Archiv für die Kategorie ‘Nachbericht’

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Unbeholfen wird das nichts

Juni 7, 2008

Kein Spieler in der Startaufstellung der Schweizer ist älter als 24 gewesen. Jung kickt gut? Ja, manchmal. Aber Jung ist auch meistens unerfahren und vor allem unbeholfen. Letzteres brach der Schweizer Nationalmannschaft beim 0:1 im Eröffnungsspiel gegen Tschechien das Genick. 

Was zum Glück nicht brach, war ein Knochen im Bein von Alexander Frei. Der Kapitän der “Nati” prallte kurz vor der Halbzeitpause so unglücklich mit seinem Gegenspieler zusammen, dass die EM für ihn höchstwahrscheinlich beendet ist. Ein Kreuzbandriss kann laut vorsichtiger erster Prognosen wohl ausgeschlossen werden, aber es gibt genug andere Bänder, die bei dieser Aktion in Mitleidenschaft gezogen wurden. Das gilt dann wohl auch für die Schweizer Seele, deren Verfassung mit dem Halbzeitpfiff der der Polen nach der 0:1-Niederlage gegen Deutschland bei der WM 2006 zu gleichen schien. Die Hoffnung auf einer erfolgreiche EM war mit der Auswechslung von Frei zwischenzeitlich auf dem Nullpunkt - erst als der Baseler St. Jakob-Park bemerkte, dass der für Frei gekommene Hakan Yakin auch kein Schlechter ist, stieg die Euphorie wieder.

Dafür waren die tschechischen Fans nun negativ erregt. Wieder einmal hatte ihr Teamchef, die graue Eminenz Karel Brückner, einen - auch für den betroffenen Jan Koller - schwer nachzuvollziehenden Wechsel vollzogen. Vaclav Sverkos, erst in Gladbach und dann in Berlin wegen schlechter Leistungen davongejagt, kam für den Riesen, der in Deutschland nur noch Zweite Liga spielt und genau so auch in Basel auftrat. Doch Sverkos zeigte es allen, reagierte in der 71. Minute am schnellsten und ließ dem hochgradig souverän auftretenden Diego Benaglio im Schweizer Tor keine Chance.

Die hatte auf der anderen Seite dann aber der eingewechselte Johan Vonlanthen. Der 22-Jährige brachte es jedoch nicht fertig, den Ball freistehend am tschechischen Eishockey-Keeper Peter Cech vorbeizubringen und traf nur die Latte. Es war eine symptomatische Szene für das Schweizer Spiel. Sie rackerten, rannten, spielten sogar ansehnlichen Fußball. Wenn es allerdings darum ging, das eigentliche Ziel des Fußballspiels zu erreichen, versagten ihnen die Nerven. Das erinnerte sehr stark an einen Zweitliga-Aufsteiger im ersten Bundesligajahr. Genauso unbeholfen, genauso unglücklich, weil nicht bis zur letzten Konsequenz weiterspielend - so ist der 1. FC Köln in der Saison 2003/2004 abgestiegen.

Das kann den Schweizern natürlich nicht passieren. Ottmar Hitzfeld wird keine komplett neue Mannschaft aufbauen müssen (auch Marco Streller wird, wenn man Ludovic Magnin Glauben schenkt, seinen Rücktritt vom Rücktritt erklären), selbst wenn der aktuelle und quietsch-sympathische Trainer Köbi Kuhn in der Vorrunde ausscheidet. Und die Gefahr, dass sich die Mannschaft nun nach der Auftakt-Niederlage aufgibt - so wie es der FC 03/04 nach einem bestimmten Teil der Saison getan hat - ist ohnehin gering. Die Schweizer haben eines der emotionalsten Spiele der EM vor der Brust. Die Türkei wartet am Mittwoch und obwohl die Türken härter bestraft wurden, haben irgendwie beide noch eine Rechnung miteinander offen.

Egal, wie das Abend-Spiel zwischen den Türken und den Portugiesen ausgeht, für die Schweizer wird es am zweiten Spieltag bereits um Alles gehen. Unbeholfenheit ist in so einem Spiel natürlich fehl am Platz. Es ist die Aufgabe von Köbi Kuhn die so schnell wie möglich aus seinen jungen Spielern herauszubekommen. Dann - und nur dann - ist diese EM für die Schweiz noch zu retten.

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Der malende Kommentator

Mai 31, 2008

Es dauert nicht lange, da ist Werner Hansch in seinem Element. Da zelebriert er jedes Wort, betont jede einzelne Silbe. Er will in diesen Situationen, dass seine Zuhörer jede Nuance seiner Äußerungen in sich aufsaugen. An diesem Samstagabend in “Hürster’s Kochwerkstatt”, dem Abend des letzten Vorbereitungsspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Serbien, richtet der - er hört es nicht gerne - in diesem Jahr 70 werdende Kommentator die Worte an seine Nachfolger: “Lesen bildet Sprache”, sagt er und beinahe möchte man ihm zurufen, dass diese Aussage das Klischee des phrasendreschenden Reporters unterstreicht, als er ergänzt: “Aber Sprache ist nicht das wichtigste.” Und dann verfällt er in diesen berühmten, genießenden Tonfall: “Es ist die Stimme - Emphase, Modulation - wie etwas klingt, das ist viel wichtiger.”

Man liebt ihn oder man hasst ihn dafür. Auch bei der EM 2008. Nicht bei der ARD, sondern für Radio NRW. Alles ein bisschen kleiner dort. Werner Hansch polarisiert mit seiner Art zu kommentieren, mit seiner Stimme und seinen extravaganten Formulierungen. “Wenn Sie dieses Spiel atemberaubend finden, haben sie es an den Bronchien” ist eine davon und unter den Zuschauern ist an diesem Abend niemand, der das nicht amüsant findet. Sie sind gehobenen Alters und die Jungen, die da sind, können mit dem Namen Hansch noch nichts anfangen. Es ist ein dankbares Publikum, aber selbst wenn sich unter den Anwesenden ernsthafte Kritiker versteckt hätten, sie würden nicht viel finden, was es zu kritisieren gäbe.

