore besser war. Weil viele Herthaner einen schlechten Tag hatten. Weil der Schiedsrichter den Elfmeter…nein, den Schuh brauchen wir uns nicht anzuziehen.

Wer jetzt zweifelt, hat das System Favre nicht verstanden. Fehler sind menschlich, weshalb auch die beiden Gegentore wieder etwas pädagogisch Wertvolles an sich hatten. Man hatte ja schon gedacht, ein Simunic wäre unfehlbar. Er wird allerdings nicht – wir früher vielleicht – an sich zweifeln, sondern einfach noch ein Stück härter an sich arbeiten. Das ist der Unterschied zur alten Hertha. Die Bundesliga wird sich noch wundern.

Und der Wind wird sich auch wieder verziehen…

Lesempfehlung: Michael Rosentritt bringt es im Tagesspiel auf den Punkt: „Hertha ist einen Tick zu cool“

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Die Bahn drückt den Preis

5. März 2009

Die Meldung, die mich heute morgen ein bisschen überrascht hat, ist diese: Die Deutsche Bahn will Hertha weniger dafür zahlen auch über 2009 hinaus auf dem Trikot von Hertha BSC abgebildet zu werden.

Nun gut, schauen wir uns das Ganze mal an. Im Mai 2006 – Herthas Vertrag mit dem Telekommunikationsunternehmen Arcor war gerade abgelaufen – suchten die Manager nach einem neuen Trikotsponsor. Einer mit Zugkraft sollte es sein, der bereit war, viel (mehr) Geld in die Hand zu nehmen, um den Hauptstadtverein endlich dorthin zu begleiten, wo er nach der Meinung der Bosse hingehörte: In die Champions League.

Das pikante Detail, dass mir erst durch die heutige Meldung wirklich bewusst wurde, kommt in den Aussagen von Bahn-Chef Hartmut Mehdorn vor dem Wirtschaftsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses zum Tragen:

Als aber vor drei Jahren klar gewesen sei, dass Hertha keinen Trikotsponsor finden werde, habe sich die Bahn als Berliner Unternehmen entschlossen, hier einzuspringen. „Hertha kann man ja nicht untergehen lassen“, sagte Mehdorn.

Das ist für mich neu, weil ich nicht wusste, dass Hertha damals derartige Probleme hatte. Nach der Horror-Saison 04/05 wäre das noch verständlich gewesen, aber 05/06 war Hertha die Talsohle bereits durchschritten und Hertha mit Trainer Falko Götz auf Platz Sechs der Bundesliga gelandet. Dass sich in der damals noch nicht von der Wirtschaftskrise betroffenen Unternehmensbranche niemand fand, der seinen Namen auf dem Hertha-Trikot sehen wollte, unterstreicht nochmal, dass Herthas Image damals eine Katastrophe war.

Doch das ist nun anders. Hertha ist zurzeit „in“, die Mannschaft spielt tollen, zukunftsorientierten Fußball und der, der dafür verantwortlich ist, hat seinen Vertrag gerade bis 2011 verlängert. In dieser vielleicht hoffnungsvollsten Phase seit dem Aufstieg 1997 macht Hertha allerdings die Finanzkrise einen Strich durch die Rechnung. Es stellt sich nun die Frage, ob das Drücken des Preises für Hertha zu akzeptieren ist. Statt den bisher gezahlten 22 Millionen (ich dachte immer es wären 24 gewesen), sollen es ab 2009 nur noch 18 sein. Das wäre Arcor-Niveau von 2003. Und bei Herthas derzeitigem Erfolg ausschließlich durch die Finanzkrise zu legitimieren.

Herthas Manager müssen jetzt aufpassen, sich nicht komplett über den Tisch ziehen zu lassen. Natürlich ist die Finanzkrise nicht von der Hand zu weisen. Und natürlich ist der Gefallen (wenn es denn wirklich einer war und Mehdorn das nicht falsch interpretiert hat) den die Bahn Hertha 2006 getan hat, mit in die Verhandlungen einzurechnen. Aber bevor man einen Dumping-Vertrag unterschreibt, hat Hertha hoffentlich Augen und Ohren offen, um zu prüfen, ob nicht vielleicht noch andere (vielleicht Schweizer oder arabische?) Firmen Interesse an der Brust der Herthaner haben. Wenn es diese Interessenten gibt, sollte man der Bahn gegenüber keine falsche Loyalität aufbringen. Denn das Sponsorengeld der Bahn kommt vom Staat und ist somit ohnehin fragwürdig. Ist das nicht der Fall, sollte Hertha sehen, dass man den Vertrag schnell unterschrieben bekommt.

Spannend wäre dann noch die Frage der Vertragsdauer. Zwei Jahre? Drei? Oder sogar nur eins? Es ist ein Lottospiel, weil niemand weiß, ob sechs Millionen Euro in drei Jahren sehr viel oder schon wieder eher wenig sind.