Friede – Ein wichtiges Wort im beschaulichen Bremen. Der SV Werder, das ist ein Fußball-Verein, der für sein tolles Umfeld und seine herzliche Atmosphäre bekannt ist. Hier finden fast gescheiterte Profi-Karrieren zurück in die Spur. Die besten brasilianischen Talente schätzen den norddeutschen Vorzeige-Klub als Sprungbrett nach ganz oben. Sie loben die tolle Betreuung, fühlen sich meistens wohl. Der Erfolg erhielt vor allem dadurch Einzug in Bremen.
Freude – Das Jahr 2004. Werder ist Deutscher Meister. Ausgerechnet beim großen Rivalen aus München. Hier, im Münchener Olympiastadion, beginnt eine Entwicklung, die aus dem netten Bremer Fußball-Verein eine erfolgsorientierte Firma macht. Ihr Chef: Klaus Allofs, seit 1999 im Klub. Mit einer in Bremen nie gekannten Zielstrebigkeit verfolgt der ehemalige Weltklassestürmer seine Ziele und nimmt dabei keine Rücksicht auf die Gewohnheiten des Nordens. Niemand stört sich daran, denn Allofs hat Erfolg und mit Thomas Schaaf einen Trainer, der den alten SV Werder noch in sich trägt.
Eierkuchen – Es gibt sie in süßer und herzhafter Form, was die Parallele zu Klaus Allofs erleichtert. Wenn es darum geht, baldige Weltklasse-Spieler wie Diego oder solche, die es noch mal wissen wollen, wie Johan Micoud, zu umgarnen, läuft der Manager mit der Zuckertüte durch die Gegend. Geht es darum Spieler, die den Erfolg gefährden, wie Carlos Alberto oder jetzt Ivan Klasnic, dann nimmt Allofs auch mal den Salzstreuer zur Hand und streut es diesen Spielern in die Wunden. Den netten SV Werder gibt es nur noch, wenn der Erfolg da ist.
Im April 2008 ist der Erfolg immens gefährdet. Es geht, wie immer im Fußball-Geschäft, um Geld. Geld, das wichtig ist, um dranzubleiben an den Bayern, die den Bremern einige Jahre das Gefühl gegeben hatten, sie ablösen zu können. Dass Uli Hoeneß eingenommenes Geld in schöner Regelmäßigkeit auf das Festgeldkonto überwies und sich ansonsten darauf beschränkte, mögliche Konkurrenten der Bundesliga zu schwächen, in dem er ihnen die Spieler abwarb, daran hatte man sich in Bremen gewöhnt. Mit einem guten Scouting-System schafften es die Bremer immer wieder nach München abgewanderte Spieler wie Frings, Pizarro oder Ismael zu ersetzen. Doch seit Ende der letzten Saison, hat Hoeneß eine neue Strategie. Ran ans Festgeldkonto und Spieler kaufen, die die Bundesliga noch nicht gesehen hat. Auch Werder nicht.
So ist es dazu gekommen, dass die Welle des Erfolges, auf der die defensiv schon immer schwache Mannschaft in den letzten Jahren geritten ist, in dieser Saison an ihr vorbei gerauscht ist. Der Ball fällt nicht mehr fünf bis sechsmal pro Spiel ins gegnerische Netz, findet aber trotzdem noch in schöner Regelmäßigkeit mindestens dreimal den Weg ins eigene. Sogar die eminent wichtige Qualifikation für die UEFA Champions League ist gefährdet. Es wäre eine Katastrophe für Werder und Allofs. Die erste große, seit er Manager ist.
Eierkuchen – Die süße Form davon verkörperte Allofs gerade erst wieder, als einer seiner Spieler, nämlich der nierengeschädigte Ivan Klasnic, den Fokus nicht auf den Fußball, sondern auf juristische Dinge legte. Der 28jährige Kroate verklagte zunächst den Bremer Mannschaftsarzt auf knapp 1,5 Millionen Euro, weil dieser seinen Nierenschaden nicht erkannt hatte und ihm mehrfach (es ist die Rede von 3250 Milligramm in vier Jahren – über 25 Milligramm sind verschreibungspflichtig) das Schmerzmittel Diclofenac verschrieb. Laut Packungsbeilage ist bei diesem Medikament in Kombination mit einer vorgeschädigten Niere „eine besonders sorgfältige ärztliche Überwachung“ erforderlich. Diese ist, so die Argumentation Klasnics, nicht erfolgt. Am Montag dann setzte er sich mit seiner Frau und seinem Anwalt zu Reinhold Beckmann in die Sendung und ließ den letzten Rest Beschaulichkeit aus dem Bremer Umfeld wegwischen: „Es kam gar nichts von Werder. Kein Anruf von Herrn Allofs. Nichts“, sagte Patricia Klasnic.
Klasnic selbst äußerte sich eher bedeckt, bestätigte aber, dass die Einnahme von Medikamenten bei Fußball-Profis gang und gäbe sei: „Ich habe die Tabletten als junger Spieler immer genommen – ich wollte ja spielen und hatte keine Ahnung, was los ist“. Der ehemalige DFB-Arzt Wilfried Kindermann sagte: „Die Schmerztabletten werden wie Smarties eingeworfen.“
Freude – War den Bremern nach „Beckmann“ nicht anzusehen. Nach der Sendung wurde Klasnic von Allofs „zum Gespräch“ gebeten. Angeblich seien die Irritiationen ausgeräumt, Klasnic werde sich sogar wieder vom Bremer Mannschaftsarzt behandeln lassen und auch eine Vertragsverlängerung steht noch zur Debatte. Wer Klasnic bei Beckmann gesehen hat, darf daran doch stark zweifeln. „Meine Wut war sehr groß“, hatte der Stürmer im Studio gesagt. Es ist eigentlich unvorstellbar, dass er sich noch einmal von diesem Arzt behandeln lässt.
Friede – Trügerischer kann dieser in Bremen zurzeit gar nicht sein. Natürlich versucht Klaus Allofs jegliche Ablenkung, die das Ziel, der Qualifikation für die Champions League, gefährdet, im Keim zu ersticken. Doch dafür kam er im „Fall Klasnic“ um einiges zu spät. Die „Einigung“, die der Presse nun präsentiert wurde, erinnert zu sehr an das beschauliche Werder aus den Zeiten vor Allofs. Doch diese sind nunmal schon seit langem vorbei. Und aus diesem Grund werden beide Parteien intern auch beschlossen haben, getrennte Wege zu gehen. Es sei denn Allofs trennt sich vom Mannschaftsarzt. Doch das ist aufgrund verschiedener geschäftlicher Verbindungen ziemlich unwahrscheinlich…