Nicht, dass Hansch keine streitbaren Thesen in die Welt setzen würde. “Die große Rundfunk-Zeit ist längst vorüber.”,  ”Die große Menge der Fans durchschaut die finanziellen Geschichten nicht, denen ist es egal, wie viel der Spieler verdient, solange er sich für den Verein reinhängt.” oder “Im Fernsehen neigen die Kommentatoren dazu, zu beschreiben, was der Zuschauer ohnehin schon sieht. Das ist Radio im Fernsehen und für mich die größte aller Sünden.” Aber er verpackt sie so charmant und erklärt sie nachvollziehbar, dass man ihm nicht widersprechen kann.

Hansch ist nicht der einzige, der da oben auf dem Podium sitzt. Moderiert wird die Veranstaltung von Peter Großmann, dessen Namen einem nichts sagt, den man aber erkennt,  wenn man ihn sieht. Komplettiert wird die Runde, die unter dem Titel “Kulturküche” zusammengekommen ist und neben “Talk” (Hansch und Großmann) auch “Comedy” verspricht, von “der Obel“, der einem am ehesten noch als Kommentator Herbert Zimmermann in “Das Wunder von Bern” in Erinnerung ist. Nebenbei hat der Profiimitator auch einen EM-Song zusammengemixt, der das Zeug hat, alle anderen bisher erschienenen in den Schatten zu stellen. “Sooo gehn die Deutschen” heißt der. Kann man sich schonmal vormerken. “Der Obel” ist lustig, die beste Szene des Abends ist allerdings eine sehr traurige.

Werner Hansch hat gerade seine Geschichte erzählt, wie er innerhalb von vier Wochen seine Eltern verlor und deshalb doch auf “die Pütt” (in die Zeche) musste, um “zu leben”, wie er selbst sagt. Das Studium in Bochum musste er im fünften Semester abbrechen, jobbte nebenbei auf der Trabrennbahn und kam durch “eine Aneinanderreihung von Zufällen” zum Fußball. Peter Großmann hat keine Ahnung, was er lostritt, als er den eigentlich als witzigen Sidekick eingeladenen - und bis dahin auch als solcher funktionierenden - Obel fragt, ob er auch Erfahrungen “unter Tage” gemacht habe. Plötzlich schluckt der Kabarettist, kämpft mit den Tränen und erzählt dann mit erstickter Stimme, dass sein Bruder in der Zeche gearbeitet habe und an seinem letzten Tag dort gestorben sei. Den Kampf mit den Tränen gewinnt er schließlich, auch weil Großmann bravourös den emotionalsten Moment des Abends zulässt. Als der Komiker erzählt, dass er Abitur machen durfte und schließlich ein “Kasper” wurde, sagt Großmann: “Ein emotionaler Kasper - das hat einen Applaus verdient.” Großes Entertainment.

Dann ist Hansch wieder an der Reihe, die Frage nach seiner Zukunft wird gestellt und der Meister des Reportierens ist sichtlich gerührt, als mutmachender Applaus ertönt. Eigentlich sei er ja Rentner, aber “etwas Schöneres als Rundfunk gibt es nicht.” Man ahnt bereits, dass er keine große Chance sieht, noch einmal ins Fernsehgeschäft einzusteigen. Der Fernsehsender Premiere sei erstens “voll” und zweitens würde er die Hierarchie dort durcheinanderbringen. Und die Sportschau? “Die wackelt.” Hansch glaubt nicht daran, dass es das ARD-Format auch über das Jahr 2009 hinaus, wenn der Spieltag vermutlich erheblich entzerrt wird, geben wird: “Das Geld regiert den ganzen Zirkus.”

Der ist dann pünktlich zum einsetzenden Gewitter vorbei. Erst verabschiedet sich “der Obel” und dann verschwindet auch Hansch unter dem tobenden Applaus der Zuschauer. Das echte Wesen dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit fernab aller Öffentlichkeit offenbart sich eine Etage tiefer. Dort fragt Hansch ernsthaft interessiert, was man in einem Journalistik-Studium heutzutage lerne und erzählt noch einmal - das Aufnahmegerät ist längst aus - in voller Länge und ohne ein einziges “Äh” die Geschichte, die ihn zum Fußball gebracht hat.

1973 vertrat er den verhinderten Stadionsprecher des FC Schalke 04. Er hatte zu diesem Zeitpunkt keinen blassen Schimmer von Fußball und leistete sich einen „historischen Versprecher“ als er den Torhüter der Schalker wie folgt ankündigte: „Mit der Startnummer eins: Norbert Nigbur“. Pferde haben Startnummern, Fußballer jedoch Rückennnummern.

Draußen donnert es, Blitze erhellen die Nacht. Werner Hansch ist wieder in seinem Element und wenn man versteht, dass dieser Mann beim Kommentieren keine Rolle spielt, sondern wirklich authentisch ist, dann bekommt diese Stimme, die sich laut Peter Großmann “in unser Gehirn gefressen hat”, eine neue Dimension. Die eines Mannes, der sich nie so wirklich für Fußball interessiert hat (mit 35 Jahren sah er sein erstes Bundesligaspiel) und ihn dennoch durch seine Beschreibungen so greifbar gemacht hat.

“Wir müssen Bilder malen - mit Worten”, hat er an diesem Abend noch gesagt. Wenn es danach geht, entwirftWerner Hansch Gemälde.

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Lasst Koller leben

Mai 4, 2008

Jan Koller feierte mit den Fans. Er ließ sein getauschtes Trikot fallen, hob die Arme in die Höhe und applaudierte ihnen. Eine Welle, noch eine und noch eine. Die Dortmunder Südtribüne feierte ihren Helden.

Das Problem? Jan Koller spielt bereits seit fast drei Spielzeiten nicht mehr beim BVB. Von 2002 bis 2006 spielte der Tscheche im schwarz-gelben Trikot und erzielte in dieser Zeit ganze 59 Treffer. Im WM-Jahr wechselte Koller nach Monaco, wurde dort überhaupt nicht glücklich und kehrte zu Beginn diesen Jahres zum 1. FC Nürnberg in die Bundesliga zurück. In elf Spielen hat Koller dort bisher zweimal getroffen. Wirklich zufrieden ist das Nürnberger Publikum mit dem Zwei-Meter-Riesen nicht. 

Am vergangenen Freitag jedoch wurde aus Unzufriedenheit blanker Hass. Als Koller sich, wie beschrieben, von der Dortmunder Südtribüne feiern ließ und danach mit feuchten Augen zu seinem eigenen, dem Nürnberger Block ging, rasteten die Fans aus. Ausgestreckte Mittelfinger waren noch das mildeste Zeichen der Abneigung. Das “Kopf-ab”-Zeichen, dass man sonst nur aus Kinofilmen oder von Gerald Asamoah kennt, war ebenfalls zu sehen. Der Tscheche war zunächst nur irritiert, verbeugte sich dann als Entschuldigung und drehte schließlich enttäuscht ab. Auf dem Weg zum Kabinengang entfuhr ihm dann das, was dem ganzen dann leider die unrühmliche Krone aufsetzt: “Fucking Nürnberg-Fans”.

Im Nürnberger Fanforum geht es seitdem nachvollziehbarer Weise hoch her. Nach einer Entschuldigung Kollers glätten sich die Wogen zwar, doch wirklich rehabilitieren wird sich Koller wohl nur durch Tore in den letzten drei Spielen, die am Ende bitte schön auch zum Klassenerhalt reichen. Das ist zumindest die Essenz aus dem was der kleine Kreis im DSF-Doppelpass gerade geäußert hat. Waldemar Hartmann sprach von einem “No go”, Claus Strunz von der Bild am Sonntag kann die Nürnberger Fans sogar in der überzogenen Härte der Reaktion verstehen. 

Ich persönlich kann dem überhaupt nicht zustimmen. Klar, Fußball ist ein emotionales Geschäft und bei den Nürnbergern liegen die Nerven blank. Da kommt es nicht gut an, wenn ein Spieler der eigenen Mannschaft mit den Fans der anderen ein 0:0 feiert. Aber genau darum ging es Koller in diesem Moment ja gar nicht. Er war einfach nur glücklich über die positiven Reaktionen der Dortmund-Fans und wollte ihnen dafür etwas zurückgeben. Die LaOla-Welle hätte er sich natürlich sparen können, aber es zeigt einfach nur, dass da einer mit Herz bei der Sache ist und eben nicht ständig die Benimmregeln der Vereine durchdekliniert.

Spieler wie Jan Koller, denen die Reaktion der Fans so ans Herz geht, gibt es nicht mehr viele in der Bundesliga. Das beste Beispiel dafür ist Herthas Joe Simunic, der unlängst den Satz geäußert hat: „Es gibt so viele Leute, für die Hertha das ganze Leben bedeutet. Die tun mir leid. Die werden verarscht.“ Darüber sollte man diskutieren. Und nicht über einen Fußballer, der von seinen Gefühlen übermannt, mit den (in diesem Moment) falschen Fans feiert. Meinen Respekt hat er.

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Nicht mehr weiter

Mai 1, 2008

Halbfinale. Europapokal. Die Bayern. Mit Kahn im Tor. Die Schüsse fliegen dem TItan um die Ohren, doch nie daran vorbei. Der Gegner der Bayern verzweifelt am besten Torwart der Welt. Der Deutsche Rekordmeister zieht ins Finale ein und gewinnt den Pokal. Sieben Jahre ist es her, als Oliver Kahn die Königlichen von Real Madrid mit einer überragenden Leistung im Hinspiel im Bernabeu aus dem Wettbewerb warf. Im Rückspiel waren die Helden andere. Doch Kahn hatte den Grundstein gelegt.

Im Jahr 2008 ist dieser Oliver Kahn nicht mehr zu sehen. Die Unhaltbaren, das sind nicht mehr die des 38-Jährigen. Er ist deshalb noch lange kein schlechter Torwart, doch früher konnte der FC Bayern schlechte Spiele machen und trotzdem mit 1:0 als Sieger vom Platz gehen. Früher, als Oliver Kahn noch hungrig war.

Eigentlich hatte man erwartet, dass nach diesem immer noch unglaublichen 3:3 in Getafe nichts mehr anbrennen und die Bayern mit drei geschlossenen Mannschaftsleistungen (incl. ein, zwei Kunststückchen von FrOnck Ribery und drei, vier Müller-Toren von Luca Toni) den Uefa-Pokal gewinnen und Kahn so einen Abschied auf großer Bühne schenken würden. Und dann verliert die Mannschaft in St. Petersburg, ohne sich überhaupt zu wehren, mit 0:4.

Bei großen Mannschaften wird ja oftmals von dieser berühmten Initialzündung gesprochen, die die Spieler so zusammenschweißt, dass sie alle Krisen überstehen. Die Bayern hatten diesen Moment: in der 120. Minute in Getafe - allerdings am Ende einer bereits langen Saison. Deshalb hatte diese Situation auch eine andere Wirkung, nicht nur auf die Mannschaft, sondern vor allem auf Oliver Kahn.

Kahn lebt für diese Momente, in denen er zeigen kann, dass seine Maxime: “Immer weitermachen, niemals aufgeben” nach wie vor Gültigkeit hat und man (die Bayern) mit purem Wille alles erreichen kann. 2001 hatte er diesen Moment kurz vor dem Champions League Finale, als seine Mannschaft in den berühmten “4 Minuten im Mai” doch noch Deutscher Meister wurde. 2008 kam dieser Moment in Getafe. Doch auch Kahn muss nun, nach dem 0:4 in St. Petersburg einsehen, dass es eben nicht immer nur darum geht, “immer alles zu geben”. Jedenfalls nicht, wenn der Gegner mal richtig gut Fußball spielt und die Schwächen des deutschen Rekordmeisters gnadenlos entblößt. In der Bundesliga war das in dieser Saison noch nicht einmal der Fall.

Kahn kann sich von einer guten Bundesligasaison nichts mehr kaufen, vielleicht hätte er sogar den DFB-Pokal für ein Europapokalfinale im “Theatre of Dreams”, dem Finalstadion in Manchester, hergegeben. Selbst wenn es dabei “nur” um den Uefa Cup gegangen wäre. Es wäre “sein Spiel” gewesen. Sein Abend. 

Nun tritt er von der europäischen Bühne ab. Als Uefa Cup-, Champions League- und Weltpokalsieger, als mehrfacher Deutscher Meister und Pokalsieger. Kahn könnte zufrieden sein und doch wird ihn dieses so unglamouröse Ende wurmen. Wieder - das zweite Mal nach der Degradierung zur Nummer 2 in der Nationalmannschaft, muss er eine Karriere beenden, ohne ein letztes großes Spiel mit einem Titel krönen zu können. Nach dem Spiel in St. Petersburg hat Kahn in die Kameras gefragt: “Soll ich mich jetzt umbringen?” Das soll er natürlich nicht, aber es zeigt wie es in ihm aussieht. 

Die Zeit bleibt eben leider auch nicht für Oliver Kahn stehen, der jetzt, nach diesem unbefriedigendem Ende sicher gerne doch noch ein Jahr dranhängen würde. Die Zeit spricht gegen Oliver Kahn. Sie läuft….immer weiter.

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Viel Glück reicht nicht

April 23, 2008

Als John Arne Riise in der 62. Minute des Champions-League-Halbfinal-Hinspiels (kann man dafür keine gescheite Abkürzung finden?) für Fabio Aurelio eingewechselt wurde, waren die Fans des FC Liverpool frohen Mutes. Denn Riise ist dafür bekannt, dass er auch aus 35 Metern mit seinem starken linken Fuß Tore erzielen kann. Außerdem entspricht er mit seinem perfekt durchtrainierten Körper genau dem Abbild des idealen englischen Fußballers, der sich nicht von einem Bodycheck umhauen lässt, sondern einfach stehen bleibt. Riise ist nicht umsonst unumstrittener Publikumsliebling beim englischen Traditionsklub.

Etwas mehr als eine halbe Stunde später bekam das Denkmal des stämmigen und doch agilen Norwegers leichte Risse. Das Spiel gegen den FC Chelsea war eigentlich vorbei, Liverpool hatte 1:0 zu gewonnen und sich damit eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel in einer Woche geschafft. Und dann kam Riise in der Nachspielzeit der Nachspielzeit, genauer wenige Sekunden nach Ablauf der ohnehin viel zu langen vierminütigen Extra-Time und köpfte den Ball völig unbedrängt ins eigene Tor. 1:1. Stille an der Anfield Road, eine gespenstische Atmosphäre, die so zum letzten Mal am 16.12.2007 bei der 0:1-Niederlage, der letzten im heimischen Stadion, gegen Manchester United auftrat. Unentschieden hatte die Mannschaft von Rafa Benitez des Öfteren gespielt, doch dieses 1:1 war eine gefühlte Niederlage. Durch das Auswärtstor der “Blues” steht es vor dem Rückspiel eigentlich 1:2.

In den 94 Minuten zuvor bewarb sich die Mannschaft von Michael Ballack in einer bemerkenswerten Art und Weise für das Ausscheiden aus der Champions League. Es wäre das vierte Mal in den letzten fünf Jahren und das dritte Mal davon gegen den FC Liverpool. Liverpool war in allen Belangen die bessere Mannschaft, allein der teuerste Stürmer der Vereinsgeschichte, Stürmer Fernando Torres hätte drei Tore erzielen können. Sein Gegenüber Didier Drogba blieb weitestgehend wirkungslos und ließ bei Chelsea-Unkundigen die Frage nach dem auf der Bank schmorenden Andri Shevchenko aufkommen. Wer Chelsea in den letzten Monaten beobachtet hat, weiß, dass Shevckenko geistig schon lange nicht mehr in London ist. Sein Körper wird ab und zu, zuletzt beim 1:1 gegen Wigan Athletic am 14. April in der 90. Minute, eingewechselt. Aber selbst Shevchenko kann aus keinen Zuspielen auch keine Tore machen.

Chelsea fehlt die Kreativität im Mittelfeld. Frank Lampard und Claude Makelele sind eher fürs Grobe zuständig und Michael Ballack, technisch zwar stark verbessert, dafür aber nicht zu gebrauchen. Trainer Avram Grant tut nichts dagegen, verlässt sich 70 Minuten auf die gegen schwache Mannschaften starken Standards und nimmt Ballack dann für einen vierten Stürmer vom Feld, der Drogba nicht unterstützt, sondern ihm im Gegenteil, auf die Füße tritt. John Obi Mikel, noch am ehesten ein Spielmacher, schmorte 95 Minuten lang auf der Bank.

Trotzdem sind die Londoner zuversichtlich, was das Rückspiel in einer Woche angeht. “This result has not promised us the final - but it is a good step” sagte Avram Grant nach dem Spiel und lag damit, wie so oft in den letzten Wochen daneben. Es war ein Schritt in Richtung Finale, aber kein guter. Ich lehne mich weit aus dem Fenster, wenn ich schreibe, dass ich mir sicher bin, dass Liverpool im Rückspiel ein Tor schießen und damit weiterkommen wird. Die “Reds” haben zwar nicht die Spieler-Qualität des FC Chelsea, dafür aber die bessere spielerische Qualität. Und die ist im Fußball wichtiger. John Arne Riise wird das bestätigen, und beim nächsten Mal den Fuß benutzen.

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Eine Pantelic-Geschichte

April 12, 2008

Bochum - Es lief die 64. Spielminute im Bochumer ReWirPower-Stadion, als der Name von Marko Pantelic in den Gedanken von Herthas Manager Dieter Hoeneß eine große Rolle gespielt haben muss. Sein Ersatzmann, André Lima, hatte gerade die große Chance zur erneuten Führung vergeben und Hoeneß war wohl nicht der einzige Berliner der sich den verletzten Serben an die Stelle des gesunden Brasilianers gewünscht hat.

Am Ende hatten die Berliner erneut wichtige Punkte - man muss es mittlerweile so sagen - gegen den Abstieg verschenkt. Sie waren über weite Strecken des Spiels die bessere Mannschaft gewesen, spielten die Bochumer bei ansehnlichen Mittelfeldstaffetten zum Teil schwindelig, doch - und das hatte auch Manager Dieter Hoeneß bemerkt, “der letzte Pass kam oftmals einfach zu schlampig.” Und dann war da eben auch wieder diese eine Szene, in der die Abwehr der Berliner nicht auf der Höhe war. Kurz vor der Halbzeitpause schlug der Bochumer Spielmacher Mimoun Azaouagh einen für das Spiel typischen, weil aus einem Foul im Mittelfeld resultierenden Freistoß in den Hertha-Strafraum. Joe Simunic verließ sich auf Torhüter Drobny, der jedoch machte keine Anstalten zum Ball zu gehen und so hatte Yahia keine Probleme, den Ball aus nicht mal fünf Metern an Drobny vorbei ins Tor zu köpfen (42.).

Es war ein überraschender Treffer des VfL, was ihn umso bitterer für die Berliner macht. Denn in den 41 Minuten zuvor waren die in roten Trikots aufgelaufenen Herthaner die bessere Mannschaft gewesen und hätten nur eine Minute vor dem Ausgleichstreffer durch Kacar in Führung gehen müssen. Der 19jährige Serbe zeigte in dieser Szene nicht nur, weshalb die Fans ihn in Berlin schlicht “Kaka” rufen, sondern auch, warum der Vergleich mit dem brasilianischen Nationalspieler vom AC Mailand (noch) nur wegen der Namensähnlichkeit zustande kam. Nachdem er nämlich zuvor vier Gegenspieler in wohl nur von Kaka selbst nachahmlicher Manier umkurvt hatte, schoss er sich beim Abschluss selbst gegen das Standbein und deshalb auch nicht ins Tor.

Die Szene machte das Problem der Herthaner anschaulich. Sie zaubern sich in vielen Situationen in genau der Weise durchs Mittelfeld, wie es sich Lucien Favre für diese Saison noch gar nicht erträumt hätte, doch wenn es dann darum geht, das eigentliche Ziel des Fußballs zu erreichen, dann versagen den Berlinern die Nerven. Der Schweizer Coach war nach dem Spiel jedenfalls trotzdem weitestgehend zufrieden mit dem Spiel seiner Mannschaft. Während er seine Sicht der Dinge vor den Fernsehkameras erläuterte, war ihm kein Punktverlust anzusehen. Favre lächelte, er freute sich sogar richtig. Denn im Gegensatz zu den drei Spielen zuvor, als Hertha ebenfalls ansehnlich spielte, am Ende aber jeweils mit 1:2 unterlag, entführte seine Mannschaft zumindest einen Punkt aus Bochum. “Das ist ein Fortschritt”, sagte Favre und vergaß nicht zu erwähnen, dass mit Marko Pantelic, dem Brasilianer Raffael und Steve von Bergen drei Stammspieler verletzt ausgefallen waren.

Pantelic, mit elf Treffern Herthas gefährlichster Angreifer, hätte den Berlinern jedenfalls gut zu Gesicht gestanden. Denn mit guter Chancenverwertung hatte ihr Spiel nichts zu tun. Oftmals fehlte den Herthanern aber auch einfach das Selbstvertrauen mit dem Ball am Fuß auf den letzten Bochumer Abwehrspieler zuzugehen. So fiel die Führung durch einen Skacel-Freistoß, bei dem der Bochumer Torhüter keine allzu gute Figur machte. Weitere Chancen gab es zwar, wirklich zwingend wurde es jedoch nur bei Mineiros Kopfball an den Pfosten kurz nach dem Wiederanpfiff und eben bei Limas Eins-gegen-Eins-Situation in der 64. Minute. Manager Dieter Hoeneß kritisierte nach dem Spiel, dass der letzte Pass nicht immer so präzise gespielt werde, “dass der Mitspieler richtig freigespielt wird.” Und wenn das doch mal geschah, fehlte eben jemand, der den Pass verwertete. Kapitän Arne Friedrich wurde nach dem Spiel fast ein wenig ungehalten, als er auf die Abschlussschwäche der Hertha angesprochen wurde: “Ich weiß ja, dass ihr (und damit meinte er die anwesenden Journalisten) jetzt wieder diese Pantelic-Geschichten draus machen werdet.” Recht hat er und ist zusammen mit seinen Mitspielern selber schuld daran.

VfL Bochum: Lastuvka (69. Renno) - Yahia, Maltritz, Bönig - Pfertzel, Schröder, Imhof, Fuchs (83. Bechmann), Azaouagh - Sestak, Auer (62. Belik)

Hertha BSC: Drobny - Chahed, Simunic, Friedrich, Skacel - Mineiro, Lustenberger (83. Lustenberger), Kacar - Ebert, Piszczek (86. Bieler) - Lima

Tore: 0:1 Skacel (28.), 1:1 Yahia (42.)

Verwarnungen: Fehlanzeige

Zuschauer: 20.833

Schiedsrichter: Dr. Felix Brych (München)

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Weil Gott es so wollte

April 11, 2008

Ein Interview mit “einem” Oliver Kahn direkt nach Spiel ist immer etwas Besonderes. Man kann sich den mittlerweile 38 Jahre alten Torhüter bildhaft vorstellen, wie er hinter der Kamera einen Punkt sucht, zu dem er im Laufe des “After-Match-Gesprächs” immer wieder zurückblicken wird, nur damit er dem im Vergleich zu Kahn minderwertigen Reporter nicht in die Augen blicken muss. Dann beginnt er zu reden, drischt Phrasen, sagt viel und doch wenig und irgendwann kommt dann halt doch mal ein Satz, der Kahn prägt: “Man muss immer weitermachen, und darf niemals aufgeben.” Als er diesen Spruch sagte, der Kahns Mentalität besser beschreibt, als jedes doppelseitige Porträt, hatten die Bayern gerade in der vierten Minute der Nachspielzeit die (von Kahn natürlich nie) verloren geglaubte Meisterschaft gewonnen. Sieben Jahre ist das nun schon her.

Die Jahre haben dem Titan zugesetzt. Er ist gelassener geworden. Die Tage vom beißenden Affen, der seinen Käfig mit allen Mitteln vor Eindringlingen beschützt, sind vorbei. In den letzten Wochen wurden die Stimmen lauter, die das Saisonende herbeisehnten, damit Kahn endlich in Rente gehen könne. Einen wirklich unhaltbaren Ball in “Kahn-Manier”, hat der 38-Jährige auch schon länger nicht mehr gehalten. So etwas zermürbt und hat wohl auch dazu beigetragen, dass der gleiche Oliver Kahn der vor sieben Jahren die “Niemals-Aufgeben”-Mentalität ins Leben gerufen hat und damit vielen Vorbildern den Glauben an die Erlösung - auch wenn ein Spiel eigentlich schon verloren scheint - zurückgegeben hat, vor dem Viertelfinal-Rückspiel im Uefa Cup beim FC Getafe im Hinblick auf das drohende Ende seiner Europapokal-Karriere folgenden Satz gesagt hat: “Wenn es vorbei ist, dann ist es eben vorbei.”

Am Abend dann, es war in Fußball-Deutschland kurz vor 23 Uhr, war es vorbei. Und das obwohl der FC Bayern sich gerade mit einem “Last-Minute”-Tor in die Verlängerung gerettet hatte. Dabei sah es nur fünf Minuten nach Spielbeginn nicht danach aus, als würde der Deutsche Rekordmeister diese benötigen. Nach der höchst zweifelhaften Roten Karte für Getafes de la Red hatte die Mannschaft von Ottmar Hitzfeld 85 Minuten Zeit, den dezimierten Gegner aus dem Wettbewerb zu werfen. Ein Tor hätte dafür gereicht, wenn Kahn auf der anderen Seite keines kassiert hätte. Doch genau das geschah kurz vor der Halbzeitpause, als Contra die Verteidiger Lahm und Demicheles wie Fahnenstangen stehen ließ und den Ball über den Bayern-Keeper hinweg - unhaltbar - ins obere rechte Toreck schoss. Aber selbst dieses Tor verwehte den Glauben an die Bayern in den deutschen Wohnzimmern nicht. Warum auch? Es war immer noch eine komplette Spielhälfte Zeit, selbst für zwei Tore, mit der sie sich die Verlängerung erspart hätten.

Doch mit zunehmender Spieldauer sank dieser Glauben an die Stärke des - das war nach dem Ausscheiden von Schalke am Tag und dem von Leverkusen wenige Stunden zuvor bereits klar - letzten deutschen Vertreter im Europapokal. Der FC Bayern fand keine Mittel gegen die aufopferungsvoll kämpfenden Madrider Vorstadt-Kämpfer, die bereits zehn Minuten vor Spielende mit den ersten Krämpfen behandelt werden mussten. Wirklich mitfiebern konnte man zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, denn es gab keinen Anlass zu glauben, dass der Ball den Weg wenigstens einmal ins Getafer Tor finden würde. Die Bayern hatten schlichtweg keine Chancen. Immer wieder wurde der Ball hoch auf Luca Toni gespielt- ein aufgrund von Tonis Kopfballstärke durchaus probates Mittel - doch von dort fand er nie einen zweiten Bayern. Das änderte sich auch nicht, doch weil der Ball eine Minute vor Ende der regulären Spielzeit von Toni zu einem Getafer Abwehrspieler flog und dieser nichts anderes damit anzufangen wusste, als ihn vor die Füße von Bayerns Ribéry zu köpfen, gab es dann doch noch Verlängerung.

Was dann passierte, war im wahrsten Sinne des Wortes unfassbar. Die Getafer, nicht nur physisch, sondern durch den späten Ausgleich auch psychisch angeschlagen, schlugen mit einer derartigen Wucht zurück, dass die Münchener, bevor sie überhaupt wussten, wie ihnen geschah, durch Tore von Casquero und Braulio mit 1:3 ins Hintertreffen gerieten. Es war vorbei, die Bayern waren so gut wie raus und es wäre wohl dabei geblieben, wenn Kahns Gegenüber, der Argentinier Abbondanzieri, nicht fünf Minuten vor Ende der Verlängerung einen Blackout gehabt hätte, der Toni das 3:2 ermöglichte. Es war ein Geschenk, dass einen alten, längst verloren geglaubten Instinkt der Bayern wieder aufweckte. Spätestens als Oliver Kahn in der vermeintlich letzten Minute seiner Europapokal-Karriere in die gegnerische Hälfte stürmte, um die Fortsetzung zu erzwingen, war auch dem letzten Bayern klar, dass an diesem Abend noch etwas möglich war.

Der Rest geschah in Zeitlupe. Kahn gewinnt ein Kopfballduell nicht, verliert es aber auch nicht. Der Ball landet bei Sosa. Die Flanke kommt in den Strafraum. Toni köpft. Der Ball landet im Tor. Bayern ist weiter.

Oliver Kahn ist nach dem Spiel nicht der phrasenschmetternde Fußballspieler, der noch 2001 vor die Kameras trat. Er ist auskunftfreudig, freundlich und sagt Dinge wie: “Wir sind heute weitergekommen, weil Gott es so wollte.” Er, der gottgleiche Kahn, spricht von gottgewolltem Erfolg, obwohl er selbst doch am besten wissen müsste, dass dieser Sieg damit nichts zu tun hat. Es war das einfach nötige Quäntchen Glück und vor allem der unbedingte Überlebenswillen eines Oliver Kahns, der die Bayern ins Halbfinale brachte. In dem Moment, in dem der Kopfball von Toni die Torlinie überschritt, wurde nicht nur Kahns unbedingter Siegeswille wieder-, sondern auch eine neue Mannschaft geboren, die in dieser Saison kaum noch zu schlagen sein wird. Denn sie weiß nun, dass da hinten zwischen den Pfosten jemand steht, der, selbst wenn es aussichtslos erscheint, die Aura der Unbesiegbarkeit nie wirklich abgelegt hat. Sie hat geschlafen und ist durch dieses Schlüsselereignis wieder erwacht. Schade, dass Oliver Kahn nach dieser Saison aufhören wird. Denn mit Kahn geht eine Magie, die ständig über dem Stadion hängt, wenn er darin spielt:

Niemals aufgeben, immer weitermachen…

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Das Phänomen aus Liverpool

April 3, 2008

Da war sie wieder, diese Mannschaft. Holt ein 1:1-Unentschieden beim favorisierten FC Arsenal im Londoner Emirates Stadium und hat nun die Strippen beim Rückspiel in einer Woche selbst in der Hand. Mit Dynamik, Einsatzwillen und sogar Spielwitz gebot man der kombinationsstarken Elf von Übertrainer Arsene Wenger Einhalt. So kennt man ihn, den FC Liverpool, in der europäischen Königsklasse.

Zurecht fragt man sich allerdings in England, warum die “Reds” ihre in der Champions League gezeigten Leistungen nicht auf die Premier League übertragen können. Dort rangiert das Team von Rafa Benitez abgeschlagen, mit acht Punkten Rückstand auf den drittplatzierten Viertelfinalgegner aus London, auf Rang Vier. Der FC Chelsea ist bereits neun, Tabellenführer Manchester United ganze 14 Punkte enteilt. Gegen Manchester gingen beide Spiele verloren (0:1, 0:3), Chelsea rang das Team um Kapitän Steven Gerrard wenigstens zwei Unentschieden ab (1:1, 0:0) und auch das Premier-League-Hinspiel zu Hause gegen den FC Arsenal endete mit einem Remis (1:1). Den deutlichen Rückstand erklärt das jedoch nicht.

Doch schaut man sich die Ergebnisse der Liverpooler an, dann wird deutlich, dass sie so unkonstant überhaupt nicht spielen. Sie gewannen sechs der letzten acht Spiele, verloren eben bei ManU und leisteten sich das Unenschieden gegen Chelsea. Der deutliche Rückstand resultiert aus der Zeit davor. Zwischen dem 30.12.07 und dem 30.1.08 holten die “Reds” nur vier Punkte aus fünf Spielen, während die Konkurrenz punktete und davonzog. Zwischenzeitlich mussten sich die Fans an der Anfield Road sogar Gedanken um Platz Vier machen, dem letzten, der für die Qualifikation zur Champions League berechtigt. Doch im Anschluss an den Seuchenmonat im Januar baute sich Liverpool ein Fünf-Punkte-Polster auf den Nachbarn aus Everton. Nach hinten ist man also abgesichert.

Doch ein Klub wie der FC Liverpool, der in den letzten drei Jahren zweimal im Champions League Finale stand, eines davon (04/05 nach 0:3-Halbzeitrückstand gegen den AC Mailand) sensationell gewann und durch den Uefa-Cup-Sieg 2001 zu den in Europa erfolgreichsten seit der Jahrtausendwende gehört, muss natürlich auch auf der heimischen Insel Erfolge feiern. Den letzten Meistertitel gab es 1990 und damit noch vor Einführung der Premier League. Die Champions League Erfolge trösten zwar über diese Durstphase hinweg. Doch so langsam wird es beim Traditionsklub der Hafenstadt zur Methode, die schwachen Leistungen in der Liga mit grandiosen Abenden in der Champions League zu übertünchen.

Steht in der Liga eine andere Mannschaft auf dem Platz? Keine anderen Spieler, auch wenn Rafa Benitez teilweise dem Rotationsprinzip Ottmar Hitzfelds zu huldigen scheint, sondern eine andere Spielweise? Oder die gleiche Spielweise, nur andere Gegner? Liverpools Problem ist, dass in England kein Team mehr Angst hat, wenn es zu Gast in Anfield ist. Jeder weiß, dass das Team zu schlagen ist, sobald vor dem Spiel keine Hymne ertönt, die den Champions-League-Schalter im Kopf umlegt. Und aus diesem Grund werden die Fans auch in den nächsten Jahren nur zuschauen dürfen, wenn die Spieler von Manchester, Chelsea oder Arsenal den Titel unter sich ausmachen. Jetzt am Wochenende wird man wohl wieder das Liga-Liverpool sehen und kann sich ein gutes Bild über den Unterschied machen. Den der Gegner heißt, wie schon am Mittwoch, FC Arsenal.

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Purer Neid

März 18, 2008

Nun hat es der BVB also ins Finale nach Berlin geschafft. Mit einem 3:0 (1:0) gegen den Tabellenletzten der Zweiten Liga: Carl-Zeiss Jena. Die Thüringer hielten eine Hälfte lang gut mit, doch bevor sie, wie zuvor schon gegen Nürnberg, Bielefeld und Stuttgart in der zweiten Halbzeit zum Gegenschlag ausholen konnten, verabschiedete sich Spielmacher Jan Simak per Platzverweis. Das war in der 51. Minute und wenn zu diesem Zeitpunkt nicht längst alles für Dortmund gesprochen hätte (Bundesligist gegen Zweitligist, Heimspiel, alle Dortmunder fit, 1:0-Führung im Rücken), es wäre nun soweit gewesen. Am Ende versetzten Joker Klimowicz in Abstaubermanier und ausnahmsweise mal nicht aus 30 Metern per Traumtor, sondern nach schöner Kombination und aus Nahdistanz, Petric den Jenaern (wie war das mit den Togolesen?) den Todesstoß.

Der Borussia darf man gratulieren und trotzdem bleibt da, natürlich nur außerhalb Dortmunds dieser kleine Nachgeschmack des in dieser Saison fast schon unverschämten Losglücks. Fremde Stadien sahen die Borussen im Pokaljahr 07/08 nämlich nur ein einziges Mal. In Runde Eins beim Regionalligisten 1. FC Magdeburg. Danach folgte die Heimspielserie gegen Frankfurt, Bremen, Hoffenheim und Jena, bevor nun die Krönung im Berliner Olympiastadion folgen soll.

Borussia-Fans werden mir böse sein, wenn ich den Siegeszug ihres Teams mit dem der Deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2002 vergleiche, aber gewisse Parallelen lassen sich da einfach nicht von der Hand weisen. Denn der BVB spielte keinen berauschenden Fußball (was Platz 13 in der Liga untermauert), und hatte, wie schon erwähnt, das Losglück auf seiner Seite. Außerdem lief auch in den Spielen viel für den Dortmunder Klub, wenn man den verschossenen Elfmeter von Diego und eben den Platzverweis von Jan Simak beachtet. Diese Gründe machen es mir nicht leicht, die Leistung des BVB in diesem Pokaljahr hervorzuheben.

Aber, und dieses Aber ist ein sehr großes, aber wer im Finale steht, hat es eben auch verdient. Das haben wir damals alle gesagt, als wir plötzlich, ohne es wirklich zu verstehen, vor dem Fernseher saßen und Deutschland gegen Brasilien um den WM-Pokal spielte. Da haben auch alle gesagt: Was hatten die für ein Glück bei der Auslosung! Das war schon damals und ist auch heute nichts anderes als purer Neid (den ich mir auch eingestehen musste).

Deshalb gratuliere ich dem BVB von Herzen und freue mich auf ein packendes Pokalfinale (am liebsten gegen Wolfsburg, weil es dann für beide nicht nur um den Titel, sondern auch um den Einzug ins internationale Geschäft geht). Wie es ausgehen wird, haben wir bei der WM gesehen. Und die Wölfe hätten es, sollten sie nach dem KSC, Schalke und dem HSV auch noch die Bayern aus dem Wettbewerb werfen, einfach auch mehr verdient…

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Englische Übermacht

März 12, 2008

Viermal England, einmal Italien, einmal Spanien, einmal Deutschland, einmal Türkei. Man braucht keinen Mathematiker um hier eine Anomalie festzustellen - und damit ist nicht die Türkei gemeint, deren Zugehörigkeit zur Uefa zwar schon auch irgendwie merkwürdig ist, hier aber nicht das Thema sein soll. Vielmehr soll es um die, nun auch durch das Champions League Viertelfinale dokumentierte englische Übermacht gehen.

Dass es alle vier gestarteten englischen Mannschaften ins Viertelfinale der Champions League geschafft haben, ist ein Novum in dem seit 15 Jahren ausgetragenen Wettbewerb. Arsenal, Manchester, Chelsea und aus unerfindlichen Gründen auch immer wieder der FC Liverpool greifen erneut nach dem größten Triumph im europäischen Klubfußball und so richtig fällt einem niemand ein, der dieses Quartett auf dem Weg ins Halbfinale stoppen sollte - außer sie selbst.

Denn das ist - so hart es klingt - die letzte Hoffnung für Resteuropa. Dass die Auslosung mindestens eine Paarung rein englischer Natur auswirft. Es wäre das Spitzenspiel. Natürlich. Der einzige nicht-britische Klub, dem man es zutrauen würde, es mit den kraftvoll spielenden und mit Stars gespickten Teams aus der Premier League aufzunehmen, ist der FC Barcelona. Doch der hat in den letzten Wochen mehr mit sich selbst zu tun, als dass er es mit einem der vier englischen Bastionen aufnehmen könnte. Zumal die Katalanen in der Liga acht Punkte Rückstand auf ein Real Madrid aufweisen, dass gegen den AS Rom aus dem Wettbewerb geflogen ist. Ein Zeichen für die sinkende Klasse der Primera Division?

Rom, Fenerbahce Istanbul und auch, ja, Schalke 04 sind neben den Spaniern die letzten Klubs, die sich gegen die englische Übermacht auflehnen. Den Römern traut man es als Tabellen-Zweiten der Serie A noch am ehesten zu. Fenerbahce und Schalke sind Randfiguren, deren Weiterkommen nur dann keine Sensation wäre, wenn sie gegeneinander gelost würden. Fußball-Deutschland würde es freuen, die Engländer nicht. Denn ab dem Halbfinale gelten die Regeln des Stärkeren nicht mehr uneingeschränkt. Da zählt Kampf, Einsatz und Glück. Und letzteres haben seit Jahrzehnten die Deutschen. Obwohl man Schalke da - man bedenke die zwei verlorenen Meisterschaften - fast ausklammern muss. Sie sind so etwas wie die deutsche Anomalie in Europa. Eigentlich haben sie im Champions League Viertelfinale nichts verloren. Eigentlich haben sie keine Chance auf ein erneutes Weiterkommen. Eigentlich ist Schalke schon raus. Allerdings haben die Königblauen ein riesengroßes Ass im Ärmel, das keine der anderen Mannschaften vorweisen kann: Einen jungen, hungrigen und sensationell haltenden Torwart.

Weder ManU (van der Saar) oder Chelsea (Chech), noch Arsenal (Almunia) oder Liverpool (Reina) haben einen wie Manuel Neuer. Dass dieser Junge Spiele entscheiden kann, hat er mehrfach bewiesen. Wenn sich die Mannschaft von Mirko Slomka zusammenrauft und das macht, was sie kann (Grätschen, Kämpfen, Gras fressen), dann hat sie eine Chance aufs Halbfinale. Und dann gelten, wie gesagt, andere Gesetze.